Situation substituierter Heroinabhängiger in Kiel
Stillstand
Von Janne Kaiser
Seit den 1990er Jahren werden Heroinabhängige in Deutschland mit Ersatzstoffen wie Methadon substituiert. Obwohl Studien positive Ergebnisse belegen und die Liste der Vorteile besticht, zeigt das System bei seiner Umsetzung in Kiel Schwächen. Eine große Zahl der Betroffenen verbleibt über Jahre in der Substitution: ein Leben im Stillstand?

- Das Tor zur Methadonvergabestelle steht allen Opiatabhängigen offen
Johannes ist 18 als er sich das erste Mal Heroin spritzt. Experimentierfreude und die Neugier auf den großen Kick treiben den jungen Kieler an. Dem gutbürgerlichen Familienleben entgleitet er und verfängt sich in den Armen der Sucht. Schnell jedoch geht ihm das Geld aus und er wechselt in die Substitution. Seine tägliche Dosis Methadon, ein synthetischer Ersatzstoff für Heroin, bekommt er nun von einem Arzt verschrieben. 1400 substituierte Heroinabhänge gibt es in Kiel offiziell, Schätzungen nennen jedoch eine Dunkelziffer von bis zu 2000 Betroffenen. Und es werden immer mehr. „Für viele Süchtige ist die Substitution eine Sackgasse, aus der sie sich längst nicht so einfach befreien können, wie früher geglaubt“, stellt Volker von Kajdacsy von der Suchthilfe Horizon fest. „Methadon ist eine hochpotente Droge – da passiert der Ausstieg nicht von selbst“, ergänzt der Kieler weiter.
Johannes wird bis zu seinem 27. Lebensjahr ohne Unterbrechung substituiert. Zehn Jahre, in denen der junge Mann nicht zur Schule geht, keine Berufsausbildung erhält und keiner regulären Arbeit nachgeht. Zehn Jahre, in denen er keinen einzigen Ausstiegsversuch unternimmt. Zehn Jahre Stillstand. War das so gewollt, als man sich in den 1980er Jahren für die Einführung der Methadonprogramme entschied? Zentrales Argument für eine Substitution war und ist die harm reduction, also die Verringerung der negativen Folgen einer Heroinsucht. Dazu gehören zum Beispiel Senkung der HIV und Hepatitis-Infektionsraten. Durch die Bindung an den substituierenden Arzt kann zudem eine verbesserte medizinische Versorgung ermöglicht werden und es ist möglich, Kontakt zu den Betroffenen aufzunehmen. Die Sozialarbeit spricht deswegen von einem niedrigschwelligen, die Sucht akzeptierenden Angebot.
Die Substitution hat aber auch eine ordnungspolitische Komponente: bekommen die Süchtigen ihren Ersatzstoff kostenlos von den Krankenkassen, müssen sie nicht mehr täglich große Geldmengen für den Drogenkauf aufbringen. Das senkt die Beschaffungskriminalität, erhöht das staatliche Kontrollvermögen und verhindert auch, dass sich Betroffene in ihrer Not prostituieren. Die für Bahnhöfe großer Städte sonst übliche „offene Szene“ Heroinabhängiger wird so in eher friedliche dezentrale Versammlungsorte in räumlicher Nähe von Vergabestellen, wie den Kieler Schützenpark oder Wilhelmplatz, umgewandelt. Das ist besonders für eine Stadt, deren Bahnhof als Knotenpunkt und Visitenkarte für den Kreuzfahrttourismus eine zentrale Rolle spielt, ein wichtiges Argument.

- Der Kieler Wilhelmplatz ist ein dezentraler Versammlungsort von Substituierten
Dass die substituierten Abhängigen nun nicht mehr permanent dem Geld für den nächsten „Schuss“ hinterher jagen müssen, ermöglicht es ihnen in einen halbwegs geregelten Alltag zu finden. Muss Heroin fünf bis zehn, in Extremfällen sogar bis zu 30 Mal am Tag gespritzt werden, so braucht das Methadon mit seiner längeren Halbwertszeit nur noch einmal täglich genommen zu werden. Das stabilisiert die Betroffenen und schafft Raum für Behördengänge, Beratungsgespräche und Resozialisierungsmaßnahmen. Grundgedanke des Substitutionssystems war es, diese Stabilität als ersten Schritt für einen Ausstieg zu nutzen. In der Realität bleiben jedoch viele, wie auch Johannes, über Jahre bis Jahrzehnte in der Substitution hängen.
Woran liegt das? „Eine Drogensucht hat immer mehrere Komponenten“, erklärt Volker von Kajdacsy, „die körperliche und die psychische“. Ein Ausstieg setzt sich somit aus einer körperlichen Entgiftung, die in einem Krankenhaus stattfindet, und aus der psychischen Entwöhnung zusammen. Ist der Betroffene körperlich entzogen worden, wird der psychischen Komponente durch eine stationäre Psychotherapie Rechnung getragen. „Um aus der Drogensucht rauszukommen musst du aber auch komplett das alten Leben verändern“, ergänzt Volker. Hierfür ist eine intensive psycho-soziale Betreuung nötig. Sie hilft den Bertoffenen zum Beispiel dabei, wieder einen festen Wohnsitz zu finden, Anträge bei Behörden zu stellen, eine Arbeit zu finden und sich ein neues, drogenfreies soziales Umfeld aufzubauen. Die Elemente Entgiftung, Therapie und psycho-soziale Betreuung gemeinsam haben sich als sinnvolle Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Ausstieg erwiesen.
In der Realität liegen jedoch zwischen der körperlichen Entgiftung und der Aufnahme in eine Psychotherapie häufig Wartezeiten von mehreren Monaten. Die Betroffenen sind dann nach der körperlichen Entgiftung zwar körperlich clean, haben jedoch noch keine Fähigkeiten entwickelt, um längerfristig Suchtmittelfrei zu leben. Ein Großteil wird während dieser Wartezeit rückfällig. Für die psycho-soziale Betreuung, die helfen könnte diese Wartezeit zu überbrücken, gibt es in Kiel fünf Stellen. Rein rechnerisch kommt so auf jeden Substituierten ein Gespräch pro Monat.
Dies ist einer der Gründe warum die Verweildauer vieler Abhängiger in der Substitution so hoch ist. Einen weiteren nennt der Suchtberater Volker von Kajdacsy: „Das System der Substitution hat eine hohe Haltekraft entwickelt. Die Ausstiegsanreize und die für einen Ausstieg benötigten Hilfestellungen hingegen sind umso kleiner geworden." Dies alles führt dazu, dass viele Menschen über lange Zeiträume, oft Dekaden, in der Substitution verharren. „Wenn das so weiter geht müssen wir uns bald über Alten- und Pflegeheime für Substituierte Gedanken machen“, bemerkt von Kajdacsy trocken.

- Den Schützenpark kennen viele Kieler auch als "Spritzenpark"
„Du kommst viel leichter an den Stoff vom Staat, als am Bahnhof an Heroin“, klärt Johannes auf. Bei Einführung der Methadonprogramme in den 80er Jahren mussten Abhängige für die Aufnahme in das Programm mehrere gescheiterte Theraphien nachweisen. Heute kommt jeder Opiatabhängige schnell und unkompliziert in die Substitution. Von Kajdacsy befürchtet, dass die leichte Zugänglichkeit von Substituten die Hemmschwelle für den Einstieg in den Konsum harter Drogen senkt und berichtet von einem Dialog im Beratungsgespräch mit einem sechzehnjährigen Jugendlichen: „Harte Drogen sind gefährlich, davon kann man süchtig werden!“ – „Ja, Alter, dann hol ich mir eben mein Methadon vom Staat.“ Seine Kritik an der Praxis der Methadonvergabe: Man kommt schnell rein, aber man kommt nicht wieder heraus.
Nach zehn Jahren in der Substitution wird Johannes beim Dealen erwischt. Zwar dürfen Substituierte offiziell keine anderen Drogen außer dem Substitut konsumieren, de facto tun dies jedoch viele. Auch Johannes hatte sogenannten Beikonsum und um diesen zu finanzieren handelte er mit Drogen. Ein Gericht stellte ihn vor die Wahl entweder eine Gefängnisstrafe zu verbüßen oder zu entziehen. Da er noch nie im Gefängnis war und dieses fürchtete, entschied er sich – anders als der Regelfall – für den Ausstieg aus der Drogensucht. „Ich wäre auch noch zehn Jahre in der Substitution geblieben, wenn mich der Richter nicht zum Entzug gezwungen hätte“, stellt er im Rückblick fest.
„Was soll das?“, fragt man sich als Außenstehender. Das Verharren in der Substitution verursacht den Kranken- und Sozialkassen eine Menge Kosten für medizinisches Personal, Medikamente, Unterhalt und regelmäßige Beikonsumentgiftungen. Übersteigt das nicht bei weitem die Investitionen, die für eine Verbesserung des Systems und somit eine Kostenersparnis nötig wären? Eine Verbesserung könnte schon die Verringerung der Wartezeiten und somit das Angebot sofortiger Ausstiegsmöglichkeiten, eine bessere Kommunikation zwischen den relevanten Institutionen und eine Aufstockung der psycho-sozialen Betreuung bringen. Innovationshemmend wirkt vermutlich die Vielzahl Stakeholder: Kranken- und Rentenkassen, medizinisches Personal, Sozialarbeiter, Pharmakonzerne und Politiker. Die große Anzahl Substituierter beschert der Pharmaindustrie ein verlässliches Einkommen und sichert viele medizinische Arbeitsplätze. Dass das Thema Drogenpolitik zudem nicht zu den beliebtesten Wahlkampfthemen gehört und keine Partei die Klientel der Drogenabhängigen ihre eigene nennen möchte, ist für eine engagierte Weiterentwicklung des Systems nicht gerade förderlich. Eine jüngst in Kiel-Gaarden abgehaltene Stadtteilkonferenz deutet jedoch darauf hin, dass das praktizierte Substitutionssystem in Kiel zunehmend hinterfragt wird. Ist hier ein Ende des Stillstands in Sicht?
Johannes zumindest entzieht nach zehn Jahren Stillstand erfolgreich, nimmt an einer Wiedereingliederungsmaßnahme teil, macht einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung. Heute ist er 31, hat einen Job im ersten Arbeitsmarkt und lebt ein drogenfreies Leben.







