Praktikum in Spanien mit ungeahnten Schwierigkeiten

von Cornelia Helmcke

Wunschzettel für ein Praktikum: Studienbezogen, Sprachkenntnisse verbessern, Auslandserfahrungen sammeln und natürlich Sonnenschein. Klingt in der Theorie ganz einfach, in der Praxis sieht so etwas allerdings etwas anders aus.  Ein Bericht über mein Erfahrungen und Herausforderungen bei meinem achtwöchigen Praktikum bei einer Vermessungsfirma in Valencia.
Das Ausrichten der Totalstation wird durch Bäume und Hügel häufig erschwert.
Das Ausrichten der Totalstation wird durch die Bäume und Hügel häufig erschwert.

Rauschen dröhnt aus dem Radio. Ich drehe am Knopf herum, in der Hoffnung, doch noch Empfang zu bekommen. Carles sitzt am Steuer und bringt uns immer weiter hinein in die grüne Berglandschaft der spanischen Mittelmeerregion nördlich von Valenica. Ich bin seit acht Uhr morgens mit dem spanischen Topographiestudenten unterwegs. Unser Auftrag: Ein kleines Dorf finden und dieses kartieren. Klingt einfach, aber bis jetzt weiß ich noch nicht wirklich was mich erwartet. Ich schalte das Radio aus und räuspere mich: „Bist du schon lange bei der Nova Cartographia?“ „Nein, nein“, entgegnet mein hochgewachsener Kollege. „Ich mach das auch erst seit diesem Sommer.“ Wieder Stille. Fahrtwind streicht mir durch die Haare, lindert jedoch nicht die stechende Wärme, die die Sonne auf meinem rechten Oberarm erzeugt. „Bist du denn schon mal alleine raus gefahren?“ Carles nickt nur und kramt nach seinem MP3-Player.

Ich fahre heute zum ersten Mal mit raus. Als gestern Abend das Telefon klingelte und mein Chef mir sagte, ich solle morgen Sonnencreme und feste Schuhe einpacken, war ich sofort begeistert. Was ich wohl machen werde? Eine Woche habe ich bereits in der Nova Cartographia, einem Unternehmen für Geodäsie und Topographie, gearbeitet.  Ich mache ein Praktikum, und das in Spanien. Allerdings fällt meine Ankunft genau in die letzten Tage der Sommerferien und so gibt es bisher wenig Arbeit und wenige Angestellte in der Firma. Papiere abheften, die Übersetzung der Betriebs-Homepage auf Englisch und Deutsch und das Erstellen einer einheitliche Kundendatenbank, sind bisher meine Highlights im spanischen Berufsalltag. So habe ich mir mein Praktikum in Spanien nicht vorgestellt. Musik reißt mich aus meinen trübsinnigen Gedanken. Carles, selbst erst 21 Jahre alt, hat seinen MP3 auf laut gestellt.

An meinem Arbeitsplatz lernte ich das Digitalisieren von Geo-Daten.

Es ist ein spanischer Songtext. Hip Hop, ich verstehe kein Wort. Ich möchte Carles fragen, was das für eine Band ist und worüber sie singt, doch mein spanisches Vokabular ist noch begrenzt. Ich hänge ein paar Worte aneinander und hoffe mein spanischsprachiger Begleiter versteht mich. Doch er guckt mich mit seinen dunkelbraunen Augen nur unsicher an. Ich versuche es noch mal. „Ah“, er versteht endlich und erklärt: „Es ist eine valenzianische Band, ich kenne den Bassisten.“ Ich freu mich, anscheinend ein Gesprächsthema gefunden zu haben und berichte gleich, wie gut mir die Musik gefällt. Er drückt ein paar Lieder weiter und zeigt mir noch ein paar Songs der besagten Gruppe. Ich erzähle von meiner Lieblingsband in Deutschland. Er hört den Namen und wiederholt ihn vorsichtig auf seine spanische Art. „Kennst du die etwa?“ „Ja, die sind super“, erwidert er. Es wird immer besser, eine Gesprächsthema ist gefunden. Seit unserer Abfahrt haben wir kaum mehr als unsere Namen ausgetauscht. Mich überkommt wieder die alt vertraute Verzweiflung, mich nicht verständigen zu können. Mein dreijähriges Schulspanisch hat mich nicht gerade für Smalltalk gewappnet. Zu dem ist die letzte Unterrichtsstunde über zwei Jahre her.
 
Dennoch habe ich mich mit dem festen Glauben hier dennoch zurecht zu kommen auf „Gut- Glück“ auf den Praktikumsplatz beworben. Ohne große Umschweife sicherte mir die Nova Cartographia, wann ich wolle, ein Praktikum zu. Ermutigt durch diesen ersten Erfolg setzte ich mich zwei Monate später in den Flieger. Erste Kontakte und Unterkunft erhielt ich zunächst über Couchsurfing.com, ein Internetportal für Individualreisende. Ich lernte die Stadt kennen, suchte mir ein Zimmer in einer WG und kommunizierte mit Händen und Füßen. Mit Erfolg. Mittlerweile habe ich mich an den typischen lispelnden Akzent in Valencia gewöhnt und weiß mich in den wichtigsten Sachen auszudrücken.

Neben Carles im Firmenwagen sitzend packt mich neuer Mut. Ich wage einen zweiten Versuch. „Und was machen wir gleich genau?“ Wieder dieser irritierte Blick. Na soviel kann daran doch jetzt nicht falsch zu verstehen sein. Ich wiederhole, ändere die Betonung und sage es noch einmal. Endlich Erfolg. Carles deutet auf eine Bergkuppe am Horizont, auf der ich die Umrisse einer alten Burgruine ausmachen kann. Dahinter scheint ein Dorf zu sein, mit vielen Olivenplantagen. Da wollen wir hin. Dort werden wir ein Gelände mit GPS und Totalstation vermessen. Ich glaube, er versucht mir genauer zu schildern, wofür wir das machen, aber ich verstehe es nicht ganz. Ich nicke und die Stille breitet sich wieder aus. Dann stellt zum ersten Mal Carles eine Frage. Ich konzentriere mich sofort, denke das Eis ist gebrochen. Zu meiner Enttäuschung weiß ich allerdings nicht, was er meint. War es, wo wohne ich zurzeit oder wo komme ich her? Ich bitte um Wiederholung. Carles tut dieses, gleicher Wortlaut, gleiche Betonung. Mein Nachfragen wird mir von Mal zu Mal unangenehmer. Ich erzähle einfach, dass ich in der Nähe von Hamburg geboren bin und in Kiel, an der Ostsee studiere. „Kennst du das?“ Kopfschütteln. Stille. Langsam nähern wir uns dem Ziel und wir falten eine Karte auf. Als wir auf einer Wiese zum Halten kommen, steht die Sonne bereits im Zenit. Wir holen unsere Instrumente hervor. Mein Kollege holt das GPS aus einer Tasche, klettert eine kleine Erhebung hinauf und hält es in die Höhe. Seine Stirn legt sich in Falten, er tippt auf dem Gerät herum, dann hält er es wieder in die Höhe. Ich weiß nicht genau, was ich machen kann und nehme einfach die mir noch fremden Gerätschaften unter die Lupe. Das Prisma funkelt wunderbar in der Sonne. Carles ist jetzt wild am telefonieren. Das GPS scheint nicht zu funktionieren, zumindest nicht so, wie er es gern hätte. Ich überlege Sonnencreme aufzutragen doch erscheint mir dies sinnlos, da meine Haut vor Schweiß glänzt. Dabei hab ich mich noch nicht einmal bewegt.

Das Messrad steht bereit, doch Roberto muss noch kurz telefonieren.

„Ein bisschen mehr nach Rechts!“, ruft Carles mir zu und schwenkt seinen Arm wild hin und her. Er steht gute 50 Meter von mir entfernt mit der Totalstation zwischen den Olivenbäumen und versucht das von mir gehaltene Prisma zu fokussieren. Ich blinzele in die untergehende Sonne und folge seinen Anweisungen. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten sind wir gut voran gekommen. Leider habe ich aber in all der Zeit nicht verstanden, wie genau unsere Arbeit funktioniert, weil mich Carles nur das Prisma gehalten lassen hat. Ich sehe ihn die letzten Koordinaten notieren, lege das Prisma zur Seite und laufe zu ihm, bevor er die Totalstation wieder abbauen kann. „Kann ich es auch mal versuchen?“ Carles streicht sich den Schweiß von der Stirn, schaut mich einen Moment an, aber sagt dann: „Klar, schau hier hinein. Unten im Bild siehst du ganz viele Ziffern.“ Er erklärt so verständlich wie möglich, was die einzelnen Symbole und Rädchen bedeuten und wie ich sie verwenden kann. Wunderbar, jetzt kann auch eingepackt werden. „Was machst du heute Abend?“, frage ich mit einem Seitenblick auf Carles, während wir zurück zum Auto marschieren. „Ach, vielleicht mit ein paar Freunden an den Strand treffen und ein Bier trinken.“ „Cool, hört sich nett an.“ „Ja, ist aber noch nicht sicher.“ Die Frustration kommt wieder auf. Kann es denn so schwer sein, hier Kontakte zu knüpfen? Die Rückfahrt gleicht der Hinfahrt. Stille. Und das trotz der spanischen HipHoper in unseren Ohren.

Nachdem die Arbeit mit Carles abgeschlossen war, wurde ich dem Projekt „Aquas de Valencia“ zugeteilt. Im Auftrag der Stadt vermisst und digitalisiert die Nova Cartographia das Wasserrohrleitsystem der umliegenden Dörfer neu. Dazu fahre ich jeden Morgen mit Roberto, einem 23 jährigen Vermessungstechniker, in ein kleines Städtchen.  „Joder!“ Robertos Aufschrei lässt mich zurück schrecken. Ich wollte mich gerade über die Öffnung im Fußgängerweg beugen um mit meinem Kollegen die dort unten liegende Wasserleitung zu betrachten. Aber stattdessen wirft der kleine Spanier die schwere Betonplatte, die vorher noch als Abdeckung diente, vor sich auf den Boden und stapft fluchend Richtung Wagen. Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Es ist schon das dritte Mal heute, dass Roberto auf Grund einer Kakerlake die Aufmerksamkeit des kleinen Städtchens auf sich zieht. Roberto telefoniert wieder, mit der freien Hand zündet er sich eine Zigarette an. Ich werfe einen letzten Blick auf unser freigelegtes Rohr, notiere die Aufschrift und schiebe den Deckel wieder drauf. Robertos letzte Raucherpause war fünf Minuten und eine Straßenkreuzung her. Wir haben eine feste Anzahl an Wasserversorgungselementen, die wir pro Tag aufzeichnen müssen. Es gibt keinen Tag, an dem Roberto diese Zahl nicht erreicht hat. Da wir jetzt sogar zu zweit sind, treibt uns keine Eile.

Ich greife zum Messrad und gehe, dieses vor mich herschiebend, von einer auf der Karte eingetragenen Hausecke in Richtung Wasserleitung, notiere die Entfernung und wiederhole es von einer anderen Ecke. Auf der Karte ergibt das ein Dreieck mit der möglichst genauen Platzangabe der Rohrleitung. Ich bin soweit fertig und beginne den nächsten Hydranten ausfindig zu machen. Roberto hat derweilen sein Handy wieder eingesteckt und mustert meine Arbeit: „Von wo hast du gemessen?“ Ich zeige ihm die besagte Stelle. „Wie ich es auf der Karte eingetragen habe.“ Roberto mustert die Hauswand, den Betondeckel im Boden unter ihm und das Protokoll. Dann erst folgt er mir.

Karneval in Spanien.
Zwei Cowboys, Maus und Katze wagen sich auf den Karneval von Ravelbuñol.

Es ist lustig, mich mit ihm zu verfahren, dreimal an der gleichen alten Dame vorbei zu kommen, ihr zuzuwinken und dann jede halbe Stunde im Schatten eine Pause einzulegen. Roberto ist das genaue Gegenteil von Carles. Er redet viel und das so laut, dass der schwerhörige Mann drei Gassen weiter alles zu hören vermag. Er stellt mir sogar Fragen. Leider ist er sehr ungeduldig. Ich brauche nach wie vor Zeit, das, was ich sagen will, in Sätze zu verpacken. Bevor ich überhaupt zur Kernaussage komme, hat sich seine Aufmerksamkeit schon wieder etwas anderem gewidmet. So kommen funktionierende Konversationen eher wenig zu Stande. Dafür habe ich es geschafft, dass Carles mir die Universität zeigt. Meine Taktik: Ausfragen und nicht locker lassen. Es hat funktioniert und wenn es gut läuft, nimmt er mich vielleicht mit um mit seinen Freunden ein Bier zu trinken.

Ich drehe mich um meine eigene Achse. Eben waren sie doch noch hinter mir. Als Carles mich und meine Freundin diesen Vormittag über den Campus führte, wurden wir auf den Karneval von Ravelbuñol eingeladen. Kurz entschlossen überredeten wir Carles und einen seiner Kommilitonen dort hinzufahren. Provisorisch als weiße Maus verkleidet stehe ich nun in Mitten des Festes. Doch anstelle von Carles und den anderen finde ich mich zwischen einem Pulk deutscher Touristen wieder. Mit Bermuda-Shorts, Sandalen und weißen Socken stehen sie hier mitten in der Nacht auf der Straße. Aber nein, sie sprechen Spanisch und nun erkenne ich auch ihre dunklen Haare. Ich grinse sie an und beglückwünsche sie zu ihrem gelungenen Kostüm. Ich finde Carles und seinen Kumpel an einem der Verkaufsstände am Straßenrand. Sie begutachten eine beachtliche Auswahl an Cowboy-Hüten.

Meine Freundin stößt mit frischem Bier zu uns und lacht: „Jetzt ist es euch zu peinlich ohne Verkleidung gekommen zu sein, oder?“ „Wir wussten nur nicht, als was wir gehen sollten.“, erwidert Carles und bezahlt zwei Hüte. Wir setzten unseren Weg fort bis wir einen großen Marktplatz erreichen. Hier wurde eine große Bühne aufgebaut und eine Coverband versucht sich an Rock ’n’ Roll Klassikern. Wir stoßen an und tanzen mit der Menge.