Dienstältester Student

Diplomand aus Leidenschaft

von Volker Wagner

Benno ist der dienstälteste Student des Geographischen Instituts. Als er angefangen hat zu studieren kamen einige der heutigen Erstsemester gerade auf die weiterführende Schule. Wie schafft man es mit Mitte 30 erst mit seiner Diplomarbeit anzufangen und dabei nicht in Stress zu verfallen? Aus dem Leben eines Langzeitstudenten.
Benno vor Weltkarte
Benno: Es darf auch gerne mal wieder was Neues kommen.

Geozeit: Moin Benno. In welchem Fachsemester bist Du eigentlich?
Benno: Das weiß ich nicht, das muss ich nachschauen. Ich hab ja noch einen Studentenausweis? (lacht). Also offiziell 20, inoffiziell 22.

Geozeit: Wieso?
Benno: Weil ich zwischendurch nicht mehr versichert war. Dann hat mich die Krankenkasse an die Uni verpetzt, die hat mich dann umgehend rausgeworfen und ich musste mich neu einschreiben. Hab seitdem auch eine neue Matrikelnummer und alles. Ist aber auch schon Jahre her.

Geozeit: Und dann durftest Du auch nicht studieren?
Benno: Ja wahrscheinlich. Da ich aber in dieser Zeit sowieso keine Scheine gemacht habe, war das dann kein so großer Beinbruch.

Geozeit: Aber Du hast ja nicht alle Semester in Kiel verbracht.
Benno: Nein, ich hab bis zum Vordiplom in Stuttgart studiert und das sogar einigermaßen ordentlich, dann hab ich ein Semester in Hamburg studiert und bin danach weiter nach Kiel.

Geozeit:
Und wieso bist Du überhaupt in den Norden gekommen?
Benno: Weil ich einfach weg wollte. 30 Jahre Süddeutschland reichen auch.

Geozeit: Du bist ja auch gar nicht direkt nach der Schule ins Unigeschäft eingestiegen?
Benno: Nee nee, Schule hörte bei mir eigentlich nach der 10. Klasse auf, daraufhin kamen Lehre und Beruf als Werkzeugmacher und noch dem Staate dienen in Uniform. Anschließend habe ich meine Mittlere Reife und mein Abi nachgemacht und dann postwendend die Uni besucht.

Geozeit: Wieso dann auf einmal? Keine Lust mehr zu arbeiten?
Benno: Ja auf jeden Fall. Das konnte es noch nicht gewesen sein. Da bist du 19, um Dich herum feiern Kollegen ihr 40 jähriges Firmenjubiläum und Du stehst irgendwie da und denkst: Das ist keine attraktive Perspektive. Es war einfach noch zu früh für mich.

Geozeit:
Wieso bist Du dann Geograph geworden?
Benno: Das wusste ich eigentlich seit ich meine mittlere Reife nachgemacht habe. Dabei hab ich mir dann das Erdkundebuch angeschaut um mich auf die Prüfung vorzubereiten und stellte zu meiner Überraschung fest, dass ich mich zum ersten und auch einzigen Mal in einem Schulbuch festgelesen hatte. Da wusste ich, das ist wohl doch eine gute Richtung. Und zum Ende des Schuljahres waren wir eine Woche auf Exkursion. Das war schon ein schönes Format.

Geozeit:
Und das hast Du dann sehr gut wiedergefunden an der Uni?
Benno: Das hab ich zumindest an der Stuttgarter Uni sehr gut wiedergefunden. Also gerade mein Steckenpferd in der Geographie, die Geomorphologie, ist dort ein Schwerpunkt in der Lehre. In Hamburg und Kiel leider nicht ganz so aber immer noch vertreten.

Geozeit:
Was gefällt Dir denn in Kiel besonders gut?
Benno: Was hier ganz gut WAR, muss ich leider sagen, war der Bereich Regionale Geographie bei Herrn Hassenpflug. Das war ganz in Ordnung, weil gerade die Regionale Geographie ein sehr schöner Bereich ist, in dem Anthropo- und Physischegeographie zusammengefasst werden. Und das fand ich hier eigentlich recht gut. Was ich hier aktuell ganz gut finde, ist das geographische Handwerk, die methodische Ausbildung, wie GIS, Fernerkundung und auch Geomedien. Ausgerechnet ich sage das, obwohl ich in diesen Bereichen nicht gerade glänzen kann. Das ist nun mal wirklich das einzige Pfund mit dem der Geograph später wuchern kann. Da wird hier am Institut starker Wert drauf gelegt und das sehe ich als sehr sinnvoll an.

Geozeit:
Du hast ja auch eine lange Karriere als Mitglied der Fachschaft hinter Dir. Warst Du von Anfang an in der Fachschaft dabei?
Benno: Als ich in Kiel aufgeschlagen bin kannte ich erstmal niemanden. Die Fachschaft war für mich die Anlaufstelle. Und das war am Anfang alles andere als vergnüglich. Als Neuling konntest Du damals selbst mit Engagement keine Punkte machen und wurdest sogar eher ausgebremst. Diese Erfahrung teilte ich mit dem anderen "Neuling" Marcus Lange, was uns öfter bei einem Astra im Unrat subversive Pläne schmieden ließ. Die kleine Revolution kam dann mit der allerersten "GEO ON ICE". Da haben wir uns mit ein paar Freunden zusammengesetzt und den Palast gestürmt und dann waren irgendwann Wir die Fachschaft. Ab 2005 gab´s dann endlich auch mal wieder eine Fachschaftsausfahrt, die funktioniert hat. Funktioniert heißt, wir waren zu Zehnt (lacht). Da waren aber dann die richtigen Leute dabei, die einfach hängen geblieben sind und teilweise heute noch in der Fachschaft mitmachen. Ab da gab´s dann eigentlich die Fachschaft die es jetzt gibt und der Wahnsinn begann (lacht).


Geozeit: Was hast Du persönlich aus deinem Fachschaftsleben mitgenommen?
Benno: Persönlich habe ich viele gute Erlebnisse mitgenommen. Man kann in der Fachschaft sehr schön mitverfolgen, wie sich die Leute ehrenamtlich engagieren. Ich finde es schön zu sehen, dass man eine gute Idee verwirklichen kann. Allerdings sehe ich auch das Problem, dass die Fachschaftsarbeit in Zukunft schwieriger werden wird. Die künftigen Studenten haben weniger Zeit den ganzen Universitätsapparat zu durchdringen um an den richtigen Stellen einzuschreiten. Dadurch werden die studentische Selbstverwaltung und damit auch die universitäre Selbstverwaltung zunehmend eingeschränkt.

Geozeit:
Wie schafft man es denn eigentlich 22 Semester zu studieren? Sogar wenn ich jedes Semester nur einen Schein mache bin ich trotzdem früher fertig?
Benno: (lacht) Ja das darf man eben nicht machen. Nee, ich hab mir hier schon so ein bisschen eine Auszeit genommen. Es gab früher den Spruch: Da studieren wo andere Urlaub machen. Ich hab dann gesagt: Ich mach da Urlaub wo andere studieren. Und das hab ich dann auch eigentlich sehr konsequent durchgehalten. Das heißt, wenn ich Scheine gemacht habe, habe ich die fast immer nur im Wintersemester gemacht, wenn es sonst keine große Ablenkung gab. Ansonsten hab ich, auf Grund der kurzen und auch sehr schönen Sommer hier in Kiel eigentlich meine Sommersemester so gut wie gar nicht hier am Institut verbracht sondern lieber meine Freizeit im Park und am Strand genossen. Und dann kommt man auf 22 Semester.

Geozeit:
Das hört sich ja jetzt so an als hättest Du dir all die Jahre den reinen Lenz gemacht. Hast Du nicht auch viel gearbeitet während des Studiums?
Benno: Ja klar, ich habe immer auch gearbeitet. Vom Anlagenmonteur für Photovoltaikanlagen über Fahrradkurier bis zum Müllmann waren schon einige Jobs dabei. Ich habe mir aber auch immer sehr gerne freie Zeit genommen und das Jetzt genossen. Auch weil ich wusste, dass das die Zeit ist, die nicht wiederkommt. Manche sehen das vielleicht als Fehler an, aber ich habe keine Ziele, die in der Zukunft liegen, die ich unbedingt erreichen muss, sondern ich finde das Jetzt ganz schön.

Geozeit:
Student sein hat schon was.
Benno: Ja, Student sein hat schon was. Mit 22 Semestern weiß man aber allmählich auch was Studentenleben ist, man wird also nicht mehr so oft von diesem Studentenleben überrascht. Es darf auch mal wieder was Neues kommen.

Geozeit: Was macht denn den Studenten, vor allem den Geographen deiner Ansicht nach aus?
Benno: Bei den Geographen muss ich eine grundsätzliche Offenheit feststellen. Der Geograph bekommt durch seine Interdisziplinarität eine Offenheit und ein liberales Gedankengut, was zwangsläufig kommen muss, wenn man sich für die ganze Welt interessiert. Das macht den Geographiestudenten aus.

Geozeit: Willst Du den jungen Studenten noch was mit auf den Weg geben?
Benno: (lacht) Ich hoffe mal, dass durch den Bachelor nicht die eigentliche Liebe am Fach kaputt geht. Wenn Du nicht, so wie ich, von Anfang an wusstest, Geographie ist genau mein Ding, fehlt Dir heute einfach die Zeit die gelernten Dinge mit der Außenwelt zu verknüpfen.

Geozeit: Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und viel Erfolg bei den Diplomprüfungen.

Benno: Es war mir eine Freude.