Teheran – Erleben einer fremden Kultur

von Martina Kriwy

„Ich habe gemerkt, dass die Unterschiede zwischen mir und den anderen Frauen eigentlich ziemlich unwichtig sind“, sagt Lydia Pieper. Die Lehramts-Studentin absolvierte ein Praktikum an der Deutschen Botschaftsschule in Teheran. Jetzt schreibt sie eine Evaluation des dortigen Erdkundeunterrichts und Schulalltags als Examensarbeit.
Portrait von Lydia
"Ich habe mich unter den geselligen Iranern sehr wohl gefühlt und vermisse viele."

GeoZeit: Was hat Dich auf die Idee gebracht, in Teheran ein Praktikum zu machen?
Lydia Pieper: Ich hatte gehört, dass man das Hauptpraktikum im Ausland machen kann. Viele Studenten wissen das nicht. Dann habe ich nach deutschen Schulen im Raum Asien gegoogelt und mich per Email direkt an die Schulen gewendet. Das waren allerdings nur acht, weil oft keine Kontaktadresse auf der Homepage angegeben war. Die Schule aus Teheran hat mir gleich zurück geschrieben, es war allerdings die einzige Schule, die geantwortet hat.

GeoZeit: Wusstest Du vorher schon über Teheran Bescheid?

Lydia Pieper: Ich wusste über Teheran vorher nur, was „man“ so aus dem Internet oder Fernsehen weiß. Mein Verlobter war schon einmal in Afghanistan und hat immer sehr viel davon erzählt, daher hatte ich einen Bezug zu der Region, aber nicht zu Teheran speziell.

GeoZeit: Was war dann Dein erster Eindruck von Teheran?

Lydia Pieper: Dass das eine sehr verschmutzte, überfüllte und dreckige Stadt ist.

GeoZeit: Hast Du Dich daran später gewöhnt?
Lydia Pieper: Das ist eine der verschmutztesten Städte der Welt, weil so viele Autos durch die Gegend fahren. Man kann sich nicht vorstellen, wie chaotisch und in welchem Tempo. Daran habe ich mich die ganze Zeit nicht gewöhnt.

GeoZeit: Inwieweit hast Du Dich islamischen Sitten angepasst?
Lydia Pieper: Ich habe leider nicht bei Iranern gewohnt, sondern bei Brasilianern, die dort leben. Von daher war es zu Hause eher so, wie ich es von Deutschland kenne. Draußen musste ich mich auf jeden Fall anpassen, indem ich einen Schleier und einen Manteau trug. Das ist ein Mantel, der bis zu den Knien über der Hose geht. Im Alttagsleben musste ich mich auch anpassen. Im Bus sitzt man zum Beispiel hinten bei den Frauen und darf nicht irgendwo hingehen.

Ausblick über die Stadt
Von ihrem Zimmer aus hatte Lydia einen guten Überblick über die Stadt.

GeoZeit: Ist es als Frau schwieriger, sich anzupassen?
Lydia Pieper: Ich glaube, es ist in den meisten Ländern als Mann einfacher. Aber das hat mir eigentlich nichts ausgemacht. Sobald ich Kontakt zu Iranerinnen bekommen habe, habe ich mich total wohl gefühlt. Im Sommer ist es nur super heiß und anstrengend, wenn man die ganze Zeit einen Schleier tragen muss. Es war aber spannend, das einmal durchzuziehen.

GeoZeit: Du warst an einer deutschen Schule. War es schwer, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen?
Lydia Pieper:
An der Schule waren die Schüler bunt gemischt. Sie kamen aus ganz Europa und aus dem Iran. Von daher hatte ich auch in der Schule Kontakt zu Iranern. Ansonsten ist der Kontakt über die Nachbarschaft gekommen und über die Leute, bei denen ich gewohnt habe. Außerdem habe ich über meinen Verlobten, der ein Praktikum an der Uni gemacht hat, viele Studenten kennen gelernt.

GeoZeit: Das war dann wahrscheinlich nur Kontakt zu Frauen?
Lydia Pieper:
Ja, weil das der Kultur entspricht. Wenn man sich kennt, ist es lockerer. Mein Verlobter und ich haben zum Beispiel ein nettes Ehepaar kennen gelernt, mit denen wir viel zusammen gemacht haben. In dem Fall konnte ich auch mit dem Mann sprechen. Wenn man auf der Straße mal nach dem Weg fragen musste, hat man immer mit den Frauen geredet.

GeoZeit: Wie verhalten sich die Einheimischen gegenüber Ausländern?
Lydia Pieper: Es kommt darauf an, was für ein Ausländer man ist. Mir waren alle Iraner sehr wohl gesonnen, weil ich Deutsche bin. Amerikaner sind definitiv nicht willkommen und auch bei Briten ist es schwierig. Es ist oft passiert, dass ich in den Park gegangen bin und von Leuten gefragt wurde, woher ich komme. Sobald ich gesagt habe, dass ich Deutsche bin, haben sie sich riesig gefreut, weil besonders früher die Verhältnisse zwischen Iran und Deutschland sehr gut waren.

 

Ein Obstladen mit arabischen Schriftzeichen über dem Eingang
Wenn man die Schriftzeichen nicht kennt, kommt man sich oft ausgeschlossen vor.

GeoZeit: Gab es eine besondere Herausforderung, an die Du Dich erinnerst?
Lydia Pieper: Die Sprachbarriere war eine große Herausforderung. Die meisten sprechen leider kein Englisch. Ich habe natürlich versucht, Farsi, also Persisch, zu lernen, aber ich konnte nur ein paar Brocken reden. Wenn ich über meinen Verlobten nicht so viel Kontakt zu den Studenten bekommen hätte, hätte ich nicht so viel Kontakt mit Iranern haben können. Unter den Studenten spricht jeder Englisch. Es gibt in Teheran fast kein Schild auf Englisch. Das ist schwierig, weil man sich ausgeschlossen vorkommt. Wenn man keinen Begleiter dabei hatte, war man manchmal sehr aufgeschmissen.

GeoZeit: Um welche Schulform handelt es sich bei der Deutschen Botschaftsschule?
Lydia Pieper: Die Schule ist eine private Gesamtschule, die Schüler vom Kindergarten bis zur zehnten Klasse unterrichtet. Es sind ungefähr 100 Schüler, so dass einige Klassen nur vier Schüler umfassen.

GeoZeit: Sind alle Schüler die Kinder von Botschaftern?
Lydia Pieper:
Nein, einige  Eltern sind an der deutschen Botschaft angestellt, andere kommen aus Deutschland, haben aber einen anderen Arbeitsplatz in Teheran. Außerdem besuchen einige Kinder wohlhabender Iraner, die oft einen Bezug zu Deutschland haben, die Schule. Die Schule arbeitet komplett nach dem deutschen Lehrplan, so dass ein Wechsel von oder nach Deutschland sehr leicht ist.

Grundschüler stehen im Pausenhof
Einschulung: Deutsches Schulsystem, Kinder aus ganz Europa

GeoZeit: Hast Du eigene Stunden gehalten?
Lydia Pieper: Ja, sogar ziemlich viele. Eine achte Klasse habe ich in Erdkunde komplett selbst unterrichtet. Die Lehrerin war immer dabei, hat mir aber freie Hand gelassen und nur thematische Tipps gegeben. In Englisch habe ich eine fünfte und eine zehnte Klasse unterrichtet.

GeoZeit: Gab es besondere Sicherheitsvorkehrungen an der Schule?

Lydia Pieper: Weil es eine ausländische Schule ist, gibt es oft Polizeikontrollen. Am Eingang gibt es Wächter, denen man eine Karte vorzeigen muss. In der Schule herrscht eine sehr positive Atmosphäre. Nicht nur wegen der Größe, sondern auch wegen des angenehmen Umgangstons.

GeoZeit: Wie sah Dein Alltag aus?

Lydia Pieper: Ich musste morgens ziemlich früh aufstehen. Spätestens um halb sieben bin ich zur Bushaltestelle gegangen. Fahrpläne gibt es nicht, man wartet einfach auf den nächsten Bus. Es war dann Glückssache, wie viel Verkehr gerade war. Normalerweise habe ich eineinhalb Stunden gebraucht. Ich war bis um drei oder noch später in der Schule, hab dann dieselbe Tour wieder zurück gemacht und mich nachmittags entweder mit einer Nachbarin oder mit meinem Verlobten getroffen, oder bin im Park spazieren gegangen. Meistens waren wir draußen, weil sich das Leben in Teheran hauptsächlich draußen abspielt.

GeoZeit: Hast Du Dich sicher gefühlt, wenn Du Dich abends draußen bewegt hast?
Lydia Pieper:
Man sieht in der Stadt überall Frauen, die alleine herumlaufen und muss von daher als Frau normalerweise keine Angst haben. Als ausländische Frau muss man auf jeden Fall aufpassen, dass man ordentlich gekleidet ist. Außerdem sind Taxifahrten schwierig. Es gibt so genannte „shared taxis“, die feste Routen fahren und mehrere Leute mitnehmen. Auf der Strecke kann jeder einsteigen und aussteigen, wie er will. Das habe ich aber alleine vermieden, weil es immer Leute gibt, die so etwas ausnutzen und gewalttätig gegenüber Frauen werden. Ich habe so etwas nie erlebt, auch nicht von Freunden gehört, aber mir wurde erzählt, dass das schon öfter passiert ist. Da die „normalen“ Taxis zu teuer waren, war ich auf den Bus angewiesen.

GeoZeit: Bist Du auch im Land gereist?
Lydia Pieper:
Ja, mein Verlobter und ich sind am Schluss noch eine Woche lang durch das Land gereist. Wir haben uns die drei Städte, Yazd, Shiraz im Süden, und Esfahan im Westen, die jeder Touri sich anschaut, angeguckt.

GeoZeit: Wie reist man dort?
Lydia Pieper:
Am besten mit Reisebussen, das ist das günstigste im ganzen Land, weil das Benzin so billig ist.

typische Lehmhütten
Die Wüstenoase Garmeh bei Yazd

GeoZeit: Gab es einmal eine Situation, in der Du nicht mehr weiter wusstest?
Lydia Pieper:
Das war auf der Tour durchs Land. Wir sind abends losgefahren und hatten die Information, dass der Bus morgens ankommt. Wir wollten dort ein Taxi nehmen und zu einer Wüstenoase fahren. Im Bus stellte sich heraus, dass wir eine falsche Information hatten und dass der Bus schon um ein Uhr nachts in der Stadt ist. Das war nur ein kleiner Ort, und mitten in der Nacht kriegt man kein Taxi. Wir wussten echt nicht weiter. Dann meinte unsere Sitznachbarin, dass ihre Familie uns gerne einladen würde, bei ihnen zu schlafen. Wir kannten sie überhaupt nicht und hatten sie noch nie zuvor gesehen. Wir haben erstmal abgewartet. Nur wenn du eine Einladung vier-, fünfmal bekommst, kannst du wissen, dass sie ernst gemeint ist. Sonst ist es nur eine Floskel. Aber sie hat ihr Angebot noch fünfmal so lieb wiederholt, dass wir dann wirklich bei ihnen geschlafen haben. Die Familie hatte eine Farm in den landestypischen Lehmhütten. Man schlief auf dem Boden und uns wurde eine kleine Ecke freigehalten. Das hat uns so beeindruckt, denn das würde man hier wahrscheinlich nicht erleben. Das war die beste Nacht, die wir hatten. Kein Hotel, sondern einfach so, bei Einheimischen.

GeoZeit: Glaubst Du, das war ein großer Schritt für diese Leute?
Lydia Pieper:
Ich glaube generell, dass Iraner sehr gastfreundlich sind und zwar viel mehr, als wir das von Deutschland kennen. Ob trotzdem jeder so weit gehen würde wie diese Familie, weiß ich nicht, aber generell wird man sehr gerne ins Haus eingeladen. Man bekommt als Gast das Beste vom Besten und wird gehegt und gepflegt.

GeoZeit: Vermisst Du etwas, seit Du wieder in Deutschland bist?
Lydia Pieper:
Ja, ganz viel. Ich habe mich in der Kultur dort so wohl gefühlt, weil das so gesellige Menschen sind. Abends setzt man sich gemeinsam auf den Boden, man isst ganz entspannt zusammen und redet, jeder tunkt sein Brot in irgendeine Sauce, dann holt jemand die Gitarre und fängt an, ein Lied zu singen. Die Iraner sind total musikalisch. Und dann wurden wir gefragt: „Könnt Ihr nicht auch was spielen oder singen?“ Ich mache gerne Musik, spiele Gitarre und singe, ich musste mich zwar ziemlich überwinden, aber habe dann ein christliches Lied gesungen. Die haben sich so gefreut, weil jeder etwas beigetragen hat. Es gab auch einige, die ein Gedicht vorgetragen haben. Das ist eine so schöne Atmosphäre gewesen. Das vermisse ich.

GeoZeit: Du warst auch zum Ramadan dort. Wie hast Du den erlebt?
Lydia Pieper:
Da habe ich ein total spezielles Erlebnis gehabt. Einmal auf dem Rückweg von der Schule habe ich starke Bauchschmerzen bekommen. Das hing wahrscheinlich von vielen Faktoren ab. Es lag auch daran, dass Ramadan war. Man darf dann offiziell den ganzen Tag nichts trinken. Wenn man als Ausländer in einem Raum ist, und einen niemand sieht, ist es okay, aber nicht in der Öffentlichkeit. Ich bin in den Bus eingestiegen und habe gemerkt, dass ich überhaupt nicht mehr auf meinen Beinen stehen konnte. Es ist so schlimm geworden, dass mir schwarz vor den Augen wurde. Es war auch total heiß und stickig zwischen den vielen Menschen. Dann lag ich da, die Frauen um mich herum haben versucht, mit mir zu reden, aber ich konnte das natürlich nicht verstehen, weil das Persisch war. Dann kam eine Frau zu mir und meinte nur: „Take my hand“. Sie hat mich irgendwie aus dem Bus rausgeschleift, ich bin immer wieder hingefallen und lag teilweise auf der Straße. Sie hat mir geholfen, einen Freund anzurufen, dass er mich abholt. Ich weiß bis jetzt nicht, wo wir waren. Dann ist sie mit mir mit dem Taxi zum Treffpunkt gefahren und hat für das Taxi bezahlt. Ich habe da eine total andere Perspektive von diesem Land bekommen, weil ich gemerkt habe, dass die ganzen Unterschiede zwischen mir und den anderen Frauen eigentlich völlig unwichtig sind. In dem Moment hat einfach nur gezählt, dass ich Hilfe brauchte, und da war jemand, der mir einfach geholfen hat, ohne, dass sie irgendjemand gefragt oder bezahlt hat.

Lydia auf einem Teppich beim Essen
Gegessen wird im Schneidersitz auf dem Boden.

GeoZeit: Hast Du mit ihr noch Kontakt gehabt?
Lydia Pieper:
Leider überhaupt nicht, ich habe ihr noch nicht einmal „tschüss“ gesagt. Ich war nicht bei mir und habe nicht mitbekommen, wie sie gegangen ist. Im Nachhinein dachte ich, schade, ich hätte so gerne noch mit ihr gesprochen. Ich habe dann über die Situation und meine Gedanken eine Kurzgeschichte geschrieben, die ich ihr gewidmet habe.

GeoZeit: Du möchtest ja einmal in der Entwicklungshilfe arbeiten. Hast Du genaue Vorstellungen?
Lydia Pieper: Mein Verlobter und ich haben beide vor, in der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Wie genau das aussieht, wissen wir noch nicht. Wir könnten uns sehr gut vorstellen, mit einer benachteiligten Bevölkerungsschicht zu arbeiten. Ob das jetzt bedeutet, in einem Dorf mit den Einheimischen Aufbauarbeiten zu machen, zu unterrichten, einheimische Lehrkräfte auszubilden oder Waisenkinder aufzunehmen, das wissen wir noch nicht. Aber wir möchten sehr gerne in die Region zurück.

GeoZeit: Hat Dir das Praktikum für dieses Ziel geholfen?
Lydia Pieper:
Ja, es hat mir sehr viel gebracht, weil ich einen Einblick in eine ganz andere Kultur bekommen habe. Als Tourist kriegt man nicht so viel vom Land mit, als wenn man dort arbeitet.  Allerdings ist die familiäre Einbindung total wichtig. Das heißt, ohne Mann würde ich nicht in so ein Land zurückgehen, weil man aus der Sicht ihrer Kultur dann keine Identität hat. Die Identität kommt über den Mann und über die Familie. Sonst hat man keinen Schutz.

GeoZeit: Vielen Dank für das Gespräch