Meer erleben im Ostseeinfocenter Eckernförde

 von Martina Kriwy

Kann ein Seestern Muscheln essen? Warum die Antwort nicht selbst herausfinden? Das Meer mit allen Sinnen erleben und dabei Zusammenhänge verstehen – das ermöglicht das Ostseeinfocenter Eckernförde. Ein Geograph schrieb das Konzept.

Eine Strandkrabbe im Aquarium
Die Bewohner des Fühlbeckens können sogar angefasst werden.

Mit zwei erhobenen Scheren kommt der Angreifer auf ihn zu. Ihm selbst ist nur ein Arm geblieben, um sich zu verteidigen. Dafür ist er seinem Feind in der Größe überlegen. Er lässt sich auf die Auseinandersetzung ein und erwidert die Drohgebärde. Das Spektakel zieht die Blicke zahlreicher Menschen auf sich. Ein großer Mann mit rotem Vollbart, bekleidet mit Fliespulli und grüner Wathose, nähert sich der Szene und fischt eine der beiden Strandkrabben aus dem Wasser. „Nur die Jungs prügeln sich“, erklärt Claus Müller (52), Leiter des Ostseeinfocenters, einer Schulklasse. „Die zweite Schere bekommt er bei der nächsten Häutung wieder“.

Das Ostseeinfocenter in Eckernförde ist eine öffentliche Einrichtung, die das Ziel verfolgt, ihre Gäste für das Thema Ostsee zu begeistern und ihnen die hier lebenden Organismen zu zeigen. Dabei will das Center Zusammenhänge zwischen den Lebewesen, der geographischen Beschaffenheit und der menschlichen Nutzung des Gebietes vermitteln. Ehemals eine reine Umwelteinrichtung, wird das Ostseeinfocenter (OIC) heute aus dem Tourismusetat der Stadt Eckernförde finanziert. Dafür musste Claus Müller das Konzept mehrmals umschreiben, bis es in die Förderrichtlinie passte.

Nach wie vor soll das OIC vor allem Umweltthemen behandeln, sich dabei aber nicht eindimensional am Naturschutz orientieren, sondern nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit gestaltet werden. In diesem Zusammenhang werden die drei Komponenten Ökologie, Ökonomie, und Kultur gleichermaßen verfolgt. Für Claus Müller zählt die Ganzheitlichkeit. „Wenn du die Dinge begreifst, haben sie alle miteinander zu tun.“ Die unterschiedlichsten Angebote, vom Kochkurs über Naturfilmvorführungen bis zu Kindergeburtstagen und Bernsteinschleifen führen die Gäste an das Thema Ostsee heran.

2007 machte der Umzug des OIC in sein jetziges Gebäude dies alles möglich. In der ehemaligen Unterkunft, einer alten Fischereischule, beschränkte sich das Angebot fast ausschließlich auf Exkursionen draußen am Wasser. Das neue Gebäude wurde eigens für das OIC entworfen und gebaut. Direkt am Strand der Eckernförder Bucht gelegen, erinnert es an einen bunten Dampfer.

Das Gebäude des Ostseeinfocenters
Das Ostseeinfocenter liegt direkt am Strand der Eckernförder Bucht.

Schon beim Betreten des großen Innenraums machen der Ausblick auf das Wasser, die maritime Dekoration und ein permanentes Plätschern Lust auf Meer. Verschiedene Meeresaquarien beherbergen ausschließlich Tiere, die auch in der Eckernförder Bucht zu finden sind. Zum Beispiel werden Seesterne, Krebstiere, Störe und Aale gezeigt. Viele Besucher kommen mit der Erwartung, Katzenhaie oder Seehunde sehen zu können. Diese gehören jedoch nicht zu den hier einheimischen Arten. Das Staunen ist aber mindestens genauso groß, wenn die Gäste sehen, welch ungeahnte Vielfalt an Lebewesen die Ostsee bietet.

Highlight der Ausstellung, die Claus Müller und sein Team selbst konzipiert haben, ist das zwölf Quadratmeter große Fühlbecken. An dem flachen Aquarium, über dessen Rand man bequem ins Wasser greifen kann, kommt man den Geheimnissen der Unterwasserwelt hautnah.

Heute sind 25 Grundschüler zu Besuch sind. Keiner von ihnen hätte gedacht, mit wie vielen Tieren sie sich beim Baden in der Ostsee das Wasser teilen. „Der Seestern saugt sich an mir fest!“, „Ich traue mich, die Strandkrabbe anzufassen!“, „Die Scholle ist ja gar nicht glitschig!“, sind begeisterte Ausrufe der Kinder.

Claus Müller nennt so etwas Beziehungspädagogik. Gerade Kinder sollen aktiv beteiligt sein und selbst Dinge ausprobieren, wenn sie etwas lernen. Möglichst alle Sinne sollen dabei angesprochen werden. Die Ganzheitlichkeit war Claus Müller schon in seinem Studium an der CAU Kiel wichtig. „Ich habe damals absolut wirr studiert“, erzählt der ehemalige Geographie-Student. Voller Elan arbeitete er als studentische Hilfskraft bei Professor Otto Fränzle. Bereits während des Studiums leitete er Exkursionen für Studenten im Grundstudium. Außerdem besuchte er aus Interesse zahlreiche Veranstaltungen aus anderen Fachbereichen. So blieb für sein Zweitfach Germanistik kaum Zeit. Nach Abschluss seines Studiums 1983 bekam Claus Müller keinen Referendariatsplatz. Deshalb arbeitete er zunächst an der Uni in der Ökosystemforschung. Dem folgte eine Beschäftigung in der Zentralstelle für Landeskunde in Eckernförde. Anschließend war er für einige Jahre Umweltreferent des Heimatbundes und später Geschäftsführer des Landesnaturschutzverbandes. Schließlich bot sich ihm die Chance, das Ostseeinfocenter in Eckernförde aufbauen zu können. Diese Stelle hatte sich Claus Müller selbst geschaffen, indem er ein Konzept schrieb und einen Träger für das Projekt suchte. Damit erreichte er sein angestrebtes Ziel.

Die Vorliebe zu möglichst viel Abwechslung hat er sich seit dem Studium bewahrt. Hier im Ostseeinfocenter ist er in verschiedenen Arbeitsbereichen tätig. Diese Flexibilität fördert er auch bei seinen 12 Angestellten. Zwar haben alle aus dem Team ihren Schwerpunkt, doch wenn viel los ist, kann jeder dort einspringen, wo Not am Mann ist. Vor allem Marco Knaup ist ein Allroundtalent.

Marco Knaup mit Kindern vor einem Aquarium
Gespannt lassen sich die Kinder von Marco Knaup die Ausstellung zeigen.
Claus Müller mit Kindern am Fühlbecken
Claus Müller zeigt, wie man die Meerestiere anfassen kann.

Tatsächlich konnte man den sportlichen jungen Mann heute schon beim Saubermachen der Aquarien, bei der Telefonannahme, bei einer Gruppenführung und beim Cappuccino verkaufen beobachten. Marco Knaup(41), ist eigentlich gelernter Kfz-Mechaniker. Seit der Neueröffnung des Ostseeinfocenters ist er hier fest angestellt. „Die Anfangszeit war eigentlich am schönsten, weil ich alles mit aufbauen konnte. Aber auch die Weiterentwicklung macht Spaß. Jeder von uns hat hier Mitspracherecht. Ideen, die realisierbar sind, werden auch umgesetzt“, erzählt Marco Knaup. Wenn es um die komplexe Aquarientechnik geht, ist er ein kompetenter Ansprechpartner, da er vorher in der Firma, die die Aquarien herstellte, gearbeitet hat.

Das Center hat den entscheidenden Vorteil, dass das Wasser für die Aquarien direkt aus der Ostsee in die Becken gepumpt wird. So entfällt eine künstliche Anreicherung der insgesamt 14 Kubikmeter Wasser mit Salz und anderen Mineralstoffen. Im Technikraum können an einem großen Computer die Wasserwerte sowohl der Ostsee, als auch der einzelnen Aquarien abgelesen werden. In diesem Raum befindet sich außerdem der „Schmutztisch“. Gruppen, die mit dem Kescher auf Entdeckungstour gehen, können hier bei Regen ihre Fänge ausbreiten und begutachten.

Im Winter wird jedoch in der Regel nicht hinausgegangen. Langweilig wird trotzdem niemandem. Die Kinder laufen durch den „Tauchgang“, ein Tunnel, der den Meeresboden simuliert, malen Bilder oder gehen mit dem Kutter Klara auf virtuelle Fangfahrt. Das Steuerhaus des Kutters, der ursprünglich aus Dänemark stammt, wurde liebevoll restauriert. Um das Steuerrad blinken viele Knöpfe und mittels eines Beamers wird eine Fahrt auf der Eckernförder Bucht simuliert.

Ein Junge schaut aus dem Fenster des Kutter-Simulators
Mit dem Kutter "Klara" gehen kleine Kapitäne auf große Fahrt.

Die meisten der Kinder zieht es jedoch immer wieder an das Fühlbecken zurück. Einige haben ihre Hände schon so lange im Wasser, dass sie schrumpelige Finger bekommen. Zahlreiche Fragen tauchen auf: „Was essen Seesterne?“  „Können Muscheln sehen?“  „Wie alt werden die Tiere?“ Für die Beantwortung der vielen Fragen steht den Besuchern das OIC-Team durchgehend zur Verfügung.

Auf Texttafeln wird hier weitgehend verzichtet. Was spartanisch wirken könnte, ist bewusst gewollt. „Die Besucher sollen nicht lesen bis ihnen der Kopf schwirrt, sondern lieber selber Dinge entdecken. Wir möchten mit unseren Gästen ins Gespräch kommen und individuell auf sie eingehen“, sagt Adrienne Günter (47). Die Meeresbiologin erklärt auch ihren Kollegen häufig fachspezifische Zusammenhänge. Im Bereich Naturschutz arbeitet sie schon lange. Ihre früheren Tätigkeiten waren jedoch Schreibtischarbeit. Aus diesem Grund schätzt sie jetzt besonders den Umgang mit den Gästen. Außerdem hat sie viel Abwechslung in ihrem Job, da sie nie weiß, was auf sie zukommt. Oft sind seltene Tiere im Fang. Dann können den Besuchern Dinge gezeigt werden, die Adrienne nicht einmal während ihres Studiums zu Gesicht bekommen hat. „Mir kommt es weniger als Arbeit, sondern wie ein Hobby vor“, schwärmt sie, während sie die Schollen füttert, die ihr direkt aus der Hand fressen. „Das ist so niedlich, dass ich selbst keine Schollen mehr esse“, lacht sie. Auf dem Speiseplan der Fische stehen Miesmuscheln, die ebenfalls aus der Eckernförder Bucht stammen und regelmäßig gesammelt werden.

Die Besucher müssen den Fischen keinen Leckerbissen neiden. Für ihr leibliches Wohl sorgt das Bistro. Es lockt mit kreativ geschmückten Tischen und dem Duft nach frischem Kaffee. Ausschließlich Bio-Lebensmittel stehen auf der Speisekarte. Anni Haak (49) steht heute hinter der Theke. Liebevoll garniert sie ein bestrichenes Vollkornbrot mit frischen Basilikumblättern von der Fensterbank. Anni ist seit der Eröffnung des OIC mit im Team. Das Bistro ist „ihr Kind“, da sie es mit aufgebaut hat und weitgehend dafür verantwortlich ist. Nach dem ersten Jahr weiß sie, welche Lebensmittel gut bei den Gästen ankommen und kann die benötigten Mengen abschätzen. Trotzdem wird auch im nächsten Jahr das Angebot immer wieder neu auf die Vorlieben der Besucher abgestimmt werden.

Adrienne Günter kommt ihre Arbeit wie ein Hobby vor.
Adrienne Günter kommt ihre Arbeit wie ein Hobby vor.
Anni Haak weiß, was den Gästen schmeckt.
Anni Haak weiß, was den Gästen schmeckt.

Das ganze Team darf und soll eigene Ideen einbringen. So wird das OIC in Bewegung gehalten. Auch die Ostsee selbst trägt durch ihre Dynamik dazu bei, dass immer wieder neue Themen behandelt werden müssen. Beispielsweise starben im Frühjahr viele Tiere, weil ein anhaltender starker Ostwind zu einem verminderten Salzgehalt des Wassers führte. Oft treten invasive Arten, wie die Wollhandkrabbe auf. Ein kalter Winter könnte diese unerwünschte Spezies jedoch schnell wieder vertreiben. Aber auch der Bestand der einheimischen Arten ändert sich ständig. Momentan waren vermehrt die Polypen von Ohrenquallen, die auf Muscheln sitzen, im Fund dabei. So etwas bietet die Chance, den Besuchern seltene Lebewesen zeigen zu können. „Es wäre fatal, wenn es hier nichts mehr zu tun gäbe“, betont Claus Müller. „Das geht immer weiter, das bleibt nicht stehen“.

Weitere Informationen

Detaillierte Angaben zu Angeboten, Kontakt und aktuellen Veranstaltungsterminen finden Sie auf der Homepage des Ostseeinfocenters: www.ostseeinfocenter.de