Bis zum letzten Tropfen: Erdölsuche im Kreis Plön
von Jan-Niklas Bamler
3…2…1… RUMMS! Mit einem kurzen, dumpfen Grollen gibt der Acker bei Stolpe sein wertvolles Geheimnis preis. Die erste Messung des Tages ist geglückt. 9.000 solcher unterirdischen Sprengungen werden bis zum Februar 2009 im Landkreis Plön durchgeführt. Es geht um die Erschließung der letzten Erdölreste im Holsteinischen Acker.

- Projektleiter Michael Hoyer lässt derzeit den Landkreis Plön mit Geophonen verkabeln.
Durch den morgendlichen Schleier des norddeutschen Wintergrau geht es mit Projektleiter Michael Hoyer ins Feld. Ruhig summen die kraftvollen sechs Zylinder des geräumigen Geländewagens auf der Bundesstraße Richtung Stolpe. Beim Blick aus dem Fenster rauschen plötzlich Gestalten in leuchtend roten Westen vorbei, umgeben vom Grün der Holsteinischen Schweiz. Entlang der Bundesstraße 404 geht es unter eigenartigen, provisorisch errichteten Kabelbrücken hindurch. Über Stock und Stein, vorbei an alten Bauernhöfen in Richtung Messwagen. „Wir bauen alles wieder ab und arbeiten so, dass nach dem ersten Regen wieder alles aussieht wie vorher“, beruhigt Hoyer, als es die letzen Meter zu Fuß durch den Schlamm des Feldweges geht.
In der Schaltzentrale des Messwagens begrüßt Hoyer sein internationales Team, das sonst meist im arabischen Wüstensand unterwegs ist: „Good morning!“. Geschützt vor der Kälte sitzt sein Personal mit dampfenden Kaffeetassen im großen Allrad-Lkw. Im Getümmel zwischen blinkenden Bildschirmen, Kaffeemaschine und Messtechnik wirft der Projektleiter einen kurzen Blick auf Mitarbeiter und Messungen. „Gut, gut“, murmelt Hoyer optimistisch. Alles läuft bisher nach Plan. Bis zu anderthalb Millionen Kubikmeter Öl hoffen er und seine Leute hier noch zu finden. RWE Dea hat die Rechte an der „Konzession Preetz“ für fünf Jahre erworben. Frühestens 2010 kann mit eventuellen Probebohrungen begonnen werden, nachdem der Boden im Kreis Plön vollkommen erfasst ist.

- Erste Bestandsaufnahme im Messwagen. Wenn alles glatt läuft können bald bis zu 1,5 Millionen Kubikmeter Öl gefördert werden.
Was derzeit in den Dörfern zwischen Kiel und Plön vor sich geht, gleicht ein wenig einer Invasion. Hoyer dirigiert bis zu 150 Menschen, die damit beschäftigt sind, die seismischen Untersuchungen möglich zu machen. Dies geschieht mit Hilfe von Schallwellen, die durch Sprengungen im Boden ausgelöst werden. Der Messwagen, an dem hunderte Kilometer Kabel zusammenlaufen, steuert diese. Abertausende, hochempfindliche „Geophone“ belauschen in den nächsten Monaten das Grollen der Erde, um Reste des schwarzen Goldes im Untergrund aufzuspüren. Diese Bodenmikrophone sind wiederum quer durch den Landkreis mit der Schaltzentrale verbunden, um das aufgenommene Echo zu verarbeiten. Mit modernster 3-D-Seismik sollen so mögliche Ölreste im Umfeld von Altfeldern lokalisiert und erschlossen werden. Bis zu fünf Kilometer tief will man in den holsteinischen Acker blicken.
Man geht behutsam vor. Mit 2500 verschiedenen Grundstücksbesitzern musste man sich vorher einigen, nur ein kleiner Teil protestierte: „Zuchtpferde eines Hofes mussten wir in einen anderen Stall bringen lassen, ansonsten gibt es einen kleinen Anteil an Verweigerern mit denen wir uns gütlich einigen wollen“, berichtet Hoyer. Bohrlöcher für die Sprengungen werden nach getaner Arbeit von einer Landschaftsbaufirma wieder hergestellt. Von den Sprengungen selbst ist daher nur ein kleiner Pflock zur Markierung zu sehen.

- Das Untersuchungsgebiet der Seismischen Messungen.
Anders ist dies, wenn sich die Messungen Wohngegenden nähern. Da in solchen Gegenden Sprengungen verboten sind, rückt Spezialgerät aus den USA heran: 23 Tonnen schwere „Vibro-Trucks“ stemmen sich auf ihre Bodenplatte und rütteln so stark, dass ein tiefes Brummen des Bodens die Umgebung zum Erzittern bringt. Der Umgang mit den schüttelnden Stahlkolossen muss exakt sein. Trifft der Truck eine falsche Frequenz, kann es kritisch werden: Gebäude und Brücken haben eine gewisse Eigenschwingung. Wird genau diese getroffen, kann es zu Schäden kommen. Um sicherzugehen, dass wirklich nichts passiert, werden daher Kontrollmessungen an Häusern der Umgebung durchgeführt.
Erste Erfolge in der Ölförderung in Schleswig-Holstein waren 1935 zu verzeichnen, als man in 400m Tiefe auf förderbares, flüssiges Öl traf. Nach dem zweiten Weltkrieg gaben umfangreiche Untersuchungen einen Einblick in den Untergrund. Vor allem die Flanken der weit verbreiteten Salzstöcke riefen das Interesse der Geologen hervor. Es handelte sich dabei um so genannte Öl-Fallen mit einer Deckschicht aus undurchlässigem Gestein.
Zunächst entdeckte man die Lagerstätten Boostedt-Plön, Warnau, Plön-Ost, Kiel und Schwedeneck. 1981 erschloss man dann mit zwei Offshore-Förderplattformen das bekannte Ölfeld Schwedeneck-See. Bis in die Neunziger hatte man bereits im Landkreis Plön gefördert, es dann aber aufgrund der hohen Kosten aufgegeben. Insgesamt wurden aus den Feldern in Schleswig-Holstein bis Mitte 2000 über 17 Mio. t Erdöl gefördert.
Dass der beschauliche Landstrich heute wieder Schauplatz des internationalen Ölgeschäfts wird, findet seine Begründung in globalen Zusammenhängen: „Es ist hier sicherer als in anderen Ländern, wir haben eine gute Infrastruktur, der Ölpreis erlaubt es“, begründet Dea-Pressesprecher Derek Mösche die Entscheidung zur erneuten Ölsuche. Gerade die Sicherheitslage in Ländern des Nahen Ostens wird für die großen Öl-Multis immer mehr zu einem Problem. Zum anderen machen die hohen Öl-Preise mittlerweile auch die Ausbeutung von Ressourcen wirtschaftlich, die nur mit hohem (finanziellen) Aufwand zu erschließen sind. Im Kreis Plön kommt noch ein besonderer Gunstfaktor hinzu: hier ist es möglich, weit über die Hälfte eines Vorkommens zu fördern, weil das Öl besonders feinflüssig ist. Sollten die Untersuchungen erfolgreich sein und der Ölpreis weiter steigen, könnte man mit neuester Technik sogar noch mehr fördern. Anderswo sind es gerade mal 40 %. Auch die Politik setzt Hoffnungen in das Projekt, denn vom Förderzins ließe sich die notorisch klamme Schleswig-Holsteiner Staatskasse aufbessern.
Wie aufwendig, beeindruckend und achtsam die Untersuchungen der RWE auch seien mögen, sie bringen doch ein ungelöstes Problem auf: die immer knapper werden Energiereserven. Damit diese Probleme möglichst weit in der Zukunft liegen, wird nun eben direkt vor unserer Haustür versucht, restliche Vorräte zu finden. Wie schnell diese weg sein könnten, macht Pressesprecher Mösche deutlich: „Das deutsche Gebiet ist schon fast vollständig erschlossen. Bei den derzeitigen Preisen und der hohen Nachfrage sind wir sehr froh, wenn wir noch irgendwo Öl finden können.“
Am absehbaren Ende fossiler Rohstoffe läst sich eben nichts schönreden. Weltweit verbleibenden 160 Milliarden Tonnen Erdöl. Die reichen nach aktuellem Verbrauch für weitere 40 Jahre.
Sind die Preise an der Tankstelle momentan auch günstig wie nie, auf Dauer muss jeder Autofahrer tiefer in die Tasche greifen.
Deutschland allein verbraucht die Jahresförderung ganz Schleswig-Holsteins in etwas über 6 Tagen. Daran werden auch neue Ölfunde nichts ändern.













