Hörnopoly
Nicole Heinisch hat ihr erstes Grundstück verkauft
von Markus Brüggemann
An der Hörn drehen sich Ost- und Westufer die Rücken zu, um sich gemeinsam vom Wasser abzuwenden. Seit Jahrzehnten schaut die Stadt Kiel in ihrer Mitte auf eine über 25 Hektar große Brache. Schmidbau und Hörn-Campus an ihren Aussenflanken waren Pioniere aus der Zeit der IT-Spekulationsblase und hatten einen entsprechend schwierigen Start. Das gab dem prestigeträchtigen Vorhaben einen leicht problematischen Beiwert und bremste einige Hoffnungen aus. Mit dem offiziellen Spatenstich am "Baufeld X" im Mai ist diese Ära nunmehr beendet. In einem Team der Kieler Wirtschaftsförderung hat die Geographin Nicole Heinisch das Projekt von Anfang an als Entwicklerin begleitet.


Dipl. Geogr. Nicole Heinisch betreut für die KiWi die Kommunikation zwischen Investor, Bauträger und Projektleiter.


Der Hörn-Campus war einer der Pionierbauten bei der Hafenrevitalisierung der Hörn. 2001 gebaut, ist er mittlerweile komplett vermietet.


Der Schmidbau am Germaniahafen ist der zweite Pionierbau an der Hörn. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist auch er mittlerweile komplett vermietet.


Blick vom Schmidbau über Germaniahafen und zukünftiger Kai-City auf Halle 400 (rechts) und Hörn-Campus (links).


Blick in nördlicher Richtung auf den Schmidbau, im Vordergrund die Straße Stemmer und Baufeld VIII, links das Willy-Brand-Ufer, im Rücken Baufeld X.


Dipl. Geogr. Nicole Heinisch bei der Begehung von Baufeld X im Mai 2008. Kurze Zeit später erfolgte der offizielle Spatenstich, im Dezember 2009 soll das Gebäude stehen.
An solchen Aufgaben sind schon andere Städte gescheitert: Dort, wo Hafen- und Werftflächen brach fallen, entstehen riesige Freiflächen. Die liegen oftmals genau da, wo es am schönsten sein könnte: immer am Wasser und meistens mitten in der Stadt. Ein solches Projekt weckt viele Wünsche und Begehrlichkeiten, genießt öffentliches Interesse, hat somit politisches Schwergewicht, kollidiert dabei mit der Länge der Legislaturperioden und soll dennoch in Form und Funktion eine ganze Stadt neu erfinden. Dass die Umsetzung erst sehr lange dauert, dann aber funktionieren kann, sieht man an den Londoner Docklands und hofft man in der Hamburger Hafencity.
Die neuen Stadtteile müssen alles können: Verbinder sein zwischen benachbarten Stadtteilen oder zwischen einem Stadtteil und dem Wasser, sie müssen meistens ufernahe Straßen und Eisenbahnlinien verstecken, sollen viele Gewerbeeinnahmen bringen, dürfen gleichzeitig aber nachts nicht aussterben und sollen bestenfalls noch Hafen- und Werfthistorie zitieren. Das alles soll die Kay-City Kiel natürlich auch irgendwann können. Besondere Brisanz enthält hier die Verbinder-, oder besser Scharnierfunktion zwischen Gaarden und der Innenstadt. Missglückt das Vorhaben, bleibt Kiel weiter auf ganzer Länge eine in Ost und West geteilte Stadt.
Es geht aber nicht nur um stadtplanerische Philosophien. Da sind natürlich auch Akteure, die Geld verdienen wollen. So entstehen mehrere Lager mit multiplen Wünschen und Ideen, deren Schnittmenge eher klein ausfällt. Dann müssen Kompromisse ausgearbeitet und Interessen nivelliert werden.Das ist in etwa so kompliziert wie der ganze Prozess an sich und erfordert sehr viele Gespräche. Im Falle des "Baufeld X" hat Nicole Heinisch dafür gesorgt, dass diese Gespräche stattfanden, dass sie wieder aufgenommen wurden, wenn es mal stockte und dass dabei später Brauchbares entstanden ist. Sie tat und tut das als Projektentwicklerin für die KiWi, der Kieler Wirtschaftsförderungs- und Strukturentwicklungs GmbH.
Es gibt in einem Prozess dieser Art grundsätzlich fünf Akteure, wobei jeder für sich seine Aufgaben oft sehr unterschiedlich wahrnimmt. Auch die Anzahl der Beteiligten kann stark mit dem Projektvolumen variieren. Stark vereinfacht gibt es also ...
1. ... den Investor. Der möchte viel Geld investieren, um nachher mehr Geld zurück zu bekommen
2. .... den Bauträger. Er regelt den Grundstückskauf, evtl. die Erschließung, instruiert die Architekten, holt entsprechende Genehmigungen ein und organisiert den eigentlichen Bau. Dabei verdient er natürlich auch Geld.
3. ... den Projektentwickler. Der ruft beispielsweise bei Nicole Heinisch in der KiWi an und holt Erkundigungen über etwaige Grundstücke und städtebauliche Rahmenbedingungen ein, er nimmt also den Kontakt zum Grundstücksbesitzer, bzw. -verwalter auf.
4. ... die KiWi und Nicole Heinisch. Nicole Heinisch und die KiWi als ihr Arbeitgeber sind im Auftrag der Stadt Kiel die Vermarkter aller Gewerbegrundstücke, also auch von "Baufeld X". Vermarkter fungieren als Drehscheibe für die restlichen vier Akteure, informieren, werben und sorgen dafür, dass Kontakte entstehen und halten.
5. ... die Stadt Kiel. Sie ist der Besitzer des Grundstücks, hat dezidierte städtebauliche Vorstellungen und will, dass "Baufeld X" entsprechend dieser Vorgaben bebaut wird.
Nicole Heinisch ist gebürtige Münchnerin, ist aber doch über die Jahre im hohen Norden heimisch geworden. Während ihres Geographiestudiums konnte sie sich größtenteils mit fachnahen Jobs unterhalten. Über partnerschaftliche Projekte des Geographischen Instituts mit der Stadt und dem Hiwijob bei der LEG Entwicklung GmbH war es ihr möglich, sich in etwa auf das vorzubereiten, was jetzt von ihr verlangt wird. "Diese Erfahrung war nachher ein Großteil der Qualifikation. Ich hatte dann bei der KiWi kaum Probleme, die Sprache der Projekt-Beteiligten zu sprechen. Das war sehr hilfreich und der Praxisschock hielt sich so einigermaßen in Grenzen."
Dennoch brauchte auch sie Zeit, um in die Aufgaben hineinzuwachsen. "Man trifft meistens auf Profis, die genau wissen, was sie wollen. Da kann es schnell passieren, dass sich hier und da die Fronten etwas verhärten. Dabei lernt man schnell, sich einerseits zu behaupten, andererseits aber auch zurück zu stecken, wenn es um das Ganze geht." Auch wenn man in Kiel meint, es gäbe fast nur Geographiestudenten, ist es natürlich eben doch keine Massendisziplin wie Jura oder Betriebswirtschaftslehre, zumindest noch nicht. Allerdings zeigen sich in einigen Berufszweigen neuerdings überraschende Vorzüge: man ist zahlreich, aber man kennt sich trotzdem. So stehen hinter den Profis auch immer öfter Geographen, die ihrerseits zu Profis werden. „Viele von denen kenne ich noch aus dem Studium, zumindest vom Sehen. So versteht man sich schon mal per se besser, findet schnell zueinander. Da ist aus den vielen Bekanntschaften aus dem Studium tatsächlich etwas wie ein Netzwerk geworden,“ sagt Nicole Heinisch.
Was sich liest wie ein Omen, ist lediglich seine lateinische Nummerierung. "Baufeld X" hat Anfang März den Besitzer gewechselt und ist damit das am weitesten definierte in der gesamten Kai-City. Es ist damit das Pilotprojekt für alles, was noch kommen soll. Nordwestlich der Halle 400, im Dreieck „Antipper“, „Willy-Brand-Ufer“ und „An Der Halle 400“ (siehe Bild 9 in der Fotostrecke) soll hier ein siebengeschossiges Bürogebäude mit rund 6600 Quadratmetern Fläche entstehen. Wenn es fertig ist, wird es dem Sellspeicher am Wall ähneln. Im Erdgeschoss verlaufen dann die Germania-Arkaden, eine überdachte Promenade. Sie wird Cafes und Shops beherbergen, in den oberen Stockwerken werden Büros untergebracht.
In Schleswig-Holstein ist die Kay-City das wahrscheinlich bedeutendste Stadtentwicklungsprojekt. Wer hier mitwirkt, kann nachher sehen, was er geleistet hat. Dennoch lässt sich Nicole Heinisch kaum Euphorisches entlocken. Seit ihrem Diplom vor vier Jahren und einigen Sprüngen ins kalte Wasser ist auch sie ganz Profi geworden. „Etwas Derartiges anzuschieben und später zu sehen, dass dort gebaggert wird, ist natürlich befriedigend. Ich sehe das aber eigentlich nicht als persönlichen Verdienst, viel eher als gelungene Teamleistung innerhalb der KiWi und der restlichen Akteure. Vielleicht wird das persönlicher, wenn das Gebäude fertig ist und man es betreten und berühren kann,“ sagt sie.

















