Einbahnstraßen in Mexiko
von Daniel Lippke
Zwei Kieler Geographiestudenten arbeiteten im Rahmen eines Praktikums an einem Projekt zur nachhaltigen Wasserentsorgung in Mexiko. In Tepoztlan, einem Dorf unweit von Mexiko City, wird versucht, ein altes Sanitärkonzept mit moderner Technik wieder aufleben zu lassen.

Über die TU Hamburg haben die Kieler Geographiestudenten Enno Schröder und Willem Salge die Möglichkeit bekommen, ein Praktikum in einem Ecological Sanitation Projekt in Mexiko zu absolvieren. Für beide war es nicht nur das erste Praktikum des Studiums, sondern auch die erste Reise nach Lateinamerika. Dass dieses Praktikum auch gleich ein Abenteuer werden würde, war also zu erwarten. Das letzte Semester vor der Abreise nutzten die beiden dann, um noch schnell einen Spanischkurs zu besuchen und sich inhaltlich mit dem neuen Aufgabenfeld vertraut zu machen.
„Im Studium selber ist uns das Ecological Sanitation Konzept vorher nicht begegnet. Vor unserer Reise haben wir aber einige Einführungsveranstaltungen und Workshops zum Ecological Sanitation Konzept an der TU Hamburg besucht. Wir wussten also schon ungefähr, was uns dort erwarten würde. Die praktische Umsetzung konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht richtig vorstellen “, erklärt Willem, der heute wieder in Kiel lebt und studiert.
Ecological Sanitation steht für ein Konzept, welches heute hauptsächlich in ländlichen Regionen von Entwicklungsländern angewendet wird, um Alternativen zur Abwasserentsorgung anzubieten. Ziel ist es, die vom Menschen verunreinigten Abwässer vor Ort aufzubereiten und später in der Landwirtschaft weiter zu verwerten. Heute sind zwar in vielen Teilen der Welt Kläranlagen und Kanalisationssysteme zur gängigen Methode der Abwasserentsorgung geworden, doch können sich nicht alle Regionen dieser Welt ein solches System leisten. Fraglich ist auch, ob das überhaupt wünschenswert wäre.
“Wenn man hier die Spülung abdrückt, werden potenzielle Nährstoffe mit sauberem Wasser ins Klärwerk gespült und dort chemisch beseitigt. Auf der einen Seite werden Felder künstlich mit Nährstoffen gedüngt, auf der anderen Seite werden Düngemittel mit hohem Kosten- und Energieaufwand entsorgt. Mit einem geschlossenem Nährstoff- Kreislauf hat das nichts zu tun, eher mit einer Einbahnstraße", sagt Enno heute.
Das Ecological Sanitation Konzept basiert inhaltlich auf Ansätzen, wie sie schon vor ein paar tausend Jahren Gang und Gebe waren. Unabhängig voneinander haben verschiedenste Hochkulturen ihre Exkremente und Abwässer in der Landwirtschaft als Nährstoffzusätze weiter verwertet.
Durch technischen Fortschritt, verändertes Hygienebewusstsein und erhöhte Abwasseraufkommen gerieten diese altbewährten Methoden aber in Vergessenheit. Die im Ecological Sanitation Konzept angestrebte nachhaltige Abwasserpolitik versucht nun, diese alten Ansätze mit verbesserter Technik nach heutigen hygienischen Standards wieder zu beleben.
Ein Beispiel für die wissenschaftlich und technisch verbesserte Version der alten Abwasserentsorgungsmethoden haben Enno und Willem nur zu gut kennen gelernt: Die EcoSan- Toilette

- Die EcoSan Toilette trennt Urin und Kot über zwei Abflüsse.
„Heute weiß man halt, dass Urin, genau wie künstlich hergestellte Düngemittel, zu großen Teilen aus Stickstoff besteht. Diesen in einen nahe gelegenen Fluss zu leiten bzw. ins nächste Klärwerk zu spülen, ist Verschwendung. Nur dass der Fluss durch den übermäßigen Nährstoffeintrag zusätzlich noch stark belastet wird“, erklärt Willem.
Die angestrebte Lösung ist es daher, Urin und Kot zu trennen und in der Landwirtschaft weiter zu verwerten. Getrockneter Kot soll zur Bodenstrukturverbesserung dienen. Der ausgegorene und mit Wasser verdünnte Urin kann ohne Probleme als Düngemittel weiter verwertet werden.
Ecological Sanitation Projekte, wie das in Mexiko, arbeiten deshalb mit speziell entwickelten Toilettenschüsseln. Diese trennen über zwei verschiedene Abflüsse Kot und Urin voneinander und leiten es zur Lagerung in Kanister weiter. Eine Schaufel Asche oder Sägespäne verhindert dann die Geruchsbildung.
„Während der drei Monate in Mexiko habe ich ständig diese Toiletten benutzt und es war nie unangenehm. Man darf es sich nicht so vorstellen, als würden durch dieses System Abstriche in Hygiene- oder Qualitätsstandards entstehen. Man riecht wirklich keinen Unterschied“, berichtet Enno, dessen Hauptaufgabenfeld bei der Überprüfung von Grauwasserfiltern lag.
Diese Grauwasserfilter sind leicht geneigt in den Boden eingelassene Wannen, die mit einem porenreichen Vulkangestein aufgefüllt werden. Werden diese benässt, siedeln sich in den Poren Bakterienkulturen an. Leitet man durch Spülen, Körperpflege und Abwasch verunreinigtes “Grauwasser“ in den höher gelegenen Eingang, sucht es sich seinen Weg durch die Poren im Vulkangestein. Die Bakterien filtern währenddessen die schädlichen Substanzen aus dem Grauwasser heraus.

- Bewachsener Grauwasserfilter eines drei Personenhaushaltes in Tepoztlan
„Man konnte schon mit bloßem Auge erkennen, dass das Wasser nach dem Filtern deutlich klarer war (siehe Photo). Unsere Wasserproben wurden dann chemisch analysiert. Es war zwar noch keine Trinkwasserqualität, konnte aber zum Bewässern von Gärten und Feldern bedenkenlos genutzt werden“ berichtet Willem.
Einen großen Teil ihrer Arbeitszeit verbrachten Enno und Willem damit, bereits installierte Grauwasserfilter in den umliegenden Dörfern zu warten. Bei diesen Arbeiten blieb dann auch ein intensiver Kontakt mit den Einheimischen nicht aus.
„Damit das Ecological Sanitation Konzept längerfristig, erfolgreich funktionieren kann, ist es auf die Akzeptanz der Menschen vor Ort angewiesen. In jedes Projekt werden deshalb auch die einheimischen Familien integriert, was uns einen sehr direkten und ungeschönten Blick ins mexikanische Alltagsleben bescherte“.
In ihrem heutigen Kieler Alltagsleben spielt Ecolocical Sanitation keine direkte Rolle mehr. Beide benutzen wieder eine normale Toilettenspülung und haben auch noch keine Grauwasserfilter an ihre Waschbecken gekoppelt. Doch das Wissen, dass es Alternativen zu unserer „normalen“ Wassernutzung gibt, haben die beiden mit nach Deutschland genommen, genauso wie viele schöne Erinnerungen und eine neue Sprache.
Weiterführende Informationen:
EcoSanRes (Stockholm Environment Institute):
http://www.ecosanres.org/index.htm
GTZ:
http://www.gtz.de/de/themen/umwelt-infrastruktur/wasser/8524.htm
EcoSan Club Österreich:
http://www.ecosan.at/index.htm
SARAR Transformación (Projekt in Mexiko)
http://www.sarar-t.org/portal/index.php







