Studentische Arbeitsgemeinschaften
Treffpunkt der Interessen
von Jesko Mühlenberend
Kann man organische Bewegungen lernen? Oder Warten sichtbar machen? Seit über 60 Jahren betreibt das Studentenwerk Schleswig-Holstein Arbeitsgemeinschaften für Studenten der Universität, der Fachhochschule und der Muthesius Kunsthochschule. 1947 angefangen mit einer Theatergruppe reicht heute das Angebot von Fotografie über Theater bis Hörspiel.

- Theateraufführung: Emilia Galotti, Theatergruppe: tomwaitsforgodot, Regie: Hannes Kulpe, Franziska Thoms
"Jetzt warten wir. Aber ohne auf die Uhr zu schauen. Das wäre zu einfach. Das kann man schon im Kindergarten," mahnt Tina Wagner, Leiterin des Basistrainings Schauspiel I. Ziel der Übung ist es Methoden, Ausdrücke und Techniken zu erlernen, die dem Zuschauer vermitteln, dass man wartet. Seit Tina Wagner vor 18 Jahren aufgehört hat aktiv Theater zu spielen, gibt sie Kurse an der Kieler Studentenbühne im Sechseckbau des Studentenwerks. Sie ist eine der professionellen Kursleiterinnen, welche dafür sorgen, dass Studenten sich neben ihrem Studium künstlerisch betätigen können. "Ich fühle mich hier wohl und es herrscht eine entspannte Atmosphäre", erklärt sie. "Es macht immer wieder Spaß gemeinsame Spielenergie aufzubauen."
Organisiert werden diese und andere studentische Arbeitsgemeinschaften von der Abteilung 6 "Kulturelle Betreuung" des Studentenwerks Schleswig-Holstein. Da sich dieser sperrige Begriff selbst intern nicht durchsetzen konnte, wird nur von "Denen am Sechseckbau" gesprochen. Das Mitte der 1960er Jahre errichtete Gebäude ist das Herz der Abteilung und dient als Veranstaltungs- und Lehrort.
"Die kulturelle Betreuung ist eine originäre Aufgabe des Studentenwerks und hat Abteilungsrang", erklärt Diethard Pieske, Leiter der Abteilung "Kulturelle Betreuung". Gemeint ist die gleichberechtigte Stellung der Kulturabteilung neben dem Betrieb der Mensen und Studentenwohnheime. "Wir sind dafür da, dass Studenten Kunst machen können." Derzeit nehmen ca. 500 Studenten an den Arbeitsgemeinschaften teil oder sind selbst Gruppenleiter. Die Anzahl der Kursteilnehmer ist über die letzten Jahre konstant geblieben und verteilt sich hauptsächlich auf die drei Großsparten Theater, Film und Foto. Weitere Bereiche sind das Campusradio, Malen und Zeichnen, Hörspiel sowie die Studentenzeitung "Der Albrecht".

- Theateraufführung: Ronja Räubertochter, Theatergruppe: Theaterkommode, Regie: Jan Patrick Faatz
"Mann, sieht das bescheuert aus", urteilt Tina Wagner und erntet zustimmende Blicke. Grund ist der Versuch der Kursteilnehmer sich organisch zu bewegen. Nachdem beim geometrischen Gehen eine direkte und zielgerichtete Bewegung geübt wurde, ist nun das Gegenteil gefragt. Ein krakengleiches Herumwirbeln mit den Armen und ein wellenförmiges Taumeln im Kreis sind das Mittel der Wahl. Doch so lächerlich es auch aussehen mag, im Schauspiel-Basistraining I werden die Basisbegriffe der Bühnenpräsenz erklärt und vor allem auch erlebt.
Viele Teilnehmer besuchen diesen Kurs mehr als einmal. "Das Basistraining I ist immer anders. Alle Grundlagen kann ich nicht in einem Semester vermitteln, dafür reicht die Zeit nicht", erklärt Tina Wagner. Vier bis fünf Variationen des Basistrainings haben sich so in den 18 Jahren Kurserfahrung herausgebildet. Wer nach den Basistrainings weitermachen möchte hat die Möglichkeit seine Qualifikationen unter anderem in den Bereichen Rollenarbeit, Sprachgestaltung und Körpersprache weiter auszubauen und später in einer Theatergruppe mitzuwirken.
Am Sechseckbau sind, neben den vier hauptamtlichen Mitarbeitern, viele Kursleiter Externe und gehören nicht dem Studentenwerk an, so wie Tina Wagner. "Das ist für Studierende eine einmalige Chance von Profis zu lernen", meint Diethard Pieske. "Außerdem stellen wir den Studenten bundesweit eine der besten Ausstattungen zur Verfügung." Dies ermöglicht dem Studentenwerk eine Vielzahl von Arbeitsgruppen innerhalb der Sparten zu realisieren. In der Theatersparte werden nicht nur grundlegende Schauspieltrainings sondern auch Theaterschminken und Maskenbildnerei, sowie Bühnenbeleuchtung angeboten. "Unsere Studiobühne ist vollprofessionell ausgestattet und besitzt alle erforderlichen technischen Ausstattungen."

- Arbeitsgemeinschaft Hörspiel
Auch die anderen Sparten wurden bedacht. Der Fotografie AG wird ein gut ausgestattetes Labor mit Dunkelkammer geboten. Studenten haben dadurch die Möglichkeit Grundkenntnisse der Fotografie, wie das Entwickeln und Vergrößern von Schwarz-Weiß-Fotos, zu erlernen. Neben der Vertiefung dieser Laborkenntnisse werden Techniken der Portrait- und Theatherfotografie, sowie eine Einführung in die Digitale Bildbearbeitung angeboten. "Die Film/Video-AGs verfügen über Kameras und Schnittplätze", berichtet Diethard Pieske. Die Kurse "Filme-Machen" und "Schauspielen vor der Kamera" bieten den Studenten ein Forum um sich mit dem Medium Film zu beschäftigen, wobei der Schwerpunkt der Ausbildung im Bereich Fiction liegt.
Neben den Großsparten Theater, Film und Foto sind in letzter Zeit neue Arbeitsgemeinschaften hinzugekommen. So verspricht der Action Painting Wochenendworkshop ein Wochenende à la Jackson Pollock und hinter der AG "GlasEisenBeton" verbirgt sich eine Hörspielgruppe. Ebenfalls im auditiven Bereich ist das Campus Radio angesiedelt. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag macht das Programm nach eigener Aussage den Studenten das Aufstehen leicht. Als traditionelles Medium macht "Der Albrecht" aus Studenten Journalisten. Jeden Monat erscheint eine neue Ausgabe der Unizeitung. Wem das nicht reicht, der kann selbst aktiv werden. "Wer selber AGs anbieten will ist herzlich eingeladen. Für Veränderungen sind wir immer offen", erklärt Diethard Pieske.

- Arbeitsgemeinschaft Film
Aufbauend auf dieser Fülle von Grundlagenwissen entsteht bei vielen Studenten der Wunsch Erlerntes anzuwenden. "Manche Teilnehmer der Theater Basistrainings finden sich auch später in den Theatergruppen wieder", erzählt Tina Wagner. Dann entstehen neben interessanten Stücken auch interessante Gruppennamen: "tomwaitsforgodot" spielen Lessings Emilia Galotti, "TheaterKommode" Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter und "Onkel Hotte and the pink tütüs" Kabale und Liebe von Schiller. "Wir haben insgesamt 11 Theatergruppen, sind aber eigentlich eine große Theatergruppe. Hier hilft jeder jedem", erklärt Diethard Pieske.
Durch das kontinuierliche Engagement des Studentenwerks verfügen die Theatervorstellungen über eine sehr guten Ruf und erhalten regelmäßig gute Kritiken. "Der Standard unserer Aufführungen ist sehr hoch. Wir sind keine Laienspielgruppen. Nach den Vorstellungen wird regelmäßig geprüft was gut und was schlecht war. So sehen wir wo wir ansetzten müssen um uns weiter zu verbessern", erläutert Diethard Pieske. Für die Spielleiterseminare, wie das Schauspielbasistraining von Tina Wagner, sind in der Regel keine Vorkenntnisse notwendig. "Kunst ist zu großen Teilen Handwerk, welches wird bei uns vermitteln. Die Teilnehmer sollen bewusst lernen künstlerisch zu arbeiten."







