Interview mit Angelo Müller zu seinem Dissertationsprojekt in China
Chorproben in der Chocolate-City
von Janne Kaiser
Angelo Müller forscht für seine Dissertation zu afrikanischen Migranten in China. Der GeoZeit berichtet Angelo von seinen ersten drei Forschungsaufenthalten in China, den Herausforderungen der Themenfindung, der Vereinbarkeit von Forschung und Familie sowie seinen Zielen für das nächste Jahr.

- Afrikanische Händler beim Wareneinkauf im chinesischen Guangzhou
Angelo Müller ist seit Ende 2008 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der AG Stadt- und Migrationsforschung bei Prof. Dr. Rainer Wehrhahn in Forschung und Lehre beschäftigt. Ab August 2010 wird er auf eine Forschungsstelle des DFG-Projekts „Konstituierung transnationaler Händlernetzwerke. Sozioökonomische Organisation afrikanischer Migranten in Guangzhou/China“ wechseln. Angelo schrieb seine Diplomarbeit über senegalesiche Migranten in Italien und forscht nun zu afrikanischen Migranten in China. Sein großes Ziel ist es, sich mit seiner Dissertation in der deutschen Forschungslandschaft zu etablieren.
Geozeit: Angelo, auf Dein Thema reagiert man spontan mit Erstaunen. Wie bist du zu dieser Themenwahl gekommen?
Angelo: Ich habe schon in meiner Diplomarbeit mit afrikanischer Migration gearbeitet, allerdings mit senegalesischen Migranten in Italien. Daraus hat sich für mich die inhaltliche Vorgabe entwickelt, etwas mit Migration zu machen, weil mich das damals total begeistert hat. Besonders das biographische Arbeiten mit den Afrikanern hat mir total viel Spaß gemacht. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich in der Geographie was gefunden habe, was mich sehr fasziniert und was ich gern weiter machen möchte.
Geozeit: Wie bist Du dann auf die nicht unbedingt naheliegende Idee gekommen Afrikaner in China zu untersuchen?
Angelo: Schon als ich noch an meiner Diplomarbeit schrieb, lief in der AG Stadt- und Migrationsforschung das DFG Projekt Megacities-Megachallenge in China, sodass bereits eine Verbindung nach China bestand. So kam die Idee auf, etwas zu Migration in China zu machen. Zunächst habe ich mich in die Binnenmigration Chinas eingearbeitet und einen Artikel darüber geschrieben. Im Rückblick diente das hauptsächlich dazu, mich zunächst in den chinesischen Kontext einzulesen. Über diesen geographischen Raum und seine Migrationsströme wusste ich bis dahin wenig. Erst im Laufe der Zeit sind wir dann auf das Thema der Afrikaner in China gestoßen. Die Entdeckung der sogenannten „Choclate City“ in Guangzhou hat Rainer Wehrhahn bei einem seiner Forschungsaufenthalte gemacht und mir davon berichtet. Daraufhin bin ich das erste Mal hingefahren, um mir selbst ein Bild zu machen. Ziel dieses zweimonatigen Aufenthaltes Ende 2008 war zunächst zu schauen, ob das Phänomen von seiner Größe und Konstanz als Thema für ein Dissertationsprojekt reicht.
Geozeit: Das klingt so, als wäre die Themenfindung recht reibungslos verlaufen. Gab es keine Schwierigkeiten?
Angelo: Doch, Probleme gab es im Detail natürlich genug. Erst einmal hatte ich nur ganz grob das Überthema „Afrikaner in China“ und habe in alle Richtungen recherchiert. Vor Ort habe ich mich bemüht, in die afrikanischen Kreise einzutauchen und zu verstehen „Was machen die da überhaupt?“, „Wie lange sind die da schon?“, „Gibt es Verbindungen, die vielleicht schon Jahrzehnte andauern, oder sind das alles neue Verbindungen?“, „Haben die dort eine community gebildet und gibt es schon etablierte Migrationsnetzwerke?“ und so weiter. Und immer wieder musste ich mir die Frage stellen, ob das Thema tatsächlich für ein drei bis vierjähriges Forschungsprojekt ausreicht. Wenn es sich nur um eine Handvoll Afrikaner gehandelt hätte, die für Import- und Exportgeschäfte nach China reisen, hätte das als Thema wohl nicht genug hergegeben.

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Geozeit: Als Dir klar war, dass du das Phänomen untersuchen kannst und willst, wie bist du dann weiter vorgegangen?
Angelo: In Bezug auf die Methodik war ich mir schnell sicher, dass ich wieder, wie auch bei den Senegalesen in Italien, qualitativ mit einem biographischen Ansatz arbeiten möchte. Meine Diplomarbeit hatte mir gezeigt, dass man mit dieser Methode am weitreichendsten erklären kann, warum Individuen migrieren, wie, warum und auf welche Weise sie Migrationsnetzwerke bilden. Wenn man quantitativ oder über eine makro-Ebene arbeitet, erklärt sich für mich meist nur ein sehr geringer Teil und es werfen sich zu viele Fragen auf, die man mit solchen groß angelegten Modellen nicht erklären kann. Wenn ich die Menschen nach ihrem persönlichen Lebens- oder Bildungsweg frage, kann mir das mehr erklären.
Geozeit: Von der Methodik zur Theorie?
Angelo: Klar musste ich mich zunächst einmal fragen „wie willst du eigentlich theoriegeleitet arbeiten?“. Darüber hatte ich mir zu Anfang überhaupt keine Gedanken gemacht. Interessiert haben mich natürlich die Biographien, die hinter der Migration stecken. Ziel war es ja zunächst zu verstehen, warum in einem kleinen Stadtteil dieser Millionenstadt eine starke Konzentration von Afrikanern auftritt. Und damit wusste ich schon mal, dass es spannend sein kann, die dahinter liegenden Netzwerke zu untersuchen. Ich wollte noch mehr erklären als den persönlichen Lebensweg von ein paar Afrikanern, sondern verstehen, wie es zu dieser Netzwerkbildung und damit auch zu einer Verstetigung dieser Migration kommt.
Geozeit: Kann man diese Netzwerke dann weiterhin mit biographischen Methoden untersuchen?
Angelo: Die biographischen Methoden, das stimmt, rücken damit etwas in den Hintergrund. Der biographische Ansatz war so gesehen mein Türöffner für den Feldzugang. Die qualitativen Erhebungsmethoden, mit denen ich weiterhin arbeite, sind diesen jedoch sehr ähnlich. Mit dem Stichwort Netzwerkanalyse verbindet man traditionell häufig quantitative Erhebungsmethoden. Ich verwende jedoch hauptsächlich wenig strukturierte narrative Leitfadeninterviews und teilnehmende Beobachtung. Auch schon in der Diplomarbeit habe ich den Biographieansatz mit teilnehmender Beobachtung kombiniert. Ich versuche während der Feldforschungsphase mit den Afrikanern zu leben und verbringe komplette Tage mit ihnen. So kriege ich die Abläufe des Kontaktknüpfens und der ökonomischen Tätigkeiten mit. Das Beobachtete schreibe ich in Gedankenprotokollen auf und versuche es im Folgenden durch narrative Interviews zu untermauern und zu erklären.
Geozeit: Lassen Dich die Menschen bereitwillig an ihrem Alltag teilhaben, oder ist es manchmal auch schwierig einen Zugang zu bekommen?
Angelo: Das ist natürlich typabhängig. Nicht jeder lässt dich nah an sich heran. Es bedarf in der Regel erst einer relativ langen Phase der Vertrauensbildung. Bei meinem ersten Aufenthalt bin ich nah an Schlüsselpersonen, die Gatekeeper, einer Gruppe von Afrikanern rangekommen. Über deren Vertrauen bin ich schnell in die Gruppe integriert worden. Das ist die erste und kritische Sozialisationsphase, die dir gelingen muss, damit du einen Zugang bekommst. Während des ganzen Forschungsprozesses bleibt die Gratwanderung zwischen objektivem wissenschaftlichen Arbeiten und der Pflege persönlicher Beziehungen und der Sozialisation mit einer Gruppe erhalten.

- Afrikanerin in der "Chocolate-City" in Guangzhou
Geozeit: In welcher Sprache kommuniziert ihr?
Angelo: Zu meinem Glück sprechen nahezu alle Afrikaner in China Englisch, da sie nahezu ausnahmslos studiert haben und Englisch brauchen, um mit den Chinesen ihren Handel zu treiben. Zunehmend lernen auch viele Chinesisch. Ich vermute, dass die Vielsprachigkeit, mit der viele Afrikaner aufwachsen, ihnen das Erlernen der chinesischen Sprache erleichtert. Untereinander kommunizieren sie allerdings in sämtlichen Sprachen und Dialekten. Ich habe oft beobachtet, wie zunächst einmal eine gemeinsame Sprache gesucht wird, wenn sich dort Afrikaner begegnen.
Geozeit: Klischeefrage: Würdest Du etwas anders machen, wenn Du das Projekt noch mal beginnen könntest?
Angelo: Ich habe mich durch meine Sozialisation mit dieser speziellen Gruppe in recht starke Abhängigkeiten gebracht. Es wird erwartet, dass ich mich sofort melde, wenn ich in China bin, dass ich die Tage und Abende mit ihnen verbringe, dass ich am sozialen und religiösen Leben teilnehme. Ich habe mich zum Beispiel in den Kirchenchor hineinmanövriert und da wird dann erwartet, dass ich Dienstags und Samstags zu den Chorproben komme und den ganzen Sonntag mit ihnen verbringe. Das sind Verpflichtungen, die mich teilweise davon abhalten meine Forschung zu tun und von der Rolle des Freundes wieder in die Rolle des Forschers zu schlüpfen. Ich will dann eigentlich nicht mehr im Chor singen oder Hochzeiten feiern, sondern ich will Fragen stellen. Enttäusche ich diese Erwartungen allerdings, grenze ich mich schnell wieder aus der Gruppe aus und mir wird Misstrauen entgegen gebracht. Meine Rolle als Forscher und Freund muss also immer wieder geklärt werden und ich versuche meinem Umfeld klar zu machen, dass ich sie beobachte und Daten aufnehme. Könnte ich das Projekt noch einmal beginnen, würde ich zwar immer wieder den gleichen Zugang wählen, aber mich bemühen, die sozialen Verpflichtungen und damit auch die Abhängigkeit in meiner Rolle als Forscher zu begrenzen. Ich habe nun darauf reagiert, indem ich den methodischen Schwerpunkt bei dieser Gruppe auf die teilnehmende Beobachtung gelegt habe.
Geozeit: Bisher haben wir hauptsächlich in die Vergangenheit geblickt. Was sind Deine inhaltlichen Ziele in dem Projekt?
Angelo: Das erste Ziel im Anschluss an meinen Erkundungsaufenthalt war es, mir gemeinsam mit Rainer Wehrhahn über eine solide Finanzierung des Dissertationsprojektes Gedanken zu machen. Letztlich gab es zwei Möglichkeiten: entweder einen Antrag beim DAAD für die Finanzierung der Forschungsreisen oder gleich einen Projektantrag beim DFG. Letztlich hat sich Rainer Wehrhahn für einen DFG-Antrag entschieden, der zum Glück bewilligt worden ist. Somit ist das erste Ziel schon erreicht. Viele anfängliche inhaltliche und theoretische Fragestellungen und somit Zielsetzungen haben sich inzwischen weiter entwickelt, weil wir mittlerweile Neues entdeckt haben. Zum Beispiel bin ich anfangs hauptsächlich von dem Ansatz des ethnischen Unternehmertums ausgegangen, habe dann aber erkennen müssen, dass bei der untersuchten Gruppe auch andere theoretische Inhalte eine bedeutende Rolle spielen. Aber das ist – glaube ich – ein Prozess, den jeder in der qualitativen Forschung während seiner Doktorarbeit durchlebt: Man hat ein Konzept und Ziele und die entwickeln sich immer weiter. Handlungstheorien und institutionelle Ansätze bilden aber weiterhin die entscheidende Basis.

- Angelo und Luzi bei der Arbeit
Geozeit: Was sind Deine Etappenziele für die nächste Zeit?
Angelo: Wir möchten dieses Jahr gern noch zwei bis drei Artikel veröffentlichen, um uns in der Forschungslandschaft mit dem Thema zu positionieren. Langfristig kommt natürlich mein persönliches Bestreben hinzu, mich selber in der Forschungslandschaft zu etablieren und Netzwerke zu knüpfen. Wenn wir dieses hoch gesteckte Ziel der drei Artikel erreichen würden, wäre das schon ein echter Meilenstein.
Geozeit: Hast Du schon konkrete Ziele für den nächsten Forschungsaufenthalt?
Angelo: Ich möchte mir gerne noch eine weitere Gruppe von Afrikanern in China erschließen. Bei den letzten Aufenthalten hatte ich intensive Kontakte innerhalb einer Gruppe, die sich um eine Kirchengemeinde organisiert und ich würde gern beim nächsten Aufenthalt mit einer weiteren Gruppe intensiver arbeiten. Im Blick habe ich die Nigerianer, aber es gibt auch noch andere, die in Frage kommen würden, zum Beispiel eine Gruppe von Senegalesen. Aber da muss ich natürlich gucken, wo ich einen Zugang bekomme.
Geozeit: Was für Hürden neben dem Niederschreiben der Dissertation warten noch auf Dich?
Angelo: Im Moment ist eine ganz große Hürde natürlich die Vereinbarkeit von Feldforschung und Familie. Mit Kind zu forschen ist nicht so einfach. Da ist zum einen die Organisationsfrage „Wer ersetzt den Papa?“ und zum anderen opfert man persönlich viel. Wenn ich lange im Ausland bin, opfere ich die Erfahrungen, die ich nicht mit meiner Tochter machen kann. Im Moment hat meine Freundin noch Elternzeit, im Anschluss nehme ich Elternzeit und ab August arbeiten wir beide wieder gleichzeitig. Wenn ich dann zwei Monate nach China fahren will, muss viel organisiert werden. Im Moment weiß ich noch nicht genau, wie wir das hinbekommen mit Kind und Arbeit. Organisatorisch wird das schon irgendwie klappen, aber so ein langer Auslandsaufenthalt weit weg von der Familie ist natürlich kein leichter Schritt.







