Das Erlebnis einer fremden Heimat
von Eglė Milašauskaitė
„Eine Diplomarbeit sollte so werden, dass man auf sie stolz sein kann und nicht sagt: nie mehr im Leben. Sie selbst gerne liest und anderen zum Lesen geben kann.“ Mit diesem Anspruch an die eigene Diplomarbeit begibt sich Angelo auf eine Reise und auf die Suche nach der Nähe zu Menschen aus einem fremden Land.
- Auf Sardinien reift Angelos Vorstellung von seiner Diplomarbeit in ihm.
Angelo Müller ist Student am Geographischen Institut der Universität Kiel. Freundlich und offen, jemand der gerne reist und Kontakte knüpft. Vor zwei Jahren verbrachte er über das Förderprogramm ERASMUS ein Auslandssemester auf Sardinien. Italien ist ihm ein vertrautes Land, seine Mutter ist Italienerin. Manche Schulferien erlebte er dort. Doch die Sprache hat er nie richtig angenommen. „Es war Motivation für mich, über das Studium in Italien an die Sprache zu heranzukommen. Und sie von Grund auf zu lernen".
Während seines Auslandsemesters wird für Angelo „internationale Migration nach Europa“ zum selbsterlebten Thema. Er entscheidet sich, eine Diplomarbeit über die Hintergründe der Migration nach Italien zu schreiben. „Mich reizt der direkte Bezug zu den Leuten, deren Erfahrungen, Gefühlen und Moralvorstellungen.“ Nach der Rückkehr von Sardinien besprechen Angelo und Prof. Dr. Rainer Wehrhahn sein Vorhaben. Im Rahmen einer Diplomarbeit will Angelo in Turin das Leben senegalesischer Einwanderer zum Thema machen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keine Veröffentlichungen aus deutscher Perspektive. Rainer Wehrhahn macht ihm Mut.
Angelo beantragt ein Kurzstipendium für die Abschlussarbeit beim DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst). Viele Formalitäten müssen erledigt werden. Das Konzept muss gut strukturiert sein und erfordert eine intensive Vorbereitung. Einen Zeitplan aufstellen, mit der Methodik der Forschung auseinandersetzen. Der Betreuer Rainer Wehrhahn schreibt ein Gutachten, das die Ergebnisse der Arbeit einschätzt.
Nach etwa zwei Monaten des Wartens bekommt Angelo die Zusage für das Stipendium. 780 Euro für zwei Monate. Nicht ganz ausreichend für die teure Miete in Italien, Verpflegung und die Fahrtkosten, aber eine große Hilfe.
Angelo erlebt schlaflose Nächte vor der geplanten Abfahrt. „Ich habe mir Sorgen gemacht, schaffe ich das, lerne ich dort die Menschen und ihre Schicksale kennen. Wie sind die Leute, werden sie offen sein?“ Er liest sich in die Theorie ein, bemüht sich im Voraus Kontakte zu knüpfen. E-Mails schreiben an Behörden und Vereine. Doch diese „Experten“ lernt er nie kennen. Vielleicht liegt es auch an der Art der Italiener, die ein anderes Zeit- und Organisationsverständnis haben. „Das ist das, was es so interessant macht ins Ausland zu fahren, dass man nie richtig weiß, funktioniert das oder funktioniert das nicht.“ Aber irgendwie geschieht auch alles wie von alleine. „Wenn man weiß, das und das möchte man, dann bekommt man es auch irgendwie hin.“
- Blick auf die Straße vom Zimmer in Turin.
- Angelo im Telefongeschäft von Nijaang. Hier knüpft er erste Kontakte zu den senegalesischen Migranten.
Über einen entfernten Bekannten aus Deutschland findet Angelo eine Unterkunft in Turin. Ein Zimmer zur Untermiete bei einer jungen, italienisch herzlichen Familie wird seine Schreibwerkstatt für diese zwei Monate.
Schon am ersten Tag schaut Angelo sich in der Stadt um. Er muss irgendwie Kontakt zu den Senegalesen finden, oder wenigstens zu jemandem aus den Quartierbüros, den Anlaufstellen auch für Einwanderer. Er hat nur diese knappen zwei Monate Zeit. Noch einmal hinfahren, oder erst mal „Antesten“ ist nicht möglich. Es muss hier und jetzt irgendwie funktionieren.
In der Stadt lernt Angelo einen Senegalesen kennen, der im Krankenhaus als Übersetzer arbeitet. „Ich habe ihm erzählt, dass ich Kontakte zu den Senegalesen finden möchte. Der erkannte schnell, was ich vorhatte.“ Zusammen besuchen sie die Treffpunkte der Senegalesen, die Läden in denen sie einkaufen.
So gelangen sie in den Telefonladen des Nijaang, der schon seit über 20 Jahren in Turin wohnt. Ein Glücksfall, denn dieser gebürtige Senegalese ist ein vertrauensvoller Kontakt und eine gute Verbindung zu dessen Landsleuten. Viele kommen in sein Telefongeschäft, um mit ihren Familien zu telefonieren oder Geld nach Hause zu schicken. Angelo lernt auch die Familie von Nijaang näher kennen: dessen Frau, den 19-jährigen Sohn und die kleine Tochter. Er wird in die Familie aufgenommen, gewinnt ihr Vertrauen und erlebt Gastfreundschaft.
Das Telefongeschäft ist nun seine wichtigste Anlaufstelle. Angelo kommt fast jeden Vormittag, setzt sich an den kleinen Tresen, beobachtet die Menschen, führt Gespräche mit ihnen. Er besucht zusammen mit Nijaang auch die anderen Senegalesen in deren Wohnungen. In einer Wohnung leben zehn Leute in nur zwei Zimmern, eine sehr einfache Küche, nur auf die Funktion bedacht. Angelo beobachtet deren Leben. Ein Senegalese kocht, ein anderer sieht ein senegalesisches Satellitenprogramm, einige unterhalten sich oder lesen den Koran. Er erlebt ihre Gemeinschaft. „Es gab Essen, so eine Riesenschüssel, Durchmesser etwa ein halber Meter, dann saß man zu zwölft auf dem Boden.“
Angelo ist fasziniert, diese Leute sind durchaus glücklich in ihrer Situation. „Manche haben Heimweh, vermissen ihre Familien, Frauen, Kinder, aber sie haben alle legalen Aufenthaltsstatus, sie haben alle eine Arbeit, sie haben viele Bekannte und Freunde in Turin.“ Dennoch spricht fast jeder von Heimkehr in den Senegal, irgendwann, vielleicht, mal schauen.
Für seine Diplomarbeit wendet Angelo den Biographieansatz an. Er führt qualitative Interviews mit sieben Senegalesen, lässt sie ihre Lebensgeschichten erzählen. Etwa eineinhalb Stunden dauert ein Interview auf italienisch. Die größte Herausforderung ist es, das Vertrauen zu gewinnen, dass sie auch wirklich etwas über sich preisgeben. Aus den Erzählungen erfährt Angelo von Hintergründen, Motivationen und Abläufen der Einwanderung. Er lernt auch den Senegal kennen, erfasst viel über die Wirkung von Religion, Herkunft, Dialekt und Stammeszugehörigkeit.
- Angelo versucht immer die Hintergründe zu erkennen.
Offen geht er auf die Leute zu, erzählt ihnen von seinem Vorhaben. „Wenn man ängstlich ist, ein bisschen schüchtern und sich selbst nicht viel zutraut, dann ist das vielleicht nicht die richtige Arbeit.“
In den zwei Monaten lernt Angelo die italienische Sprache. Jetzt unterhält er sich auch mit seiner Mutter auf italienisch. „Diese Sprache ist für mich im Alltag angekommen. Sie ist noch lebendig in mir und wird so auch bleiben.“ Nach der intensiven Zeit mit den Senegalesen wird ihm auch bewusst, dass Afrika nicht ein einheitlicher Lebensraum ist. „Was ich kennen gelernt habe, was meinen Horizont erweitert hat, war der Senegal, nur ein Land in Westafrika.“
Nach der Rückkehr aus Italien erfolgt die Auswertung der Interviews. Drei Monate lang beschäftigt er sich mit der Transkription, dem „zu Papier bringen“ der italienischen Tonband-Mitschnitte. Danach müssen die wichtigsten Passagen übersetzt werden. Das ist viel Arbeit.
Die verbleibenden drei Monate braucht Angelo um die eigentliche Diplomarbeit zu schreiben. Er weiß, dass er Schwierigkeiten mit der Ausformulierung der Texte hat. „Ich mache immer den Fehler, dass ich viele Informationen in einen Satz packe, die Sätze werden zu lang.“ Schreiben erfordert viel Konzentration und Zeit. Für seine Diplomarbeit liest Angelo Literatur auf englisch und italienisch. Aber die schwierigste Aufgabe ist für ihn das Fazit, alles noch einmal auf den Punkt zu bringen.
Seine Diplomarbeit, mit dem Thema „Internationale Migration nach Europa. Analyse der Migrationsbiographien senegalesischer Einwanderer in Turin (Italien)“ ist eine runde, umfassende, authentische Arbeit geworden. „Ich bin stolz, dass alles so gut geklappt hat. Ohne großartige Kontakte ein Netzwerk aufgebaut.“
Auch wenn diese neunmonatige Arbeit vielleicht nicht von vielen gelesen wird, für Angelo ist sie eine besondere Erfahrung. „Ich habe gemerkt , dass ich wissenschaftlich arbeiten kann. Ich konnte mir selbst beweisen, dass ich nicht überfordert bin.“
„Ich hoffe aus der Arbeit entwickelt sich eine Möglichkeit, ein Puzzlestück vielleicht für die Karriere. Ich denke, dass sind Dinge, die mich weiter bringen werden.“







