Vieles lernt man nur beim Machen, man muss es tun

von Inka Harms

Viele reden davon, eine Zeit ihres Studiums im Ausland verbringen zu wollen. Nur wenige tun es jedoch und noch seltener entsteht eine Geschichte, wie es hier der Fall ist. Niklas Bamler war vor zwei Jahren während seines Geographie-Studiums als Praktikant in einem Reservat der Navajos in Nordamerika und ist mit einer Idee für einen Film zurückgekommen. Bei der Idee ist es nicht geblieben, aber fangen wir von vorne an…


Auf Spurensuche im Land der Diné

GeoZeit: Das Praktikum ist die erste Station Deiner Geschichte. Was hat Dir den Impuls gegeben ins Ausland zu gehen?
Niklas Bamler: Ich hatte sowieso vor, ein Auslandssemester zu machen und das, wenn möglich, mit einem Praktikum zu kombinieren. Im Fernsehen lief ein Bericht von Studenten, die in amerikanischen Nationalparks mitgeholfen haben und im Gegenzug Kost und Logie erhielten. Das waren zumeist einfache Tägigkeiten wie Reparaturarbeiten etc. Das Prinzip fand ich super und während der Suche nach mehr Informationen bin ich auf die amerikanische Organsiation ACE (American Conservation Experience) gestoßen, die Volontäre an die Parks vermittelt.

GeoZeit: Wie ist der Kontakt entstanden?
Bamler: Erst per Email, dann habe ich mich mit dem Gründer getroffen, als der gerade in Deutschland war, um für seine Organisation zu werben. Da ich der erste war, der als studentischer Praktikant vermittelt werden sollte, wollte er mich gerne kennenlernen. Und auch der Aufgabenbereich musste abgestimmt werden, damit es später von der Uni als geographische, studentische Arbeit anerkannt wird.

GeoZeit: Kannst Du kurz den Ort beschreiben, an den Du vermittelt wurdest?  
Bamler: Chinle, mit weniger als 5.000 Einwohner, liegt im Nordosten von Arizona am Canyon de Chelly Nationalpark, einem wirklichen Naturwunder. In dem Reservat herrscht stellenweise bittere Armut und eine Arbeitslosigkeit von fast 70%. Der Ort bietet nicht viel. Bezeichnend waren für mich die acht Kirchen verschiedener Konfessionen, und dass da ansonsten wirklich nichts los war.

GeoZeit: Worin bestand Deine Arbeit?
Bamler: Ich war unter anderem verantwortlich für die Bearbeitung archäologischer Daten, die teilweise auf Papier in riesigen Aktenschränken lagerten, aber auch digital vorhanden waren. Diese habe ich dann ins GIS (Geographisches Informationssystem, Anm. der Redaktion) übertragen. Bei meiner Ankunft gab es den Computer und das Programm, aber niemanden, der sich damit auskannte. Ich habe es quasi von Grund auf aufgebaut und eine Art „Gebrauchsanweisung“ über 30 Seiten geschrieben: wo welche Daten zu finden sind, was bereits über den Park erfasst wurde, was noch weiter gemacht werden müsste usw. Ich saß praktisch sechs Wochen vor dem PC in einem fensterlosen Raum.

GeoZeit: Letzteres klingt wiederum nicht sehr verlockend.
Bamler: Das hörte sich grad schlimmer an als es war. Ich hatte auch drei, viermal die Chance, mit den Archäologen vor Ort in den Canyon zu fahren um Funde aufzunehmen. Der Canyon ist ein zentraler Punkt der Kultur der Navajo, von der Schöpfungsgeschichte bis zu den schlimmsten Massakern, die jemals den Navajo angetan wurden, ist hier alles passiert. Man könnte mit dem Spaten bewaffnet in den Canyon gehen, einmal graben und mit irrsinnig vielen Pfeilspitzen, Keramik etc. wiederkommen. Durch das Ganze bekam ich einen guten Überblick vom Park. Aber es stimmt, vor dem Praktikum war ich etwas am zweifeln, da mir GIS eigentlich zu trocken ist, aber Englisch lernen und ein Praktikum in Amerika kann für die Zukunft sehr hilfreich sein. Und ich war natürlich im Ausland, in einer schönen Umgebung, bei interessanten Menschen und in unglaublicher Natur.

GeoZeit: Reichte Dein GIS I Kurs, um mit der Masse an Daten fertig zu werden?
Bamler: Ja, der Kurs hat mir schon sehr geholfen. Wenn weitere Fragen aufkamen, konnte ich im Internet suchen. Es gab auch eine Hotline für alle National Parks, die habe ich gerne mit meinen Fragen tyrannisiert. Zum Glück waren die sehr freundlich.

GeoZeit: Gab es keine sprachlichen Probleme?
Bamler: Eigentlich nicht, da ich früher mal für zweieinhalb Jahre in England gewohnt habe. Schwieriger wurde es bei der Erklärung von Fachausdrücken, vor allem bei Personen, die sich überhaupt nicht mit der Materie auskannten, denen ich nun aber erklären sollte, wie das GIS zu bedienen ist.

GeoZeit: Besonders interessiert mich, wie Du auf die Idee gekommen bist, einen Film zu drehen. Was gab Dir den Anlass darüber nachzudenken?
Bamler: Ich hatte schon vor dem Praktikum im Hinterkopf, dass ich irgendwann mal einen Film machen möchte. Nun fand ich eine Situation vor, die meiner Meinung nach definitiv wert war darüber zu berichten. Es gab da schon am ersten Tag eine prägende Szene: Bei einer Rundfahrt mit einer Archäologin sahen wir zwei Volltrunkene in der Mittagshitze im Straßengraben liegen. Die Archäologin erzählte mir, die beiden hätten vermutlich Haarspray benutzt, um betrunken zu werden. Das empfand ich als sehr krass.

GeoZeit: Haarspray?
Bamler: Um den Alkohol aus den gekauften Haarspraydosen trinken zu können, werden zwei Löcher in die Dose geschlagen, das Gas entweicht und der Rest wird mit Wasser vermischt. Die Leute nennen das „Ocean“. Bei Haarspray in Pumpsprayflaschen oder Mundwasser ist die Prozedur einfacher. Es wird nur verdünnt oder direkt pur getrunken.

GeoZeit: Kannst Du kurz den Inhalt Deines Filmes skizzieren?
Bamler: Im Trailer, mit dem ich mich bei der schleswig-holsteinischen Filmförderung bewerben wollte, stelle ich eine Frau vom Jugendamt und einen Aktivisten vom Reservat vor. Beide kämpfen gegen die sozialen Missstände im Reservat. Hauptsächlich geht es im Film um den Aktivisten. Wir haben ihn und seine Mitstreiter bei einer einmonatigen Wanderung um das Reservat begleitet, bei der sie auf die vielfältigen Probleme aufmerksam machen wollten.

GeoZeit: Wie verlief die Organisation von der Idee bis zu den ersten Dreharbeiten?
Bamler: Ich kam wieder und war stark beeindruckt von dem was ich da gesehen und erlebt hatte. Mit meiner Filmidee wandte ich mich an Christoph Corves von GeoMedien. Der bestärkte mich in meinem Vorhaben und meinte, ich sollte mich weiter engagieren. Für einen Film müsste ich jedoch erstmal Recherche betreiben und nochmals rüberfliegen. Das war natürlich eine finanzielle Frage. Durch die Kontakte vom Praktikum konnte ich  zumindest umsonst ein Haus mit Internetanschluss dort nutzen. Ich bin dann alleine, mit einer privat geliehenen Kamera, in den darauf folgenden Semesterferien losgezogen und habe Institution für Institution abgeklappert. Angefangen von der katholischen Kirche bis zum Jugendamt. Ich habe pauschal erstmal alle interviewt, die offen waren und Lust dazu hatten, während ich auf der Suche nach potentiellen Protagonisten war.

GeoZeit: Mit welchen Schwierigkeiten hattest Du zu kämpfen?
Bamler: Mit einigen. Ich saß einen Monat alleine mit dem Gefühl da, dass vielleicht alles umsonst sein könnte. Ich war zwangsläufig darauf angewiesen, Leute kennenzulernen, mit denen ich mich möglichst gut verstehe und die im besten Falle auch noch unglaubliche Charakterköpfe darstellen sollten. Damit stand ich ganz schön unter Druck. Das Wichtige und Brauchbare hat sich dann auch erst in den letzten drei Tagen meines Aufenthalts ergeben. Das heißt, ich war einen Monat tierisch genervt und dachte, die ganze Mühe umsonst, weil du so blöd warst und dachtest, du könntest hier jemanden kennenlernen, der sich filmen lassen würde.

GeoZeit: Zurück nach Deutschland. Du hast Unterstützung von der schleswig-holsteinischen Filmförderung erhalten. Hattest Du Dir Chancen ausgerechnet?
Bamler: Ich dachte, meine Karten stehen eher schlecht, da sich zumeist „professionelle“ Filmemacher bewerben. Ich bin jedoch persönlich hingefahren und habe mich genauer über die Antragsstellung etc. informiert. Ich glaube, mein Engagement und ganz viel guter Wille haben später wesentlich zur positiven Entscheidung beigetragen. Der Anruf kam dann zwei Wochen nach deren Entscheidungstag per Telefon. Ich war so sprachlos, dass sie mich gefragt haben, ob ich mich überhaupt freuen würde. Mit dem Geld konnte ich ein wiederholtes Mal, diesmal mit professionellem Equipment, ins Reservat fahren, um die eigentlichen Dreharbeiten zu beginnen. Die Kosten für die Dreharbeiten konnten letztendlich zu plus/minus Null von dem Geld gedeckt werden.

GeoZeit: Hattest Du noch andere Unterstützung?
Bamler: Vor allem die Leute der AG GeoMedien haben mich dabei unterstützt und nicht zuletzt auch die Leute der Filmförderung. Ein Bekannter, den ich von einem Filmworkshop an der Uni kannte, ist mit mir rübergeflogen. Wir hatten auch gemeinsam den Trailer für die Bewerbung bei der Filmförderung geschnitten. Nach dem Dreh ist er aber abgesprungen und ich arbeite momentan alleine weiter.

GeoZeit: Wie lief die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort?
Bamler: Wir sind natürlich erstmal aufgefallen, waren das „deutsche Fernsehteam“. Einige wollten von uns gefilmt werden. Auf der anderen Seite gab es natürlich Misstrauen, schon allein aufgrund der Hautfarbe. Einmal wurden wir von der Sozialarbeiterin vor Ort zu einer traditionellen Zeremonie eingeladen. Das war sehr beeindruckend. Bei den Navajos gilt es im Allgemeinen als unhöflich, zu viele Fragen zu stellen. Das war für uns natürlich hin und wieder nicht ganz einfach.

GeoZeit: Was würdest du aus heutiger Sicht anders machen?
Bamler: Da würde mir wirklich nichts einfallen. Außer vielleicht, das wir den Trailer ins Internet gestellt haben. Das hat später vor Ort für Vorurteile gesorgt und wir galten nicht mehr als „neutral“. Aus dem Praktikum entwickelten sich sehr viele Möglichkeiten. Auch wenn das nicht mein Traumjob war oder ist, hätte ich jetzt die Option dort später zu arbeiten oder zumindest für ein paar Jahre in einem Reservat zu wohnen, in einer unglaublichen Natur. Deshalb sollte man sich in solche Dinge reinstürzen und einfach mal machen.

GeoZeit: In wiefern hast Du von den Seminaren bei GeoMedien profitiert?
Bamler: Die Seminare waren ein optimaler Einstieg. Wenn man sich später noch mit den Grundlagen und der Technik auseinandersetzen müsste, bliebe einem nicht mehr viel Zeit für Wichtigeres. Aber Vieles lernt man nur beim Machen, man muss es tun. Ich glaube, umso mehr man in der Richtung arbeitet, umso besser wird man.

GeoZeit: Wann können wir mit dem Film rechnen und wo wird er zu sehen sein?
Bamler: Bestimmt noch diese Jahr. Sobald der fertig ist, werde ich mich über jede Vorführung freuen.

GeoZeit: Ich danke für das Interview.

Chinle`s Hauptverkehrsstrassen
„American Fence“ bewacht den örtlichen Supermarkt
Der „Canyon de Chelly“ im Nordosten Arizonas

Kurzportrait:

Niklas Bamler studiert, nach einem kurzen Ausflug in die Betriebswirtschaftslehre, im siebten Semester Geographie mit den Nebenfächern Medienwissenschaft/Kulturmanagement und Soziologie an der CAU Kiel. Wenn seine (noch ausstehenden) Dokumentarfilme seine Existenz nicht sichern sollten, würde er gerne den Job von Peter Scholl-Latour übernehmen. Ansonsten sieht er seine Leidenschaften in der Humangeographie und im Bereich der Entwicklungsforschung.

Weitere Informationen:

Link zum Trailer "Dinè Pride - der Stolz der Navajo"
http://www.youtube.com/watch?v=dHC_L7KL2nc