„Was machen Sie denn hier?“

- eine kleine Homestory bei Herrn Zebrowski.

von Markus Brüggemann

"Sitzen ist eine Strafe," sagt Wilhelm Zebrowski. Zum Glück muss er das nicht mehr so oft, seit er nicht mehr am Geographischen Institut Hausmeister ist. Seit Anfang des Jahres ist er Rentner in Schönkirchen und hat eigentlich mehr zu tun als vorher. Haus und Garten können so viel Arbeit machen, wenn man sie nur lässt.

 

Das ehemalige Hausmeisterbüro im zweiten Stock des Instituts.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Bei Herrn Zebrowski zu Hause.

Herr Zebrowski besucht das Institut, klammernd: Bianca Willié.

Herr Zebrowski besucht das Institut, klammernd: Bianca Willié.

Herr Zebrowski besucht das Institut, von links: Michael Schultz, Karsten Krüger, Bianca Willié und Wilhelm Zebrowski.

Herr Zebrowski besucht das Institut.

Herr Zebrowski besucht das Institut, hinten von links: Karsten Krüger, Sabine Belea und Bianca Willié.

Herr Zebrowski besucht das Institut.

Wenn man bei Wilhelm Zebrowski auf den Hof kommt, muss man als Erstes alle vorhandenen Holzarten erraten. Damit könnte man auch den ganzen Tag verbringen, denn hier liegt mehr als bei manchem Sägewerk. Möbel-, Bau- und Brennholz in allen Längen und Durchmessern, gehobelt und ungehobelt, trocken und feucht. Es ist gerade halb acht durch und Herr Zebrowski kommt schon aus dem Garten. Er trägt Blaumann, kariertes Hemd und einen nicht mehr ganz so neuen Strohhut. So sieht sie aus, die hohe Kunst des würdevollen Ruhestands. Im Garten nimmt das Essbare mehr als die Hälfte der Fläche ein, das Quiz geht weiter bis er sagt "Stadtmensch, Sie haben ja keine Ahnung! Das sind Bohnen." Die Radieschen sind so gross wie Taubeneier, nur zahlreicher und ganz und gar öko. "Aber essen können Sie, oder?" sagt er.

Mit ihm hat das Institut seinen Kopf verloren. Dennoch wird er nie einen Platz in der Ahnengalerie im zweiten Stock erhalten. Das will er auch gar nicht, ist er doch aus ganz anderem Holz geschnitzt. Bis Anfang des Jahres war er der Hausmeister am Geographischen Institut und damit eigentlich die einzige echte Autorität. Er gehört zu der aussterbenden Spezies, die noch in der Lage ist, im Alleingang ein komplettes Haus hoch zu ziehen. Zumindest hat er das früher in den 70ern gemacht. Da war er von 1968 bis 1978 als Bautischler auf Montage im Großraum Hamburg. An den Wochenenden und im Urlaub hat er dann zu Hause einen Anbau errichtet, der größer ist als das Haupthaus.

Heute fallen die Projekte etwas kleiner aus. Seine Frau arbeitet tagsüber in der Kirche, lässt ihm aber stets Arbeit da. Ihre letzte Aufgabe beschäftigt ihn jetzt schon seit Wochen: Küche und Esszimmer sollten zusammengelegt und runderneuert werden. Bislang trennte eine tragende Wand die beiden Räume, die ist jetzt weg. Stattdessen hat Herr Zebrowski einen 2,50 Meter langen Stahlträger als Sturz eingezogen, wie immer alleine. "Das Iduna-Hochhaus am Rondell habe ich mit gebaut. Auf den Montagejobs konnte ich in alle Bereiche hineinschnuppern. Davon profitiere ich heute noch." Jetzt machen sich die über fünfzig Jahre harte Arbeit in den Knochen bemerkbar. "Es dauert alles ein wenig länger und manches wird auch langsam schmerzhaft."

Wilhelm Zebrowski ist gebürtiger Ostpreuße. 1942 im dortigen Osterode geboren, musste er 1946 mit der Familie flüchten. Sie liessen dort einen traditionsreichen landwirtschaftlichen Betrieb zurück. Er selbst kann sich jedoch weder an das Leben, noch an die Flucht erinnern. Nur sein Bruder, der drei Jahre älter ist, fährt noch immer dort hin, besucht den Ort ihrer Kindheit und betreibt Ahnenforschung. Wilhelm Zebrowski fühlt sich nicht verwurzelt in Ostpreußen. "Ich war einfach zu klein, um etwas von da mitzunehmen. Nur das mit der Landwirtschaft, das liegt in den Genen. Das hat mich immer begleitet, obwohl ich das nie aus erster Hand erlebt habe."

Davon zeugt auch sein Garten. Der hat Selbstversorgergröße, obwohl das Grundstück mit 1200 Quadratmetern eher durchschnittlich als üppig bemessen ist. Dicke Bohnen, Radieschen, Möhren, Erdbeeren, sogar Kartoffeln und Spargel baut er dort an. Das hat er schon immer getan, auch als er noch voll gearbeitet hat. "Früher hatte ich 100 Kaninchen im Stall, da habe ich 3000 Quadratmeter Land dazu gepachtet für Heu und Steckrüben als Winterfutter." Das hat er mit vielen Menschen seiner Herkunft und seiner Generation gemein. Sie versuchen bis heute, das bäuerliche Leben in den ehemaligen Ostgebiete zu imitieren. So gibt es hier mehrere Scheunen, Garagen, Carports und Abstellräume. Die braucht Wilhelm Zebrowski auch, denn auch bei den Baustoffen ist er weitgehend autark. Statt zum Baumarkt, fährt er lieber mit dem neuen Quad in den örtlichen Friedhofswald, zieht sich da einen ganzen Baum raus, spaltet ihn der Länge nach in dicke Bohlen und lässt die erstmal trocknen. Ist das Holz verwendbar, baut er daraus ein komplettes Gewächshaus und versieht es am Ende mit Sicherheitsglas aus der Heikendorfer Volksbank.

Sein offizielles Arbeitsleben begann 1958 als Lehrling bei der Tischlerei Baumann in Mönckeberg, da war er 16. Zehn Jahre hat er das da ausgehalten bis er den Montagejob für eine Kieler Baufirma antrat. "Da konnte man damals noch richtig viel Geld verdienen, die ganzen Überstunden und Montagezulagen waren noch nicht versteuert. Man musste dabei nur aufpassen, dass man nicht das Saufen anfing, aber dazu fehlte mir immer die Langeweile." Das Anhäufen von Freizeit als Gegenreaktion auf den Job war noch nie das Ding von Wilhelm Zebrowski, nicht einmal, wenn es sich anbot. Er hat schon immer Arbeit mit anderer Arbeit kompensiert. "Obwohl ich seit etwa 50 Jahren in Schleswig-Holstein lebe, bin ich zum Beispiel überhaupt kein Wassermensch. Das interessiert mich alles gar nicht, Strand und Meer, auch keine Segelboote. Ich kann ja nicht einmal schwimmen."

Im Geographischen Institut war er acht Jahre lang der Botschafter einer anderen Wertewelt, jemand ganz und gar von "da draußen", ein "Malocher". Das tat dem Laden gut und gab ihm Gelegenheit, sich ein paar Mal am Tag nicht zu ernst zu nehmen. Er selbst ist nicht der Typ Zurückblicker und Resumeezieher, dazu fehlt ihm die Muße. Anfang Mai hat sich Herr Zebrowski aber doch ein letztes Mal am Institut blicken lassen. Auf dem neuen Quad fuhr er bis ganz vors Gebäude. Das war seine Art zu sagen, "denkt nicht, dass ich mich langweile, ich habe jetzt was Neues."