"Ein bisschen Exot ist man schon"

Interview mit der Professorin für Fernerkundung Natascha Oppelt

von Coya Koller

Eine Neue ist am Geographischen Institut. Aus dem südlichsten Zipfel Deutschlands hat es Professorin Natascha Oppelt nach Kiel verschlagen. Dabei übernimmt sie nicht nur die Stelle von Professor Ralf Ludwig im Bereich der Fernerkundung, sondern wird auch frischen Wind in den Bereich der physischen Geographie des Instituts bringen. Wir haben mit ihr darüber geredet, was sie hier anders machen möchte. Doch auch ihre Erfahrungen als weibliche Lehrkraft sind sehr interessant. Denn nicht nur in Kiel ist sie eine habilitierte Frau von wenigen.
Im Interview mit Frau Oppelt
Professorin für Fernerkundung Natascha Oppelt

Natascha Oppelt ist die erste weibliche Professorin im physischen Bereich des Geographischen Instituts in Kiel. Sie wurde 1970 in München geboren. Nach einem kurzen Umweg über die Agrarwissenschaft hat Frau Oppelt physische Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert. Nach ihrer Promotion 2002, habilitierte sie im Juli 2008 mit 38 Jahren.

GeoZeit: Seit wann interessieren Sie sich für die Geographie?
Natascha Oppelt: Ein Interesse an der Geographie war schon in der Schule da, wobei in der Schule Erdkunde, na ja (Oppelt grinst). Ich hatte Erdkunde als Leistungskurs und ließ mich beim Abitur außerdem in Mathe und Physik prüfen. Dass ein Erdkundeleistungskurs entstehen konnte, war nur durch einen Diplom-Geographen möglich. Der hat mir dann ein bisschen die Weichen in die heutige Richtung gestellt. Das Studium habe ich dann mit den Nebenfächern Geophysik und Fernerkundung abgeschlossen.

GeoZeit: Sie haben im Juli 2008 habilitiert und das in sehr jungen Jahren. Welche Hürden mussten Sie dafür nehmen?
Oppelt: Es gab schon Momente, wo ich dachte, dass ist ja alles Schmarren. Als Frau hat man eh keine Chance. Diese Weltuntergangsstimmung kommt ja manchmal. (Oppelt lacht) Denn Frauen sind schon sehr soziale Wesen, die mehr auf den Background angewiesen sind als Männer. Das macht sie anfälliger. Ein Mann hingegen zieht es im Endeffekt strikter durch. Doch meine Familie und meine Freunde standen hinter mir. Das war für mich sehr wichtig, die haben mich durch die Durstphasen geboxt. Auf meine Habilitation war ich dann richtig stolz, vor allem bei der Abschlusspräsentation. Man kann sagen, dass die Geowissenschaften in München ein Herrenverein mit zum Teil knallharten Jungs sind. Bei der Thesenpräsentation war ich aufgefordert auch zu provozieren, um  eine richtige Diskussion aufkommen zu lassen. Dabei ging es unter anderem um die Genderproblematik. So hatte ich schon Muffensausen, dass es eine Retourkutsche geben könnte. Doch mit dem Ruf nach Kiel in der Tasche, konnte ich mir freien Lauf lassen. Das habe ich sehr genossen. Die anderen anwesenden Frauen waren auch sichtlich begeistert.

GeoZeit: Mit der Habilitation ist auch ein Ortswechsel verbunden, weshalb Sie nach Kiel gekommen sind. Wie fühlen Sie sich dabei, von den Bergen in die platte Landschaft des Nordens zu kommen?
Oppelt: Das ist hier schon ein richtiges Kontrastprogramm für mich. Eigentlich gehe ich gern Wandern und Bergsteigen. Und das Wetter macht einem auch zu schaffen, weil es einfach viel regnet und es viel früher dunkel wird. Ich hoffe ja auf den Sommer. Außerdem kenne ich hier noch nicht die Strukturen und Traditionen. Doch als Neue kommt mir da sicher zu Anfang eine gewisse Narrenfreiheit zu Gute. (Oppelt grinst) So werde ich einfach mal schauen, wie es mir gefällt und das möglichst vorurteilsfrei.

GeoZeit: Sie sind der erste weibliche Professor der physischen Geographie in Kiel. Wie erklären Sie sich diese Männerdominanz?
Oppelt: Es wundert mich immer wieder, dass es in der Wirtschafts- und Sozialgeographie deutlich mehr Frauen gibt. In der physischen Geographie ist hingegen Ebbe. Vielleicht hat das mit dem Wort „physisch“ zu tun, vor dem so manche Angst hat. Bei der Promotion war es in München noch ausgeglichen. Doch wenn es um die Habilitation geht, wird die deutlich männerdominierter.
Mit der Habilitation ist mindestens ein Wechsel des Wohnortes verbunden. Dadurch ist der Partner auch von der Entscheidung betroffen. Entweder wird gemeinsam umgezogen oder man pendelt, so wie ich. Alle meine männlichen Kollegen haben auch eine eigene Familie. Frauen gehen anscheinend leichter irgendwohin mit. Wenn aber ein Mann das mitträgt, ist der gleich ein kleiner Hero. Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren mit meinem Lebensgefährten zusammen. Er ist Physiker und arbeitet bei Siemens. Erst wenn er hier eine Stellenzusage hat, könnte er nachkommen. Alle fragen meinen Mann, wie es ihm dabei gehe und nicht mich. Bei der Frau ist es normal, dass sie mit ihrem Mann mitgeht. Da muss sich schon die Gesellschaft an die Nase fassen, warum es Frauen so schwer fällt.

GeoZeit: Wie sind Ihre Erfahrungen bei der Arbeit als Frau?
Oppelt: Ich bin es gewohnt, bei der Arbeit eine Frau von wenigen zu sein. Ein bisschen Exot ist man da schon. Und für die Kollegen ist es eine Umstellung. Zuvor handelte es sich um eine Herrenrunde und plötzlich sitzt eine Frau dazwischen. Die kocht doch sonst den Kaffee und schippert die Brötchen rein. Ganz am Anfang war das ein wenig Leistungsdruck. Wenn man neu in die Runde kommt und was sagt, hofft man ernst genommen zu werden. Doch das muss einem einfach wurscht sein. Auch wenn man dabei ein dickes Fell entwickeln muss. Dieser Lernprozess fällt beiden Seiten ähnlich schwer. In Kiel wurde ich herzlich aufgenommen. Hier ist es sehr angenehm, muss ich wirklich sagen.

GeoZeit: Welche Forschungsschwerpunkte haben Sie sich gesetzt?
Oppelt: Im Rahmen meiner Habilitation habe ich mich mit dem Einsatz von Fernerkundungsdaten zur Optimierung eines Pflanzenwachstumsmodells beschäftigt. Der genaue Titel war "Gekoppelte Analyse des Chlorophyll-und Wassergehaltes von Vegetation mit Hilfe von hyperspektraler bidirektionaler Fernerkundung". So möchte ich in dem Gebiet der Kopplung von Fernerkundung mit hydrologischer Modellierung und Pflanzenwachstumsmodellierung weiter forschen. Konkrete Projekte dazu gibt es noch nicht, das ist alles erst in der Planungsphase.

GeoZeit: Was erwartet die Studenten in ihren Lehrveranstaltungen und welche inhaltlichen Akzente wollen Sie setzen?
Oppelt: Ich versuche in meinen Lehrveranstaltungen das Interesse gerade an den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Fernerkundung in beinahe allen Bereichen der Geographie zu wecken. Das ist manchmal schwer, da die dafür nötigen Grundlagen doch physikalischer und technischer Natur sind. Damit  tut sich so mancher Geographie-Student schwer. Im Bezug auf Exkursionen bin ich jetzt in der sehr komfortablen Situation, die Exkursionsziele selbst zu bestimmen. Neben einem alpinen Schwerpunkt strebe ich Neuseeland an. Dabei möchte ich den wissenschaftlichen Austausch vorantreiben. Das würde mir viel Spaß machen. Gerade im Bereich des Umweltmanagements und aus Sicht der physischen Geographie gibt es vieles zu entdecken.

GeoZeit: Wie stellen Sie sich ihr Leben nach der Uni vor?
Oppelt: Ganz ehrlich, da sehe ich mich in Neuseeland auf einer kleinen Farm mit Hund, Katze, Maus, Pferd und vielleicht ein paar Schafen. Diesen Traum, den Lebensabend wo anders zu verbringen, haben mein Lebensgefährte und ich gemeinsam. Ich habe dort schon eine Zeit lang gearbeitet. In Neuseeland heißen sie ausländische Wissenschaftler sehr herzlich willkommen. Neben der Arbeit haben in Neuseeland Themen wie Freizeit und Familie einen sehr hohen Stellenwert. Deutlich mehr als in Deutschland, das imponiert mir!

GeoZeit: Vielen Dank für das Gespräch.