Umweltproblem Flächenverbrauch

Es wird eng für die Natur

von Robert Minkler

1-2-3…während sie das gelesen haben, sind knapp 25 Quadratmeter von Deutschland verschwunden. Sie werden überbaut, versiegelt und geteert. So werden pro Tag 87 Hektar in der Bundesrepublik umgenutzt. Dieser Flächenfraß findet auch mitten in Kiel statt. GeoZeit über ein Problem, dass uns alle angeht, aber nur den wenigsten bewusst ist.
Demo am Westring
Demonstration und Lichterkette am Kieler Westring (Quelle: Wir in Kiel)

Wer im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten am Westring vorbeikam, wunderte sich vermutlich über eine große Menschenmenge. Trotz Wind und Wetter hatten sich hier Dutzende zu einer Lichterkette versammelt. Nicht etwa  gegen Banken oder Atomkraft. Die Demonstration fand unter dem Motto „Möbel Kraft heimleuchten“ statt. Anwohner und Pächter der angrenzenden Kleingartenanlagen „Prüner Schlag“ und „Brunsrade“ brachten am Kieler Westring ihren Unmut über die geplante Ansiedlung von Möbel Kraft zum Ausdruck. Letzten Sommer konnte man lokalen Medien entnehmen, dass sich das Segeberger Unternehmen Möbel Kraft in Kiel niederlassen möchte. Der zukünftige Standort soll in unmittelbarer Nähe eines großen schwedischen Möbelhauses liegen, um eine Konkurrenzsituation zu schaffen. So fiel die Wahl auf die angrenzenden 17 Hektar großen Kleingartenanlagen „Prüner Schlag“ und „Brunsrade“. Als Teil der städtischen Grünflächen existieren diese Rückzugsorte für die Bewohner Kiels bereits seit 130 Jahren. Doch wie es momentan aussieht, wird die Natur hier wohl bald Baumaschinen weichen müssen. Zwar ist noch kein Vertrag zwischen der Stadt Kiel und Möbel Kraft geschlossen, aber Arne Asmussen vom Kleingärtnerverein Kiel e. V. stellt klar: „Das Möbel Kraft kommt, davon kann man ausgehen, da der Rat der Stadt Kiel das grüne Licht gegeben hat.“ Das 28-jährige Mitglied des betroffenen Vereins ist seit 2010 im Vorstand tätig und weiß trotz der Proteste um die geringen Erfolgsaussichten. „Man kann es nur herauszögern und versuchen so viele Gärten wie möglich zu erhalten“, so Asmussen.

Dieser Fall ist exemplarisch für eine Entwicklung, die in ganz Deutschland zu beobachten ist. Bundesweit sind bereits 13,4 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands von Siedlungen und Straßen bedeckt. Tendenz steigend. Die Bevölkerung Deutschlands wächst nicht mehr, der Flächenverbrauch hingegen schon. 1960 nahm eine Einzelperson 14 Quadratmeter Wohnraum in Anspruch, heute sind es 44. Der verschwenderische Umgang mit produktiven Böden und wertvollen Naturflächen wird zunehmend als dringliches Umweltproblem wahrgenommen. „Flächenverbrauch ist grundsätzlich in der ganzen Bundesrepublik ein Problem“, erklärt Günther Rohmer, Ingenieur für Umwelttechnik im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Kiel. „Aber der Flächendruck ist in einigen Bundesländern deutlich größer, weil sie kaum noch Ausweichmöglichkeiten haben. In Schleswig Holstein hingegen wird immer noch ausgewichen. Wir müssen dem unbedingt begegnen.“

Günther Rohmer
Günther Rohmer in seinem Büro im MLUR

Verantwortlich für den zunehmenden Flächenverbrauch sind vor allem Neubaugebiete, die auf der „Grünen Wiese“ errichtet werden. Sie sollen den Traum vom Eigenheim im Grünen für Jedermann wahr werden lassen. Paradoxerweise führt gerade diese Entwicklung zur Zerstörung der Natur, die man sich in seiner Nähe wünscht. Neben dem individuellen Wunsch nach einem Eigenheim, spielen auch die Kommunen eine Rolle. Diese stellen oftmals bereitwillig neue Flächen für Wohngebiete zur Verfügung. „Bei Neubaugebieten herrscht eine Konkurrenz unter den Kommunen, weil natürlich auch Prestige eine Rolle spielt. Mehr Menschen bedeuten mehr Geld für die Kommune“, so Günther Rohmer.

Daneben sind auch Gewerbegebiete, wie man sie heute in zahlreichen Gemeinden findet, ein Flächenfresser. Von den immer gleichen Möbelhäusern, Baumärkten und Discountern versprechen sich die Kommunen ökonomische Vorteile und nehmen dafür eine verbaute Landschaft und zerstörte Natur in Kauf. Auch hier herrscht große Rivalität unter den Kommunen, auch wenn der Nutzen einer Ansiedlung fraglich erscheint. „Die Unternehmen pokern damit, dass mehrere Kommunen sie anlocken wollen und handeln für sich die besten Bedingungen heraus. Die Kommune stellt Bauflächen bereit und schafft die nötige Infrastruktur. Ob es nachher wirklich so viel Gewerbesteuer gibt wie erhofft, ist dann auch immer noch die Frage“, weiß Günther Rohmer zu berichten.

Ein weiter treibender Faktor des Flächenverbrauches ist der Ausbau von Verkehrswegen. Mit  negativen Folgen für die Biodiversität, wie Günther Rohmer klar stellt: „Verkehrswege bedeuten die Zerschneidung des Landes, jede große Straße, aber auch jede kleine schneidet Lebensräume ab. Dann haben wir das Problem, dass Tiere und Pflanzen keinen Austausch mehr untereinander haben.“ Auch in ökonomischer Hinsicht werden die langfristigen Kosten der geschaffenen Infrastruktur oft übersehen. „Die Kosten für Kommunen, wenn man neue Verkehrswege schafft, werden erheblich über die Jahre, weil man sie auch instand halten und erneuern muss“, erläutert Rohmer.

Das der ungebremste Flächenverbrauch ein ungelöstes Umweltproblem in unserem Land darstellt, hat auch die Bundesregierung erkannt. Im Rahmen der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie lautet das Ziel bis 2020 den Flächenverbrauch auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. Europaweit wird sogar angestrebt ab 2030 gar keinen Nettoverbrauch mehr zu haben. „Auch wenn wir das Ziel im Moment im Auge haben, aber verfehlen werden, ist man schon der Auffassung, die 30 Hektar sind noch viel zu viel. Wir müssten auf Null runterkommen“, räumt Günther Rohmer ein. Um ein so ambitioniertes Ziel zu erreichen bedarf es verschiedenster Ansätze. Ein Weg sei nach Meinung des Experten Rohmer die „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“. Brachliegende Flächen oder ehemalige Industriegelände im Stadtgebiet wieder für Leben und Arbeiten nutzen. Anstatt die Landschaft wie bisher zu verbauen, nutzt man bereits vorhandene Strukturen. Dieses „Flächenrecycling“ könnte ein Baustein zur Lösung des wachsenden Flächenverbrauches darstellen. „Man muss Wohnformen finden, die es den Menschen ermöglichen ihre Bedürfnisse, wegen der sie nach draußen ziehen, auch in der Stadt auszuleben“, bringt es Günther Rohmer auf den Punkt.

Kleingartenanlage Prüner Schlag
Begehrte Fläche: Kleingartenanlage Prüner Schlag

Die geplante Ansiedlung von Möbel Kraft am Kieler Westring zeigt allerdings, dass wirtschaftliche Interessen oft schwerer wiegen als die Bedürfnisse von Stadtbewohnern. Mit der geplanten Überbauung der Kleingartenanlagen geht die großflächige Vernichtung von städtischem Grün einher. Das Kieler Stadtgebiet weist einen Grünanlagenanteil von etwa 4,1 Prozent auf. Ein Wert, der bereits deutlich niedriger ist als in Großstädten wie Hamburg oder Hannover. Durch die Baumaßnahmen für Möbel Kraft würden weitere 17 Hektar stadtnahe Natur verloren gehen. „Jede Grünfläche ist wertvoll für die Bevölkerung. Und dies ist neben dem Schrevenpark die letzte große Grünfläche in diesem Teil der Stadt“, stellt Arne Asmussen klar. Daneben muss auch mit einer Zunahme des Verkehrsaufkommens auf dem Westring und der angrenzenden Bundesstraße 76 gerechnet werden. „Man rechnet mit 5000 Fahrzeugen beziehungsweise 20.000 Kunden an den Wochenenden. Unter der Woche werden etwa 2000 Fahrzeuge erwartet. Das gibt dann schon einen Verkehrsinfarkt“, schätzt Asmussen.

Auf der anderen Seite wird mit der Schaffung von 250 bis 300 Arbeitsplätzen und den zu erwartenden Steuereinnahmen für die Stadt geworben. Ob sich die Erwartungen langfristig erfüllen, bleibt abzuwarten. Unterstützt wird das Projekt allerdings von allen politischen Parteien im Kieler Stadtrat. Für die Betroffenen und Gegner des Projekts ist jedenfalls klar, dass sie ihre Proteste fortsetzen werden. „Das Thema soll öffentlich bleiben und weiterhin diskutiert werden“, meint Arne Asmussen. „Noch ist nichts unterschrieben, aber im Moment kann man nicht viel machen. Nur auf die Straße gehen und zeigen, wir sind noch da, wir geben nicht auf“.

 

Mehr zum Thema


* Hintergrundinformationen zur Möbelkraftansiedlung in Kiel. www.möbelmachtamwestring.de

* Website des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume zum Thema Flächenverbrauch in Schleswig Holstein
www.schleswigholstein.de/UmweltLandwirtschaft/DE/BodenAltlasten/05_Flaechenmanagement/ein_node.html
      
* Website von WIR in Kiel zu Aktionen gegen Möbel Kraft http://www.wirinkiel.net/category/stadtentwicklung/

* Gerhardt Polt: Die Wegbeschreibung. Zum Thema Flächenverbrauch.
      www.youtube.com/watch