Kraftwerksgegner machen mobil

von Ben Furkmann

Die Stadtwerke und der Energiekonzern E.ON planen den Bau eines neuen Kohlekraftwerkes auf dem Kieler Ostufer. Allerdings stößt ihr Vorhaben auf Widerstand. Denn viele Bürgerinnen und Bürger sind besorgt. Sie fürchten negative Auswirkungen auf die Gesamtregion und fordern: „Kein neues Kohlekraftwerk in Kiel!“
ein Film von: Inka Harms & Ben Furkmann / Sprecher: Angelo Müller

Soll die Energieversorgung der Region Kiel bis zum Jahr 2060 hauptsächlich durch den fossilen Energieträger Kohle gesichert werden? Wäre dies vor dem Hintergrund der aktuellen Klimadebatte und zu Zeiten regenerativer Energiegewinnung ökonomisch und vor allem ökologisch vertretbar?
Lässt sich der Schadstoffausstoß eines Kohlekraftwerkes schon in naher Zukunft dank neuester technischer Verfahren reduzieren? Wäre nicht eine dezentrale Energieversorgung unter Berücksichtigung einer effektiven Kraft-Wärme-Kopplung vorzuziehen? Und welche Auswirkungen hätte das Kraftwerk auf die Umwelt- und Lebensbedingungen in der Landeshauptstadt?

Diese Fragen haben sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger gestellt, bevor sie das Bündnis „Umweltfreundliche Energieversorgung für die Region Kiel!“ gründeten. Die Bürgerinitiative, in der sich auch Organisationen wie Greenpeace, der Naturschutzbund Deutschland (NABU), Attac, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie die Partei Bündnis 90/Die Grünen engagieren, spricht sich klar gegen das Bauvorhaben aus.

Es gibt verschiedene Gründe, die das Bündnis zu ihrem Engagement motivieren. Mit dem geplanten Kohlegroßkraftwerk würden jährlich 1,8 Mio. Tonnen Steinkohle verbrannt und rund 5 Mio. Tonnen Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen werden. Laut Umweltbundesamt ist die Energiewirtschaft in Deutschland für rund 40 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen verantwortlich. Die Freisetzung großer Mengen dieses klimaschädlichen Treibhausgases erachten Kritiker zu Zeiten des Klimawandels als verantwortungslos und fahrlässig. Sie fürchten, dass sich die zunehmende Emission weiterer Schadstoffe, wie zum Beispiel Feinstaub, Schwefel- und Stickoxide sowie Schwermetalle, zusätzlich negativ auf Mensch und Umwelt auswirkt.

Auch für die Kieler Förde würde ein Kohlekraftwerk dieser Größenordnung Veränderungen mit sich bringen. Der Eintrag von Kühlwasser würde sich stark erhöhen. Berechnungen zufolge könnte die Wassertemperatur bis zum Friedrichsorter Leuchtturm um zwei bis drei Grad ansteigen. Die Bürgerinitiative warnt vor Gefahren für das Ökosystem. Um das Anlanden großer Kohlefrachter zu ermöglichen, müsste das Fahrwasser vertieft und ein mit rund 300 Metern deutlich größerer Verlade-Pier in die Förde gebaut werden.

Das derzeitige Kraftwerk produziert knapp 360 Megawatt pro Jahr.
Geplant ist ein Kohlegroßkraftwerk mit 800 MW Leistung.
Voraussichtlich im Jahr 2015 könnten die Lichter ausgehen.

Als Alternative zu einem Kohlekraftwerk schlagen Kraftwerksgegner den Bau eines Gas- und Dampfturbinen (GuD)-Kraftwerkes mit einer jährlichen Leistung von rund 200 Megawatt (MW) vor. Sie weisen darauf hin, dass die Energieeffizienz einer solchen mit Erdgas betriebenen Anlage bei 60 % liegt (vgl. geplantes 800 MW-Kohlekraftwerk 48 %). Das bedeutet, dass der Anteil der genutzten, über den Brennstoff eingebrachten Primärenergie höher ist. Die Emission von CO2 und anderen Schadstoffen könnte bei dieser Kraftwerksvariante um bis zu 50 % bzw. sogar 90 % geringer ausfallen.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Kraft-Wärme-Kopplung. Zu verstehen ist darunter die gleichzeitige Nutzung der bei der Stromerzeugung anfallenden Wärme. Diese wird über das Fernwärmenetz zum Verbraucher geleitet. Eine zentrale Energieversorgung, wie sie mit dem Großkraftwerk geplant ist, hat jedoch den Nachteil, die Wärmeenergie nicht verlustfrei und somit nur über eine begrenzte Distanz zum Abnehmer transportieren zu können. Ein Großteil der bei der Stromerzeugung anfallenden Wärme müsste mit dem Kühlwasser in die Kieler Förde geleitet werden.

Die Bürgerinitiative spricht sich daher nicht nur für Kiel gegen eine zentrale Energieversorgung aus und fordert die Verteilung der Energieproduktion auf dezentraler Basis. Dabei sollen insbesondere Blockheizkraftwerke zum Einsatz kommen. Je nach den regional unterschiedlichen Voraussetzungen könnten gleichzeitig die Potenziale zur Nutzung von Biomasse, Sonnenenergie, Windkraft und Erdwärme ausgeschöpft werden.

Ihre Kritik und ihre Alternativvorschläge versucht die Bürgerinitiative der übrigen Bevölkerung durch Öffentlichkeitsarbeit und Protestaktionen näher zu bringen. Die Mitbürger sollen für die Problematik des Kraftwerk-Neubaus sensibilisiert und zum eigenen Aktivwerden angeregt werden. Auf diesem Wege Einfluss auf Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft zu nehmen, ist die Hauptintention der Aktivisten. So wurden zum Beispiel mehrere Tausend Unterschriften gegen das Großkraftwerk gesammelt und an Vertreter aus Politik und Wirtschaft übergeben.

Anfang des Jahres 2008 feierte die Bürgerinitiative einen Etappensieg. Den Empfehlungen zweier Gutachten folgend, wurde die Entscheidung über den Kraftwerks-Neubau vorerst um drei bis fünf Jahre verschoben. Nach Angaben der Kieler Stadtwerke sollen zunächst die technischen Entwicklungen in der so genannten Carbon Capture and Storage (CCS)-Forschung abgewartet werden. Zu verstehen ist darunter die CO2-Abscheidung aus den Rauchgasen zur anschließenden Speicherung in unterirdischen Lagerstätten. Wissenschaftler erhoffen sich, auf diesem Wege die CO2-Freisetzung in die Atmosphäre stark verringern zu können. Allerdings bleibt unklar, wann mit einer Marktreife dieser Technologie zu rechnen ist. Fachleute erachten CCS als eine Brückentechnologie, um Zeit zu gewinnen, die Entwicklung und Optimierung erneuerbarer Energien voranzutreiben.

Spätestens in drei Jahren stellen sich somit erneut einige Fragen: Soll die Energieversorgung der Region Kiel bis zum Jahr 2060 durch den Energieträger Kohle gesichert werden? Wäre dies ökonomisch und ökologisch vertretbar? Welche Alternativen stehen zur Verfügung?

Die Debatte um das Kohlekraftwerk und die zukünftige Energieversorgung geht dann in die zweite Runde. Und auch in Zukunft wird sich die Bürgerinitiative für ihr Anliegen einsetzten: Eine „Umweltfreundliche Energieversorgung für die Region Kiel!“

Weitere Informationen:

Bürgerinitiative „Umweltfreundliche Energieversorgung für die Region Kiel!“
www.keine-kohle-kiel.de

Hintergrundinformationen und Gutachten bezüglich des geplanten Kohlekraftwerkes
www.stadtwerke-kiel.de/Unternehmen/index.asp

Übersichtskarte zu geplanten Kohlekraftwerken in Deutschland
www.gruenes-klima.de/Kraftwerke