Endstation Hoffnung – Der lange Weg zum Referendariat
von Martin Phillip Ullmann
„Werden Sie Lehrer, denn die werden zukünftig dringend gebraucht.“ Einen solchen Satz hat wohl jeder Abiturient während seiner Schulzeit gehört. Und statistisch gesehen stimmt er auch. Etwa 31 Prozent der Lehrer an den allgemeinbildenden Schulen haben das 55. Lebensjahr überschritten und werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen. Kriegt somit jeder Lehramtsstudent die Chance sofort in seinen Traumberuf einzusteigen?

- Aufgrund des aktuellen Lehrermangels bleiben an vielen Schulen die Planstellen unbesetzt.
Jeden Morgen macht sich Aurelie S. auf den Weg zur Arbeit. Die 26-jährige hat Geographie und Deutsch auf Lehramt Realschule studiert und legte 2007 ihr erstes Staatsexamen an der CAU ab. Und nun arbeitet sie als Lehrerin. Alles perfekt gelaufen, oder? Nicht ganz, denn zum einen ist die Anstellung nur befristet und zum anderen hat Aurelie S. ihre Ausbildung noch nicht beendet. Wie viele andere Erstexaminierte wartet auch sie noch immer darauf, einen der begehrten Referendariatsplätze zu ergattern.
Doch die Chancen hierfür sind eher gering. So wurden zum ersten Einstellungstermin in diesem Jahr 348 Nachwuchslehrer zum Referendariat zugelassen. Ihnen gegenüber standen bereits 301 Bewerbungen mit Wartezeit. Hinzu kamen neben den Lehrämtlern, die gerade ihr Studium angeschlossen hatten, auch zusätzliche Bewerber aus anderen Bundesländern, EU-Ausländern sowie Quereinsteiger. Dementsprechend wuchs der Bewerberpool weiter an. Wer da kein Mangelfach, das an den Schulen zurzeit am dringendsten gebraucht wird, studiert hat und einen "sehr guten" Abschluss gemacht hat, für den heißt es im Regelfall warten.
„Lehramtsanwärter gelangen selbst mit sehr guten Noten nicht in den Vorbereitungsdienst“, kritisiert Ekkehard Klug FDP-Bildungsexperte die aktuelle Lage der erstexaminierten Lehrämtler. Doch wer aus diesen Zahlen ein Indiz für einen sinkendenden Lehrerbedarf an den schleswig-holsteinischen Schulen ableitet, der irrt sich. Denn während die Bewerberzahlen weiter steigen, herrscht an den meisten Schulen Personalmangel. „Wir befinden uns im Bereich der Lehrerausbildung in einem Schweinezyklus. Im letzten Jahrzehnt wurden deutlich zu viele Lehrer ausgebildet und nun wieder zu wenige. Das ist eine klar verfehlte Bildungspolitik“, beschreibt Bernd Schauer der schleswig-holsteinische Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft die aktuelle Situation.
Ähnlich bewertet dies auch der Leiter der Abteilung Didaktik der Geographie Professor Dr. Wilfried Hoppe: „Leider erhalten zu viele der jungen Kolleginnen und Kollegen in Schleswig-Holstein nicht die Chance den Berufsstart hinzubekommen, weil es einfach zu wenige Plätze im Vorbereitungsdienst gibt.“ Doch trotz dieser Problematik hat das Ministerium für Bildung und Frauen (MBF) die Anzahl der Ausbildungsplätze nicht erhöht. „Das Referendariat wird somit zum Nadelöhr für den Lehrernachwuchs“, meint hierzu Ekkehard Kluge.

- Das Ministerium für Bildung und Frauen macht schön Wetter. Ab dem nächsten Einstellungstermin soll die Zahl der Referendariatsplätze steigen.
Stattdessen versuchen die Schulämter die offenen Stellen an den Schulen mit erstexaminierte Lehrkräften wie Aurelie S. zu besetzen. „Ich habe die Stelle angenommen, weil ich durch die Arbeit an der Schule wertvolle Erfahrungen für mein späteres Berufsleben sammeln kann und sich gleichzeitig meine Chancen auf eine schnelle Zuweisung eines Referendariatsplatzes verbessern. Zudem erhalte ich dadurch die Möglichkeit, den Vorbereitungsdienst zu verkürzen“, begründet sie ihre Entscheidung.
Für Bernd Schauer ist diese Einstellungspraxis der Schulämter allerdings ein Dorn im Auge. „Die Erstexaminierten verfügen kaum über praktische Erfahrungen. Trotzdem sollen sie völlig selbstständig lehren, bevor sie dann im Referendariat gezeigt bekommen, wie man es richtig macht.“ Doch was bleibt vielen examinierten Lehrämtlern übrig? Sicher gibt es für Universitätsabsolventen auch andere Möglichkeiten im Berufsleben Fuß zu fassen. Sollten die Erstexaminierten jedoch auf staatliche Transferleistungen wie Hartz IV angewiesen sein, trennt sich die Spreu vom Weizen.
Während die angehenden Gymnasiallehrer nach ihrem Studium eine abgeschlossene Ausbildung aufweisen können, besitzen die übrigen Lehrämtler in den Augen der Bundesagentur für Arbeit lediglich einen Schulabschluss, ein Unterschied, der imensen Einfluss auf die Höhe der staatlichen Beihilfe hat. Und so häufen sich in Internetforen die Einträge, in denen um die Mithilfe bei der Suche nach einer Vertretungslehrerstelle gebeten wird. Ein weiteres Problem für die wartenden Erstexaminierten stellt der demographische Wandel in Schleswig-Holstein dar.
Laut Aussage von Statistik Nord, sank die Schülerzahl im Schuljahr 2008/09 um 1,5 Prozent. Am stärksten waren hierbei die Hauptschulen und die Realschulen betroffen. Allerdings spielen diese beiden Schulformen in der zukünftigen Bildungslandschaft keine Rolle mehr. Sie werden durch die Regionalschule ersetzt. „Die demographische Entwicklung macht den Aufbau der Regionalschulen notwendig. Und unter bestimmten Rahmenbedingungen kann dort auch vernünftige Arbeit geleistet werden“, erklärt Wilfried Hoppe.

- Aurelie S. freut sich. Sie ist in diesem Jahr wieder ein paar Plätze in der Warteschlange nach vorne gerückt.
Zu diesen Rahmenbedingungen gehören seines Erachtens kleinere Klassen und eine bessere Betreuung der Schüler. Allerdings würde dies eine höhere Anzahl von Lehrkräften voraussetzen, die sich aber nur durch den Ausbau der Referendariatsplätze realisieren ließe. Dies ist aber bis dato nicht passiert und weder das Ministerium für Bildung und Frauen noch das IQSH, das für die Lehrerausbildung in Schleswig-Holstein zuständig ist, waren diesbezüglich zu einer Stellungnahme bereit.
„Das größte Problem ist, dass Veränderungen im Bildungssystem auf dem Rücken junger Leute durchgeführt werden, die viel Zeit und Engagement in ihr Studium investiert haben, um in ihrem Leben eine bestimmte Perspektive zu haben“, kommentiert Wilfried Hoppe die Lage, „Hier würde ich mir eine bessere Abstimmung in der Bildungspolitik wünschen“. Trotzdem reißt der Run auf das Lehramtsstudium nicht ab. Auf die 55 Plätze des 2-Fach-Bachelors of Education am Geographischen Institut der CAU kam zu Beispiel im Sommersemester 2009 eine dreistellige Zahl von Bewerbern.
Doch trotz des Ansturms auf das Lehramtsstudium werden sich die Plätze in naherer Zukunft nur unwesentlich erhöhen. Im schleswig-holsteinischen Doppel-haushalt für 2009/10 sind lediglich 40 neue Referendariatsplätze vorgesehen. Und so wird es vielen wie Aurelie S. ergehen. Sie hat schon wieder einen Ablehungsbescheid bekommen. „Ich steh jetzt an siebter Stelle auf der Warteliste. Wahrscheinlich bekomme ich das nächste Mal einen Referendariatsplatz", hofft sie.







