Die Radstation am Kieler Hauptbahnhof

Umsteigen mal anders

von Erik Lohmann

Seit 1988 wird der Fahrradverkehr in Kiel gefördert. Sein Anteil am innerstädtischen Verkehr ist von damals 8 Prozent auf heute 21 Prozent gestiegen. Jetzt wird der Fahrradverkehr gerade für Pendler noch attraktiver, und zwar dank der Umsetzung einer Idee, die schon seit Beginn der Förderung existiert: Kiel hat jetzt eine Radstation direkt am Hauptbahnhof.
Das Gebäude des Umsteigers am Kieler Hauptbahnhof

Montagmorgen am Kieler Hauptbahnhof. Die ersten Züge nach Hamburg sind längst abgefahren, aus Richtung Neumünster, Rendsburg und Plön sind schon die ersten Regionalbahnen eingetroffen und der Regionalexpress aus Hamburg wird auch bald eine Pendlerschar entlassen.
Punkt Sechs hebt sich das Gitter vor dem zweispurigen Tageseingang der Radstation im „Umsteiger“ an der Westseite des Bahnhofs und in der Fahrradwerkstatt gehen die Lichter an. Die ersten Pendler haben schon vor Stunden ihre Räder geparkt oder abgeholt.

Bereits seit 1988 gibt es die Pläne für eine Radstation am Kieler Hauptbahnhof. „Man orientierte sich damals vor allem an niederländischen Konzepten und dem Kopenhagener Modell“, berichtet Uwe Redecker, Radverkehrsbeauftrager der Stadt Kiel. Damals stellte man ein komplettes Konzept zur Verbesserung der Radverkehrssituation in Kiel auf, Teil davon war die Einrichtung einer Radstation am Hauptbahnhof.

Um 6:30 öffnet auch die Servicezentrale der KVG in der anderen Hälfte des „Umsteigers“. In der Radstation herrscht schon reger Betrieb, Räder werden fast im Minutentakt ein- und ausgeparkt. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wegen des kalten Winters und einigen technischen Problemen steigen die Nutzerzahlen. Mitte Mai waren von 622 Stellplätzen rund 300 belegt. Davon 100 für ein Jahr und noch einmal 100 für einen Monat. Hinzu kamen noch schätzungsweise 100 Nutzungen von Tages- und Zehnerkarten täglich.

Während andere Projekte wie die Einrichtung von Fahrradstraßen oder die Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr entgegen der Fahrtrichtung schnell verwirklicht wurden, herrschte bezüglich der Radstation sehr lange Uneinigkeit. Größter Streitpunkt war der Standort. Neben dem heutigen Standort waren drei weitere im Gespräch. Ein alter Posttunnel, der unter dem Bahnhof vom Sophienblatt zum CAP verläuft, wurde aufgrund zu geringer Kapazitäten abgelehnt. Die Räumlichkeiten, die heute einen Drogeriemarkt im Bahnhof beheimaten und die Fläche des Hotelneubaus am ZOB-Parkhaus kamen letztendlich aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage. So kam es, dass auf dem Gelände an der Westseite des Bahnhofes, in Richtung Ringstraße, der Neubau des „Umsteigers“ errichtet wurde.

Johannes Reuters zentriert in der Werkstatt der Radstation routiniert eine Hinterradfelge.

Betrieben wird die Radstation von der Brücke SH, einer gemeinnützigen GmbH, die Menschen mit psychischer Erkrankung beim Wiedereinstieg in das Berufsleben hilft. Johannes Reuters, Leiter der Radstation und der Fahrradwerkstatt der Brücke in der Muhliusstraße, sieht die Arbeit in der Radstation als gute Ergänzung zum fachlichen Wissen, das den Wiedereinsteigern mit an die Hand gegeben wird: „Hier kriegen die Leute wirklichen Kundenkontakt, in der Muhliusstraße kommt ja kaum jemand vorbei.“ Der freundliche und hilfsbereite Zweirad-Mechanikermeister hat schon Erfahrungen mit Radstationen gesammelt, er hat bereits in Münster in einer der großen dortigen Radstationen gearbeitet. „Das ist natürlich kein Vergleich, die Radstationen in Münster fassen teilweise 3.500 Räder“, erzählt er – also mehr als das Fünffache des Kieler Neubaus.

Um 9 Uhr ist Schichtwechsel in der Radstation. Zwischen 6:00 und 9:00 betreuen vier 400€-Jobber im Wechsel die Station, ebenso zwischen 17 und 19 Uhr. Dazwischen versorgen zwei Seniormitarbeiter, beide mit fast 40 Jahren Berufserfahrung, oder Johannes Reuters die Zweiräder. Unterstützt werden sie von einem oder zwei Berufswiedereinsteigern.

Uwe Redecker sieht die Erfahrung von Johannes Reuters als großen Bonus. „Man muss sich um wenig kümmern, Herr Reuters ist sehr engagiert und hat viele Ideen.“ Bei der Vergabe der Betriebsrechte hat die Personalfrage aber kaum eine Rolle gespielt. Vor allem das Konzept, nach dem die Brücke SH die Radstation betreibt, hat den Ausschlag gegeben, obwohl der Betrieb eigentlich durch ein Privatunternehmen geschehen sollte. Mit Unverständnis reagiert Uwe Redecker auf die Stimmungsmache eines Kieler Fahrradgeschäftes, dessen Betreiber der Radstation vorwirft, als subventioniertes Unternehmen den Markt zu zerstören. „Alle hatten die Chance, sich für den Betrieb zu bewerben. Wer jetzt meckert, ist selbst schuld“, stellt der Radverkehrsbeauftrage klar. Zwar werde die Radstation derzeit subventioniert, aber nur für ein Jahr. Geld lasse sich so schnell vermutlich nicht damit verdienen, fügt er hinzu. Von den Impulsen, die von der Einrichtung der Radstation ausgehen, werden letztendlich sowieso alle Fahrradläden der Stadt profitieren. Bereits jetzt arbeiten einige Zweiradvermieter und die mobile Radwerkstatt mit der Radstation zusammen.

Während viele private Mitbewerber sich in ihrem Konzept auf eine Nutzung als Verkaufsräumlichkeiten konzentriert hatten, setzt die Brücke vor allem auf Service. Das Personal erklärt neuen Nutzern bereitwillig und oft auch ohne Nachfrage die Benutzung des Ticketautomaten, die Bedienung der Schranken und das korrekte Einstellen eines Fahrrades. Wer morgens sein Rad in die Werkstatt gibt, kann beinahe sicher sein, dass er es am Abend wieder in repariertem Zustand abholen kann. Gerade dieser Punkt überzeugt auch viele Nicht-Mieter, so dass die Werkstatt fast täglich ausgelastet ist.

Ein weiterer Service der Radstation ist die tage- und wochenweise Vermietung von Fahrrädern. Ab 7,50€ kann man sich für einen Tag ein Rad mieten und Kiel erkunden. Einen Stadtplan von Kiel gibt es umsonst dazu, diverses Zubehör wie Kindersitze, Helme, Fahrradtaschen und GPS-Geräte sind gegen eine Leihgebühr erhältlich.

Zwei Touristen, die Kiel erkunden wollen, betreten die Radstation und informieren sich über deren umfangreiches Angebot. Aufgrund des guten Wetters entscheiden sich Vater und Sohn für zwei Mieträder. Mit wenigen Handgriffen werden die Räder für die Mieter bereitgestellt und schon radeln diese zufrieden davon. Gerade während der Kieler Woche profitiert die Radstation hier von ihrer sehr zentralen Lage. „Wir mussten Räder von anderen Vermietern anmieten, um die Nachfrage bedienen zu können“, erzählt Johannes Reuters sichtlich erfreut.

Der überdachte Zugang zum Bahnhofs- gebäude erspart den Pendlern Zeit

Auch nach der endgültigen Entscheidung über den Standort der Radstation und der anschließenden Ausschreibung von Bau und Betrieb waren nicht alle Hürden überwunden. Der Spatenstich im Juni 2008 verzögerte sich zuvor durch den langwierigen Umbau des Hauptbahnhofs. Außerdem musste mehrmals der Kampfmittelräumdienst anrücken, da im Bereich des Neubaus Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet wurden. Die endgültige Fertigstellung des 2,15 Millionen Euro teuren „Umsteiger“ geschah rechtzeitig zur Kieler Woche 2010. Der Vorplatz ist gepflastert und der direkte Durchgang zum Bahnhof wurde geöffnet.

Insgesamt fällt die Resonanz zur Radstation sehr positiv aus. Die Nutzer sind durchweg überzeugt vom Sicherheitsaspekt, besonders in Kombination mit den günstigen Preisen. Für nur 90 Euro im Jahr kann man sich einen reservierten Stellplatz mieten, ein Monatsticket kostet 7 Euro, eine Zehnerkarte 5 Euro und für einen Euro kann man sein Rad 24 Stunden unterstellen. „Hier war viel Vorarbeit notwendig“, gibt Uwe Redecker zu bedenken. „Man musste den Leuten erst einmal nahe bringen, dass es eine Dienstleistung ist, die auch bezahlt werden muss.“ Eine Aufgabe, die insbesondere in Deutschlands Fahrradstadt Nummer Eins, in Münster in Angriff genommen wurde.

Fahrradgestelle in der Radstation - Ein Konzept, das durch Sicherheit und einen angemessenen Preis überzeugt

Verbesserungswürdig seien noch die Gestelle, meint ein Mieter. Für Linkshänder sei die Bedienung etwas weniger komfortabel, außerdem verhakten sich gelegentlich die Lenker und Körbe nebeneinander geparkter Räder. Trotzdem sei die Radstation insgesamt „einfach super“ zieht der Inhaber einer Jahreskarte sein persönliches Fazit und fährt in den Feierabend davon.

Ein Fazit, das viele Nutzer ziehen und das dennoch keine Beachtung beim eigentlich größten Nutznießer der Radstation findet: Bei der Deutschen Bahn. Zielt die Einrichtung der Radstation doch eigentlich darauf ab, die Pendler vom Auto auf den kombinierten Verkehr mit Bahn und Rad umzulenken. Dennoch ist die Deutsche Bahn nicht bereit, der Radstation für Werbung in ihren Nahverkehrszügen von und nach Kiel einen Rabatt zu gewähren. Die Fläche, auf der der Durchgang zum Bahnhof eingerichtet wird, ließ die Bahn als Eigentümerin des Grundstückes sich sogar von der Stadt bezahlen. Ein Verhalten, das außerhalb des Konzerns auf wenig Verständnis trifft. Denn eines steht für Johannes Reuters fest:

Die Frage ist nicht, ob die Radstation ausgebaut werden wird, sondern nur, wann das geschehen wird.

Weitere Informationen

Als Ergänzung zum GeoZeit-Artikel „Die 2,20€-Frage“ haben wir errechnet, wie viel es kosten würde, jeden Tag vom Hauptbahnhof zur Universität und zurück mit dem Rad zu fahren. Mietet man sich in der Radstation einen festen Stellplatz für ein Jahr, so zahlt man 90€. Zuzüglich Reparatur- und Materialkosten belaufen sich die jährlichen Kosten auf rund 150€. Bei einer Nutzung von 200 Tagen im Jahr würde man pro Tag 75 Cent in die Fahrt zur Universität investieren, weniger als beim Kauf eines Jahrestickets der KVG. Nur für Inhaber eines Studententickets ist die Fahrt mit dem Bus nach wie vor günstiger – aber keineswegs schneller.