„Man muss einfach etwas leisten“

von Malte Blockhaus

Interview mit Dr. Gunilla Kaiser über den Weg zur Habilitation, hohe Anforderungen und die netten Seiten des Wissenschaftler-Daseins. Die gebürtige Heidelbergerin ist seit 1994 am Geographischen Institut in Kiel und arbeitet seit dem Jahr 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Küstengeographie von Prof. Dr. Horst Sterr. Hier ist sie am TRAIT-Projekt beteiligt, in dessen Rahmen sie habilitieren möchte.
Dr. Gunilla Kaiser

GeoZeit: War für Sie vom Anfang ihres Studiums an klar, in die physische Richtung und dann in die Forschung zu gehen?
Gunilla Kaiser: Ich war schon von Anfang an physisch orientiert. Vor allem auch durch meine Nebenfächer Ozeanographie, Wasserwirtschaft und Landschaftsentwicklung. Ich habe als Hiwi in einem dreijährigen Projekt, der „Fallstudie Sylt“, mitgearbeitet und im Anschluss daran auch meine Diplomarbeit bei Prof. Sterr im Rahmen dieses Projektes geschrieben. Dadurch war ich schon relativ nah dran. Das war möglicherweise auch der Grund, warum ich dann letztendlich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem EU Projekt bekommen habe. Ich hatte so einen engeren Draht zum Professor und früh einen tieferen Einblick, was letztlich in der Forschungspraxis gemacht wird.

GeoZeit: Sie arbeiten jetzt an einem großen Projekt, wollen habilitieren. War das ein weiter Weg?
Kaiser: Der Weg war schon relativ holprig bis zu der jetzigen Stelle, die zwar befristet ist, aber immerhin über sechs Jahre geht. Zwischen mehreren Projekten waren da immer mal wieder Monate, in denen ich quasi arbeitslos war. Die Dissertation habe ich erst vier Jahre nach dem Diplom geschrieben und diese aber recht schnell zu Ende gebracht, weil ich eben auf vieles zurückgreifen konnte, was ich in Projekten in der ganzen Zeit gemacht hatte. Es ging dabei um Risiko- und Vulnerabilitätsanalysen im Hinblick auf Naturgefahren an Küsten.

GeoZeit: Wann war wurde ihnen klar, dass sie in die Forschung wollen?
Kaiser: Ich erinnere mich noch daran, dass ich direkt im Anschluss an meine Diplomprüfung meinen Professor (Herrn Sterr) nach einer Doktorandenstelle gefragt habe. Vor allem auch die drei Jahre, in denen ich als Hiwi bei dem Sylt-Projekt mitgearbeitet habe, waren sehr wichtig.

GeoZeit: Was ist ihre Aufgabe in dem aktuellen Projekt?
Kaiser: Das TRAIT-Projekt ist sehr umfangreich, weil es so viele Teildisziplinen beinhaltet, die an und für sich schon ein eigenes Forschungsprojekt wären. Hier in Kiel ist unser Bereich die physisch-geographische und ökologische Betrachtung der Thematik und mein Teil dabei ist, das Ganze auf konzeptioneller Ebene zusammenzuführen. Wir versuchen, die Erkenntnisse der Vulnerabilitäts- und Risikoabschätzung, die wir hier im europäischen Raum für Sturmfluten schon gewonnen haben, auf den asiatischen Raum in Bezug auf Tsunamis zu übertragen und anzupassen.

GeoZeit: Wie kommt man eigentlich zu einem Thema für die Habilitation?
Kaiser: Es gibt die Möglichkeit, nach der Promotion eine Qualifikationsstelle an einem Lehrstuhl zu bekommen. Dann ist man direkt an der Uni für Lehre und Forschung angestellt und sucht sich einen Forschungsschwerpunkt, den man beackert. Eine andere Möglichkeit ist, projektbezogen über Drittmittel eine Postdoc-Stelle zur Weiterqualifikation zu nutzen. Dann bearbeitet man meist ein konkretes Projekt. Ich selbst habe eine Qualifikationsstelle, aber zusätzlich auch das Glück gehabt, dass das Tsunami-Projekt genau jetzt gestartet ist und ich das als Basis nehmen kann für meine Habilitation.

GeoZeit: Geben sie uns ein paar Tipps für eine Hochschulkarriere.
Kaiser: Ich denke, dass es einfacher ist, wenn man die Professoren kennt. Es ist vor allem wichtig, dass man sich schon in der Diplom-Phase engagiert und zum Beispiel als Hiwi mitarbeitet. Wenn man weiß, dass man den wissenschaftlichen Weg einschlagen will, würde ich es auf jeden Fall empfehlen, sich eine Hiwi-Stelle zu suchen oder eben eine Diplomarbeit, die eng gekoppelt ist an die praktische Arbeit in der Arbeitsgruppe. Das ist vor allem auch für einen selber sehr hilfreich. Man erkennt, ob man überhaupt so arbeiten möchte. Wissenschaftliches Arbeiten ist mitunter recht speziell, ganz anders als zum Beispiel in der freien Wirtschaft.

GeoZeit: Was ist die Motivation für ihre Arbeit?
Kaiser: Es ist vor allem der Spaß an dieser Arbeit und natürlich das Themengebiet, also Naturgefahren, Klimawandel und Vulnerabilität von Küsten, was einfach sehr interessant ist.

GeoZeit: Wie viel Idealismus gibt es in der Forschung?
Kaiser: Idealismus ist vielleicht etwas übertrieben. Ich finde das Thema Naturgefahren und -risiken sehr wichtig. Und wenn man sich dann spezialisiert, wie hier mit Tsunamikatastrophen, hat man schon Interesse, etwas dazu beitragen zu können, dass eine Katastrophe so nicht wieder passiert. Für mich ist es das Interesse am Thema, aber auch die Art des Arbeitens an der Uni. Ich hab nun auch das Glück, durch das TRAIT-Projekt und bisherige EU-Projekte viel im Ausland auf Konferenzen zu sein und ständig mit Menschen aus aller Welt zu tun zu haben. Ich fliege morgen zum Beispiel nach Hawaii! Das sind die netten Seiten. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, dass es oft sehr viel Arbeit ist; die Nächte sind oft lang. Man hat ständig „Deadlines“ und es ist schon ein gewisser Druck da. Wenn man erfolgreich sein will, muss man veröffentlichen und einfach etwas leisten.

GeoZeit: Woran erkenne ich als Student, dass ich für die Forschungsrichtung geeignet bin?
Kaiser: Was man auf jeden Fall haben muss, ist Ausdauer. Es sollte einem auch klar sein, dass man erstmal nicht wirklich viel Geld verdient. Es sind meistens nur befristete Stellen über vielleicht drei Jahre, eher kürzer.
Man muss auch ständig schauen, wie man weitermachen möchte. Die wissenschaftliche Arbeit an sich ist schön und gut, wichtig ist aber auch, sich in seinem Forschungsgebiet zu spezialisieren, viele Kontakte zu knüpfen und auch etwas herumzukommen. Insgesamt sollte man sich einfach für die Sache begeistern können, wenn man diesen Weg einschlagen will.

GeoZeit: Wie schauen sie in die Zukunft?
Kaiser: Selbst nach meiner Habilitation weiß ich nicht, ob ich einen Ruf bekomme und wie lange es dauert. Was mache ich, wenn nicht? Die ganze wissenschaftliche Laufbahn ist ein recht langer Weg. Man bekommt einfach nicht irgendeine „Lebensstelle“. Es ist alles befristet und die Anforderungen sind hoch. Du musst eben gut sein, um mitzuhalten, auch international. Diesen Druck hat man eigentlich die ganze Zeit.

GeoZeit: Hat man mit einem Titel vor dem Namen nicht immer gute Berufsaussichten?
Kaiser: Also ich denke, der Doktortitel öffnet natürlich viele Türen, aber er verschließt auch manche Türen. So wird man bei manchen Stellen direkt aussortiert – aufgrund von Überqualifizierung. Der Titel garantiert einem nicht unbedingt eine Stelle.

GeoZeit: Haben sie ein Traum-Forschungsthema?
Kaiser: Das Thema von dem jetzigen Projekt, also Naturgefahren oder auch Klimawandel, ist eigentlich genau das, was ich schon seit langem machen wollte. Das ist auch das Gebiet, in dem ich bleiben möchte. Ich kann mir schwer vorstellen, in einen anderen Bereich zu gehen. Aber generell will man natürlich immer weiter kommen. Weitere Projekte bearbeiten, mehr Wissen und Erfahrung bekommen.

GeoZeit: Vielen Dank!

 

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