Ein Tübinger koordiniert die Geographie
von Martin Weier
Lutz-Michael Vollmer ist bei Tübingen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dann folgte das Geographie-Studium in Tübingen, Stuttgart und an der Portland State University in Oregon. Als Nebenfächer belegte er Botanik, Städtebau und Geologie. Nach dem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt. Heute ist er der erste Studienkoordinator am Geographischen Institut der Universität Kiel. Im GeoZeit- Interview beantwortet er Fragen zu seiner neuen Aufgabe am Geographischen Institut.

- Lutz-Michael Vollmer berät Studierende
GeoZeit: Herr Vollmer, welche Aufgaben haben Sie hier am Institut?
Lutz-Michael Vollmer: Zu meinen Aufgaben gehört alles, was mit dem Bereich Lehre und Studium zu tun hat. Für die Studierenden bedeutet das die Beratung in allen Studienabschnitten. Vom Interesse in Kiel Geographie zu studieren, bis zur Unterstützung bei der Arbeitssuche oder der Organisation und zeitlichen Abstimmung von Lehrveranstaltungen. Zudem bin ich Praktikumsbeauftragter des Geographischen Instituts, also für die Beratung und Anerkennung für die Berufspraktika zuständig, sowie für die Bearbeitung der BaFöG- Unterlagen. Auf der anderen Seite steht gegenüber den Lehrenden die Qualitätssicherung in der Lehre an. Also Evaluationen planen, durchzuführen, auszuwerten und so einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess einzuleiten. Es ist ja leider nicht so, dass die Umstellung und Neuorganisation der Lehrveranstaltungen für den Bologna-Prozess von alleine kommt. Da sind Vorgaben von außen an die Universität und die Dozenten herangetragen worden, und es entstehen Fragen, zum Beispiel, wofür welche Leistungspunkte vergeben werden können. Jeder macht das ein wenig anders. Lehre kann und soll auch immer etwas Individuelles sein. Man muss versuchen, dass man die Vorgaben von Bologna mit den individuellen Ansprüchen eines jeden Dozenten irgendwie zusammenbringt.
GeoZeit: Noch mal zur Studienberatung: Wen beraten Sie da konkret?
Vollmer: Im Moment berate ich vorwiegend die Bachelorstudierenden und übernehme langsam aber stetig auch die Diplomstudierenden von Götz von Rohr und die auslaufenden Lehramtsstudiengänge von Wilfried Hoppe. Da es allerdings bei laufenden Studiengängen bereits viele bestehende Entscheidungen der Prüfungsausschüsse gibt, hole ich mir bei Spezialfragen weiterhin beispielsweise von Herrn Hoppe eine weitergehende Meinung ein.
Geozeit: Was sind die häufigsten Probleme oder Fragestellungen, mit denen die Studenten derzeit zu Ihnen kommen?
Vollmer: Das häufigste Problem ist die Studienorganisation, also: „Was studiere ich eigentlich?“. Klar, Geographie, aber die Kurse für einen 1-Fach Bachelor oder einen 2-Fach Bachelor unterscheiden sich in wesentlichen Punkten. Zudem überschneiden sich Lehrveranstaltungen mit den zweiten Fächern, Nebenfächern oder auch die Prüfungstermine. Sie müssen sich das so vorstellen, dass es im Diplom noch relativ egal war, in welchem Semester sie ihren Schein machten. Sie konnten fünf Scheine in einem Semester machen oder über das ganze Grundstudium verstreut. Beim Bachelor hat man im Prinzip einen vorgegebenen Lehrplan, wo auch oftmals das genaue Semester vorgeschrieben ist. Der Bologna-Prozess hat ja auch den Hintergrund, dass man jedem Studierenden garantieren möchte, dass er einen Platz in den entsprechenden Kursen hat. Das wird natürlich schwierig, wenn man so eine Garantie bei knappen Lehrkapazitäten anbieten muss, dann entfällt die Wahlmöglichkeit. Sonst hätte man mal 20 leere Plätze und im nächsten Semester plötzlich 20 Studierende zu viel, die einen Platz haben wollen. Hier wird die Wahlmöglichkeit sehr eingeschränkt. In dieser Zwickmühle sitzen wir - die Uni, das Geographische Institut und die Studierenden. Wir müssen einerseits schauen, dass jeder seinen Platz bekommt und dass wir auf der anderen Seite möglichst viele Wahlfreiheiten erhalten wollen.
GeoZeit: Gibt es viele Probleme speziell durch die erst neu eingeführten Bachelor und Master? Wenn ja, welche?
Vollmer: Ja, es ist aktuell schon ein hoher Koordinationsaufwand den Stundenplan abzustimmen. Aber irgendwo hört die Koordination bei uns auf. Geographie kann man mit sehr vielen Fächern studieren. Wir achten darauf, dass zumindest die Zeitfenster mit der Philosophischen Fakultät eingehalten werden. Aber es gibt immer Bereiche, die zur gleichen Zeit wie Geographie Kurse anbieten und mit allen Fächern lässt sich keine Koordination machen. Der Tag hat nur 24 Stunden, davon stehen effektiv als Lehrzeit nur zehn Stunden zur Verfügung. Es trifft immer irgendeine oder irgendeinen, aber wir versuchen die Stundenpläne so zu gestalten, dass möglichst nur einer sehr kleinen Zahl an Studierenden Nachteile entstehen.
GeoZeit: Sind Ihrer Ansicht nach größere Reformen an den neuen Studienordnungen nötig, um sie "studierbar" zu machen?
Vollmer: Das ist eine schwierige Frage. Zum einen ist da die Studienstruktur von sechs Semestern. Die andere Frage ist, was in diesen sechs Semestern gemacht werden muss. Ich kenne einige Studiengänge, wo man versucht hat, ein achtsemestriges Diplom, mit all seinen Kursen in sechs Semester zu quetschen. Dieser Schuss geht dann natürlich bei der Betrachtung der Studienzeiten nach hinten los. Wenn die ersten drei Jahrgänge durch sind, wird man deutlich sehen „das ist so nicht studierbar“. Was unser Institut von den Anforderungen und den Studienplänen her betrifft, sieht es gut aus. Allerdings wird nach der anfänglichen Freude der Wirtschaft, über ein sechssemestriges Studium, der Ruf nach acht Semestern laut. Was außerdem Probleme macht, sind Änderungen im gesamten Bolognaprozess, die bundesweit unkoordiniert weitergegeben wurden. Ein Beispiel: Schlüsselqualifikationen! Jeder Student soll zusätzliche Schlüsselqualifikationen erwerben, besonders über das Fach hinaus, zum Beispiel Fachenglisch. Details, die am Ende im Lebenslauf ein besonderes Extra darstellen, auf das bei Bewerbungen immer mehr geachtet wird. Die Praxis zeigt, dass es jede Universität, und noch schlimmer jedes Fach, unterschiedlich organisiert hat. Und damit ist ein angestrebtes Ziel des Bologna-Prozesses, nämlich die Vereinfachung der Studienstrukturen, glatt daneben gegangen.
GeoZeit: Wie genau ist die neue Studienstruktur durch den Bolognaprozess festgelegt?
Vollmer: Der Prozess sieht vor, in zehn Semestern Bachelor und Master zu absolvieren. Derzeit haben wir einen sechssemestrigen Bachelor in Verbindung mit einem viersemestrigen Master. Man könnte daraus auch 7+3 Semester oder 8+2 Semester machen. Allerdings braucht man dann neue Konzepte für einen zweisemestrigen Master. Ein Jahr inklusive Masterarbeit ist nicht lang. Hier sind wir relativ frei und wieder doch nicht. Derzeitig zeigt sich das Problem, das man mit 12 Jahren Schulausbildung bis zum Abitur plus 3 Jahre Bachelor auf nur 15 Jahre akademische Ausbildung kommt. Einige Länder, wie die Vereinigten Staaten, fordern aber mindestens 16 Jahre als Zugang für den Master. Diese gehen dann von einem achtsemestrigen Bachelor aus. Bologna hat gute Ideen gebracht, aber es war sowohl in Deutschland als auch global zu unkoordiniert. Europa hat sich auch nur teilweise abgestimmt. Den Schritt der globalen Abstimmung hat man komplett versäumt. Dann gibt es Probleme: Die Studierenden sollen ein Jahr ins Ausland, gleichzeitig gibt es aber sehr spezielle Lehrpläne, die man im Ausland so nicht erfüllen kann, da es gar kein Angebot dazu gibt. Das ist so ein Punkt, dass man gerade im Bereich Nebenfächer das Ganze von Pflichtveranstaltungen ein wenig mehr zur Wahlpflicht auflockern sollte. Dann kann man im Ausland eventuell ein paar Dinge dazu wählen, auch wenn die nicht hundertprozentig in das ursprüngliche Curriculum hineinpassen. So etwas sollte durch die Prüfungsordnung gedeckt sein, damit durch den Auslandsaufenthalt kein Zeitverlust entsteht.

- Auch die Studienkoordination gehört zu seinen Aufgaben
GeoZeit: Welche Ziele haben Sie und was sind die Herausforderungen, die Ihnen dieses Institut bietet?
Vollmer: Was ich hier erreichen möchte, ist vor allem eine offene Lehr- und Lernkultur, so dass wir im Umfeld aller Studierenden und Lehrenden eine gute Lehre erreichen können, damit unsere Absolventen sehr interessante Jobs erreichen können. Es wäre schön, wenn sich die gute Ausbildung dann in einem entsprechenden Erfolg widerspiegelt.
GeoZeit: Haben Sie eventuell schon etwas umsetzen/verbessern können?
Vollmer: Zwei Dinge: Zum einen habe ich mit dieser Stelle das Konzept des Qualitätsmanagement und der Qualitätssicherung verstetigt, auch in Form einer Beschwerdestelle. Die Studierenden können zu mir kommen und sagen: Ich hab da ein Problem mit dem Dozenten. Oder das ist zu viel Stoff. Das ist etwas Schönes, weil hierdurch organisatorische Schwierigkeiten oder Missverständnisse aufgedeckt werden können und wo man gleich sieht: Hier gibt es Probleme. Manchmal traut man sich nicht direkt zum Dozenten zu gehen; dafür ist dann diese „Meckerecke“ bei mir da. Es ist gewollt, dass man eine offene Kultur hat und dass man über Probleme reden kann. Als zweiter Punkt steht zurzeit die Verschönerung des Instituts an. Ich versuche derzeit, mit dem Kollegen Michelsen zusammen das Institut ein wenig repräsentativer zu machen. Zum Beispiel wollen wir die Setztafeln mit den Zimmernummern durch ansprechendere Plakate ersetzen. Auch das Brett mit den Praktikumsangeboten wurde übersichtlicher gestaltet. Alles braucht seine Zeit und ein Ziel von mir ist es, hier einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess anzustoßen.
GeoZeit: Warum sind Sie als Diplom- Geograph Studienkoordinator geworden?
Vollmer: Schon während des Studiums war ich wissenschaftliche Hilfskraft, danach wissenschaftlicher Mitarbeiter. Mein damaliger Chef war gleichzeitig auch Studiendekan, da fielen mehrere solche Aufgaben an. Zum Beispiel musste eine Evaluation organisiert werden. Irgendwann stand dann die Bachelor-/ Masterplanung an. Und ich wurde dann mit dieser Aufgabe betraut. Ich bin also so in diesen Bereich eher zufällig hinein gerutscht. Und es macht mir Spaß.







