Bunter Antizyklus oder Studieren mit Kind
von Robin Pfaff
Ein Erfahrungsbericht über die Kombination der Lebensstile „Student-Sein“ und „Vater-Sein“

- "Ich bin wach" fällt manchmal schwer
Freitag, 5.00 Uhr. In zwei Stunden geht die Sonne auf. Die kleine Hand kommt unerwartet und reißt mich aus dem Tiefschlaf. Erkundet mein Ohr, meinen Mund, die Augen. Sie führt mir mit brachialer Gewalt mein Glück vor Augen - und meinen antizyklischen Lebensstil. Der Otto- Normal- Student torkelt gerade ins Bett, mit ordentlich Alkohol im Blut und kann sich im Traum nicht vorstellen, jetzt aufzustehen. „Mjam mjam“ kann nur eines heißen: die Nacht ist vorbei.
Sechs Prozent der Studierenden, das besagt die 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, haben Kinder. Wer sich in dieser Lebensphase für Kinder entscheidet, lässt zwei Lebensstile aufeinander prallen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Unregelmäßige Studienzeiten, unflexible Dozenten und ein unzureichendes Kinderbetreuungsangebot treffen auf die eigenen Ansprüche, das „Studentenleben“ nicht zu kurz kommen lassen zu wollen. Und doch, wer sich darauf einlässt, dem wird eine unbeschreiblich intensive Zeit beschert.
7.00 Uhr: Kaffee und Kippe sind durch ein allmorgendliches, gemütliches Beisammensitzen ersetzt. Rituale sind wichtig. Und Essen muss gelernt sein: Butter und Hautcreme sehen recht ähnlich aus, weshalb beides der gleichen Bestimmung zugeführt wird: behutsames Verteilen auf Haut und Haar. Der Fußboden gleicht einem Relief, ein Geländemodell wäre bemerkenswert. Gäste beschweren sich über Weintrauben unter den Füßen.
Durch die flächendeckende Einführung des Bachelor und seine Starrheit, wird sich die Situation jedoch verschärfen. Frau Ogurek, Sozialberaterin des Studentenwerks, setzt sich intensiv mit den Problemen von studentischen Eltern auseinander. Sie berichtet über Bachelor- Studierende, die vor erhebliche Herausforderungen gestellt sind: „Durch den Vorlesungs-Turnus von zwei Semestern, ist eine Beurlaubung kaum noch möglich.“ Gerade Alleinerziehende, oder Eltern, die sich selbst finanzieren müssten, seien erheblich belastet, berichtet sie. Praktika und Exkursionen werden zu unüberwindbaren Hürden. Auch Frau Prochnow, Leiterin der Abteilung „Soziale Betreuung“ des Studentenwerks, kennt sich mit den Problemen aus. Viele Dozenten seien unflexibel, machten keine Ausnahmen, zum Beispiel bei der Abgabe von Hausarbeiten. „Auch die Lehrenden sind aufgefordert zu schauen, ob ein Studierender mit seinem Angebot Familie und Studium vereinbaren kann. Oft wird die Existenz von Kindern negiert und gesagt: das ist doch sein Problem!“

- Der Weg zum Kindergarten: eine halbe Stunde für 500 Meter
8:00 Uhr: Die Länge des Weges zum Kindergarten variiert stark. Die unbekannte Variable ist die Seelenlage des Kindes. Hat sich das heimische Mobile verheddert, kann es auch mal länger dauern. Auf der Höhe der Zeit auf jeden Fall: Entschleunigung ist en vogue. Jeder Stein betrachtenswert, jede Pfütze ein Paradies des Weltvergessens. Gerät man selbst in den flow, ist es die pure Entspannung. Bitte nicht wundern: Liegt ein Kind auf der Straße und brüllt, gehört auch das dazu. Studenten wundern sich. Andere Eltern lächeln wissend.
Das Studentenwerk kümmert sich. Ist ein Kind unterwegs, gibt die Sozialberatung Auskunft über Finanzierung, Organisation und Betreuung. Die Kindertagesstätten des Studentenwerks gehören zu den besten der Stadt und die Universität hat sich die „Kinderfreundlichkeit“ zumindest schon einmal auf die Fahnen geschrieben. Frau Ogurek berät Eltern bei der zum Teil schwierigen Finanzierung. „Studierende mit Kindern nehmen häufig eine Sonderstellung ein und müssen sich in eh schon brenzligen Situationen auch noch mit komplizierten Anträgen herumschlagen.“ Wenn man allerdings alle Möglichkeiten kenne, dann gebe es schon einige Möglichkeiten finanziell durchzukommen.
12:00 Uhr: Mensa mit Kind ist immer ein Abenteuer. Jeder Bissen wird hinuntergeschlungen, um flugs das Kind vor dem Sturz in den Abgrund zu retten. Die rote Treppe - das Objekt des Begehrens. Die Reaktionen der Umsitzenden reichen von „oh…wie süß“ bis „das arme Kind“, wenn das kleine Gesicht mit Quark bemalt wird. Vielen Studenten ist das Unverständnis ins Gesicht geschrieben. Einige schauen mitleidig. Manche bekommen auch einen glasigen, ja verträumten Blick. Eine andere Welt in jedem Fall.
Es hat sich einiges getan, in den letzten Jahren. Die Uni hat ein Familien- Planungs- Büro eingerichtet, weitere Betreuungseinrichtungen sind in Planung. Im Wissenschaftspark soll eine weitere KiTa entstehen. Das ist auch dringend nötig. 130 Namen stehen allein auf den Wartelisten der Kindertagesstätten des Studentenwerks. „Es wird auch überlegt, ein Teilzeitstudium einzuführen, was für Studierende mit Kindern einen erheblichen Vorteil bedeuten würde.“, berichtet Yvonne Dabrowski, Referentin für Sozialpolitik im ASTA. Dazu gehörten zum Beispiel auch längere Ausleihfristen in der Universitäts-Bibliothek. In der Mensa soll eine Kinderecke entstehen. Schon kleine Schritte können den oft komplizierten Alltag erleichtern.
13.30 Uhr: Genug gearbeitet! Ist der Stress auch noch so groß - fliegt einem der Sprössling in den Arm, sind die Strapazen des Alltäglichen vergessen. Der Nachmittag ist Kinder-Zeit. Und man wird selbst zu einem. Das Angebot der Kinderbespielung ist unendlich groß: Reicht von Eltern-Kind-Turnen bis Pekip (nacktes rumtoben). Letzteres leider nur für Kinder. Kekse backen, Spielplatz, Schweine füttern, im Sommer großer Badespaß im Schrevenpark. Nebenbei wird die Welt erklärt- Geographie für Anfänger: Was ist Graupel, Papa? Sind Fischstäbchen aus totem Schwein? Wir sind ziemlich arm, oder?

- Studenten-Väter und ihr Nachwuchs- die Nachmittage gehören den Kindern

- Von Eltern-Kind-Turnen bis Pekip, die Möglichkeiten sind vielfältig
Frau Prochnow klingt optimistisch. „Wenn man sich die Entwicklung in den letzten fünf Jahren anschaut, dann sind wir schon auf einem guten Weg.“ Alle Akteure, Universität, Studentenwerk, ASTA, Kita- Leitungen, das Forum Alleinerziehender und andere Beratungseinrichtungen in Kiel seien mittlerweile gut miteinander vernetzt. „Über die Nutzung dieser Netzwerke versuchen wir unser Beratungsangebot ständig zu erweitern und zu verbessern“. Kinderfreundlichkeit bedeute aber nicht nur, die Stellung von Kinderbetreuungsplätzen. „Alle beteiligten Akteure müssen den Blick schärfen für das Problem der Vereinbarkeit von Studium und Kindern.“
- Durchdrehen macht Spaß
18.30 Uhr: Vor dem Schlafen tanzen wir uns müde. Schütteln uns den Tag aus den Gliedern. Toben und Durchkitzeln sind ein guter Ausgleich für Schreibtisch- und Büffel-Strapazen. Zeit, Muße und Kraft für die Kinder sind wohl die schlagkräftigsten Argumente für eine Vorverlegung dieser Phase im Lebens-Zyklus. Dann das Ins- Bett- Geh- Ritual: Geschichte, Gutenachtlied, Hunger, Muss- aufs- Klo, Schnuller weg, Will- nicht- schlafen. Willi Wieberg ist der Meister und das große Vorbild der Verzögerungstaktik. Und dann - zum ersten Mal an diesem Tag - Ruhe und Zeit für den Partner.
„Wenn man sich Literatur anschaut“, sagt Frau Ogurek, „dann wird immer gesagt, dass es sich für diejenigen, die während des Studiums ein Kind großgezogen haben, durchaus positiv auf die Jobchancen auswirkt“. Sie hätten schon einmal gezeigt, dass sie organisiert sind, dass sie persönliches Zeitmanagement hinbekommen. „Wer einen Betreuungsplatz ergattert hat und seine finanzielle Situation einigermaßen geklärt hat, der sagt häufig: Eigentlich gibt es keine bessere Zeit, um Kinder zu bekommen.“
21:00 Studentenpflichten. In Ermangelung von Zeit und mit dem nächsten Morgen im Hinterkopf wird das „normale“ Studentendasein zelebriert. Das Feiern gehört halt auch dazu, zum Student-Sein. Der Endzustand ist schnell erreicht und wird nur kurze Zeit gehalten. Denn die Ausnüchterungszeit ist stark begrenzt. Wollen die so grundverschiedenen Lebensstile miteinander vereinigt werden, bleibt nur wenig Spielraum. Möchte man mal so richtig los legen, muss die Betreuung auch für den nächsten Morgen organisiert werden.
Meistens ist um 23 Uhr ist der Tag vorbei. Der Schlaf übermannt mich augenblicklich. Ich schmiege mich an das Kind. Unter und über mir wird die Musik voll aufgedreht.







