Kein normales Einkaufszentrum

von Therese Kurz

Seit November 2008 hat im Kieler Stadtteil Wik der neue famila-Supermarkt seine Tore geöffnet. Mit seinem innovativen Energiekonzept ist er Musterbeispiel für die Nutzung regenerativer Energien in gewerblichen Bauten. Es sollen 40 Prozent Strom und 50 Prozent der Raumheizwärme eingespart werden. Wie kann so eine Ersparnis realisiert werden?

Das Thema Energie und Energiesparen wird nicht nur in privaten Haushalten immer wichtiger. Auch bei gewerblichen Bauten geht der Trend zum Energiesparen. „Für uns ist es das zweite Mal, dass wir ein umweltgerechtes Konzept umsetzten konnten, spannend war dabei für uns, dass wir bei der Planung völlig freie Hand hatten. Mit famila als Bauherr hatten wir einen Auftraggeber, der uns bei der Planung sehr stark vertraute“, berichtet Holger Koppe vom Architektenbüro AX5 architekten bda in Kiel. Der neue Supermarkt wurde von März bis November 2008 mit einem
einzigartigen Energiekonzept errichtet.

Fertiger Eingangsbereich des Supermarktes
Fertiger Eingangsbereich des Supermarktes. Der Neubau zeigt, dass auch im Bereich von Supermärkten eine Menge Energie gespart werden kann.

Von den dreizehn Millionen Euro, die dieses Projekt gekostet hat, entfallen etwa zwei  Millionen auf die Zusatzaufwendungen für die Umsetzung des Energiekonzeptes. Mit 200.000 Euro förderte der Staat das innovative Konzept. „Das ist im Vergleich zu heutigen Fördervolumen eine sehr geringer Beitrag, bei Planungsbeginn vor vier Jahren waren die staatlichen Förderungen jedoch erheblich schlechter als momentan. Aktuell gibt es eine Vielzahl weiterer Quellen für die Förderung von derartigen Projekten“, erzählt Koppe.

Hinter der Metallverkleidung verbirgt sich das Obergeschoss im Passivhausstandard
Hinter der Metallverkleidung verbirgt sich die dämmende Mineralwolle

Markant am Entwurf der Architekten ist das vorspringende Obergeschoss. Unter der grauen Metallverkleidung versteckt sich die Dämmung des Gebäudes. „Wir haben Mineralwolle verwendet, weil diese eine deutlich bessere Energiebilanz bei der Produktion hat als der übliche Isolierschaum“, informiert Koppe. „Wir dürfen leider nicht vom Passivhausstandard sprechen, da dieser nur für Einfamilienhäuser gilt, allerdings ist unser Konzept für das Obergeschoss sehr ähnlich“, so Jochen Dohrenbusch auch von AX5. In seiner Abteilung werden nicht nur Energieberatungen durchgeführt, sie ermitteln auch über Wärmebildaufnahmen die Wärmeverluste von Gebäuden. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaik-Anlage. Sie liefert einen Teil des Stromes für den Markt. Rund 86.000 kWh kommen dabei im Jahr zusammen. Damit könnte man 50 Staubsauger rund um die Uhr über das ganze Jahr betreiben. Weiter haben die Planer darauf geachtet, dass nicht zu viele Flächen versiegelt wurden. Dafür wurden bewusst Grünflächen freigelassen, damit die Wasserversickerung und die Grundwasserneubildung nicht mehr als notwendig behindert wird.

Aber nicht nur Außen haben die Architekten das Thema Energiesparen groß geschrieben, auch im Inneren des Marktes verfolgen sie diesen Ansatz weiter. „Unser Konzept beruht auf zwei verschiedenen Grundpfeilern: Wir wollen wenig Energie verbrauchen und regenrative Energien nutzen“, erörtert Dohrenbusch den Ansatz der Architekten. Dafür haben sie sich im Markt etwas besonderes einfallen lassen. Zum einen wird der Markt mit energiesparenden LED-Lampen beleuchtet, zum anderen wurde die normalerweise Energie fressende Kühlabteilung neu eingerichtet. Die Kühltruhen wurden mit Deckeln versehen um Energie zu sparen. Weiter wurden sie zentral angeordnet, denn einzeln stehende Geräte verbrauchen durch die wärmere Umgebungsluft mehr Strom.

Diese Geothermie-Sonde ist Teil einer kleinen Ausstellung im Warenhaus
Diese Geothermie-Sonde ist Teil einer kleinen Ausstellung im Warenhaus

Unter dem Fußboden verbirgt sich die aufwendigste Maßnahme der Architekten zum Energiekonzept. Hier verlaufen 30 Kilometer Schlauchleitungen für eine Art Fußbodenheizung. Diese wird nicht mit Heizöl oder Gas betrieben, sondern mit einer Geothermieanlage.  Dafür wurden 110 Sonden in fünfzehn Meter Tiefe eingebracht. Dort herrschen über das ganze Jahr konstant zehn Grad. Der Clou der Anlage ist, dass sie im Sommer bei heißen Außentemperaturen auch als Klimaanlage eingesetzt werden kann. „Der Standort war für diese Art der Energienutzung sehr geeignet und deshalb konnten wir direkt bei den Ausschachtungsarbeiten die Geothermie-Sonden mit in den Boden einbringen“, erklärt Dohrenbusch die raffinierte Technik (siehe Infokasten).

Ein weiterer Bestandteil des Energiekonzeptes ist die Kälte-Wärme-Verbundanlage. Sie nutzt die vorhandene Abwärme der Kühlgeräte zur Beheizung des Gebäudes. Bis zu einer Außentemperatur von 0°C  kann so das Gebäude beheizt werden. Bei tieferen Temperaturen kommt zusätzlich die Geothermie- Anlage zum Einsatz. Die Lüftungsanlage ist eine zusätzliche Besonderheit. Der Austausch der Raumluft erfolgt nur bei Bedarf. CO2- und Temperatur- Fühler ermittelt dafür ständig die Luftqualität. Zur Umsetzung dieser Technik musste eine Befreiung von den vorgeschriebenen zwölf Luftwechseln pro Stunde beantragt werden. Findet ein Luftwechsel statt, wird die warme Raumluft abgesaugt und ihr die Energie entzogen. Die gewonnene Energie wird zum Vorwärmen der angesaugten Frischluft genutzt. Die Anlage ist sehr effizient, nur ein Bruchteil der benötigten Energie muss zusätzlich zugegeben werden.

Interessierte sehen sich die Ausstellung zum Energiekonzept an
Interessierte sehen sich die Ausstellung zum Energiekonzept an

Die Maßnahmen des Energiekonzeptes ermöglichen zusammen eine jährliche Einsparung von 50.000 Liter Heizöl und somit eine Einsparung von 120 Tonnen CO2. Mit dieser Menge CO2 könnte ein Smart 25 mal um die Erde fahren. Damit dieses Energiekonzept nicht einzigartig bleibt, ist das famila-Warenhaus Teil der Innovativen Bauausstellung Kiel 2008, die der deutsche Beitrag zum EU-Projekt REBECEE (Renewable Energy and Building Exhibitions in Cities of the Enlarged Europe) ist (siehe Infokasten).

Weiterführende Links:


Offizielle Website der Innovativen Bauausstellung, Vorstellung der Projekte
www.inba-kiel.de

Offizielle Website zum EU-projekt REBECEE mit Vorstellung der einzelnen Bauausstelllungen und den Zielen des Projektes
www.rebecee.de

Website von AX5 architekten bda
www.ax5.de;

Infobox

Geothermie-Konzept im famila-Wik
Die Geothermie bot sich bei diesem Projekt besonders an, da auf Grund des schlechten Bodens eine Pfahlgründung erfolgen musste. Bei den Ausschachtungsarbeiten wurden 110 Geothermie-Sonden bis zu fünfzehn Meter Tiefe eingebracht werden konnten. In dieser Tiefe herrscht eine Temperatur von ca. 10°C. Zusätzlich wurden vier Erdsonden in 55 Meter Tiefe eingebracht. In den Geothermie-Sonden befindet sich ein Schlauchsystem, das mit einem Wasser-Salz-Gemisch gefüllt ist. Dieses Gemisch nimmt im Winter in der Tiefe die Wärme des Bodens auf und wird dann mit einer Wärmepumpe nach oben transportiert und zur Nutzung bereitgestellt. Die Wärmepumpe erhöht die eher geringe Temperatur aus dem Erdreich über verschiedene elektromechanische Einrichtungen auf Heizungsniveau. Zum Verwenden der gewonnenen Energie wurde eine Betonkernaktivierung vorgenommen. Hierbei wurde ein 30 Kilometer langes Rohrsystem, ähnlich einer Fußbodenheizung, im massiven Betonboden verlegt. Durch die Rohre fließt Wasser, das durch die aus der Geothermie gewonnene Energie erwärmt wird und diese Wärme jetzt an den Beton und dieser sie an die Raumluft abgibt. Diese Anlage wird im Sommer auch zur Kühlung des Gebäudes genutzt.

REBECEE
Die Innovative Bauausstellung Kiel 2008 ist der deutsche Beitrag zum EU-Projekt REBECEE (Renewable Energy and Building Exhibitions in Cities of the Enlarged Europe). Teil des Projektes sind innovative und ökologische Bauausstellungen in Mittel- und Osteuropa. Neben Kiel nehmen auch Graz (Österreich) und Riga (Lettland) teil. Ziel ist es verschiedenste Bauprojekte mit vorbildhafter Energieeffizienz und der Nutzung regenerativer Energien zu realisieren. Es soll ein intensiver Wissensaustausch stattfinden und ein grenzübergreifendes Netzwerk entstehen. Dies soll zur Anpassung osteuropäischer Standards bei energetischer Modernisierung, ressourcenschonenden Neubau und der Nutzung regenerativer Energien an westeuropäische Standards führen.
Letztendlich ist das REBECEE-Projekt auch ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit.