Drogen- und Medikamentenkonsum an der Universität

Von Cannabis und Ritalin

Von Henrike Thelen

Der Konsum von Tabak, Alkohol und Cannabis ist im Studentenleben allgegenwärtig. Seit einiger Zeit ist auch die Einnahme von leistungssteigernden Medikamenten auf dem Vormarsch. GeoZeit hat nachgeforscht und ist dabei auf unterschiedliche Einschätzungen von Experten zum Thema Substanzenmissbrauch bei Studierenden gestoßen.
Studierende sind ebenso suchtgefährdet wie andere Bevölkerungsgruppen.
Studierende sind ebenso suchtgefährdet wie andere Bevölkerungsgruppen.

Etwa die Hälfte aller Studierenden in Deutschland raucht, ein Drittel trinkt zu viel Alkohol und knapp 30 Prozent konsumieren illegale Drogen. Das besagen Studien der Fachhochschule Frankfurt am Main und des Zentralinstituts für seelische Gesundheit Mannheim. Die Studierenden der Uni Kiel sind da sicherlich keine Ausnahme und trotzdem ist auf dem Campus keine Suchtberatungsstelle für Studierende zu finden. Weder der AStA noch die Universität stellen Beratungsangebote für Studierende zur Verfügung.

Der einzige Anlaufpunkt für Studierende ist die psychologische Beratung des Studentenwerks Schleswig-Holstein in Kiel. In einigen Flyern wird deren Funktion als Suchtberatung erwähnt. Die Internetseiten des Studentenwerkes eignen sich nicht als Hauptinformationsquelle, denn sie sind frei von derartigen Hinweisen. Die Mitarbeiterinnen der psychologischen Beratung verstehen sich aber durchaus als erfahrene erste Ansprechpartnerinnen bei derartigen Problemen. Eine Ausbildung zur Suchthelferin haben sie allerdings nicht absolviert. Dabei dauert die Ausbildung zum Suchthelfer nur ein Jahr und wäre ein wichtiger Schritt zur Information und Hilfe für Studierende.

Nicht kostenlos, aber notwendig und denkbar wäre auch eine Suchtberatung für Studierende direkt von der Uni Kiel. „Am besten würde sich eine feste Stelle eignen, um einen häufigen Wechsel von ehrenamtlich arbeitenden Studierenden zu vermeiden“, meint Frank Brach. Er ist der einzige ausgebildete Suchthelfer auf dem Campus und berät die Mitarbeiter der Uni Kiel ehrenamtlich bei Suchtfragen und Drogenproblemen.

Frank Brach ist seit acht Jahren Suchthelfer für die Mitarbeiter der Uni Kiel.
Frank Brach ist seit acht Jahren Suchthelfer für die Mitarbeiter der Uni Kiel.

Brach ist als Werkstattmeister in der zentralen Werkstatt des Physikzentrums tätig und wird im Bedarfsfall von seinem Vorgesetzten freigestellt. „Ich bin seit 16 Jahren trockener Alkoholiker und habe mich 2002 in einem Seminar der Leitstelle für Suchtgefahren am Arbeitsplatz ausbilden lassen“, erzählt er bereitwillig. Seine Alkoholabhängigkeit und die Problematik dahinter wurden dem lebensfrohen und seine Arbeit liebenden Brach bewusst, als er merkte, dass ihm der Job gleichgültig wurde. Er ging zum Arzt und erfuhr, dass er bei unverändertem Verhalten vermutlich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte. Brach ging in den Entzug, machte eine Therapie und besucht auch heute noch regelmäßig eine Selbsthilfegruppe. Seit 2002 steht der Suchthelfer nun seinen Kollegen an der Uni Kiel mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen zur Verfügung.

Dass Sucht unter Studierenden ein ernst zu nehmendes Problem darstellt, bestätigte 2004 die Arbeitsgruppe „Sucht im Studium“ der Fachhochschule Köln. Laut ihrer Umfrage weisen rund 14 Prozent der befragten Studierenden eine Suchtstörung auf. Der Anteil der drogenabhängigen Studierenden sei dabei jedoch vermutlich eher gering.

Einen gelegentlichen Konsum von Cannabis kann sich auch Hans-Georg Hoffmann gut vorstellen. Er ist Psychiater und Psychotherapeut und ärztlicher Leiter der Fachambulanz Kiel, einer Einrichtung, in der Drogenabhängige medizinisch behandelt, beraten und psychosozial betreut werden. „Abhängige würden gar nicht so weit kommen“, gibt der Experte zu bedenken, da insbesondere der Konsum von Cannabis die Lernfähigkeit stark beeinträchtige. „Diejenigen, die es auf die Universität geschafft haben, stellen ihren Konsum illegaler Substanzen vermutlich relativ schnell ein, weil sie merken, dass sie es sonst nicht schaffen“, mutmaßt er. Die Mitarbeiter der Kölner Arbeitsgruppe bestätigten diese Aussagen. Sie fanden heraus, dass rund 43 Prozent der Cannabiskonsumenten ihren Konsum nach dem ersten Semester eingestellt oder zumindest verringert hatten.

Auf eine andere Möglichkeit des Ablaufs weist die Diplompsychologin Anja Schröder-Braun hin, die in der psychologischen Beratung des Studentenwerks Schleswig-Holstein in Kiel arbeitet. „Es gibt Studierende, die wegen ihres Konsums von Marihuana zu uns kommen. Meist bezeichneten sie ihren Cannabisverbrauch als Missbrauch, aber eine Abhängigkeit ist nicht auszuschließen.“

Der Unterschied zwischen Missbrauch und Abhängigkeit ist fließend. Beim Missbrauch werden Substanzen in der Regel nur gelegentlich und zu bestimmten Anlässen genommen. Eine Abhängigkeit besteht erst, wenn die Substanz häufig und regelmäßig genommen wird. Das Leben ohne die Substanz scheint dann für die Betroffenen nicht mehr möglich. Eine Abhängigkeit gehe außerdem meist mit psychologischen Problemen wie Depressionen oder Kontaktängsten einher, die oftmals bereits vor dem Studium und dem Substanzkonsum bestünden, so Schröder-Braun. „Der Drogenkonsum beginnt oder verstärkt sich dann mit dem Eintritt in eine neue Umgebung, wie dem in die Universität“, schildert sie den Verlauf. Auch Hans-Georg Hoffmann von der Fachambulanz Kiel ist der Beginn des Substanzenmissbrauchs während des Studiums bekannt. Zunehmender Leistungsdruck könne ein Auslöser sein, meint er. „Zur Entlastung und um Druck abzubauen, konsumieren Studierende dann entsprechende Substanzen.“

In der Hoffnung, ihre Konzentration zu steigern, greifen Studierende zu Medikamenten.
In der Hoffnung, ihre Konzentration zu steigern, greifen Studierende zu Medikamenten.

Um dem Druck des Studiums standhalten zu können und den Anforderungen zu entsprechen, verbreitete sich in den letzten Jahren immer mehr der Konsum von Beruhigungs-, Aufputsch- und Schmerzmitteln an deutschen Universitäten. Suchtberater Hans-Georg Hoffmann vermutet, dass leistungssteigernde Amphetamine zurzeit die beliebtesten Substanzen auf dem studentischen Markt seien. „Die Studierenden versprechen sich davon, länger wach bleiben zu können und leistungsfähiger zu sein“, erklärt der Psychotherapeut. Tatsächlich besagten Studien, dass man länger wach bleiben könne und glaube, besser lernen zu können. „Unterm Strich kommt aber nicht mehr dabei raus und es werden keine besseren Ergebnisse erzielt“, so Hoffmann.

Um herauszufinden, wie weit sich der Konsum von Medikamenten bisher an deutschen Hochschulen verbreitet hat, führte die FU Berlin im Januar 2008 eine Online-Umfrage unter ihren Studierenden durch. Sie ergab, dass zwei Drittel der 850 antwortenden Studierenden innerhalb der letzten 30 Tage Medikamente wie Antidepressiva, Schmerz- und Beruhigungsmittel eingenommen hatten. Vor allem die Einnahme von Schmerzmitteln habe eine herausragende Bedeutung. Über 15 Prozent der Befragten konsumierten an mindestens zehn von 30 Tage Schmerzmittel. Die Zusammenhänge zwischen gesundheitlichen Beschwerden und Häufigkeit der Medikamenteneinnahme seien dabei gering. Dies könne auf einen Medikamentenmissbrauch hinweisen, so das Fazit der Umfrage.

Der ärztliche Leiter der Fachambulanz Kiel Hans-Georg Hoffmann schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der Studierenden leistungssteigernde Medikamente wie Ritalin ausprobieren, die eigentlich für ADHS-Patienten oder Demenzkranke produziert werden. „Wenn die erhoffte Wirkung nicht eintritt, lassen sie es wieder“, meint der Experte. Der Anteil der Abhängigen liege sicher unter zehn, wahrscheinlich sogar unter fünf Prozent. „Gerade im studentischen Bereich handelt es sich beim Konsum von Substanzen häufig um Missbrauch, nicht um Abhängigkeit“, betont Hoffmann.

Gehirndoping mit Medikamenten für Demenzkranke.
Gehirndoping mit Medikamenten für Demenzkranke.

Der Konsum von Beruhigungs- und Aufputschmitteln wird dann problematisch, wenn es nicht mehr ohne geht. Das betrifft auch im studentischen Bereich oft sensible, ängstliche und sehr behütet aufgewachsene Personen. Wenn Eltern ihrem Kind nicht vermitteln, dass es trotz seiner Angst Dinge erreichen kann und sie ihm schwierige und neue Aufgaben abnehmen, kann es gefährlich werden. „Das jugendliche oder schon erwachsene Kind macht möglicherweise die Erfahrung, dass es seine Angst mit Hilfe einer Substanz eindämmen oder sogar unterdrücken kann“, erzählt Hoffmann. Habe dies einmal funktioniert, steige die Wahrscheinlichkeit, es beim nächsten Mal wieder zu probieren. „Wenn der Chemie mehr Macht gegeben wird als den eigenen Fähigkeiten, kann das der Einstieg in die Abhängigkeit sein“, mahnt der Experte.

Unabhängig von Abhängigkeit oder Missbrauch vermutet Psychiater und Suchtexperte Hans-Georg Hoffmann, dass es Unterschiede im Konsumverhalten zwischen den verschiedenen Studiengängen gebe. „Ich denke, dass es Studiengänge gibt, in denen der Konsum illegaler Drogen etwas lockerer und welche, in denen er etwas enger gesehen wird“, erzählt der ärztliche Leiter. Das Medizinstudium hält er beispielsweise für relativ drogenarm, da beim Drogenkonsum häufig das Image des späteren Berufs eine Rolle spiele. „Ein Drogen konsumierender Arzt würde sofort seine Zulassung verlieren“, so Hoffmann. Unter Rechtsanwälten sei die gelegentliche Einnahme von Amphetaminen und von Kokain weniger anrüchig. Ähnliche anregende Substanzen könnten auch in kreativen Studiengängen Anklang finden, weil sie die Phantasie beflügelten. Ärzte griffen eher zu Alkohol oder zu beruhigenden Psychopharmaka. „Aber dies sind nur Vermutungen, die sich aus den Schilderungen weniger Patienten aus diesen Berufssparten ergeben“, ergänzt Hoffmann. Auch meldeten sich nur wenige Konsumenten dieser Substanzen im Suchthilfesystem.

Frank Brach, der als Suchthelfer den Mitarbeitern der Uni Kiel zur Verfügung steht, sieht das anders. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Unterschiede in der Intensität des Substanzenkonsums zwischen den Studiengängen gibt“, betont er. Studierende aller Studiengänge litten unter Leistungsdruck und wären dementsprechend gleichermaßen anfällig für Medikamentenmissbrauch und Drogenkonsum. Die Medizinstudierenden hält Brach entgegen Hoffmanns Vermutungen nicht für Unschuldslämmer. Auch sie stünden unter großem Leistungsdruck und wüssten dazu noch am besten, mit welcher Substanz sie welche Wirkung erzielen könnten.

Das Studentenwerk ist eine erste Anlaufstelle für Suchtfragen und Drogenprobleme.
Das Studentenwerk ist eine erste Anlaufstelle für Suchtfragen und Drogenprobleme.

Ungeachtet des Studiengangs oder Berufs gäbe es eine Vielzahl von Gründen, abhängig zu werden. Der genetische Faktor spiele dabei eine entscheidende Rolle. Die Veranlagung zur Sucht und zu anderen psychischen Erkrankungen sei genauso vorprogrammiert wie die Empfindsamkeit für solche. „Kommt beides zusammen, kann es schnell gefährlich werden“, warnt Hoffmann.
Den Grund für den steigenden Konsum von Beruhigungs- und Aufputschmitteln sieht Psychiater Hoffmann außerdem in dem momentanen Aufkommen von Artikeln und Informationen zum Thema Gehirnjogging und der Leistungssteigerung des Gehirns. Zudem habe der Leistungsdruck in vielen Studiengängen erheblich zugenommen, gerade auch seit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Studierende zu leistungssteigernden Substanzen greifen, wenn sie das Gefühl haben, die Arbeit nicht mehr ohne Hilfe bewältigen zu können“, erzählt Hoffmann.

Anja Schröder-Braun von der psychologischen Beratung des Studentenwerks Schleswig-Holstein kann dies anhand der Erfahrungen in ihrer Arbeitsstelle nicht bestätigen. „Die Einführung des Bachelors hat bisher nicht zu einem vermehrten Missbrauch von Medikamenten geführt“, widerspricht sie. Möglicherweise suchen Studierende mit derartigen Problemen aber auch andere Institutionen auf. Schließlich ist die psychologische Beratung des Studentenwerks nicht auf Substanzenmissbrauch oder Suchthilfe spezialisiert.

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