Uni Kiel - die beschützende Werkstatt wird zum Unternehmen

von Markus Brüggemann

„Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren“ bescherte der Hochschulpolitik einen kurzen Auftritt auf der Bühne der Popkultur. Zehn Jahre später kam die humanistische Hochschulreform und mit ihr „Bildung für Alle“. Das war radikal, zukunftsweisend, dabei griffig und bisweilen auch fotogen. Dreißig Jahre später wird wieder umgebrochen was das Zeug hält, nur ist die Veränderung dieses Mal irgendwie anders, vor Allem aber viel leiser. Es ist wie die große Ernüchterung nach einer Zeit im Taumel der Ideale, als würde jemand sagen: „Was habt Ihr da eigentlich die ganze Zeit gemacht? Glaubt Ihr, das kostet alles kein Geld?“ Auch Geographen sind betroffen.

Die Uni als Unternehmen: ...

... mit dem Unirat als Aufsichtsrat, ...

... mit Corporate Design und Forschungscluster als Marke und Produkt, ...

... mit Werksstruktur und ...

... Standardisierung in Ausbildung und Lehre.

„Das größte Reformvorhaben seit Humboldt“, bezeichnet der designierte Präsident der Uni Kiel, Gerhard Fouquet, die Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge. Und in der Tat haben sich selten zuvor hochschulpolitische Maßnahmen direkter auf die Studierenden ausgewirkt. In Anlehnung an den Geburtsort dieses Mammutvorhabens „der Weg nach Bologna“ genannt, ist es dennoch nur ein, wenn auch markantes Zwischenhoch in der ‚Ökonomisierung’ der Hochschulbildung. Seit der letzten Landtagswahl liegt die Hochschulpolitik beim Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr, kurz ‚Wirtschaftsministerium’. Sie ist so ein Zubringer der Wirtschaft geworden, genau wie der Verkehr. Heute konvertiert die Uni tatsächlich nach und nach von einer Art beschützenden Werkstatt zu einem Unternehmen. Ihr Kerngeschäft ist die Produktion von Absolventen, ein Studentenwerk, wenn man so will.

Das erste sichtbare Zeichen der neuen Ära setzte 2003 das überarbeitete Erscheinungsbild der CAU. Hier wurde durch die Hamburger Agentur „Büro für Mitteilungen“ für alle Bereiche ein Corporate Design geschaffen, also eine Art unternehmerischer Wiedererkennungswert, eine Marke. Die Universität sollte nicht länger eine lose Ansammlung von egozentrischen Lehrstühlen und Arbeitsgruppen mit jeweils eigenem Briefpapier, eigenen Internetseiten und eigenen Logos sein, sondern zumindest äußerlich eine attraktive und schlagkräftige Einheit bilden. Studieninteressierte, Wissenschaftler anderer Unis, Sponsoren und Politiker wurden dabei zu Zielgruppen, die die CAU als wichtige und innovative Kraft erkennen sollten.

Dem Image musste nun Inhalt folgen, denn seit Neustem entscheidet die Generierung von direkt Verwertbarem darüber, welche Uni auf Mittel beispielsweise des Bundes zugreifen kann. Das gilt für Absolventen, wie für Forschungsergebnisse. Seitdem grassiert der Konkurrenzbegriff in der hochschulpolitischen Debatte: Uni-interne Konkurrenz zwischen Instituten und Einrichtungen soll darüber entscheiden, wer im großen Hochschulrennen für seine Uni die Fahne tragen darf. Und wer konkurrieren will, muss nicht Alles mittelmäßig können, sondern Weniges gut. So sind an der CAU zwei „Exzellenzcluster“ entstanden, an „Future Ocean“ ist auch das Geographische Institut beteiligt. Darin werden ganz und gar weltliche Disziplinen wie Meeres-, Geo- und Wirtschaftswissenschaften, sogar Medizin, Mathematik und Jura miteinander kurzgeschlossen, um gemeinsam mehr zu sein als die Summe ihrer Teile.

Es werden also Kompetenzen konzentriert, gebündelt und vernetzt. Als Mehrwert entstehen erst ebenjene „Exzellenzcluster“ und irgendwann, wenn das nicht mehr reicht, „Eliteunis“. Dabei befindet sich die CAU inmitten der Scherkräfte aus ‚kein Geld’ und ‚Bildung für Alle’. Es kann also das Eine nur auf Kosten des Anderen gefördert und hervorgehoben werden. So hat sich enormer Druck aufgebaut, Druck auf Lehrstühle, Institute und Einrichtungen, die sich nicht „clustern“ lassen, Druck aber auch auf ganz grundlegende gesellschaftliche Ideen, wie die der humanistischen Bildung. Das sorgt für Nervosität bei den Verantwortlichen im Unihochhaus. Davon zeugt auch Fouquets oft wiederholtes Bekenntnis zur Volluni und die kategorische Verneinung von Studiengebühren. „Bildung ist gesellschaftliche Aufgabe und muss frei sein“, sagt er. Die Angst um das humanistische Bildungsideal kommt aber nicht von ungefähr, denn das neue Hochschulgesetz vom 30. März 2007 hat nicht nur das neue Präsidentenamt in petto. Was nämlich auch national für Gesprächsstoff sorgte, verrunzelt bis heute die Mienen bei Fouquet und Co: der neu geschaffene Universitätsrat.

Auch hier sind unternehmerische Strukturen erkennbar. Als Kompromiss aus dem ursprünglichen Vorhaben, die Unis zu fusionieren, hat das zuständige Wirtschaftsministerium Austermanns der Schleswig-holsteinischen Hochschullandschaft ein umstrittenes Organ aufgepfropft. Der Universitätsrat funktioniert ähnlich einem Aufsichtsrat in der freien Wirtschaft. Das eigentlich Brisante ist dabei, dass er bezüglich Mittelverteilung und Personalentscheidungen Richtlinienkompetenz hat. Um die Unabhängigkeit auch vom Ministerium gewährleisten zu können, besteht der neunköpfige Kern des Rates ausschließlich aus externen Kräften. Das ist in diesem Fall auch räumlich gemeint. So kommt keiner der Mitglieder aus Kiel, geschweige denn aus Schleswig-Holstein. Das ist von daher bemerkenswert, als dass sich die CAU immer gerne genau hier verortet sieht, sind doch Kieler Förde, Ostsee und ‚hoch-im-Norden’ Identitätsstiftung frei Haus.

Zwei Mitglieder des Unirates betonen ein integratives Moment, sehen sich und den Rat als „Mitglieder der Universitäten“ oder wollen die Uni gegenüber dem Ministerium und sogar dem Rat selbst stärken. Darüber hinaus beherrschen jedoch alle ihrer Programmatik nach das Evangelium der Hochschulökonomisierung. Da ist von „wettbewerbsfähigen Einrichtungen“, „mutigen Entscheidungen“ und „besten Studenten“ die Rede. „Nach mir der Tsunami,“ denkt jetzt der egozentrierte Geograph, „der Unirat werde sein Fach zumindest in absehbarer Zeit nicht zugunsten eines Altphilologieclusters wegstreichen. Das mag sein, greift aber gedanklich zu kurz. Denn mit der Umstellung auf Bachelor und Master hat auch hier das System den Turbo angeschmissen.

Die Folgen für die Absolventen kann man erst absehen, wenn es welche gibt und bis dahin kann man nur vermuten. Fakt ist, dass die Geographie nicht nur, wie es das Institutsleitbild verrät, ein ‚interdisziplinäres Brückenfach’ ist. Man muss präziser sagen ‚Kernfach’, um das herum man über die Nebenfächer hinaus auch allerhand anderes Nützliches, vor Allem methodische Qualifikationen, drapieren kann. Bis zu einem gewissen Grad kann man vielleicht sagen, ‚je mehr, umso besser’. Ein Schelm, wer hier nur an die Sprachkurse denkt. Oft entscheidet nämlich die Kür, ob man im Berufsleben gebraucht wird oder nicht. Für diese Art Ausbildung fehlt jetzt bei allen Beteiligten die nötige Zeit und Kraft, das ist bereits jetzt absehbar. Geographen verlieren dabei nicht nur „den Blick für das Ganze,“ sie haben vielmehr über die letzten Jahre in der Arbeitswelt auch hart am Image des „good buddy“ gefeilt. Sie gelten als zuverlässige Leute, die man von der Uni weg für fast Alles gebrauchen kann. „Hol Dir `nen Geographen, die sind pünktlich und können im Zweifel auch Stapler fahren,“ raunt man sich in der freien Wirtschaft zu, „und danach machen sie Dir die Steuererklärung.“ Geographen sind keine monofunktionalen Einheiten, sie sind Persönlichkeiten, haben viele vernetzte Fähigkeiten aber selten Allüren.

Das ist vielleicht das, was Altgeograph Humboldt mit „Bildung, Weisheit und Tugend“ meinte. Geographen leben vom Ausbildungsfreistil. Standardisierung und Ökonomisierung durch Bachelor, Master, Cluster und Elite erzeugen im Studium ‚Dienst nach Vorschrift’ und Praxisschock danach.