Die theoretische Ebene ist mir sehr wichtig
Ein Interview mit Robert Hassink, dem Leiter der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeographie
von Martin Phillip Ullmann
Professor Robert Hassink (43) wurde im niederländischen Denekamp geboren und wuchs nahe Utrecht auf. 1984 begann er das Masterstudium Humangeographie an der dortigen Universität. Nach Studienaufenthalten in England und Deutschland, promovierte er 1992 an der Utrechter Universität. Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Maastricht, Dortmund, Seoul und Bonn. 2005 folgte er seinem ersten Ruf als Professor nach Oslo. Zuvor war hatte er eine dreisemestrige Vertretungsprofessur an der Universität Duisburg-Essen inne. Seit 2007 lebt er, zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen, in Kiel.

- Robert Hassink, Leiter der AG WiGeo am Geographischen Institut Kiel
GeoZeit: Herr Professor Hassink, Sie sind nun seit 2007 an der Christian-Albrechts-Universität beschäftigt. Welche Gründe haben Sie dazu bewogen sich in Kiel niederzulassen?
Robert Hassink: Der wichtigste Grund ist, dass ich hier eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen konnte. Während meiner Zeit in Oslo war dies nicht der Fall. Dort verfügte ich über keine Mitarbeiter und es hat mich schon gereizt, dass ich hier neben den notwendigen Räumlichkeiten auch zwei halbe Mitarbeiterstellen bekommen habe. Vom Aufbau der AG erhoffte ich mir, mit den Mitarbeitern viele Diskussionen führen und mich mit den Doktoranden austauschen zu können, um dadurch auch selbst viel dazu zu lernen. Aufgrund meiner beiden guten Mitarbeiter hat sich diese Hoffnung bisher auch bewahrheitet. Gleichzeitig verfüge ich auch noch über zwei Hiwi- Stellen. Neben der Arbeit mit den Hiwis, die mir auch sehr großen Spaß macht, erhalte ich durch sie auch den Kontakt zu den anderen Studenten. Das waren die wichtigsten Gründe, dass ich den Posten hier in Kiel angenommen habe. Die Stadt und ihre Region haben bei dieser Entscheidung kaum eine Rolle gespielt.
GeoZeit: Die Wirtschaftsgeographie umfasst ein sehr breites Spektrum. Welchen Bereich finden Sie besonders interessant?
Hassink: Mich interessiert vor allem der Zusammenhang zwischen den industriellen Unternehmen und ihrer Region. Allerdings weniger im Bereich der klassischen Raumwirtschaft, bei der eher die Standortfragen individueller Unternehmen im Vordergrund stehen. Vielmehr interessieren mich die Vernetzungen beziehungsweise die Entwicklung industrieller Agglomerationen. Unter anderem stellt sich dabei die Frage, ob eine Ballung einer Industriebranche innerhalb einer Region und die Vernetzung zwischen den einzelnen Unternehmen einen Strukturwandel und somit die Ansiedlung neuer Industrien verhindert beziehungsweise verlangsamt oder begünstigt. Gleichzeitig interessiert mich auch die politische Seite an diesem Thema. Wie kann die Regionalpolitik mittels der Wirtschaftsförderung diesen Prozess begünstigen und welche Förderarten sind dabei sinnvoll? Aufgrund meines Interesses an diesem Thema habe ich mich bereits intensiv mit dem Strukturwandel innerhalb der traditionellen Industriebranchen wie Schiffsbau und der Textilindustrie beschäftigt.
GeoZeit: Stellen Sie sich vor, dass ein Student, der gerade mit dem Studium begonnen hat, zu Ihnen käme und Sie fragen würde, warum er/sie sich auf die Wirtschaftsgeographie spezialisieren sollte. Was würden Sie ihm raten?
Hassink: Ich denke, dass die Wirtschaftsgeographie interessant ist, weil man bei ihr sowohl theoretisch als auch ausgehend von theoretischen Konzepten empirisch arbeiten kann. Aufgrund dieser starken Verknüpfung zwischen den Theorien und der angewandten Praxis erhält man meiner Meinung nach sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dabei kann ein Absolvent mit einer hohen Wahrscheinlichkeit vor allem bei den regionalen Wirtschaftsförderverbänden, bei den Industrie- und Handelskammern oder bei verschiedenen Organisationen auf der regionalen Ebene eine Anstellung finden. Gleichzeitig lernt ein Student während seines Studiums, wie man Theorie geleitet empirisch forscht und das ist in der Wirtschaftsgeographie vielleicht stärker als bei den anderen Bereichen der Humangeographie der Fall.
GeoZeit: Wenn man sich die Ergebnisse der aktuellen Human I-Klausur ansieht, so fällt auf, dass ein Großteil der Studenten recht schlecht abgeschnitten haben. Was erwarten Sie von den Teilnehmern Ihrer Kurse?
Hassink: Das Lesen der Fachliteratur ist extrem wichtig. Deshalb arbeitete ich auch so oft wie möglich mit Lehrbüchern. Studenten, die in den Kursen schlecht abschneiden, haben die empfohlenen Texte einfach zu wenig gelesen. Das merke ich sofort bei den Antworten, die sie geben. Meines Erachtens reichen das Allgemeinwissen und die Mitschrift in den Vorlesungen für das universitäre Studium einfach nicht aus. Da muss man schon etwas mehr leisten. Wenn allerdings ein Student bei der Beantwortung einer Frage gut und interessant argumentiert, dann bewerte ich das ebenfalls sehr hoch.
GeoZeit: Warum halten Sie die Vorlesungen im Hauptstudium und im Vertiefungsfach auf Englisch?
Hassink: Mir ist bewusst, dass kaum ein Muttersprachler in meinen Veranstaltungen sitzt. Aber ich verfolge mit den englischsprachigen Vorlesungen zwei Ziele. Auf der einen Seite weiß ich aus Erfahrung, dass in Deutschland viele Geographiestudenten nicht gerne Englisch lesen und deshalb sehr stark auf die deutschsprachigen Texte zurückgreifen. Da allerdings das Englische bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen dominiert, verzichten sie auf viele interessante Quellen. Und darunter leidet dann auch die Qualität ihrer Ausarbeitungen. Auf der anderen Seite hoffe ich, dass durch das Angebot auch ausländische Studenten angesprochen werden, von denen es meiner Meinung nach zu wenige am Geographischen Institut gibt.
GeoZeit: Herr Professor Hassink, wenn man sich Ihre bisherigen Publikationen anschaut, so fällt auf, dass Sie sich sehr stark mit der wirtschaftlichen Entwicklung Südkoreas befassen. Wie kamen Sie auf die Idee, sich mit diesem ehemaligen Schwellenland zu befassen?
Hassink: Ich muss dazu sagen, dass dies hauptsächlich private Gründe hatte. Meine Frau ist Südkoreanerin. Ich habe sie während meiner Zeit als Austauschstudent in Deutschland kennen gelernt. Zwar hatte ich mich schon vorher für Schwellenländer, vor allem in Ostasien interessiert, aber ich hatte mich forschungsmäßig noch nicht mit diesem Land beschäftigt. Erst dadurch, dass ich meine Frau kennen gelernt hatte, suchte ich nach einer Möglichkeit, um einen Aufenthalt in Korea einzurichten. Dabei erfuhr ich von einem Stipendium der Europäischen Union für Forschungen in Südkorea und Japan, wofür ich mich erfolgreich bewarb. Dadurch konnte ich zusammen mit meiner Frau zwei Jahre lang in Korea leben und den Grundstein für meine empirische Forschung legen. Neben einigen Veröffentlichungen lernte ich während meines Aufenthalts auch viele Professoren und Forscher kennen, wodurch ich mir ein Netzwerk aufbauen konnte, von dem ich noch heute profitiere. Während des Aufbaus habe ich dann auch mehrere Forschungsprojekte in Zusammenarbeit mit koreanischen Partnern realisiert. Außerdem habe ich in den letzten drei bis vier Jahren zusammen mit dortigen Professoren einige Fachartikel veröffentlicht. Den Ausschlag für mein Interesse an Südkorea war jedoch die Beziehung mit meiner Frau. Ohne sie hätte ich sicherlich nicht die Sprache gelernt und meine Motivation, mich mit diesem Land zu beschäftigen, wäre deutlich geringer gewesen.

- Aufgrund seiner Erfahrungen mit Südkorea kann Professor Hassink seinen Studenten eine sehr interessante Exkursion bieten.
GeoZeit: Und welche Beziehung haben Sie heutzutage zu Südkorea?
Hassink: Neben meinen familiären Beziehungen zu diesem Land, nutze ich immer noch mein wissenschaftliches Netzwerk, dass ich mir seit 1998 aufgebaut habe. So führe ich immer noch mit dortigen Professoren Forschungsprojekte durch und veröffentliche mit ihnen Fachartikel. Hierbei finde ich es interessant, dass es in Südkorea viele Geographen und Regionalwissenschaftler gibt, die in den USA promoviert haben und dementsprechend sehr gut auf Englisch publizieren können. Da allerdings ihre Stärke vor allem im empirischen Arbeiten liegt, können wir uns wunderbar ergänzen. Ich liefere dabei den theoretischen Teil des Aufsatzes, während sie den empirischen Teil, der mich natürlich auch sehr interessiert, übernehmen. Aufgrund dieser guten Zusammenarbeit glaube ich, dass ich auch zukünftig mit ihnen Artikel über die Entwicklung dieses Landes veröffentlichen werde. Gleichzeitig erhalte ich ab und zu auch noch Einladungen zu Kongressen, wodurch ich 2008 vom Korea Development Institute und von der Korea University eingeladen wurde, um dort Vorträge zu halten.
GeoZeit: An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?
Hassink: Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt gerade beim Projekt „Constructing Regional Advantage“, das von Oliver Plum und mir bearbeitet wird. Es läuft über drei Jahre und wird von der European Science Foundation gefördert. Neben unserer AG arbeiten noch weitere sieben sehr renommierte Partner, wie beispielsweise Bjørn Asheim, Franz Tödtling oder Ron Boschma, an diesem Projekt. Und es macht sehr viel Spaß sich mit ihnen auszutauschen. Dann betreue ich auch noch Claudia Klaerding bei ihrer Dissertation über chinesische Remigranten in Shanghai. Ich selbst fokussiere mich in der letzten Zeit auf die Erklärung über die Entstehung und Lebenszyklen von Clustern und werde demnächst auch Forschungsanträge einreichen.
GeoZeit: Und was planen Sie für die nächsten Jahre?
Hassink: Im Bereich der Lehre werde ich an den bereits bestehenden drei Modulen festhalten. Allerdings werde ich diese natürlich immer wieder aktualisieren und gucken, ob es in den Modulen neue interessante Themen gibt. Unter anderem habe ich letztes Sommersemester auch ein Modul „evolutionäre Wirtschaftsgeographie“ angeboten, das ein neues Paradigma in der Wirtschaftsgeographie darstellt.
Hierzu habe ich auch einen Artikel verfasst, der im Handbook of Evolutionary Economic Geography veröffentlicht wird, das in diesem Sommer erscheint. Gleichzeitig werde ich in der nächsten Zeit auch wieder mehr Forschungsanträge einreichen und dadurch versuchen mehr Drittmittel zu akquirieren, was in der letzten Zeit etwas zu kurz gekommen ist.
Dabei kann ich mir einerseits vorstellen mit meinen koreanischen Kollegen Dong-Ho Shin und Yong-Sook Lee weitere Forschungsprojekte durchzuführen. Auf der anderen Seite hoffe ich, dass ich mich in nächster Zukunft erfolgreich auf Ausschreibungen der European Science Foundation und der Europäischen Kommission bewerben werde und so ein europäisches Forschungsnetzwerk aufbauen kann.
GeoZeit: Herr Professor Hassink, während Ihrer bisherigen Karriere waren Sie in den Niederlanden, in Südkorea, in Norwegen und in Deutschland tätig. Wenn die Frage erlaubt ist, wo fühlen Sie sich zu Hause?
Hassink: Die Beantwortung dieser Frage ist recht schwierig. Wenn ich in Korea bin, dann fühle ich mich als Europäer. Wenn ich hingegen in Europa bin, dann fühle ich mich doch als Niederländer, da ich dort aufgewachsen und auch zur Universität gegangen bin. Ich merke auch, dass mich dies unter anderem bezüglich der Mentalität sehr geprägt hat. Aber wenn man wie ich in mehreren Ländern gelebt hat, hat man das Problem, dass es in jedem von ihnen etwas gibt, was man mochte und etwas, was einem nicht gefallen hat. Wenn ich beispielsweise nach Korea fliege, so gefällt mir dort die Warmherzigkeit der Menschen. Gleichzeitig gefällt mir auch die koreanische Küche sehr. Komme ich hingegen nach Norwegen, dann fühle ich mich aufgrund der Sprache und der Natur zu Hause, da ich dort auch eine Weile gelebt habe. Und in Deutschland gefallen mir auch viele Sachen, wie die Medienlandschaft oder die Möglichkeiten, über die dieses Land verfügt. Im Bereich der Forschung gibt es viele Fördermöglichkeiten sowie viele potentielle Forschungspartner. So stammen die meisten Kollegen, die ich kenne, aus Deutschland, so dass mich das dabei entstandene Netzwerk auch mit diesem Land verbindet. Sie sehen, dass die Beantwortung Ihrer Frage wirklich schwierig ist und ich Ihnen keine konkrete Antwort liefern kann.
GeoZeit: Herr Professor Hassink, wir danken Ihnen für das Gespräch.







