Lichtverschmutzung

Die verschwundene Dunkelheit

von Erik Lohmann

Dass verunreinigtes Wasser krank machen kann, ist seit Jahrhunderten bekannt. Dass falsche Ernährung krank machen kann, ist seit den großen Weltumseglungen bekannt. Selbst Lärm wurde schon vor Jahrzehnten als Krankmacher erkannt. Aber, dass Licht die Gesundheit beeinträchtigen kann, weiß kaum ein Mensch. GeoZeit geht der Frage nach, ob zu viel Licht schädlich sein kann.
Satellitenbild des nächtlichen Europas und Nordafrikas
Europa bei Nacht: Ein Netz aus Licht überzieht den Kontinent

„Wir haben wieder die Nacht zum Tag gemacht...“ Die erste Zeile des Klassikers „Alkohol“ von Herbert Grönemeyer benennt eines der ältesten Bestreben der Menschheit: Licht zu schaffen, um die Dunkelheit zu vertreiben. Vielerorts haben wir das heute erreicht, aber zu welchem Preis?

Jedes Jahr zu Anfang August quert der Meteorschauer der Perseiden die Erdbahn. Bis zu 200 glühende Striche malen die glühenden Partikel an den Himmel – pro Stunde.

Allerdings wird dieses Spektakel in Kiel nur eingeschränkt zu beobachten sein. Dies liegt nicht an der geographischen Breite, am typischen Kieler Regenwetter oder Aschewolken isländischen Usprungs. Schuld sind wir selbst, wir Menschen und unsere uralte Angst vor der Dunkelheit und dem, was darin lauern könnte. Diese Angst treibt uns dazu, unsere Städte jede Nacht strahlend hell zu erleuchten. So hell, dass man sie auch aus dem Weltall sehen kann.

„Wo ist das Problem dabei?“, mag man sich fragen. Niemand mag durch dunkle Gassen gehen, wer soll Werbetafeln lesen, wenn sie nicht erleuchtet sind, die Wahrzeichen einer Stadt müssen weithin sichtbar sein und im Dunkeln kann man schlecht arbeiten.

Das Problem heißt „Lichtverschmutzung“ und es ist nur schwer erfassbar. Müllhalden kann man sehen, riechen und begehen. Abgase kann man riechen und manchmal auch sehen. Atomaren Müll kann man mit Geigerzählern sichtbar machen. Lichtverschmutzung hingegen wird vor allem durch eines sichtbar: Durch das Fehlen der Dunkelheit.

Aber was ist Lichtverschmutzung genau? Es bedeutet keinesfalls, dass die von uns errichteten Lampen schmutziges Licht abstrahlen. Prof. Dr. Wolfgang Duschl, leitender Astrophysiker an der CAU Kiel, beschreibt das Phänomen wie folgt: „Das Problem ist, dass jedes Licht, das irgendwo auf der Erde steht, in der Atmosphäre gestreut wird und damit den Himmelshintergrund erhellt.“ Gut zu beobachten ist diese Streuung zum Beispiel, wenn man nachts in eine Großstadt fährt. Schon lange bevor man die Stadtgrenze erreicht, sieht man am Himmel eine große Kuppel aus Licht. Vor 200 Jahren konnte man London, die damals weltweit größte Stadt, bei Nacht aus einer Entfernung von 10 Kilometern nicht mehr sehen – dafür aber riechen. "Der Ursprung dieser urbanen Lichtkuppel liegt in den oftmals ineffizient konstruierten Leuchtkörpern, welche zu viel Licht in den Raum oberhalb der Lampe abstrahlen", erklärt Christoph Walther, Vertriebsleiter bei der Indal Deutschland GmbH, einem internationalen Leuchtenhersteller. So werden die natürlichen Lichtverhältnisse bei Nacht gestört und der Tag-Nacht-Rhythmus aller Lebewesen, die dieser Störung ausgesetzt sind, beeinflusst.

Das hell erleuchtete Kraftwerk auf dem Ostufer der Kieler Förde

Welche genauen Auswirkungen übermäßige Lichtabstrahlung hat, ist in vielen Bereichen noch offen, aber die Forschung beschäftigt sich immer mehr mit dem Phänomen. So konnten zum Beispiel Schlafforscher der Universität Regensburg vor kurzem belegen, dass künstliches Licht im Übermaß neben Schlaflosigkeit und Magen-Darm-Problemen auch Herzkreislauf-Probleme hervorrufen kann. Weiterhin legen statistische Daten den Schluss nahe, dass verstärkte Lichtexposition das Krebsrisiko erhöhen kann. Grundlegend ist hier die verringerte Produktion des Hormons „Melatonin“, das die Tiefschlafphasen steuert.

Aber nicht nur der Mensch kann unter Lichtverschmutzung leiden, auch die Tier- und Pflanzenwelt wird in Mitleidenschaft gezogen. Neben der Verwirrung von Tieren durch breitbandig strahlende Leuchten legen Beobachtungen und Studien aus den USA nahe, dass sogar die Sauerstoffproduktion von Pflanzen unter fehlender nächtlicher Dunkelheit leiden kann. "Lichtverschmutzung stellt eine Problematik dar, die viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen betrifft und jede Disziplin habe ihre eigene Sichtweise", erläutert Wolfgang Duschl.

„Nur wenige Kommunen kommen momentan von selbst auf die Problematik zu sprechen“, fügt Christoph Walther hinzu. Ein nicht sonderlich nachhaltiges Verhalten, denn effizientere Beleuchtung reduziert nicht nur die Lichtverschmutzung und deren Auswirkungen auf den Menschen und die Natur. Gleichzeitig wird auch das „Bewertungsfeld“, also der von einer Lampe angestrahlte Bereich, besser ausgeleuchtet und der Energieverbrauch und damit auch die Energiekosten gesenkt.

Die Maßnahmen, die man ergreifen kann, sind meist recht einfach. Zuallererst sollte die Frage gestellt werden: Muss ein Objekt/eine Fläche überhaupt beleuchtet werden? Und wenn ja, genügt auch eine Bedarfsbeleuchtung mittels Bewegungsmeldern?

Dann sollte man sich über die Beleuchtungsdauer Gedanken machen. Eine Straßenbeleuchtung, die 24 Stunden täglich eingeschaltet ist, macht wenig Sinn. Und Wahrzeichen wie der Kieler Rathausturm müssen auch nicht dauerhaft angestrahlt werden. So wird die Beleuchtung des Turmes im Winter um 23 Uhr ausgeschaltet.

Besonders wichtig ist die Beachtung der korrekten Ausleuchtung. Für die Straßenbeleuchtung ist diese gesetzlich vorgeschrieben, aber in Sachen Fassaden- und Werbebeleuchtung gibt es nur Richtlinien von geringem Umfang. Einige sehr nützliche und anschaulich dargestellte Tipps findet man auf lichtverschmutzung.de, der Webseite der deutschen „Dark Sky“ Initiative. Generell sollte einfach darauf geachtet werden, dass nur wenig Licht am zu beleuchtenden Objekt vorbei gestrahlt wird.

Auch mit dem richtigen Leuchtmittel kann man viel erreichen. Bernd Nießner, Mitarbeiter in der Abteilung Verkehrssystem-Management des Kieler Tiefbauamtes, gibt ein Beispiel. „An der Kreuzung Westring/Eckernförder Straße wurden auf allen vier Masten die alten Quecksilberdampflampen gegen neue Natriumdampflampen ausgetauscht. Während früher 4 mal 250 Watt leuchteten, brauchen die neuen Leuchten nur noch 4 mal 100 Watt“, berichtet Nießner. Der Unterschied liegt auch im Licht selbst, die neuen Lampen sind an ihrem hellen und orangenen Licht gut zu erkennen. Trotz verringertem Energieverbrauch ist die Kreuzung jetzt deutlich heller ausgeleuchtet. Ein Umstand, den einige Anwohner mit Unmut zur Kenntnis nehmen, da nun viel mehr Licht von der Straße in ihre Fenster strahlt.

Austausch der alten Leuchtstoffröhren gegen neue, kompaktere Leuchtmittel am Zentrum für Lehrerbildung der CAU

Aber auch hier kann man Gegenmaßnahmen treffen. Durch die verbesserte Konstruktion der Leuchtenkörper selbst ist es möglich, das Licht verstärkt auf den Boden zu lenken. Dieser Unterschied fällt vor allem beim Wechsel von den sogenannten „Lichtpeitschen“ zu neuen Leuchtkörpern auf, wie er gerade in der Olshausenstraße im Bereich der Universität geschehen ist. Die „Lichtpeitschen“ enthielten zwei röhrenförmige Leuchtmittel, deren Licht nur schwer fokussierbar war. Die neuen Leuchten hingegen erinnern von der Form her an Glühlampen und sind somit deutlich kompakter, also auch besser fokussierbar.

Dieser Austausch der Leuchten sei Teil des Vertrages, den die Stadt Kiel Ende 2007 mit den Bremer Stadtwerken geschlossen hat. „Bis Ende 2011 soll der Energieverbrauch der Kieler Stadtbeleuchtung um 37 Prozent gesenkt werden“, führt Bernd Nießner weiter aus. Erreicht werde dies vor allem über den Austausch von Leuchtmitteln und die Reduzierung von Beleuchtungsdauer und -intensität.
Es ist offensichtlich, dass die Reduzierung der Lichtverschmutzung die Umwelt auf mehrfache Weise schützt. Eine Aufgabe, der in Kiel im Rahmen der Straßenbeleuchtung schon nachgegangen wird. Umso erstaunlicher ist es, dass große Naturschutzverbände wie der BUND oder Greenpeace kein Programm zur Bekämpfung von Lichtverschmutzung haben und so Freiraum für blinden Aktivismus schaffen. Denn eine Verteufelung der künstlichen Außenbeleuchtung bringt nichts, ein gesundes Mittelmaß zwischen Notwendigkeit, Nutzen und Umweltschutz muss gefunden werden.

Generell gilt nur in wenigen Fällen: viel Licht = schlecht.
Die Gleichung lautet vielmehr: unnötiges Licht = schlecht.

Dies den Menschen nahe zu bringen, ist der Großteil der Arbeit bei der Bekämpfung von Lichtverschmutzung. "Die derzeitige teilweise übermäßige Nutzung von künstlichem Licht ist vor allem um eine Sache der Annehmlichkeit und Gewöhnung, weniger eine Notwendigkeit", analysiert Wolfgang Duschel das Problem der Lichtverschmutzung. Wenn man sich einig sei, welches Licht überflüssig wäre, dann könne man es entfernen, reduzieren und vermeiden.

Nur leider tun wir Menschen uns unglaublich schwer darin, einmal gewonnenen Komfort wieder aufzugeben, besonders wenn es zu Gunsten eines nicht sichtbaren Faktors sein soll. Im Falle der Lichtverschmutzung zu Gunsten der Dunkelheit.