Landrover, Lodges, Longdrinks
Oder: Was macht Steffen Becker eigentlich wirklich in Südafrika?
von Arne Kobarg
Steffen Becker hat an der CAU in Kiel Geographie studiert. Er war auch schon während seines Studiums öfter in Afrika, z. B. in Ghana. Also hat Steffen auch sein Diplom 2007 bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Südafrika gemacht. Danach wurde er dort vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED) für den Bereich Wirkungsmonitoring übernommen. Und weil er nicht nur über Land fährt, um große Tiere zu fotografieren, soll ihm in einem Interview Gelegenheit gegeben werden, seinen Weg von Kiel nach Südafrika und seine Tätigkeiten dort zu schildern.
GeoZeit: Wo steckst du gerade?
Steffen Becker: Ich bin momentan Entwicklungshelfer beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Pretoria/Südafrika. Ich bin Berater für Planung, Monitoring und Evaluierung (PM&E) von Entwicklungsmaßnahmen, in die der DED involviert ist, und betreue alle Partnerländer im südlichen Afrika. Meine Hauptaufgabe ist die Implementierung des neuen PM&E Verfahrens des DED sowohl bei den verschiedenen Partnerorganisationen als auch beim DED selbst.
GeoZeit: Beschreib dein aktuelles Projekt doch einmal genauer.
Becker: Konkret sieht meine Arbeit folgendermaßen aus: Eine südafrikanische Partnerorganisation (PO) kontaktiert unser Büro und bittet um Unterstützung und braucht einen Helfer. Dann beginnen wir mit der Planung. Wir besuchen die Partnerorganisation, führen erste Informationsgespräche und klopfen die Rahmenbedingungen ab. Innerhalb der gesamten Planung legen wir großen Wert auf partizipative Methoden. Nach der strategischen Planung schreibe ich einen Planungsbericht und setze eine Stellenbeschreibung auf, mit der der DED in Bonn dann einen geeigneten Entwicklungshelfer sucht. Nach Fertigstellung des Berichtes und der Stellenbeschreibung treffe ich mich noch mal mit dem Partner, um eventuelle Korrekturen vorzunehmen.Der zweite Aspekt meiner Arbeit ist DED-intern. Ich biete Fortbildungen an für die DED-Mitarbeiterschaft im südlichen Afrika. Ich war z. B. vor kurzem für eine Woche in Windhoek / Namibia und habe dort eine Fortbildung zum Thema „PM&E und Wirkungsorientierung im DED“ gegeben.
GeoZeit: Ist das jetzt eine typische Arbeit oder wie sieht dein Alltag sonst aus?
Becker: Der wichtige Aspekt ist eben, dass ich nicht der typische Entwicklungshelfer bin, da ich sowohl mit Partnerorganisationen als auch dem DED selber zusammenarbeite. Dies macht meine Arbeit vielfältig, abwechslungsreich, aber auch stressig. Grob gesagt, ich arbeite an allen Planungen (strategisch und operativ) für alle Entwicklungsmaßnahmen in Südafrika und Lesotho. Dies sind im Moment ca. 25 Projekte. Dies beinhaltet dann die gesamte Bandbreite von Projektbesuchen bis zum Berichte schreiben. Insgesamt kann man sagen, dass ich ca. ein Viertel meiner Zeit auf Dienstreise bin (was ich sehr angenehm finde).
GeoZeit: Wie schätzt du den Effekt ein, den eure Arbeit erzielt?
Becker: Ich würde den Effekt unserer Arbeit insgesamt als positiv bewerten. Südafrika hat im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern eigentlich kein ausschließliches Finanzproblem, sondern ein Kompetenzproblem. Die Gefahr der Geldvergeudung ist bei uns nicht so hoch, da wir ein Personalentsendedienst sind. Häufig haben die Organisationen hier ein Problem mit der Projektimplementierung und –umsetzung und nicht so sehr mit der Finanzierung. Dieser Aspekt erleichtert die konkrete Arbeit manchmal etwas.
GeoZeit: Hast du ein besonders positives, bzw. negatives Beispiel?
Becker: Ganz allgemein kann man sagen, dass die Arbeit mit Verwaltungen, öffentlichem Dienst insgesamt etwas schwieriger ist als z. B. mit NGOs oder Bildungseinrichtungen. In öffentlichen Verwaltungen gibt es eine immens hohe Personalfluktuation und viele sehen diese Position als „Durchgangsstation“ für höhere Aufgaben. Desweiteren bewirkt das Black Economic Empowerment (BEE) und Affirmative Action, dass nicht zwangsläufig die besten Leute auf dem Arbeitsplatz sitzen. Ohne jetzt BEE in irgendeiner Art und Weise werten zu wollen. Einfach nur als Faktor, der unsere Arbeit beeinflusst.
NGOs haben insgesamt eine ganz andere Motivation mit uns zusammenzuarbeiten und haben häufig auch sehr fitte Leute. Ich denke aber, die Motivation zwischen NGO und Verwaltung sieht in Deutschland oder anderswo nicht anders aus.
GeoZeit: Du hast in Kiel studiert und warst schon während des Studiums in Afrika. War es dir irgendwie klar, dass es auf Entwicklungshilfe/Afrika hinausläuft, bzw. hast du dich darauf vorbereitet oder kam die Entwicklung deiner weiteren Berufslaufbahn eher zufällig?
Becker: Für mich persönlich war es eigentlich schon lange klar, dass ich in der EZ arbeiten möchte. Mein Interesse für Afrika wurde durch vorherige Urlaubsreisen geweckt. Durch Praktika in Afrika und bei Organisationen in Deutschland, die in der EZ arbeiten, habe ich die Idee dann weiter verfolgt. Dass es am Ende so reibungslos geklappt hat, war natürlich auch ein bißchen Glück.
GeoZeit: Hat dich dein Studium in irgendeiner Form auf das Folgende vorbereitet?
Becker: Da kann ich eigentlich knapp mit NEIN antworten. Außer dadurch, dass Praktika in der Studienordnung festgeschrieben sind. Die Kieler Uni ist aber nun auch nicht gerade weltberühmt für ihre Entwicklungsländerforschung.
GeoZeit: Deine Arbeit beim DED ist dein erster „richtiger“ Job und das Land Südafrika sicher keine einfache Startplattform. Hattest du Umstellungsprobleme, was Dinge wie Mentalität, bzw. „way of life“ angeht?
Becker: Südafrika unterscheidet sich natürlich schon stark von Deutschland. Trotzdem gibt es hier natürlich noch einen starken weißen bzw. europäischen Einfluß, von daher fällt die Umstellung leichter als in anderen Ländern in Subsahara-Afrika. Die größte Umstellung ist wahrscheinlich, dass man einige Zeit braucht, um sich an das Leben hinter Gittern zu gewöhnen. Alarmanlagen, Überwachungskameras, private Sicherheitsdienste, Elektrozäune etc. gehören hier einfach zum Alltag. Genauso der Zustand, dass es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt und es schlichtweg zu gefährlich ist, zu Fuß zu gehen. Deshalb wird hier für eine noch so kurze Strecke das Auto benutzt. Die Bewegungsfreiheit ist gegenüber Deutschland schon stark eingeschränkt. Für mich überwiegen aber definitiv die positiven Aspekte.
GeoZeit: Wenn du jemandem, der einen solchen Job annehmen möchte, einen Rat geben müsstest: Welchen Fehler sollte er vermeiden?
Becker: Welche Fehler man vermeiden sollte, kann ich gar nicht genau sagen. Vielleicht nur ein paar Hinweise, die für mich wichtig waren.
Sprachkenntnisse – falls man das Gefühl hat, die Sprachkenntnisse sind nicht verhandlungssicher, sollte man spätestens beim Studium daran arbeiten.
Jobs in diesem Bereich sind zwar vorhanden, aber es gibt auch viele Bewerber. Man sollte versuchen, sein Zielland nicht zu stark einzugrenzen. Vielmehr sollte man sich vielleicht an einer Region/Kontinent oder an Verkehrssprachen orientieren. Man sollte nicht versuchen, einen Job in einem bestimmten Land zu suchen und andere Länder vernachlässigen.
Spontaneität und Flexibilität – die vielleicht wichtigsten Eigenschaften, die man mitbringen muss. Gerade beim Berufseinstieg zählen diese Dinge doppelt, um sich vielleicht auch von anderen Bewerbern abzugrenzen.
GeoZeit: Zum Schluss – wo ich jetzt schon mal jemanden vor Ort habe: Wie siehst du die Chancen für die WM 2010 in Südafrika? Gibt es Fortschritte oder teilst du die häufig pessimistische Grundhaltung hiesiger Medien?
Becker: Die Chancen für die WM 2010 in Südafrika sehe ich gut. Allerdings nur, weil ich nicht glaube, dass die FIFA den Austragungsort noch mal ändern wird. Es gibt allerdings noch eine ganze Menge Baustellen, im wahrsten Sinne des Wortes. Vielerorts sind die Bauarbeiten an den Stadien und auch bei der Infrastruktur (Straßen, Nahverkehr) nicht mehr im Plan. Dies sind allerdings Dinge, die sich noch ändern können. Was sich vermutlich in den nächsten zwei Jahren nicht ändern wird, ist die weiterhin konstant hohe Gewaltkriminalität. Normalerweise von den europäischen Medien kaum beachtet, wird es immer mehr zum Thema je näher der WM-Termin rückt. Damit einhergehend würde ich heute behaupten, dass z.B. Public Viewing, wie man es aus Deutschland oder auch jetzt aus Österreich und der Schweiz kennt, hier in Südafrika einfach unmöglich ist (Kriminalität, keine öffentlichen Verkehrsmittel, Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit ist hier normalerweise verboten, etc.). Ein weiteres Problem, welches ich sehe ist, dass Fußball hier immer noch ein von Schwarzen dominierter Sport ist (die Weißen sind eher für Rugby und Cricket). Da der Großteil der Schwarzen immer noch am unteren Ende der Gesellschaft lebt, wird sich die breite Masse in Südafrika kaum ein Ticket zu einem Spiel leisten können. Weiterhin werden sich wahrscheinlich keine Länder aus dem südlichen Afrika für die WM qualifizieren. Das Fanaufkommen wird also sehr viel geringer ausfallen als in Deutschland.
Aufgrund der ausländerfeindlichen Übergriffe in letzter Zeit hier in Südafrika ist das Bild, das in anderen afrikanischen Ländern über Südafrika herrscht, momentan deutlich negativ. Dies ist natürlich kontraproduktiv zu dem angepriesenen 1st African World Cup oder der Werbekampagne One Africa – One World Cup, die hier momentan in den Medien läuft.
Meine Grundhaltung ist eher positiv, allerdings muss man mit einer realistischen Erwartungshaltung an diese WM herangehen.
GeoZeit: Danke für das Gespräch








