Studienfinanzierung
Ohne Moos nix los
von Erik Lohmann
Studenten feiern nur, liegen auf der faulen Haut und haben nie Geld - zumindest behauptet dies das Klischee. Wenn man aber mal durchrechnet, wie viel ein Student aufbringen muss, um sein Leben zu finanzieren, bleibt fürs Feiern nur wenig Geld und faul zu sein kann man sich auch nicht wirklich leisten. GeoZeit hat nachgeforscht, wie der durchschnittliche Student sein Studium finanziert.
Das Leben eines Studenten ist teuer. Geht man nach den Bedarfssätzen des Bundesausbildungsförderungsgesetzes, so benötigt der durchschnittliche Student 366 Euro im Monat zum Leben und zur Beschaffung von Lehrmitteln. Die Mietkosten werden mit maximal 218 Euro veranschlagt, die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung belaufen sich auf 64 Euro. Das macht insgesamt 648 Euro pro Monat und knapp kalkuliert. Wo kommt all dieses Geld her?
Kombiniert man die Wörter "Geld" und "Studium", denken viele Menschen schnell an das schon genannte Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz BAföG. Tatsächlich aber erhalten nach Schätzungen des ASTA nur ein Fünftel der mehr als 20.000 Studenten an der CAU die staatliche Förderung. Der Höchstsatz von derzeit 648 Euro steht nur den Wenigsten zu. Aber auch wenn nur ein geringer BAföG-Satz ausgezahlt wird, wie zum Beispiel an Sarah aus Emden, ergeben sich weitere Vergünstigungen. "Ich krieg zwar nur 23 Euro im Monat, aber dafür muss ich keine GEZ-Gebühren zahlen", erzählt die Mathe- und Physikstudentin. Für den Rest ihrer monatlichen Ausgaben kommen ihre Eltern auf, denn um Arbeiten zu gehen fehlt ihr einfach die Zeit. Eine weitere Vergünstigung für BAföG-Empfänger gibt es beim Telefonieren. Unter Vorlage das BAföG-Bescheides erlässt die T-Com dem Antragsteller 7 Euro monatliche Gebühr für den Festnetzanschluss.
"Aber damit man BAföG erhält, muss man eine Menge Zeit und manchmal auch Nerven aufwenden", berichtet Julia. Die quirlige 24-Jährige studiert im 6. Semester Geographie und Biologie auf Lehramt und ist jedes Jahr verärgert über die Menge an Formularen, die sie ausfüllen muss. Vier Formulare muss sie beim Studentenwerk einreichen, um ihre Förderung zu erhalten. Zu den bis zu sieben Seiten langen Formularen kommen noch die Steuererklärungen ihrer Eltern und die Schulbescheinigungen ihrer Geschwister - also ein richtiger Berg an Papieren. Was Julia richtig aufregt, ist der Wegfall des BAföG-Bonus auf Fachschaftsarbeit. Noch vor kurzem war es möglich, durch Engagement in einer Studierendenfachschaft ein Semester länger BAföG zu beziehen. "Inzwischen aber ist die Förderdauer für alle auf die Regelstudienzeit herabgesetzt worden", erklärt sie voller Unverständnis.
Aber selbst wenn man BAföG bezieht oder zu den rund 50 Prozent der Studierenden gehört ("unicensus" 2008), die von ihren Eltern gefördert werden, reicht das Geld meist nur für das Nötigste, manchmal nicht einmal dafür. So ist es nicht verwunderlich, dass nach der Umfrage "unicensus" von 2008 über 70 Prozent der Studierenden einem Nebenjob nachgehen.
So auch Julia, die zu Beginn des Sommers ihre Arbeit im Falckensteiner Hochseilgarten wieder aufgenommen hat. „Stresstechnisch überhaupt kein Vergleich zu dem Gerenne wegen dem BAföG“, freut sich Julia. "Die Chefs sind sehr entspannt und richten sich bei den Arbeitsplänen nach unseren Unizeiten", erzählt sie weiter. Wenn sie zwei Mal in der Woche Ausflügler, Schulklassen oder Betriebsgruppen durch den Parcours führt und ermutigt, ihr Gleichgewicht und Körpergefühl zu fordern und fördern, steht für sie weniger der Verdienst im Vordergrund: "Es macht einfach Laune, mit den Leuten zu arbeiten."
Einen anderen interessanten Nebenjob hat Oliver ergattert: Er arbeitet im Schauspielhaus an der Garderobe und am Einlass und finanziert so den Teil des Studiums, für den seine Eltern nicht aufkommen. Da er vorrangig am Wochenende arbeitet, lassen sich seine zwölf Wochenstunden gut mit dem Studium vereinbaren, findet der VWL- Student.
Für Caro hingegen, Mitglied der ersten Bachelorkohorte am Englischen Seminar, wären selbst zwölf Stunden am Wochenende zu viel Zeitaufwand. Sie musste im vergangenen Jahr ihre HiWi-Stelle aufgeben, da sie einfach keine Zeit dafür erübrigen konnte. "Das Studium hat nun mal oberste Priorität", stellt sie fest. "Da muss man dann halt einfach etwas sparen." Was ihr bleibe, sei die Teilnahme an psychologischen und medizinischen Studien. „Die sind ziemlich gut bezahlt, finden aber nur unregelmäßig statt.“
Inwieweit sich mit der Einführung des Bachelors der Zulauf zu staatlichen Förderungen wie BAföG oder Studienkrediten verstärkt hat, ist statistisch noch nicht belegt. Eine Umfrage der FAZ belegt aber, dass Studenten der neuen Studiengänge aufgrund des straffen Zeitplans deutlich mehr Stress ausgesetzt sind.
Anderen Studenten stellt sich die Wahl „Jobben oder faulenzen“ erst gar nicht: Sie müssen in jedem Fall arbeiten gehen, um sich über Wasser zu halten. So auch Miriam, die zwei Mal in der Woche bis 23 Uhr im nahen Supermarkt an der Kasse sitzt. Ihre Eltern könnten ihr einfach nicht genügend Geld für das tägliche Leben geben, also müsse sie jobben. Der Stundenlohn sei mit 7,20 Euro ziemlich gut für einen Aushilfsjob, lediglich die Arbeitszeiten seien gewöhnungsbedürftig. "Da ich zuhause eh nicht bis 23 Uhr lernen würde, geht das", fügt sie ehrlich hinzu. Das einzige wirkliche Problem sei das frühe Aufstehen am nächsten Morgen.
Noch komplizierter ist die Studienfinanzierung für Stephan. Der 24-jährige Medizin-Student muss sich seit Beginn seines Studiums über einen Studienkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau, kurz KfW, teilfinanzieren. "Ich krieg‘ jeden Monat eine Teilauszahlung auf mein Konto. Die Verzinsung ist sehr niedrig und - was noch wichtiger ist - ich musste keinen Bürgen stellen. Im Gegenzug muss ich jedes Semester nachweisen, dass ich noch immatrikuliert bin und nach dem 5. Fördersemester einen Leistungsnachweis vorlegen, sonst ist Schicht im Schacht." Insgesamt eine gute Sache, befindet er. Nur die Begrenzung des Kredits auf maximal 10 Fördersemester sei etwas problematisch, insbesondere für Studienfachwechsler. "Über die Rückzahlung mach ich mir noch keine Gedanken, das wird dann schon irgendwie.", fügt er optimistisch hinzu. Er könnte durchaus Recht behalten, immerhin bleiben ihm nach Ende der Auszahlung noch 18 Monate Karenzphase, in der er zwar kein Geld mehr erhält, aber auch noch keine Rückzahlungen tätigen muss.
Es geht aber auch ganz anders. Tilmann zum Beispiel hat das Glück, sich fast gänzlich selbst finanzieren zu können. Der extrovertierte Geographiestudent erhält von seinen Eltern nur das Kindergeld. Den Rest seiner Ausgaben deckt er mit Ersparnissen, Gelegenheitsjobs und dem Aufbauen gebrauchter PKWs und Motorräder. Bei Letzterem profitiert er von jahrelanger Erfahrung und seinem Gespür für Schnäppchen. Tatsächlich ist er sogar so erfolgreich, dass er es sich leisten kann, "das eine oder andere Auto nur zum Spaß" aufzubauen. Wie viel Geld er zur Verfügung hat, unterscheidet sich von Monat zu Monat. "Das hängt vor allem von den Gelegenheitsjobs ab. Dieses Jahr hab ich das große Los gezogen, ich bin in den Fahrerpool des "Trailer- und Shuttle-Service" der "Kieler Woche"-Veranstalter gekommen. "Zehn Tage lang Bonzen chauffieren", freut er sich und beginnt eine Lobeshymne auf sein Dienstfahrzeug, einen mit allen Schikanen ausgestatteten Audi Q7.
Sein Hobby zum Beruf machen konnte Sebastian hingegen leider nicht. Der begeisterte Theaterschauspieler studiert Deutsch und Geographie in Vollzeit, für einen täglichen oder wöchentlichen Nebenjob bleibt keine Zeit. Dafür nutzt er in jedem Sommer die Semesterferien um "mal richtig malochen" zu gehen. Für zwei Monate packt er dann in einer Phosphatfabrik in 12h-Schichten Säcke auf Paletten, das Ganze 38h in der Woche. "Das schlaucht richtig, sag ich dir. Aber dafür verdient man auch ordentlich, je nach Wochentag und Uhrzeit bis zu 20 Euro die Stunde." Ein Job, bei dem keine Zeit für Urlaub oder Studium bleibt. Dafür seien seine Semester etwas entspannter als bei vielen Kommilitonen, ergänzt er.
In einigen Fällen aber ist es sogar ratsam, sich auf die faule Haut zu legen und nicht arbeiten zu gehen. Nikolai zum Beispiel würde jeden Euro, den er verdient, von seiner BAföG-Förderung abgezogen kriegen. "Am Ende hätte ich vielleicht genauso viel Geld wie jetzt zur Verfügung, aber weniger Zeit. Das wäre irgendwie sinnlos." So konzentriert der 21-jährige Geographie-Student sich lieber voll und ganz auf sein Studium.
Wer Angst hat, im Dschungel der BAföG-Regulierungen und all der anderen Möglichkeiten den Überblick zu verlieren, oder dringend zusätzliches Geld benötigt, kann sich beim ASTA der Uni Kiel Rat holen. Yvonne Dabrowski, ihres Zeichens Referentin für Sozialpolitik, kennt die eine oder andere Stelle, von der man sich monetäre Hilfe holen kann. Studenten, die gerade an ihrer Abschlussarbeit schreiben, können sich zum Beispiel beim Studentenwerk ein zinsfreies Darlehen beantragen, natürlich nur für das Semester ihrer Abschlussarbeit. Ausländischen Studierenden wird empfohlen, sich an die Evangelische Studentengemeinde oder den Verein ausländischer Studierender wenden. Deutschen Studenten gibt der ASTA neben einer Liste von Stipendien auf Wunsch auch eine Jobberatung an die Hand. Yvonne selbst kann von diesem Angebot keinen Gebrauch machen, sie investiert zwanzig Stunden in der Woche in ihre Arbeit für den ASTA. "Es macht Spass, anderen Leuten zu helfen, der Lohn ist nur zusätzlich" zieht sie ihr Fazit. Und das ist auch gut so, denn mit 160 Euro Aufwandsentschädigung im Monat lässt sich leider kein Studium finanzieren.










