Asybewerber in Norddeutschland

In der Mitte vom Nichts

von Leopold Schick

Dreimal täglich Essen? Vollpension. Doch an der "Rezeption" musste bei der Ankunft alles an mitgeführtem Geld abgeben werden. Es wird mit den Kosten, die dem Staat entstehen, verrechnet. Wie in Norddeutschland mit Asylbewerbern umgegangen wird und die Fußballfans des FC St. Pauli dagegen halten, hat die GeoZeit vor Ort einmal verfolgen können...
Einfahrt Lager Horst
Direkt neben der Landstraße liegt die Erstaufnahmeeinrichtung Horst (Foto: Hiller)

Der Pförtner, ein älterer Sicherheitsangestellter mit auffallend wenig Humor, herrscht: "Drinnen keine Propaganda!" Der triste Lageralltag scheint ihm schon gründlich auf das Gemüt geschlagen zu haben. Darüber graue Wolken, vergilbte Fassaden und ein paar Tetrapacks, die auf den Fensterbänken nach außen gekühlt werden. Rundherum Bäume, Wiesen und Felder. Auf dem Weg über den Hof erscheinen hier und da neugierige Gesichter an den Fenstern. Drinnen, nackte Flure mit sich aneinander reihenden Zimmern. Unterkünfte. Mit jedem widerhallenden Schritt scheinen sich auch die Gerüche zu ändern. Es riecht irgendwie fremd, oder eher befremdlich. An der Pforte müssen Besucher ihren Personalausweis abgeben. Es fühlt sich so an als wenn hier das Niemandsland anfinge. Statt Ausweis gibt es ein Besucherkärtchen, das grenzt ab von den Leuten, die sich hier permanent aufhalten müssen.

Frau mit Kind im Flur
Unterwegs in den Fluren der EAE Horst. Mütter mit Kleinkindern gibt es hier viele.

Die ehemalige NVA-Kaserne in Nostorf-Horst ist seit Oktober 2006 zentrale Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Migrantinnen und Migranten sowie Flüchtlinge, die nach Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern kommen.
Nostorf-Horst, nie gehört? „Das liegt zwischen Lauenburg und Boizenburg, kurz hinter der ehemals deutsch-deutschen Grenze“, beschreibt Olaf* die Lage. Der 26-Jährige FC St. Pauli Unterstützer und Freizeitfußballer engagiert sich mit weiteren jungen Leuten in der Fangruppierung Ultrà Sankt Pauli. Sie organisieren, neben Choreographien im Stadion und anderen Fußballangelegenheiten, antirassistische Aktionen und Projekte in Norddeutschland.
Auch an diesem Sonntag fährt Olaf nach Horst, um einen Spieltag zu erleben, wie er ihn seit drei Jahren zu fast jedem Heimspiel der „Kiezkicker“ durchführt. Während der Fahrt im Sprinter erklärt er, was heute geschieht: „Ich fahre jetzt nach Horst in die Zentrale Aufnahmeeinrichtung, dort besuche ich AsylbewerberInnen, die wir teilweise auch schon kennen. Denen spenden wir Klamotten und Spielsachen, reden über ihre Probleme und dann geht’s mit ein paar von ihnen zum Spiel gegen Union Berlin“, erklärt er.

Das Projekt gebe es seit fünf Jahren. Entstanden sei es damals aus dem Wunsch, antirassistische Solidarität zur regelmäßigen Praxis werden zu lassen. "Es gibt eigentlich einen ganz einfachen Ansatz. Wir wollen der Allgemeinheit zeigen, dass unsere Solidarität unabhängig von Nationalitäten gilt und dass wir keine Lust haben auf den rassistischen Staat BRD. Die Flüchtlinge werden von den Behörden marginalisiert, sie können sich nicht frei bewegen, haben keinen Zugang zu Informationen und zum sozialen Leben außerhalb. Wir geben ihnen eine Auszeit vom Lageralltag und zeigen ihnen vielleicht auch ein Stück weit, dass es Menschen gibt, denen es nicht egal ist, was mit ihnen passiert."

Stacheldrahtzaun Horst
Jeder darf das Gelände verlassen, wird aber kontrolliert (Foto: Hiller)

Das Lager untersteht dem Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns, welches wiederum Abkommen mit den Hamburger und Schleswig-Holsteinischen Behörden geschlossen hat. Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, werden nach einem Verteilungsschlüssel, abhängig vom Anteil der Bevölkerung im jeweiligen Bundesland, zugeteilt. Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben da eine besondere Praxis. Statt dem "Problem" der Asylsuchenden in ihren Ballungszentren zu begegnen, verlagern sie diese auf das Land. Dahin wo sie sich niemandem gegenüber moralisch rechtfertigen müssen. "In der Mitte vom Nichts", wie Olaf es beschreibt.

Zum Lager gehören neben den Unterkünften auch eine Polizeiwache und eine Zweigstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das BAMF entscheidet in den jeweiligen Ländern über die Asylanträge. In ganz Deutschland sind im Jahr 2009 von rund 27.000 Erstanträgen nur 1,5 Prozent bewilligt worden und der Weg zur Entscheidung kann lang sein. "Von einem Mann weiß ich, dass er 15 Monate in Horst war, bis er seine Entscheidung bekommen hat", empört sich Olaf. Ein Zustand, in dem viele der Flüchtlinge an ihre psychischen Grenzen stoßen. Wird ein Asylantrag abgelehnt, ist der Weg zur Abschiebung schnell. "Es kommt immer wieder vor, dass wir vergeblich versuchen jemanden zu erreichen. Beim nächsten Besuch in Horst erfahren wir dann von den Anderen, dass derjenige abgeschoben wurde", erzählt Olaf.

In Horst wird schnell deutlich, warum die Menschen eine Auszeit vom Lageralltag gut gebrauchen können. Hier gibt es nichts außer Wald, Wiesen und einem großen, eingezäunten Kasernenkomplex. Kaum ist das Auto geparkt, kommen ein paar Männer über den Parkplatz gelaufen. Afrikanisch und orientalisch aussehende Männer. Es sind Iraker und Afghanen, die hier die Mehrheit der Asylbewerber bilden. Ein paar Ghanaer sind auch dabei. Sie wissen genau, dass sie sich beeilen müssen um ein paar Spenden oder einen Platz im Auto zu bekommen. Erst nachdem Olaf die Stimme erhebt, erwidern sie freundlich seinen Gruß, wenn auch nur durch eine schnelle Geste während des Untersuchens der mitgebrachten Beutel. Manche sprechen ein bisschen Deutsch. Die Hälfte von allen sitzt schon im Bus. Wer mitkommen darf, sollen sie normalerweise vorher regeln. Eine Kontaktperson im Lager, von der die „St. Paulianer“ die Handynummer haben, dient als Vermittler. Nicht unbedingt die beste Lösung, wie Olaf zu bedenken gibt. „Wir haben ein bisschen die Befürchtung, dass sich dadurch irgendwelche Herrschaftsstrukturen bilden könnten“. Denn die Teilnahme am Ausflug ist begehrt und es sollen nicht immer die Gleichen mitkommen.
Ein weiteres Problem äußert sich in der Geschlechterverteilung. Frauen sind nämlich auch heute wieder nicht dabei. „Es ist immer schwierig Frauen mitzubekommen“, stellt Olaf fest, „viele von ihnen haben kleine Kinder oder besitzen nicht den Stellenwert in der Gruppe, dass sie einen Platz ergattern können.“

Vor dem Hintergrund der Großstadt erwarten alle den Anpfiff.
Vor dem Hintergrund der Großstadt erwarten alle den Anpfiff.

Die AsylbewerberInnen sind in Ihrem Bewegungsradius eingeschränkt. Zwar können sie das Lager problemlos verlassen, sie haben jedoch, abhängig von Ihrer Erstaufnahmeregion, eine Residenzpflicht. Viele, die in Horst im Landkreis Ludwigslust untergebracht sind, dürfen diesen also nicht verlassen. Ein Besuch im fünf Kilometer entfernt gelegenen Lauenburg ist somit eine Residenzpflichtverletzung, ein Strafbestand. Im Falle einer polizeilichen Kontrolle führt das zu einem Bußgeldverfahren, ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf den Asylantrag. Die Folgen sind zwar ein wenig unklar, weil sich die Behörden dazu nicht äußern. "Aber man kann davon ausgehen, dass die Chancen nicht besser werden", vermutet Olaf. "Wobei sich der Ausdruck 'Chancen' ein wenig merkwürdig anhört, denn bei 1,5 Prozent an Bewilligungen in Deutschland, kann man kaum schlechtere Chancen haben!"
Es gäbe die Alternative, statt nach Lauenburg in das sieben Kilometer entfernte Boizenburg zu fahren, jedoch hat sich die Stadt an der Elbe in der Vergangenheit nicht guter Gastgeber gezeigt. Ende November 2007 wurde ein kurdisch stämmiger Asylbewerber aus der EAE Horst auf dem Bahnhofsvorplatz Boizenburgs von rechtsextremen Jugendlichen beschimpft und verprügelt.

Mit vollbesetztem Auto geht es jetzt los in Richtung Hamburg. Es ist schon 11:40 Uhr und das Spiel beginnt um 13:30 Uhr. Der Besuch auf dem Gelände der EAE hat den Zeitplan etwas strapaziert. Ein wenig gedämpft ist die Stimmung im Auto noch, als es auf der Bundestraße 5 durch Lauenburg geht. Aus dem Autoradio dudeln die gewöhnlichen Albernheiten irgendeines Kommentatorenduos. Sie scheinen zum Beschlagen der Autoscheiben beachtlich beizutragen. Der Großteil der Gruppe weiß noch nicht so recht, was ihn erwartet. Auf der vorderen Sitzbank neben Olaf sitzt Charles* aus Ghana. Er war schon viermal dabei und fängt an die Fangesänge des FC St. Pauli in Bruchstücken vor sich hin zu singen. Nach ein paar Phrasen stimmen die Anderen nach und nach ein. Ziemlich komisch hört sich das an, aber die Fangesänge scheinen überall auf der Welt gleich zu sein. Wer den Text nicht kann, der singt halt die Melodie mit. Besser als das Radio ist es allemal. Als die Autobahn erreicht ist, wird bei den Ersten schon die Kehle trocken.

In der Südkurve kocht die Stimmung. Auch die "Jungs aus Horst" singen lautstark mit. (Foto: Boehmer)

Charles erzählt, dass sie im Lager außer den Ultràs selten Gäste von außerhalb empfangen. „Ein paar Bewohner bekommen Freunde oder Familie zu Besuch. Ich aber nicht, meine Frau und mein Sohn sind in Holland. Alle zwei Monate kommen die Leute vom Flüchtlingsrat Hamburg in das Lager. Sie fragen nach Problemen, helfen uns mit den Anträgen und besorgen uns einen Anwalt, falls wir einen brauchen. Das sind gute Menschen“, sagt er.

Vor dem Fanladen auf St. Pauli gibt es nach der Ankunft erstmal ein Freigetränk für jeden. Durch die Häuserschluchten klingt hier und da ein Fangesang oder ein euphorisches Johlen. Es ist kalt. Auf dem Bürgersteig sammeln sich die Fans, tauschen Karten oder einfach ein paar Worte. Die Blicke der Asylbewerber wandern über die Szenerie. Vieles ist neu, wie man ihren Gesichtern ablesen kann.
Jetzt kommen auch ein paar der anderen Mitglieder von Ultrà Sankt Pauli. Zusammen geht es dann zum Stadion. Für die „Jungs aus Horst“, wie sie freundschaftlich genannt werden, zahlt Ultrà Sankt Pauli heute alles. Unterstützt werden die Initiatoren auch vom Verein, der jedes Jahr ein kleines Kontingent an Dauerkarten zur Verfügung stellt.
Und dann stehen sie auf einmal mitten drin. Mitten in der Stadt, im Stadion, im Geschehen. Alle singen euphorisch mit. Ab und zu gucken andere Fans verwundert herüber. „Manchmal werde ich komisch angeguckt“, sagt Charles lächelnd, „weil ich so eine laute Stimme habe und den Text nicht gut kann.“ Viele im Block scheinen sich jedoch schon lange daran gewöhnt zu haben, dass sie Gäste haben.
Das Spiel trägt zur Stimmung bei. Der erste Treffer gelingt den „Boys in Brown“ in der neunten Minute. Nach 14 Minuten steht es schon 2:0. In diesen Momenten sind die „Jungs aus Horst“ ihrem Lager so fern wie sonst nie. Man liegt sich in den Armen. Egal woher, welcher Hautfarbe oder Konfession.
Der FC St. Pauli gewinnt die Partie schließlich souverän mit 3:0. Die Begeisterung in den Augen der Teilnehmer lässt einen Olafs Motivation für das Engagement nachvollziehen. „Ich will einfach, dass sie einen schönen Tag haben...“ sagt er.  „...und, dass sich vielleicht auch unsere Leidenschaft, die Leidenschaft, welche wir für den FC St. Pauli haben, auf sie überträgt.“
Nach dem Spiel gibt es noch für alle eine warme Mahlzeit, bevor es wieder heimwärts geht. Hätte man ihnen vorher etwas von deutscher Gastfreundschaft erzählt, hätten sie es wohl für Ironie gehalten. Den heutigen Ausflug wird aber so schnell keiner von ihnen vergessen.


*Name geändert