BACHELOR beta

von Robin Pfaff

Die beta-Version der neuen Studiengänge ist im Testlauf. Der Bachelor ist am Geographischen Institut angekommen und mit ihm hat eine neue Studierenden-Generation Einzug gehalten. Aus Theorie wird Praxis. Alte Kammellen im maßgeschneiderten Korsett? Oder doch etwas ganz Neues? Der Geographengeist eingekeilt in der Euro-Norm? Oder die große Chance, endlich aufzuräumen? Jetzt zeigt sich, was läuft und an welchen Stellen nachgebessert werden muss. Die Reform geht in die zweite Runde. Eine Zwischenbilanz.
Bis zu 10 Prüfungen in einer Woche. Bücherstapel im Focus!

Die Befürchtungenwaren groß, in Deutschland und vieles davon hat sich bestätigt. Bundesweit gehen die Kritiker auf die Barrikaden; sie rügen vor allem die Umsetzung: eine enorme Arbeits-Belastung der Studenten und Dozenten, kein Platz für Auslandssemester und Praktika,  hohe Abbrecher-Quoten, keine Freiräume für autonome, geistige Entfaltung, Alltagsorganisation, Familie oder Ehrenamt. Auch werden Veranstaltungs-Formate wie Pflichtvorlesungen an den Pranger gestellt. Die Selbstorganisation wird abgeschafft. Fokussiert sich der geographische Blick zunehmend auf die auswendig zu lernenden Bücherstapel?

Janne Kaiser, Vorsitzende der Fachschaft Geographie, kennt die Probleme der Bachelor-Studierenden: „Wenn ich mir den Tagesablauf eines Zweifach- Bachelors anschaue, dann hat der noch nicht einmal Zeit für Sport, Zeit sich zu erholen, wenn er mal krank ist, oder sonstige Dinge.“ Auch die Wochenenden und Semesterferien seien voll mit Lernen und Vorbereiten.  Bei der Mobilitäts- und Äquivalenzfrage tritt das ganze Paradox zu Tage: „Du kannst mit einem Bachelor, den du in Flensburg gemacht hast, in Kiel nicht einfach auf Master studieren.“ Janne Kaiser muss schmunzeln und schüttelt den Kopf.

Was ist passiert? So hatten sich das die Urväter und -mütter der Idee sicher nicht vorgestellt, als sie sich 1999 in der italienischen Universitätsstadt Bologna trafen. Wie die Stadt, so heißt das vieldiskutierte Paradigma um das sich seither alles dreht. Das hehre Ziel: ein einheitlicher Europäischer Hochschulraum (EHR). Institutionelle Autonomie, akademische Freiheit, Chancengleichheit, Verbesserung der Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit sollten die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern.

Dann begann die Phase der Umsetzung. Die Uni Kiel jedoch war geduldig. Verspürte keine große Lust, sich den neuen Bedingungen anzupassen. Die Uni ein Modell- Phlegmatiker. Dann brach plötzlich die große Hektik aus. Viel zu übereilt, wurden die großen Gedanken in die vorhandenen Strukturen des alten Systems gequetscht. „Die Kultusministerkonferenz, das Ministerium und die Uni selber haben aus Bologna das gemacht, was es jetzt ist. Sie haben zum einen viel zu wenig und zum anderen viel zu viel geregelt.“, meint Janne Kaiser.

Semesterferien. Früher wurde die Welt erkundet, heute wird für die Nachprüfungen gebüffelt.

Jetzt sind die Umwälzungen der Bildungslandschaft in den Universitäten Deutschlands angekommen, und die Studenten bekommen die Schwächen in der Umsetzung zu spüren. Verena Kahl, Vorsitzende des Asta, ist empört: „Für mich ist das System viel zu weit gegangen! Versprechungen, die gegeben wurden, werden nicht erfüllt. Gerade in der Studierbarkeit muss noch extrem viel getan werden. “ Die Planung der neuen Studiengänge sei immer auf die lange Bank geschoben worden und musste zum Schluss im Hau-Ruck-Verfahren durchgezogen werden.

Und bei uns? Professor Duttmann, bis zum 30.06.08 Geschäftsführender Direktor des Geographischen Institutes, wirkt zufrieden optimistisch. „Wir haben ja jetzt eine fast zweisemestrige Beobachtungszeit hinter uns und nach anfänglichen Schwierigkeiten haben wir zunächst einmal die ganz großen Probleme überbrückt. Es bleibt jedoch noch viel zu tun.“. Der Bachelor ist ein Faktum. Seit dem Wintersemester 2007/08 werden am Institut nur noch Studierende für die neuen Studiengänge zugelassen. 2013 wird in Kiel auch der letzte Diplom- Geograph sein Zeugnis entgegen genommen haben. Jetzt geht es darum, das Beste daraus zu machen. „Wir optimieren ständig.“ sagt Professor Duttmann.

Nicht alles ist schlecht und vor allem nicht bei den Geographen. „Der Ablauf des Studiums ist für die Studenten überschaubarer, das System transparenter und nachvollziehbarer geworden.“ Professor Duttmann hofft auch, dass der Studienablauf gestrafft und eine kürzere Studienzeit hinbekommen werden kann. „Die bisherigen 12+ Semester realer Studienzeit sind einfach zu lang“.
Auch was die Fürsorge der Studierenden am Geographischen Institut angeht, liefe es sehr gut, betont Professor Corves, Leiter der Arbeitsgruppe GeoMedien. „Wir haben hier in den letzten Jahren viel Mühe reingesteckt, um eine möglichst gute Betreuung der Studierenden hinzubekommen. Und ich glaube, das läuft im Augenblick ziemlich gut, verglichen mit dem, was ich von anderen Hochschulen höre.“
  
Ein neuer Wind weht durch das Institut. Es riecht nach Veränderung und Bewegung. Noch nie wurde so intensiv über die Belange des Institutes diskutiert. „Die interne Kommunikation mit allen beteiligten Gruppen ist enger geworden.“, findet Herr Duttmann. Das zeigten auch die Gespräche im Beirat, wo von allen Seiten sehr konstruktiv gearbeitet werde. Auch die studentische Beteiligung ist so hoch, wie schon lange nicht mehr. „Wir haben inzwischen eine sehr gute Kommunikation zwischen Studenten und Lehrenden und sind gut in die Entscheidungsprozesse eingebunden“, berichtet Leo Schick, ebenfalls Vorsitzender der Fachschaft. „Die Definition von Studienzielen, Inhalten und Methoden muss unbedingt das Ergebnis einer bildungspolitischen Auseinandersetzung sein. Wir müssen daran arbeiten, dass der Prozess noch transparenter wird.“

Licht am Ende des Tunnels. Der Bachelor wird reformiert.

Der Wandelwille ist groß und es gibt viele, die nach vorne sehen. Das Institut ist bereit, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. An allen Ecken und Enden wird gewerkelt. Gemeinsame Projekte, wie die Erarbeitung des Gleichstellungskonzept zeigen: es wird zusammengearbeitet. Und es geht weiter; der Bachelor muss studierbarer gemacht werden: „Bei der Prüfungslast sind die Grenzen des Machbaren eindeutig erreicht! Es ist insgesamt die Frage der Prüfungshäufigkeit, die wir wahrscheinlich reduzieren müssen, um das Studium auch noch durchführbar zu halten.“, glaubt Professor Duttmann.

Auch sollten innerhalb des Studiums wieder mehr Freiräume geschaffen werden. Für Auslandssemester, Praktika, andere Fachgebiete, Reisen, …eben das, was einen Geographen auszeichnet. Aber auch für ehrenamtliche Tätigkeiten beim Asta, in den Fachschaft, den Hochschulgruppen, beim Campus-Radio. Leopold Schick ist besorgt: „Der Zyklus, den ein Student am Institut verbringt, verkürzt sich drastisch. Dadurch wird die studentische Mitbestimmung erheblich verringert, weil die Leute die Strukturen nicht so schnell durchblicken und nicht wissen, wo sie welchen Einfluss ausüben können.“ Eine Möglichkeit wäre, die Studienzeit des Bachelors auszudehnen: „Ich halte einen achtsemestrigen Bachelor  für sinnvoll, vor dem Hintergrund, dass wir in der jetzigen Struktur überhaupt keine Freiräume haben“, meint Professor Duttmann.

Ein zentraler Punkt, der in den Fokus gerückt werden muss, ist die Überarbeitung der Lehrformate. Im Beirat wurde hierzu ein Gremium ins Leben gerufen, das die Evaluation auswerten und neue, innovative Lehrformate diskutieren soll. „Bei den Lehrformaten muss unbedingt etwas geschehen, weil absehbar ist, dass die Seminare immer größer werden.“, befindet Janne Kaiser. Lehrformen, wie wir sie bis jetzt am Geographischen Institut hätten, mit relativ kleinen Kursen, seien nicht haltbar, wenn sich die finanzielle Lage der Universität nicht besserte. Professor Corves denkt grundsätzlicher: „Wir müssen die Struktur der Studiengänge und auch die Lehrformen modifizieren, damit die hohe Zahl der Studierenden nicht zu einer immer größeren Belastung für die Lehrenden wird. 800 Studierende bieten ein enormes kreatives Potential. Das müssen wir besser nutzen als bisher.“ Hierfür eignet sich die Einbindung der Studierenden in Forschungsprojekte sehr gut. Lehr-Forschungsprojekte, beispielsweise, böten  eine gute Möglichkeit, Studierende sehr viel stärker mit der Theorie, der Praxis und dem Handwerk vertraut zu machen, so Professor Duttmann.

Leider funktioniert nicht alles bottom-up. Für die zentralen Stellschrauben, Finanzierung und Zulassungsbeschränkung, halten Ministerium, Dekanat und Rektorat die Schraubenzieher in der Hand. Und ziehen sie immer fester. Ob das Geographische Institut die Zerreißprobe zwischen guter Lehre und guter Forschung bei zunehmenden Studentenzahlen und weniger Lehrkapazitäten besteht, hängt vor allem von der Finanzierungs-Bereitschaft der Regierung, sowie dem fakultätsinternen Vergabeverfahren des Rektorates ab. Wird Bologna gewollt, müssen auch die finanziellen Konsequenzen gezogen werden. Auch geht es nicht ohne die Einbindung aller Beteiligten in die Entwicklungsprozesse. Vorgaben sollten dringend mit dem Institut abgesprochen werden. An einen Tisch, also!
Herr Minister, sprechen Sie mit uns? Sehr geehrte Akkreditierungskommission, dürfen wir leben?

Weitere Informationen:

Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bologna Prozess

http://www.bmbf.de/de/3336.php

 

Dachverband von Studierendenvertretungen in Deutschland

http://www.fzs.de