Politische Verfolgung und Asyl

Keine Kindheit ohne Flucht

von Janne Kaiser

Für Geozeit erzählt Sona Kaschani* von ihrer Kindheit auf der Flucht vor politischer Verfolgung im Iran und ihrer Jugend als Asylantin in Deutschland. Heute ist die Perserin mit den wilden Locken und dem warmen Lächeln deutsche Staatsbürgerin, gerade hat sie ihr Studium der Politikwissenschaft mit Auszeichnung abgeschlossen. Wir sprechen über ihre Beziehung zu dem Iran sowie ihre Wahrnehmung von Demokratie.
Ich bin Kosmopolit – ich bin überall zuhause!
Ich bin Kosmopolit – ich bin überall zuhause!

Geozeit: Gab es in deiner Kindheit eine Zeit ohne Flucht?
Sona Kaschani: Nein, ich bin auf der Flucht meiner Eltern geboren worden. Die Revolution im Iran, an der meine Eltern beteiligt waren, war 1979, ich kam 1984 zur Welt. Nach der Revolution wurden alle, die politisch aktiv waren und nicht die Linie der Fundamentalisten fuhren, verfolgt. Alle politisch Aktiven, die öffentliche Ämter bekleideten, wie zum Beispiel meine Mutter, die Lehrerin war, oder mein Vater, der Matheprofessor war, mussten ihre Stelle aufgeben und im Iran um ihr Leben flüchten. Nach der Revolution wurden tausende von politischen Aktivisten getötet. Die ersten fünf Jahre meines Lebens waren wir im Iran auf der Flucht – im Untergrund.
Geozeit:
Wie sieht ein Leben im Untergrund aus?
Sona Kaschani: Wir haben die erste Zeit bei Bekannten gelebt. Damit die jedoch nicht auch in Lebensgefahr gerieten haben wir uns dann verdeckt Wohnungen auf kurze Zeit angemietet. Immer, wenn die Gefahr bestand ertappt zu werden, sind wir weiter durch den Iran gezogen. So sind meine Eltern die ersten fünf Jahre meines Lebens kreuz und quer durch den Iran mit mir gereist.

Geozeit: Woran merkt man, dass die Gefahr steigt ertappt zu werden?
Sona Kaschani: Wenn jemand zwei mal an unserer Tür vorbei ging ohne, dass wir ihn kannten oder wir erfahren haben, dass die Geheimpolizei in der Nähe ist und Wohnungen durchsucht hat, haben wir unsere Sachen gepackt und sind weiter gegangen. Maximal waren wir zwei Monate an einem Ort, meistens eher nur eine Woche.

Geozeit: Wie habt ihr diese lange Flucht finanzieren können?
Sona Kaschani: Wir haben alles verkauft, was wir besaßen. Zusätzlich hat meine Mutter gestrickt und genäht und mein Vater hat illegal auf dem Bau gearbeitet.

Geozeit: Du warst noch Kind – woran kannst du dich aus dieser Zeit erinnern?
Sona Kaschani: Ich kann mich zum Beispiel an einen Hausmeister erinnern, der mich immer angeschaukelt hat. Das war etwas sehr besonderes, da ich nicht mit anderen Kindern und nur selten draußen spielen durfte. Ein negatives Erlebnis war, dass ich einmal viel zu spät vom Spielen zurück kam und mein Vater richtig außer sich war vor Wut, weil er sich Sorgen gemacht hatte. Weil er solche Angst hatte, dass ich jemandem von uns erzähle, hat er mir dann eine Zeit lang verboten rauszugehen. Das hat sich auf jeden Fall nicht so schön angefühlt. Was ich immer total ätzend fand war, dass alle anderen Kinder draußen spielen durften und meine Mutter mich zuhause unterrichtet hat, weil ich nicht zur Schule gehen konnte. Meiner Mama war es ganz wichtig, dass ich lesen und schreiben lerne. Zudem kann ich mich an den Süden des Irans mit seinem ganz speziellen warm-feuchten Klima und dem Meer erinnern.

Geozeit: Kannst du dich an den Moment erinnern, in dem ihr euch entschlossen habt den Iran zu verlassen?
Sona Kaschani: Ja, sehr gut. Mein Vater war ins Gefängnis gekommen, konnte aber fliehen. Das war der Zeitpunkt an dem wir beschlossen haben, dass wir raus müssen. Wir besorgten uns gefälschte Papiere und buchten einen Flug. Ich wusste bis zum Schluss nicht wohin. An den Abschied am Flughafen kann ich mich sehr gut erinnern: meine ganze Familie war da, alle hatten kleine Geschenke mitgebracht und alle haben sehr viel geweint. Ich habe den ganzen Flug geweint.

Geozeit: Wohin ging der Flug?
Sona Kaschani: In die Türkei. Uns wurde gesagt, dass es dort einen Mittelsmann der Partei gäbe, der uns helfen würde nach Kanada zu kommen. Den gab es dann aber leider gar nicht. Also waren wir ungeplant länger in der Türkei: sechs Monate.

Geozeit: Der Traum nach Kanada zu gehen war geplatzt, was beschlossen deine Eltern zu tun?
Sona Kaschani: Sie bezahlten Schlepper, die uns nach Baku, in der damaligen UDSSR und dem heutigen Aserbaidschan, brachten. Da meine Eltern im Iran für ihre kommunistische Gesinnung verfolgt worden waren, schien es ihnen attraktiv in einem kommunistischen Land zu leben. Vor Ort haben wir gesehen was es mit dem Kommunismus da auf sich hatte und haben relativ schnell beschlossen, dass wir weiter wollten. Am liebsten wären wir nach Stockholm gegangen, weil damals sehr viele iranische Flüchtlinge in Stockholm lebten. Wir wollten mit Schleppern nach Stockholm, aber das hat nicht geklappt. Dann haben wir uns entschlossen nach Deutschland zu gehen, weil ein Onkel meiner Mutter in Köln lebte. Mit dem Zug konnten wir illegal durch die UDSSR über Polen nach Deutschland einreisen.

Geozeit: Hat es eurer Familie im Iran in Schwierigkeiten gebracht, dass ihr ins Ausland geflohen seid?
Sona Kaschani: Nein, soweit ich weiß nicht. Allerdings ist mein Onkel, der meinem Vater sehr ähnlich sieht, mehrere Jahre lang in Haft gehalten worden, weil sie dachten, dass er mein Vater sei. Irgendwann haben sie ihn freigelassen, weil sie ihm geglaubt haben. Dummerweise kann er seit dem nicht mehr riechen, weil er so gefoltert wurde. Er ist dann später auch nach Deutschland gekommen.

Geozeit: Was für Erinnerungen nimmst du von den einzelnen Stationen deiner Flucht mit?
Sona Kaschani: In der Türkei habe ich ganz schnell gelernt selbstständig zu sein. Dadurch, dass ich die Sprache nach ein paar Wochen konnte, war ich dafür zuständig zu übersetzten.

Geozeit: Nach ein paar Wochen?!
Sona Kaschani: Weil meine Eltern mich schon im Iran zweisprachig aufgezogen hatten, mit Aserbaidschanisch und Farsi, fiel es mir vermutlich leichter die neue Sprache zu lernen. Zudem ist das Türkische dem Aserbaidschanischen recht ähnlich.

Geozeit:...zurück zu den Erinnerungen.
Sona Kaschani: An Baku habe ich eigentlich nur schlechte Erinnerungen. Alles war total heruntergekommen: schlechte Sanitäranlagen; keine vernünftigen Schuhe; man hat immer nur gefroren; man musste ewig lange an Lebensmittelschlangen anstehen; die Menschen waren total unfreundlich und arm. Da waren wir nicht lange, trotzdem habe ich in der kurzen Zeit russisch lesen und schreiben gelernt. Aber wenn ich mir die Bücher heute angucke, in denen ich damals geschrieben habe, kommt mir das wie Hyroglyphen vor. (Lacht)

Geozeit: Stellst du dir manchmal vor, wie dein Leben gewesen wäre, wenn ihr nicht geflohen wäret?
Sona Kaschani: Nein, eigentlich nicht. Entweder wäre ich tot, oder... hm, ich glaube ich wäre tot.

Geozeit: Wie war es, als ihr nach sechs Jahren Flucht in Deutschland angekommen wart? Erleichterung?
Sona Kaschani: Das war furchtbar. Wir wurden zuerst in eine Turnhalle geschickt, die durch Vorhänge unterteilt war, und in der alle „frischen illegalen Einwanderer“ aufbewahrt wurden. Und dann fing das Ganze mit der Polizei an: meine Eltern mussten ständig zur Polizei rennen, Aussagen machen vor Gericht, immer wieder erzählen wann wir wo waren. Oft wurden sie getrennt befragt um die Aussagen abzugleichen. Der ganze Prozess war total zäh und es hat ewig gedauert, bis wir eine Antwort von einem Gericht bekommen haben. Als nächstes sind wir in ein Asylantenheim gezogen. Dort hatten wir zwar ein eigenes Zimmer für uns drei, aber mit Gemeinschaftsküchen und -badezimmern. Mit Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, die alle viel erlebt hatten, auf so engem Raum: Das war schwierig.

Geozeit: Wurdet ihr durch Integrationsangebote unterstützt?
Sona Kaschani: Nein. Zwar bin ich zur Vorschule gekommen – für Kinder gibt es da eine Sonderregelung –, aber meine Eltern hätten warten müssen bis die Asylanträge bewilligt sind. Sie hatten aber das Warten satt und haben selbst Sprachkurse genommen. Hätten sie auf die Bewilligung des Asylantrages gewartet, hätten sie ein Jahr untätig rumsitzen müssen. Arbeiten durften sie auch nicht.

Geozeit: Was passierte als der Asylantrag nach dem Jahr bewilligt wurde?
Sona Kaschani: Wir durften uns eine Wohnung nehmen und meine Eltern durften arbeiten. Allerdings wurde ihnen ohne ein Zertifikat der iranischen Behörden ihr ursprünglicher Beruf nicht anerkannt. Und der iranische Staat stellt wohl kaum einem Menschen, den er verfolgt, ein Zertifikat aus. Deswegen hat mein Vater, der Matheprofessor, dann angefangen als Taxifahrer zu arbeiten und meine Mutter, die Lehrerin, hat erst gejobbt und dann eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht.

Geozeit: Müsste es nicht gerade für einen Mathematikprofessor ein Leichtes sein, sein „Können“ unter Beweis zu stellen?
Sona Kaschani: Das ist aussichtslos. Die Verwaltung ist ziemlich starr. Man muss bestimmte Auflagen erfüllen, wenn man die nicht erfüllt, ist das so. Er war damit nicht glücklich und hat ganz, ganz viel gearbeitet um Geld zu sparen, damit er sich selbstständig machen kann. Leider ist er kurz vorher erkrankt und gestorben. Er wollte ein Altenheim an der Nordsee gründen.

Geozeit: In Deutschland wird dem Begriff Heimat viel Bedeutung beigemessen. Was verbindest du mit diesem Begriff? Wo ist deine Heimat?
Sona Kaschani: Für mich ist der Begriff Heimat immer mit einer gewissen Nostalgie, Ratlosigkeit, Traurigkeit verbunden. Und einem riesigen Fragezeichen, denn ich habe eigentlich keine wirkliche Heimat. Lange habe ich mich dagegen gewehrt zu sagen, dass ich Deutsche bin. Mittlerweile kann ich das akzeptieren – ich bin ja de facto Deutsche. Die utopische Vorstellung von dem Iran als meiner Heimat, die ich früher hatte, hat sich gewandelt. Der Iran ist nicht mein Zuhause. Ich kann mich nicht mehr hineinfühlen, wie es wäre, im Iran zu sein. Das ist jetzt fernab von der Realität. Aber dadurch, dass Globalisierung die Bedeutung von Nationalstaatlichkeit relativiert, kann ich auch erleichterter sagen: „Ich bin Kosmopolit – ich bin überall zuhause!“. Das fühlt sich viel, viel besser an. Es dauert nicht lange und ich nenne einen Ort Zuhause. Heimat insofern gibt es für mich nicht, Heimweh kenne ich nicht. Ich sehne mich nie nach Orten, sondern nach Menschen, die mir wichtig sind. Und durch meine Geschichte ist es wohl auch bedingt, dass ich mich unglaublich schwer an einen Ort binden kann. Ich habe das Gefühl, ich muss immer weiter ziehen.

Geozeit: Hast du das Gefühl, dass Demokratie für dich eine andere Bedeutung hat, als für andere Menschen?
Sona Kaschani: Ich habe das Gefühl, dass ich bewusster mit dem Begriff umgehe, weil mir klarer ist, dass die Elemente einer Demokratie nicht selbstverständlich sind. Ich bin mir bewusst, wie wertvoll sie im Alltag sind. Sei es in der Wahl der Kleidung, sei es seine Meinung öffentlich kund tun zu können. Ich merke schon, dass viele hier, die andere Verhältnisse nicht kennen, mit dem Begriff leichfertiger umgehen und nicht die praktische Bedeutung davon erfassen können.

Geozeit: Gibt es etwas an dir, was du als typisch persisch bezeichnen würdest?
Sona Kaschani: Ja, die Höflichkeit. Auch wird mir oft gesagt, ich sei sehr warmherzig und fürsorglich. Das ist wohl typisch für die iranische Mentalität: für einander sorgen und für einander da sein.

Geozeit: Das ist nicht das, was du von dem Iran erlebt hast, oder?
Sona Kaschani: Nein, aber es ist das, was meine Eltern noch daraus getragen und mir vermittelt haben. Insbesondere meine Mutter.

Geozeit: Du wirst demnächst ein Praktikum in Aserbaidschan machen. Reizt es dich, dann auch in das Nachbarland Iran zu reisen?
Sona Kaschani: Vielleicht. Ich überlege meine Papiere soweit vorzubereiten, dass ich es tun könnte. Aber wenn die politische Situation sich nicht verbessert, werde ich das auf keinen Fall tun. Wir mussten damals, als wir die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, per Unterschrift zur Kenntnis nehmen, dass die deutschen Botschaften uns überall helfen werden, nur nicht im Iran. Aber meine Oma und meine Tanten, die noch im Iran leben, und meine Mutter möchten mich in Baku besuchen kommen. Dann hätten wir eine Familienzusammenführung in Aserbaidschan!

Geozeit: Was wünscht du dem Iran für die Zukunft?
Sona Kaschani: Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung. Aber das wird wahrscheinlich noch ganz, ganz lange dauern, bis da was passiert. Es ist unwahrscheinlich, dass ich das noch mitbekomme.


* Name von der Redaktion verändert