Nestlé und das Flaschenwasser

Herrscher über das blaue Gold

von Lars Bomhauer-Beins

Der Schweizer Konzern Nestlé steht an der Spitze des weltweiten Marktes für Flaschenwasser. Mit der Marke „Pure Life“ ist das Unternehmen in Entwicklungsländern sehr erfolgreich. GeoZeit recherchierte die Erfolgsgeschichte des Tafelwassers „Pure Life“ und fand dabei Erstaunliches heraus.

Der Handel mit Flaschenwasser ist eines der lukrativsten Geschäfte des 21. Jahrhunderts. Jedes Jahr werden mehr als 164 Milliarden Liter Wasser in Flaschen abgefüllt. Kontrolliert wird der globale Markt des kostbaren Nass von multinationalen Konzernen wie Danone, Coca Cola und Pepsi. Mit 77 verschiedenen Marken und einem weltweiten Marktanteil von geschätzten 12 Prozent steht das Schweizer Unternehmen Nestlé an der Spitze des Flaschenwassermarktes.

Beispiel Brasilien: Nestlé macht hier riesige Gewinne, indem der Konzern aus öffentlichen Quellen mit geringsten Kosten Wasser abpumpt, während die Öffentlichkeit keine Mittel für eine Verbesserung der Trinkwasserversorgung oder gar keinen Zugang zu Wasser hat. In Brasilien sind das 20 Prozent der Bevölkerung. Bereits seit Jahren kauft der Konzern in Brasilien Gebiete auf, die über ausgedehnte Wasserquellen verfügen. Durch die Übernahme der Firma Perrier gelangte Nestlé so zum Beispiel in den Besitz des Wasserparks des kleinen Ortes São Lourenço im Bundesstaat Minas Gerais. Die Region liegt zwischen den Großstädten São Paulo, Belo Horizonte und Rio de Janeiro und zählt zu den Gegenden mit dem weltweit meisten Vorkommen an verschiedenen Mineralwassern. 1998 begann Nestlé im Wasserpark mit dem Aufbau einer Fabrik zur Produktion des Tafelwassers „Pure Life“, einer speziell für den Absatzmarkt in den Entwicklungsländern kreierten Marke. Heute sind weltweit über 100 Fabriken für die Produktion von Nestlés Flaschenwasser zuständig.

Weltweiter Flaschenwassermarkt (Welthungerhilfe)
Weltweiter Flaschenwassermarkt (Welthungerhilfe)

Mit dem Massenprodukt „Pure Life“ soll der Bedarf an sauberem Trinkwasser für die arme Bevölkerung gedeckt werden. Versuchsmarkt für die Einführung der Marke „Pure Life“ in den Entwicklungsländer war Pakistan im Jahre 1998. Mit Unterstützung einer Marketingfirma führte Nestlé zwei Monate vor Produktionsstart vor Ort Veranstaltungen rund um das Thema Wasserqualität durch. Dabei wurde verschiedenen lokalen Flaschenwassern eine gesundheitsgefährdende Qualität unterstellt. Als Folge eroberte „Pure Life“ in kürzester Zeit den lokalen Flaschenwassermarkt und erreichte in Pakistan einen Marktanteil von über 50 Prozent. Mittlerweile ist „Pure Life“ zur erfolgreichsten Marke des Konzerns aufgestiegen und wird auch in anderen Entwicklungsländern verkauft. Weltweit wurden 2008 über fünf Milliarden Liter des Flaschenwassers „Pure Life“ verkauft. In jeder Sekunde trinken somit 700 Menschen ein Glas. Im Gegensatz zu den Industrieländern wie Deutschland, Frankreich oder den USA, wo der Markt bereits ziemlich ausgereizt ist, bietet beispielsweise der asiatische Flaschenwassermarkt zukünftig noch ein enorm hohes Potenzial. So liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Flaschenwasser in China derzeit bei geringen zehn Litern im Jahr. Im Gegensatz dazu trinkt der Deutsche im Durchschnitt bereits etwa 127 Liter Wasser aus der Flasche. Es lockt somit noch ein Markt mit über einer Milliarde potenzieller Kunden, die Nestlé mit der Vermarktung des Produktes „Pure Life“ für sich gewinnen kann.
Diese Politik ist nach Meinung von Markus Henn, Mitarbeiter in der europäischen Wassergruppe „Aquattac“, nicht akzeptabel: „Allein dass Konzerne die Quellen nutzen um Flaschenwasser zu verkaufen, das viel teurer ist als das Leitungswasser, ist ein Skandal.“ In einer offiziellen Stellungnahme bestreitet Peter Brabeck, Präsident des Nestlé-Aufsichtsrates, diese Strategie. „Den Armen verkaufen wir sicher kein „Pure Life“, das können die sich gar nicht leisten. Flaschenwasser steht ja nicht in Konkurrenz zum Hahnenwasser sondern zum Süßgetränk oder zu einem Bier.“

Mobiler Flaschenverkäufer
Mobiler Flaschenverkäufer

Für Henn steht fest: „Der Erfolg basiert einerseits auf der überaus aggressiven Vorgehensweise des Konzerns, andererseits aber auch auf der örtlichen Infrastruktur in den jeweiligen Entwicklungsländern. Die schlechte Wasserleitungen in den Großstädten, aber auch das fehlende Leitungssystem auf dem Lande geben der dortigen Bevölkerung kaum eine andere Möglichkeit, als auf das Wasser aus der Flasche zurückzugreifen.“ Einen Schritt weiter geht der Leiter des Menschenrechtsreferats von „Brot für die Welt“, Michael Windfuhr. Hauptverantwortlich für die Wasserkrise in der Welt sind für ihn die zum Teil unwilligen Regierungen in Ländern des Südens. Sie setzen vorhandene Ressourcen nicht armutsorientiert ein, schließen Menschen vom Zugang zu Wasser aus oder kümmern sich kaum oder einfach gar nicht um das Problem.“ Seiner Ansicht nach schließen sich das Recht auf Wasser und Privatisierung nicht aus, aber es erfordert eine angemessene Kontrolle durch den Staat. „Es wird zuallererst an den Gewinn und erst danach an das Gemeinwohl gedacht“, äußert Volker Kuznitius, Geschäftsführer der Initiative „Unser Wasser e.V.“. Für Kuznitius ist „das Geschäftsprinzip der Konzerne nur auf Gewinnmaximierung aus. Private Betreiber haben nur Interesse an ihren Umsätzen. Sie wollen Wasser verkaufen und werden möglichst wenig in die Aufrechterhaltung oder gar in den Aufbau der Infrastruktur stecken. So werden Leckagen in den vorhandenen Rohrnetzen steigen und im Laufe der Zeit wird immer mehr Wasser im Boden versickern.“

Durch die Vorgehensweise bei Produktion und Vermarktung des Flaschenwassers stand Nestlé des Öfteren in der Kritik. Dass diese auch zu Erfolg führen kann, zeigte eine Bürgerbewegung in Brasilien.
Um die starke Nachfrage nach Flaschenwasser zu gewährleisten, begann Nestlé im Wasserpark von São Lourenço immer tiefer nach den Wasserquellen zu bohren. Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: eine Quelle trocknete aus, andere hingegen änderten ihren Geschmack und wurden entmineralisiert. Dies hatte gravierende Auswirkungen für den Ort São Lourenço mit seinem Wasserpark, büßte dieser doch durch die nun veränderte Qualität des Wassers und die abnehmende Zahl der Quellen zunehmend an Attraktion bei den Touristen ein.
Der Konzern musste sich dafür schließlich verantworten – mit Erfolg für die Kläger. Nach vielen Jahren von Protesten und juristischen Bemühungen wurde 2006 schließlich in einer außergerichtlichen Einigung mit Nestlé die Einstellung der Produktion von Flaschenwasser erreicht. Auf Anfrage von GeoZeit war Nestlé zu keiner Stellungnahme bereit.

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