Der Geograph bei Hunger und Durst
Arbeit ist das beste Mittel, um das Warten auf ein Wunder abzukürzen.
von Jan-Niklas Bamler
Norbert Lenz, 51, heute stolzer Betreiber des „Hunger und Durst“-Imbisses und ehemaliger Geograph musste sich schon immer durchbeißen. Heute gilt dies auch für die Unmassen an Gästen, die Norberts legendäre „Mega-Burger“ vorzugsweise nach ausgiebigen Discobesuchen verschlingen. Dass Norbert heute jedoch wieder auf eigenen Füßen steht, ist nicht zuletzt seinem Studium zu verdanken, durch das er so manche Durststrecke überwinden konnte.

- Das Hunger und Durst: Treffpunkt für Gott und die Welt, vornehmlich von 21 bis 6 Uhr.
„Nobbi“, wie er von Freunden genannt wird, muss heute mal nicht ran. In der Wilhelminenstraße, am Rande der Kieler Partymeile, kehrt fast jede Nacht das wahre Leben bei „Hunger und Durst“ ein. Von nachts um eins bis morgens um sieben brummen die 15 m2 des schlichten aber herzlichen Ladens. „Die starken Tage sind die, an denen ich ran muss, also Mittwoch bis Samstag von acht bis höchstens neun Uhr morgens“, sagt Norbert, als er am Sonntagabend die verdiente Ruhe nach dem Sturm bei Zigarette und Bier genießt.
„Vom Asozialen bis zum Yuppie aus dem Schauspielhaus, hier findest du Alles“, erzählt der erschöpfte Halbglatzkopf mit lakonischer Gewissheit. Nebenan sitzen schon die ersten imbisstypischen Stammgäste bei versteinerter Miene vor dem abendlichen Bier mit dem Spielautomaten. Ein Freund aus alten Zeiten ist heute Abend da. Also gibt es erst einmal eine kleine Runde, „direkt eiskalt aus der Schnapskühlung“. Norberts freundlicher aber genauer Blick hinter der ovalen Brille durchschweift den Laden. Alles im Lot! Na dann: „Prost!"

- Auch wenn heute schon die zweite Generationen den Imbiss bewirtschaftet, seine freien Abenden verbringt Norbert (51) immer noch gerne mit seinen Stammgästen im Lokal.
Je später der Abend, desto einfacher die Welt im „Hunger und Durst“, wenn zu Herzschmerz erfüllter Schunkel-Musik die aktuellen Fußballergebnisse über den Fernseher flimmern und die Ergebnisse mit den Quittungen des nahe gelegenen Wettbüros verglichen werden. Bald wird der letzte Schub Nachtschwärmer zu Norbert kommen.
Der Vater von 6 Kindern hatte schon immer ein Händchen für Geschäfte. 1980 machte er sich aus Hamburg auf den Weg nach Kiel, um zu studieren und um dem elterlichen Haus zu entfliehen. Zunächst verdiente er sich sein Geld nebenbei mit seinem Hobby- als Surflehrer. „Das gab gutes Geld und das BAföG hat eh nie gereicht. Ansonsten hatten wir schon unseren Spaß damals…mit Geographen kannst ja nicht viel falsch machen“, resümiert Norbert heute verschmitzt lächelnd.
Vielleicht ist es neben dem guten Essen auch diese sympathische Einfachheit, die die Gäste im Laufe des Abends noch ins „Hunger und Durst“ ziehen wird. Norbert, ganz Herr der Lage, ist in seinem Element, aber man sollte über diesen Mann nicht vorschnell urteilen.
Geographie belebt das Geschäft?
Hinter der simplen Fassade eines Imbissbesitzers steckt ein Stehaufmännchen, dass weit davon entfernt ist, auf den Kopf gefallen zu sein. Als mitten im Studium Frau und zwei Kinder hinzukamen, hatte Norbert sein Hobby bereits zum Beruf gemacht und betrieb in Kiel einen Surfladen. Durch sein Geographiestudium hatte er schon im Bereich der Marktforschung Erfahrungen gesammelt und verdiente sich so noch ein Zubrot.
Die Geschäfte liefen so gut, dass er 1993 expandierte. „Der Laden lief super und die Aussichten mit dem Studium waren damals einfach nicht so gut“. Kurz vor dem Abschluss schmiss Norbert die Uni und konzentrierte sich auf sein Unternehmen. Nebenbei kämpfte der Selfmademan erfolgreich bei Marathonläufen in Hamburg und Kopenhagen.
Der Imbiss „Aurette“ und später die Kneipe „Cheers“ kamen hinzu. Die Geschäfte liefen bestens, bis ihn 1998 gleich mehrere Schicksalsschläge ereilten. Zu einem schweren Hüftschaden kam die Trennung von seiner Frau. Als alle Geschäfte nach der Scheidung an seine Frau übergingen, verlor Norbert den Boden unter den Füßen, wurde arbeits- und obdachlos. „Ich war ein richtiger Sozialfall“, seufzt Norbert.
In den schwersten Tagen seines Lebens besann sich Norbert seiner Zeit im Studium. Er zog sich mit Hilfe von Meinungs- und Marktforschung wieder aus dem Schlamassel und forschte für Infratest und die Gesellschaft für Konsumforschung. So schaffte er es, wieder soweit auf die Beine zu kommen, dass er 2004 seine Chance ergriff und erneut einen Imbiss an der Kieler Bergstraße eröffnete.
Ende gut, alles gut

- Durchbeißen! Offensichtlich schmeckt den Gästen im Hunger und Durst der Mitternachtssnack.
„Nach vier Jahren hab ich den Laden nun da, wo ich ihn haben wollte. Es ist alles eine Frage des Standortes, guter Preise, Kundenbindung und nicht zuletzt von gutem Essen“, analysiert Norbert und schaut zu seinem einundzwanzigjährigen Sohn „Basti“. Sebastian, 21, ist ebenfalls hauptberuflich mit dem Zubereiten der Burger beschäftigt. Heute leitet er mit seinem Vater den Laden. Direkt darüber wohnt Norbert heute mit seiner neuen Partnerin. Fünf Menschen bietet er mittlerweile einen Arbeitsplatz, um die bis zu 500 Gäste am Abend zu versorgen und sich selbst auch einmal eine Auszeit zu gönnen.
Am Eingang des „Hunger und Durst“ erinnern heute wohl nur noch die verschiedenen Landesflaggen an vergangene Zeiten in der Geographie. Norbert jedoch versprüht auch nach dreieinhalb Jahren ohne Urlaub auf seine Weise noch den Hauch von Pioniergeist und Durchhaltevermögen, den man gerne für sich als Geograph in Anspruch nehmen möchte. Wichtig ist heute wohl nur noch, dass Norbert für sich und die, die seine Welt ausmachen, wieder Verantwortung übernommen hat.
„Was anderes machen?“, wiederholt Norbert nach einer kurzen Pause und macht sich langsam auf den Weg nach oben, bevor die Freundin noch länger warten muss. „Ne… das kann ich mir nicht vorstellen!“
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