Von der Studentin zur Redakteurin

Ein Sturzflug ins Berufsleben

von Jesko Mühlenberend

Eva Grimminger hat an der CAU Geographie studiert und nach ihrer Diplomarbeit als Redakteurin für das Kieler Sat.1 Büro angefangen. In der Lokalredaktion erstellt sie Beiträge und Nachrichten für das Sendegebiet Hamburg und Schleswig-Holstein. GeoZeit erzählt sie wie es dazu kam, gibt Tipps für Nachahmer und verrät ihren spannendsten Dreh.

GeoZeit: Eva, seit wann arbeitest du als Redakteurin für Sat.1?
Eva Grimminger: Festangestellt arbeite ich dort seit Anfang Dezember 2009, habe aber schon 2007 mein dreimonatiges Pflicht-Praktikum in der Redaktion absolviert.

GeoZeit: Hast du dich ganz normal auf das Praktium beworben?
Grimminger: Nein, aber ich weiß gar nicht so genau wie das gelaufen ist. Christoph (Corves) hat damals eine Art Deal mit dem Redaktionschef ausgemacht. Ein Komilitone von mir hat Bilder von einem U-Boot gedreht, das ein Privat-Ingenieur gebaut hat. Dabei waren unter anderem auch Unterwasseraufnahmen, für die sich Sat.1 interessiert hat.  Als Gegenleistung für das Material hat Christoph Praktikumsstellen für die Studenten ausgehandelt. Und dann ging alles ganz schnell, ich habe noch einen Lebenslauf geschrieben, aber das war eigentlich nur pro forma.

GeoZeit: Und wie ging es dann weiter?
Grimminger:
Als nach drei Monaten das Praktikum zu Ende war, hat mich mein jetziger Chef gefragt, ob ich Interesse hätte, weiter zu machen.  Und so bin ich im Anschluss, also seit August 2007, freie Mitarbeiterin bei Sat.1 geworden.

GeoZeit: Wie kann man sich deine Arbeit denn vorstellen? Bekommst du einfach einen Arbeitsauftrag, den du erfüllen musst?
Grimminger: Da gibt es letztendlich zwei Wege: Entweder du suchst dir selber ein Thema, das du zum Beispiel morgens in der Konferenz vorschlägst. Dabei musst du natürlich immer begründen, was dabei die aktuelle Nachricht ist, und warum das erwähnenswert ist. Oder du bekommst ein Thema in der Konferenz zugewiesen. Dann geht man los, muss sich Interview-Partner suchen und sich eine Konstruktion ausdenken: Wer ist wichtig? Wo kann ich hinfahren? Was ist überhaupt machbar?

GeoZeit: Und für welches Format erstellst du die Beiträge?
Grimminger: Die Beiträge sind ausschließlich für die 17 Uhr 30 Regionalnachrichten in Schleswig-Holstein und Hamburg. Wir machen dabei immer das, was für die Region interessant ist. Allerdings gehören wir ja zu der Senderfamilie ProSieben Sat.1 Media AG. Wenn N24 oder Sat.1 Berlin Interesse an Themen aus unserer Region haben, dann liefern wir ihnen das Material zu.

GeoZeit: Wie lange hast du denn Zeit um einen Beitrag zu erstellen?
Grimminger: Auch dort gibt es wieder zwei Formen: Entweder tagesaktuell, da bekommt man morgens oder am Abend vorher das Thema, je nachdem wie aktuell es ist. Wenn es sehr aktuell ist, muss es natürlich schon abends in die Sendung. Es gibt aber auch Vordrehs, d.h. man dreht ganz entspannt an einem Tag, schneidet es am nächsten Morgen und abends ist es in der Sendung.

GeoZeit: Welche Arbeitsschritte müssen denn ausgeführt werden bis ein Beitrag fertig ist?
Grimminger: Zuerst die Themenfindung, dann Recherche, Konzept erstellen, Dreh, unter Umständen mit Kamerateam, oder auch selber drehen, Text schreiben und Schnitt.

GeoZeit: Bekommt man irgendwann eine Routine beim Erstellen von Beiträgen?
Grimminger: Ja, die ist aber Fluch und Segen zugleich. Natürlich gibt es eine Routine und das ist zum Teil auch wichtig für die Arbeitsabläufe. Aber man muss aufpassen, dass man nicht in eine Art Muster verfällt und immer wieder das Gleiche macht. Das ist natürlich für einen Fernsehbeitrag tödlich. Gerade weil sich manche Themen stark ähneln braucht man manchmal einen neuen Blickwinkel.

GeoZeit: Musst du dabei auch den technischen Teil, wie z.B. das Schneiden oder Drehen selbst beherrschen?
Grimminger: Zum Teil. Für den Fall, dass wir selber Bilder machen müssen, haben wir Fortbildungen zum Dreh mit VJ (Video Journalisten) Kameras erhalten. Außerdem sind wir in das Schnittsystem Final Cut Express  eingewiesenworden. Wir haben aber auch Cutter, daher kommt es super selten vor, dass wir selber schneiden müssen. Ich mache das eigentlich nur zum Sichten meines Materials, aber die Feinarbeit geht bei uns immer durch den Schnitt.

GeoZeit: Wie kommt man eigentlich als Geograph zum Fernsehen?
Grimminger: Der Einstieg kam durch die Verbindung von Geographie und Medien hier am Institut. In meinem Studium habe ich meinen Schwerpunkt auf GeoMedien gelegt und bei Christoph eigentlich alle Kurse belegt, die es gab. Dort habe ich dann auch das Handwerkzeug, wie z.B. das Drehen mit der Kamera gelernt. Das war dann auch mein Einstieg, über das Praktikum, immer mit dem Vorteil im Hintergrund, dass ich die Grundlagen schon kannte.  Und natürlich, dass ich schon mit den verschiedenen Textformen und Formaten in Berührung gekommen war. Das war für Sat.1 das ausschlaggebende Kriterium, warum sich mich gefragt haben, ob ich weiter machen möchte.

GeoZeit: Was würdest du Studenten raten, die wie Du in eine spezielle Richtung gehen wollen?
Grimminger: Ich würde immer jedem empfehlen im Studium schon mal die Fühler auszustrecken. Ganz viele, die mit mir angefangen haben zu studieren, haben während ihres Studiums durch Praktika oder Studentenjobs die Möglichkeit erhalten, in der Firma ihre Diplom- oder auch Doktorarbeit zu schreiben. Einige haben im Anschluss auch Halbtags- oder sogar Vollzeitjobs bekommen. Wohingegen andere, die diese Vorarbeit während des Studiums, wo man ja noch relativ flexibel ist, nicht geleistet haben, jetzt vielleicht mit leeren Händen da stehen. Das heißt natürlich nicht, wer das nicht gemacht hat bekommt später keinen Job. Aber es vereinfacht doch einiges, weil man dort praktisch zeigen kann, was man kann.

Es ist einfach wichtig die Initiative zu ergreifen. Es ist keiner da draußen, der auf einen wartet und sich freut, dass man kommt. Man muss schon selber aktiv werden und ein offenes Auge dafür haben, wo man gebraucht wird. Gleichzeitig muss man ein Gefühl für Menschen und Themen haben. Mit Brachialjournalismus kommt man in Schleswig-Holstein nicht weit. Man sollte schon mit Leuten umzugehen wissen.

GeoZeit: Was würdest du sagen, ist der deutlichste Unterschied zwischen der Arbeit an der Uni und im Berufsleben?
Grimminger: An der Uni bekommt man selten eine ganz heftige Kritik, es ist halt alles ein ziemlich behüteter Raum. Man hat viel Spaß und nicht diese krassen Abgabefristen. Und wenn, dann geht man nochmal zum Professor.  Oft lässt sich das nochmal chinchen. Im Berufsleben bekommst du mehr Kritik, ganz deutliche sogar. Da streichelt dir keiner den Kopf und sagt: „Ach ja, schade, eigentlich hast du es ja ganz toll gemacht, aber …“.

GeoZeit: Ist das schwer am Anfang?
Grimminger: Ja natürlich. Aber da musst du halt durch. Das muss man auch lernen, dass es dazugehört Kritik zu bekommen. Aber das es auch dazugehört, sich zur Wehr zu setzen oder das Gespräch zu suchen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Man hat im Berufsleben einfach ein höheres Konfliktpotential, muss aber gleichzeitig sehen, wo man bleibt. Man kann nicht nur mit dem Kopf durch die Wand, aber man kann sich auch nicht nur zurückziehen.

Andererseits ist es natürlich auch spannend. Wenn ich morgens zu Arbeit komme, weiß ich teilweise nicht, wo ich mittags bin. Deshalb hat jeder Mitarbeiter bei uns mehrere Garnituren Klamotten, mehrere Paar Schuhe. Da hat jeder so seine kleine Garderobe. Es kann sowohl heißen: „Mach ein Interview mit Herrn Carstensen“, oder aber: „Von dem Landwirt mögen die Schweine Spielzeug, fahr da mal hin“. Das Spektrum ist einfach sehr groß. Dafür kommt man an Orte, zu denen man sonst wahrscheinlich nie kommen würde.

GeoZeit: Wurdest du denn direkt nach der Diplomarbeit übernommen?
Grimminger: Ja, das war auch eher ein Zufall. Während ich an meiner Diplomarbeit geschrieben habe wurde bei uns eine Stelle frei. Als die Stelle ausgeschrieben wurde, hatte ich mich erst gar nicht beworben und war sowieso erst einmal auf großer Exkursion in Kanada. Als ich wieder kam und weiter als freie Mitarbeiterin arbeitete, wurde ich eigentlich von unserer Produktionsleiterin ein wenig getreten. Sie meinte: „Nun mach das doch mal. Das ist wichtig für dich. Das ist dein erster Job, du arbeitetest hier schon eine Weile und alle würden dich hier gerne haben“. Ja, dann habe ich doch noch schnell eine Bewerbungsmappe gemacht und mich beworben. Witzigerweise musste ich mich nochmal vorstellen, was ein wenig komisch war, da mich eh schon jeder kannte. Schließlich habe ich dann den Job bekommen.

GeoZeit: Ging deine Diplomarbeit denn auch in die Richtung Medien?
Grimminger: Nein, also den genauen Titel bekomme ich gar nicht mehr zusammen, ist ja auch schon ein bisschen her. Aber ich habe über Entwicklungspotentiale durch Mobilfunknutzung in Ghana geschrieben. Es ging also um das Kommunikationsmittel Handy.

GeoZeit: Wie bist du denn auf das Thema gekommen?
Grimminger: Ich hatte Lust nochmal etwas im Ausland zu machen. Ich wusste, wenn ich jetzt anfange zu arbeiten, dann ist das wahrscheinlich nicht mehr so einfach bei 30 Tagen Urlaub im Jahr. Dann hab ich mich mit Christoph unterhalten, wir haben das Thema entwickelt und ich bin nach Ghana geflogen.

GeoZeit: Wo meinst Du  liegen die Stärken von Geographen in deinem Berufsfeld?
Grimminger: Als Geograph bringst du ein Interesse für Themen mit, eigentlich egal welcher Art sie sind. Du gehst ins Ausland, schlägst dich durch. So ist das mit Fernsehbeiträgen ja auch: Du hast am Anfang ein Thema und musst irgendwas draus machen. Gerade für den Journalismus ist Neugier ganz wichtig. Du brauchst eine gewisse Kreativität, du musst aber auch Probleme lösen können und auch wenn etwas nicht klappt, Ruhe bewahren. Mir hat z.B. das Reisen beigebracht einfach entspannter zu sein.

GeoZeit: Zum Abschluss: Gibt es einen Beitrag, der dir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?
Grimminger: Es gibt einen Dreh, da hätte ich mir selber am liebsten in den Hintern getreten. Den habe ich selber vorgeschlagen und musste ihn dann auch machen. Als ich dann da war habe ich mir gedacht: „Ach hättest du mal nicht“. Es gibt ein Flugzeug, die Pink Lady, die ist manchmal am Flughafen in Kiel-Holtenau und mit ihr können so 25 bis 30 Fallschirmspringer abspringen. Das ist ein altes britisches Militärflugzeug, welches pink angemalt wurde und heute nur noch zum Fallschirmspringen genutzt wird. Na ja, und ich habe Flugangst…

GeoZeit: Aber du hast das Thema vorgeschlagen?
Grimminger: Ja, blöderweise habe ich das vorgeschlagen. Und dann habe ich das mit einem Kollegen gedreht und der meinte nur: „Ach, mach das Seil doch noch ein bisschen länger, dann kann ich mich noch ein bisschen weiter raus lehnen“. Leider war das alles nicht so vertrauenserweckend, mit dem Öl das aus dem Flügel tropfte, dem Piloten der barfuß geflogen ist, dazu runter im Sturzflug um Kerosin zu sparen. Ich glaube ich habe noch nie solche Ängste ausgestanden. Im ersten Moment dachte ich nur: „Oh Gott,  ich muss mich jetzt von allen verabschieden gehen“, aber es ist ein wunderschöner Beitrag mit super Bildern geworden.

GeoZeit: Vielen Dank für das Interview.