Israel und Deutschland

Aquakulturen im Vergleich

Ein Interview mit Michael Schultz

Von Therese Kurz

Die öffentliche Meinung spielt für Entscheidungsprozesse in Politik und Wirtschaft eine große Rolle. Diese Effekte untersucht Michael Schultz in seiner Dissertation am Beispiel Israels und versucht deren Situation auf Deutschland zu übertragen. Wie es zu dieser Zusammenarbeit kam, erzählt uns Michael Schultz im Interview.

Seit 2006 ist Michael Schultz wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professor Horst Sterr am Geographischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zurzeit beschäftigt er sich im Rahmen seiner Dissertation mit Fragestellungen rund um die Aquakultur in Deutschland und Israel sowie dem Aquakulturpotential im Großraum der Kieler Förde. Seine  Arbeit ist Bestandteil des 2008 gestarteten deutsch-israelischen Projektes: „Soziopolitische Aspekte der marinen Aquakultur“, welches durch die German Israeli Foundation for Scientific Research and Development gefördert wird.

Ziel des Projektes ist es, eine vergleichende Studie der politischen Partizipations- und Entscheidungsprozesse in Israel und Deutschland  zu erstellen. Neben den ökologischen Aspekten spielen auch kommerzielle und politische Einflüsse eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Aquakultur. Um diese zu untersuchen, wird eine Studie zu Umweltwahrnehmung und Akzeptanz der Aquakultur in der Bevölkerung und eine Potentialstudie für die marine Aquakultur in der Kieler Förde durchgeführt. Ergänzend werden Experten und Entscheidungsträger aus verschiedenen beteiligten Bereichen befragt, die derzeitigen Planungs- und Genehmigungsprozesse betrachtet und der politische Rahmen ermittelt. Alle Aspekte werden anschließend zu einem Entwicklungskonzept zusammengeführt. Im Interview spricht er mit GeoZeit über Probleme und Vorteile der Zusammenarbeit mit Israel.

Michael Schultz, Mitarbeiter von Professor Sterr

GeoZeit: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Israel?
Michael Schultz: Mein Doktorvater Horst Sterr und unser externer Experte Peter Krost von Coastal Research & Management haben in der Vergangenheit schon verschiedene Projekte realisiert. Peter Krost hat in Israel promoviert und hält seitdem engen Kontakt zur Universität in Haifa. Daraus hat sich eine interessante und fruchtbare Zusammenarbeit ergeben. Zu den  Schwerpunkten unserer Projektpartner in Haifa zählen vor allem die Sozialwissenschaften, während wir uns mit der nachhaltigen Küstenentwicklung beschäftigen. Diese Schwerpunkte ließen sich gut in unserem Projekt zu den sozipolitischen Aspekten der marinen Aquakultur zusammenführen.

GeoZeit: Wie passt denn die Aquakultur mit den Sozialwissenschaften zusammen?
Michael Schultz: Als Ausgangslage diente der aktuelle Diskurs, inwieweit die Aquakultur aufgrund der steigenden Überfischung der Meere bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach Fisch eine Alternative zum traditionellen Fischfang bilden kann. Neben den ökologischen Aspekten der Aquakultur interessieren uns vor allem kommerzielle und politische Einflüsse auf die Entwicklung der Aquakultur. Aber auch die Wahrnehmung und Akzeptanz der Aquakultur, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei Entscheidungsträgern haben wir untersucht. Bei diesen Aspekten kommen die Sozialwissenschaften ins Spiel. Entsprechend haben wir für unser Projekt zwei Leitfragen entwickelt: Wie ist die Wahrnehmung und Akzeptanz in der deutschen und in der israelischen Bevölkerung und in den Interessengruppen. Durch welche Faktoren wird diese beeinflusst? Auf der anderen Seite steht die Frage, inwieweit beeinflusst dies die politischen Entscheidungsprozesse.

GeoZeit: Zurück zu Israel. Gab es neben den persönlichen noch weitere Gründe für die Zusammenarbeit mit Israel?
Michael Schultz: Ja, interessant für uns war auch der unterschiedliche Entwicklungsstand in Bezug auf die Aquakultur. In Israel gab es vor Elat im Golf von Akaba, das liegt an der Südspitze Israels am Roten Meer, eine große Aquakulturanlage. Hier entwickelte sich unter anderem ein starker Konflikt mit dem Tourismus. Dieser Konflikt führte letztlich dazu, dass eine weitere Betriebserlaubnis versagt wurde und die Anlage entfernt werden musste. In Deutschland stecken wir mit der Entwicklung solcher Anlagen noch in den Kinderschuhen. Bei uns gibt es noch keine großartigen Planungen im Ostseebereich von Schleswig-Holstein, aber ich gehe davon aus, dass ähnliche Anlagen auch hier entstehen könnten. Daher ist es wichtig, dass man sich mit solchen Prozessen schon im Vorfeld der Planung und Genehmigung auseinandersetzt, um die Realisierung zu vereinfachen und die entsprechenden Prozesse zu verkürzen.

GeoZeit: Sie wollen also die Situation in Deutschland und Israel vergleichen. Was versprechen Sie sich davon?
Michael Schultz: Wir wollen herausfinden, ob die Konflikt- und Entwicklungspotentiale in beiden Regionen trotz diverser Unterschiede vergleichbar sind. Außerdem können wir aus den Problemen und Konflikten in Israel für einen Planungsprozess in Deutschland lernen und versuchen, diese hier im Vorfeld der Planung zu minimieren.

GeoZeit: Welche Hindernisse gibt es beim Planungsprozess für marine Aquakulturanlagen?
Michael Schultz: Ein großes Problem der marinen Aquakultur ist, dass diese nicht immer nachhaltig betrieben wird. Daraus ergibt sich wiederum eine mangelnde Akzeptanz. Teilweise wird die marine Aquakultur mit der Zerstörung der Meeresumwelt und massivem Nährstoffeintrag gleichgesetzt. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass das nicht so sein muss.  Nichtsdestotrotz ist das größte Problem der Aquakultur die negative Wahrnehmung und die sich daraus ergebende nachhaltige negative Beeinflussung von Entscheidungen der Politik und der Planung. Diese Effekte kann man in Israel beobachten.

GeoZeit: Inwiefern äußerte sich die negative Wahrnehmung der Aquakultur in Israel?
Michael Schultz: In Israel gab es eine heftige Debatte um die Aquakultur im Roten Meer. Hierbei standen vor allem der Umweltaspekt und die Auswirkungen auf den Tourismus, dem Hauptwirtschaftsstandbein von Elat, im Vordergrund. In der öffentlichen Diskussion ging es darum, dass Nährstoffeinträge aus der Aquakulturanlage die Korallen schädigen würden. Trotz mangelnder Stichhaltigkeit dieser Behauptung wuchs der Druck auf die Entscheidungsträger durch die Medien, Lobbyarbeit und die Bevölkerung so stark, dass die Anlage entfernt werden musste. Damit gab die negative öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz den Ausschlag für das Entfernen der Anlage.

GeoZeit: Und wie lässt sich die Situation in Israel auf Deutschland übertragen?
Michael Schultz: Aus der Entwicklung in Israel kann man Hinweise erhalten, wie ein Planungsprozess in Deutschland durchgeführt werden sollte, um hier ähnliche Probleme zu vermeiden. Im Vorfeld muss identifiziert werden wo Konfliktpotentiale liegen, mit wem man sich zusammensetzen muss, wie die Wahrnehmung in der Bevölkerung ist, ob Wirtschafts- und Umweltverbände Probleme sehen. Wird die Planung dann von allen Interessengruppen getragen, ist eine Entwicklung wie in Israel eher unwahrscheinlich. Zu beachten ist jedoch, dass die Entwicklung von Aquakulturanlagen nicht allein von der Wahrnehmung und Akzeptanz abhängig ist. Der geplante Standort, die Marktsituation und eventuelle Nutzungskonflikte spielen ebenso eine wichtige Rolle.
Das ist auch der Grund, warum Israel zu Vergleichszwecken so gut geeignet ist.

GeoZeit: Vielen Dank für das Interview.