Ökosiedlung in Kiel-Hassee
Komposttoiletten und nachbarschaftliches Wohnen
Von Henrike Thelen
Am Moorwiesengraben im Kieler Stadtteil Hassee werden Ökologie und gemeinschaftliches Wohnen auch nach fast 20 Jahren noch groß geschrieben. Die erste Ökosiedlung Schleswig-Holsteins ist ein Fossil ihrer Art und dennoch Vorbild für nachhaltige Wohnprojekte. GeoZeit hat die Siedlung im Südwesten Kiels genauer unter die Lupe genommen.
- Heidrun Buhse lebt seit fast 20 Jahren gerne in der Ökosiedlung.
„Mein Sohn ist gestern 18 geworden und kennt von zu Hause nur Komposttoiletten. Ganz schön irre, oder?“, lacht Heidrun Buhse. Sie ist eine von fünf Architekten der Ökosiedlung am Moorwiesengraben im Kieler Stadtteil Hassee. Die Siedlung ist inzwischen 18 Jahre alt und beweist, dass ökologisches Bauen nicht nur kostengünstig sein kann, sondern auch nachhaltig ist.
Mitte der 1980er Jahre entbrannten insbesondere unter jungen Menschen Diskussionen um gesunde Ernährung und ökologisch gestalteten Lebensraum. Aus dem Wunsch nach Veränderung entwickelten sich konkrete Themen wie das gemeinschaftliche, gezielt nachbarschaftliche Wohnen und das Energiesparen. „Wir wollten schöne Häuser, die ökologisch und energetisch sinnvoll sind. Sie durften nicht zu teuer sein und wir brauchten einen Städtebau, in den unser Vorhaben integrierbar war“, erzählt Buhse.
- In die roten Schuhen dürfen die Kinder des Kindergartens nur an ihrem Geburtstag schlüpfen.
Anfang der 90er Jahre war es endlich so weit. Das heutige Areal am Moorwiesengraben war gefunden. In einer Kampfabstimmung im Rat der Stadt Kiel gewannen die Ökosiedler gegen ein ebenfalls interessiertes stadteigenes Wohnungsbauunternehmen. Die Siedlung am Moorwiesengraben konnte gebaut werden. Nicht nur die Stadt in Form des Tiefbauamtes, sondern auch die Bewohner des Stadtteils stellten sich jedoch zunächst gegen die Ökosiedler. Die Stadt wollte nicht riskieren, dass es der Bauträger möglicherweise nicht schaffe, innerhalb der nächsten drei Jahre eine Siedlung hochzuziehen. Schließlich fehlten ihm Erfahrung und Geld. Und die Nachbarn wollten die letzte grüne Wiese des Viertels nicht an eine neue Siedlung verlieren, an eine Ökogruppe. „Gegnerschaft baut sich nun einmal schnell auf gegenüber dem Unbekannten und wir waren ein zusammen gewürfelter Haufen von Menschen, die etwas Neues und Unbekanntes wollten“, erklärt Architektin Buhse.
Heute, viele Jahre nach den Konflikten, sind die Bewohner Teil des Stadtviertels geworden. Die Ökosiedlung hat sich durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und ihre Erfolgsgeschichte etabliert. Buhse erzählt stolz: „Die Siedlung fungiert ganz klar auch als Vorbild für andere Ökosiedlungen.“ Besonders in den ersten drei Jahren sei der Besucher- und Journalistenandrang enorm groß gewesen. Schließlich waren Projekte wie dieses eine Neuheit und bildeten die Ausnahme. „Heute ist das Medieninteresse längst nicht mehr so groß, weil es ökologisch und energetisch viel spannendere und neue Modelle gibt“, ergänzt Klaus Tank, der 1992 als einer der ersten mit seiner Familie in die Siedlung zog. Überhaupt sei der ökologische Gesichtspunkt der Siedlung heute ein bisschen in den Hintergrund getreten. „Die Häuser sind fertig und ökologische Modernisierungen liegen noch nicht an“, erklärt er.
Zu ihrer Gründungszeit war die Siedlung am Moorwiesengraben dagegen revolutionär, Blockheizkraftwerk und Komposttoilette waren ganz neu auf dem Markt. Die Siedlung lebt zwar nicht energieautark, produziert aber etwa 80 Prozent der benötigten Energie selbst. Dabei helfen sowohl die große gemeinschaftliche Photovoltaikanlage, die aus Sonnenenergie Strom gewinnt, als auch das Blockheizkraftwerk im Keller des Gemeinschaftshauses, das mittels eines Motors aus Erdgas Wärme, Warmwasser und Strom generiert.
Auch der Wasserverbrauch der Ökosiedlung ist vorbildlich. „Er liegt circa zwei Drittel unter dem Durchschnittsverbrauch in der Stadt Kiel“, erzählt Heidrun Buhse stolz. Damit eine so gute Wasserbilanz erreicht werden kann, haben sich die Ökosiedler etwas Besonderes ausgedacht. Da Toilettenspülungen bekanntlich das meiste Wasser in einem Haushalt schlucken, entschied man sich für Komposttoiletten. Mit Hilfe von Rindenmulch und Bakterien werden menschliche Ausscheidungen zu Kompost umgewandelt. Dieser kann ohne Weiteres im Garten verwendet werden.
- So idyllisch können Kläranlagen aussehen.
„Durch die Komposttoiletten wird kein Schwarzwasser produziert. Deshalb gilt es nur noch, das Grauwasser, das Abwasser ohne Fäkalien, zu klären“, berichtet die Architektin. Wie ein mit Schilf bewucherter Teich liegt die Pflanzenkläranlage direkt hinter einer Reihe von Wohnhäusern. Kein unangenehmer Duft liegt in der Luft und ein Entenpaar schwimmt auf dem mit Wasserpflanzen und Schnecken angereicherten Wasser.
Um das Wasserkonzept der Ökosiedlung zu vervollständigen und den Aufwand zur Ableitung des Regenwassers einzusparen, besitzen alle Häuser Grasdächer und es gibt in der Siedlung nur wasserdurchlässige Wege und Plätze. Beton und Teer sind tabu.
Heidrun Buhse berichtet, dass sie Mitte der 80er Jahre eine Wanderausstellung zum Thema ökologisches Wohnen ins Rathaus geholt habe. „Auf einen Schlag wollten 60 Leute hier wohnen.“ Zunächst habe es Interessierte in allen Altersgruppen gegeben, aber als es zur Finanzierung kam, wären es fast nur noch junge Familien gewesen, berichtet die Initiatorin. Der Grund dafür lag in der Fixierung auf Familien mit Kindern, wenn es um die soziale Eigentumsförderung vom Land ging.
So zogen 1992 15 Familien mit 32 Kindern, vier alleinerziehende Haushalte mit 9 Kindern und zwei Bauparteien ohne Kinder in die Ökosiedlung. Da die 1992 eingezogenen Kinder alle annähernd im gleichen Alter waren, werden sie nun alle gleichzeitig erwachsen und verlassen nach und nach die Siedlung. Die Bewohnerstruktur wird daher zunehmend homogener. „Aber da jetzt Familien mit kleineren Kindern nachgezogen sind, hoffen wir, dass wir weiterhin so gut es geht generationengemischt bleiben“, erzählt Buhse. Sie hat aber auch nichts dagegen als Nachbarschaft gemeinsam alt zu werden, denn für die Architektin ist die wie eine erweiterte Familie.
Das liegt sicher auch am Gemeinschaftshaus, das die Nachbarn zusätzlich verbindet. Im Erdgeschoss befindet sich ein Kindergarten, den alle Kinder der Siedlung besucht haben. „Außerdem haben wir im Obergeschoss zwei Räume für Versammlungen und Veranstaltungen“, ergänzt Buhse. Im Garten findet nachmittags zurzeit auch ein Bildhauerkurs statt.
- Im Zentrum der Siedlung steht das Gemeinschaftshaus.
Das Gemeinschaftshaus gehört wie die gesamte Infrastruktur der Siedlungsgenossenschaft Kieler Scholle e. G., die sich aus den Eigentümern der Häuser zusammensetzt. „Inmitten der Genossenschaftsfläche schwimmen die privaten Grundstücke der Bewohner wie Inseln“, erklärt Buhse. „Das war aufgrund der staatlichen Eigenheimzulage nicht anders möglich, da viele ohne diese Förderung nicht hätten bauen können.“
Insgesamt hat der Bau der Ökosiedlung ihre Bewohner fast zehn Millionen DM, also etwa fünf Millionen Euro, gekostet. Lediglich 210.000 DM stammen davon aus dem schleswig-holsteinischen Programm „Ressourcensparendes Bauen und Wohnen“. Den übrigen Anteil mussten die Bewohner über Darlehen und Eigenkapital sowie durch Eigenleistung selbst finanzieren.
Wenn es heute um Veränderungen auf dem Gelände geht, die alle Bewohner etwas angehen, wird eine Versammlung aller Teilhaber einberufen. Maßnahmen können nur mehrheitlich beschlossen werden. Eine aus Husum zugezogene Familie wollte beispielsweise auch in Kiel wieder Hühner halten. Ihr Anliegen musste sie in die Genossenschaft tragen, wo mehrheitlich darüber entschieden wurde. „Und jetzt haben sie einen Hühnerstall auf genossenschaftlicher Fläche“, berichtet Buhse. „Das Beste an der Genossenschaft ist der Nachhaltigkeitsaspekt, der durch die Genossenschaft richtig gut eingelöst wurde.“
Gabriele von Wildenrath wohnt schon seit der Fertigstellung gerne in der Ökosiedlung. „Die Kinder haben früher immer draußen gespielt“, erinnert sich die dreifache Mutter und Besitzerin eines Baugeschäftes für ökologische Materialien. Den einzigen Nachteil sieht sie manchmal in der räumlichen Enge. „Weil wir keine Zäune haben, muss man jedes Vorhaben mit den Nachbarn abstimmen“, klagt sie. Aber das sei ihr das zentrale Wohnen im Grünen und die nette Nachbarschaft wert.
- Anke Erdmann liebt ihr neues Haus mit dem gemütlichen Garten.
In den 18 Jahren seit der Fertigstellung haben nur wenige Häuser ihre Besitzer gewechselt. „Der Grund dafür waren veränderte Lebensbiographien und das Erwachsenwerden und Ausziehen der Kinder, aber nicht der Aspekt des Wohlfühlens“, meint Buhse. Gabriele von Wildenrath kann das nur bestätigen. „Wenn unser jüngster Sohn in ein paar Jahren auszieht, müssen mein Mann und ich uns überlegen, ob wir umziehen oder in dieser Gemeinschaft alt werden wollen“, erzählt sie.
Anke Erdmann wird die Ökosiedlung nicht so bald verlassen. Sie wohnt erst seit einem halben Jahr mit ihrer Familie dort. „Das Ökokonzept und die Idee einer Genossenschaft haben uns überzeugt“, berichtet die Mutter des 4-Jährigen Johann. Die vielen verwunschenen Ecken gefallen der Landtagsabgeordneten und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen besonders gut. „Die sind eine Erholung für das Auge“, schwärmt sie.







