Studieren im Ausland: Studieren an der Uni Kiel
von Anna- Katharina Preuß
Zehn Prozent der Kieler Studenten kommen aus dem Ausland. Doch viele der heimischen Studierenden wissen davon nichts. Wer sind die ausländischen Studierenden, wer betreut sie und wie sieht ihr Leben in Kiel aus? Und vor allem: Wie können wir Kontakte mit ihnen knüpfen?
- Die Studentin Martina Colasante musste sich erst einmal an Kiel gewöhnen.
Seit zwei Monaten lebt Martina Colasante in Kiel. Für die 22-jährige Politikstudentin aus Rom war der Einstieg im grauen Norden nicht besonders leicht. „Als ich nach einem Praktikum in Berlin nach Kiel kam und aus dem Zug stieg, waren meine ersten Eindrücke: „Wie kalt!“ und „Was für ein Wind!“. Ausgerechnet dieser Tag war auch noch ein Feiertag und alle Geschäfte geschlossen.“
Doch mittlerweile hat sich Martina Colasante gut eingelebt. Die Unsicherheit und die Spannung der Anfangszeit haben sich gelegt und der Alltag ist eingetreten. Martina ist eine von 1870 ausländischen Studierenden an der Christian-Albrechts-Universität. Sie alle haben die gleichen Ziele: Im Studium vorankommen und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigern, die eigenen Sprachkenntnisse verbessern, eine neue Kultur kennen lernen und damit auch neue Menschen. Kurz gesagt: Wichtige Erfahrungen für das eigene Leben sammeln.
Doch scheinbar erreichen viele ausländische Studenten in Deutschland gerade diese Zielsetzungen nicht. Der „Uni - Spiegel Online“ titelt mit dem Aufruf: „Ausländische Studenten- Bleibt doch noch!“ Thematisiert wird, dass die künftigen Fachkräfte auf gastlichere und freundlichere Länder ausweichen. Unangenehme Fakten bedrängen die noch makellosen deutschen Statistiken. Immerhin liegt Deutschland im globalen Vergleich mit rund 250 000 ausländischen Studenten auf Platz drei. Mehr Gaststudenten sind es nur noch in den USA und in Großbritannien. Die deutschen Universitäten haben nicht nur einen guten Ruf bezüglich ihrer Qualität, sondern sind zudem im weltweiten Vergleich mit meist nicht mehr als 500 Euro Semestergebühren besonders günstig. Was trübt dieses Bild?
In einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) haben viele Ausländer nur einmal pro Woche oder noch seltener Kontakt zu ihren deutschen Kommilitonen, gar ein Drittel fühlt sich fremd. Es gibt auf dem Campus Gruppenbildung unter den Nationalitäten, und diese bleiben dann wiederum unter sich. Die meisten ausländischen Studenten kommen aus China, Bulgarien, Polen und Russland. Jeder zweite Student aus dem Ausland bricht sein Studium ab und kehrt zurück in sein Heimatland.
Dabei sollte der Bolognaprozess mit seiner Studienstrukturreform doch zur Förderung der Attraktivität des europäischen Hochschulraumes beitragen und die Anzahl ausländischer Studierenden steigern. 1999 unterschrieben 29 Bildungsminister eine Erklärung, welche ein einheitliches europäisches Hochschulsystem bis zum Jahr 2010 anstrebt.
Darauf folgte die Forderung nach einer qualitativen Gestaltung der Beschlüsse. Es wurde geplant, für internationale Studierende gut vernetzte Betreuungs- und Beratungsangebote an der Hochschule einzurichten. Das Studentenwerk- SH antwortete hierauf mit der Gründung von BaSIS (Beratung und Service für Internationale Studierende). Den Anstoß dazu gab im Mai 2003 die Abteilung „soziale Betreuung“ des Studentenwerks Schleswig-Holstein.
- Auf der Study Buddy Party: Hier lernen sich die Teilnehmer der unterschiedlichsten Länder kennen.
„Ich war sehr froh, als ich nach meiner Ankunft eine Anlaufstelle hatte. Bei BaSIS wurde mir eigentlich erst mal alles erklärt: Was ich brauche, welche Möglichkeiten ich habe und welche Angebote es dort für mich gibt“, erzählt Martina Colasante.
Das Beratungs- und Informationsangebot von BaSIS erstreckt sich rund um das Leben der Studierenden in Kiel und wird von Katarzyna Dec-Merkle koordiniert. Das BaSIS- Büro, das sich zentral in der Mensa 1 befindet, bietet neben persönlicher Beratung unter anderem Informationen zu den Themen Wohnen, Krankenversicherung und Finanzierungshilfen. Besonders hervorzuheben sind die Projekte, die zur Orientierung, Integration und Kulturerweiterung ins Leben gerufen wurden.
Eines davon ist die Anreisebetreuung für die ausländischen Studenten. Jene Studenten, die Mieter eines Wohnheimzimmers des Studentenwerks sind, haben die Möglichkeit auch außerhalb der Öffnungszeiten der Wohnheimverwaltung ihr Zimmer zu beziehen. Innerhalb Kiels werden sie von ihrem Ankunftsort kostenlos abgeholt und ins Studentenwohnheim gebracht. Leider hatte Martina es nicht mehr geschafft, sich während ihrer Reisevorbereitungen anzumelden und musste eigenständig zum Wohnheim des Studentenwerks kommen. Hier kümmerte sich dann aber der 23-jährige Erdem Kiyak um die Neuangekommene. Der türkische Student ist Wohnheimtutor und verantwortlich für die Integration der Ausländer und den Dialog zwischen internationalen und deutschen Studierenden in den Wohnheimen. In Kiel kommen mehr als 50% der Mieterschaft der Studentenwohnheime aus dem Ausland.
„Am ersten Tag nach meiner Ankunft bin ich zu BaSIS gegangen“, sagt Martina. „Erdem hat mir das empfohlen. Er hat gesagt, dass mir das wirklich weiterhelfen würde. Dort wurde mir auch noch einmal das Study Buddy Programm erklärt. Ich hatte für dieses Programm zwar schon eine Anmeldung bekommen, aber ich konnte mir gar nicht vorstellen, was das eigentlich genau sein sollte.“
Das Study Buddy Programm fördert Kontakte zwischen deutschen und internationalen Studenten und soll ausländischen Studierenden die Eingewöhnungszeit erleichtern. Dieses Patenschaftsprogramm wurde von der Servicestelle Interkulturelle Kompetenz zu einem „Best- Practice Modell“ gewählt. Dabei wird den Neuankömmlingen ein Student als Ansprechpartner vermittelt, der nach Möglichkeit ähnliche Interessen, Sprachkenntnisse oder eine ähnliche Studienrichtung hat. Freiwilligen Helfern mit Interesse und Freude am interkulturellen Austausch bietet das Programm viele Vorteile.
- Interkulturelles Training: Kommunikation zwischen Litauen und Portugal.
Beide Seiten können ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern, eine andere Kultur kennen lernen und sogar neue Freunde finden. Erfreulicherweise meldeten sich dieses Jahr mehr deutsche Study Buddys an, als überhaupt an ausländische Studierende vermittelt werden konnten. Vor allem aber kann das Programm von BaSIS gemeinsam genutzt werden. Martina und ihr Study Buddy nahmen beispielsweise an einem „Intercultural Training“ teil, welches darauf abzielt, die interkulturelle Kompetenz der Teilnehmer zu verbessern.
„Es war wirklich toll, wie das Seminar aufgebaut war. Es waren Leute aus unterschiedlichen Nationen anwesend und man hatte wirklich anschauliche Beispiele für unterschiedliche Kulturen“, meint Martina. „Und natürlich konnte ich mir dann auch die Hintergründe mancher Vorurteile besser erklären. Zum Beispiel habe ich gemerkt, dass Deutsche gar nicht immer so ernst sind. Aber auf der anderen Seite, dass sie auch nicht immer pünktlich sind. Worüber ich als Italienerin aber ganz froh bin“, lacht Martina.
Viele Vorurteile konnten so aus dem Weg geräumt werden. Martina ergänzt: „Für mich war es nur schade, dass ich mich noch nicht so gut einbringen konnte. Mein Deutsch ist einfach noch nicht das Beste, aber deswegen habe ich mich auch extra für das Seminar auf Deutsch angemeldet und nicht für das englische“.
Wie Martina sehen auch viele andere ausländische Studierende im Auslandsaufenthalt die Möglichkeit ihre Sprachfähigkeiten zu verbessern. Die 26-jährige Helene Madsen aus Dänemark, die auch am interkulturellen Training teilnahm, sagt dazu: „Ich bin vor allem hierher gekommen, um mein Hochdeutsch zu verbessern, und das geht am Besten hier in Norddeutschland.“ Als sie am Wochenende ihrer ehemaligen Praktikumsstelle in Berlin einen Besuch abgestattet habe, seien alle überrascht gewesen, wie viel fließender sie jetzt Deutsch spreche.
- Haibin aus China und Martina haben sich beim interkulturellen Training kennen gelernt.
Die Study Buddies treffen sich zu regelmäßigen Veranstaltungen. Zu der beliebtesten gehört der Stammtisch, der jeden Dienstag im Viva Cafe in Kiel stattfindet. Hier besteht auch für Interessierte ohne Buddy die Möglichkeit, in multikultureller Atmosphäre interessante Gespräche zu führen. Der Student Haibin aus China studiert Environmental Management und ist hier, um neue Leute kennen zu lernen „Hier ist es nicht langweilig. Einfach nur etwas trinken kann man überall. Aber hier hat man auch Gesprächspartner.“
Neben dem wöchentlichen Stammtisch im Viva, bietet BaSIS noch weitere kulturelle Angebote. Beispielsweise die internationale Filmreihe, die gemeinsam mit den internationalen Studierenden organisiert wird. Besonders großen Anklang finden bei ihnen die Culture Sessions. Als Martina von ihnen erfuhr, stand für sie fest, dass sie auch gerne einen solchen Länderabend veranstalten würde. „Ich habe ja von dem russischen und dem polnischen Länderabend gehört, da wollte ich mit den Italienern auch gern eine italienische Culture Session veranstalten“, erklärt Martina.

- Die Italiener Matteo und Florian genießen die selbst zubereitete Lasagne.
Auf den Länderabenden, die in den jeweiligen Wohnheimen stattfinden, stellen Einheimische in einem Vortrag ihr Land vor, es gibt landestypische Speisen und später eine Party mit landestypischer Musik und Tänzen. „Warum ich das gerne machen wollte? Ich habe die Hoffnung, dass andere Leute Interesse an meiner Kultur gewinnen, aber auch, dass sie selbst Gefallen daran finden, uns ihre Kultur näher zu bringen. Ich wollte Klischees aus dem Weg räumen. Und einer muss ja den Anfang machen“, lächelt Martina. „Aber außerdem liebe ich es auch für so viele Leute zu kochen.“
In ein paar Monaten geht Martinas Auslandsaufenthalt schon wieder zu Ende. „Ich bin mir sicher, dass ich durch meinen Aufenthalt in Kiel meinem Ziel unabhängiger zu werden, ein großes Stück näher gekommen bin. Das Studium ist zwar schwer, dennoch hoffe ich sehr, dass ich die Prüfungen schaffe. Die Hilfestellungen von BaSIS haben mir einiges erleichtert, vor allem in sozialen Belangen. So habe ich Freunde gefunden und mich wohl fühlen können, was für mich ebenso wichtig ist, wie der Erfolg im Studium.“ Martina fügt hinzu: „Mein Study Buddy möchte mich in Rom besuchen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich beeilen solle, denn bald bin ich in Rom mit dem Studium fertig. Dann werde ich wieder hierher nach Deutschland kommen.“
Im Gespräch mit Katarzyna Dec-Merkle
Katarzyna Dec-Merkle ist Leiterin der Beratung für ausländische Studierende des Studentenwerks.
Seit Mai 2003 existiert BaSIS (Beratung und Service für ausländische Studierende). Hier steht Katarzyna Dec-Merkle im täglichen Kontakt mit den ausländischen Studierenden, ihren Sorgen und Wünschen.
Was bietet Kiel als Standort für ausländische Studierende und welche Aufgaben haben einheimische Studenten und Professoren ihnen gegenüber?
Weitere Informationen
Statistik der ausländischen Studierenden an der Universität Kiel
http://www.uni-kiel.de/ueberblick/statistik/studherkausl.shtml
Anmeldung zum Study Buddy Programm
http://www.uni-kiel.de/stwsh/seiten_international/international_anmeldung.html







