Praktikum in der Entwicklungshilfe

Ein Puzzelteil in der Gesellschaft

Von Henrike Thelen

Jan Lange ist Geographiestudent. Während der Semesterferien hat er in Indien ein unentgeltliches Entwicklungshilfepraktikum absolviert. Im südindischen Hyderabad half er bei der Nichtregierungsorganisation (NGO) WASSAN, die Wasserversorgung im ländlichen Raum zu verbessern. GeoZeit hat mit ihm gesprochen.
Bei einem Entwicklungshilfepraktikum in Indien hat Jan anderen geholfen und selber viel gelernt.
Bei einem Entwicklungshilfepraktikum in Indien hat Jan anderen geholfen und selber viel gelernt.

Seit rund einem Jahr engagiert sich Jan Lange ehrenamtlich neben dem Studium. Angefangen hat der 21-jährige im November 2008 als Fahrradwart in einem Kieler Studentenwohnheim. Er kümmert sich unter anderem um die Instandhaltung und den Verleih von Fahrrädern an die Bewohner. Seit April 2009 ist Jan auch bei der Studentenorganisation AIESEC aktiv, die neben der Vermittlung von Auslandspraktika auch Projekte zu verschiedensten Themen in Kiel organisiert. Über AIESEC ist Jan auf die Idee gekommen, zweieinhalb Monate in Indien zu verbringen. Ein Entwicklungshilfepraktikum hat ihm nicht nur Einblicke in die Kultur, die Sprache und das Land geboten, sondern ihm auch die Möglichkeit gegeben, anderen Menschen zu helfen.

GeoZeit: Von Ende Juli bis Ende September 2009 hast du ein achtwöchiges Praktikum in Indien absolviert. Worin bestand deine Aufgabe?

Jan: Meine Aufgabe bei der NGO WASSAN bestand hauptsächlich darin, Dörfer in der näheren Umgebung zu besuchen. Zusammen mit Kollegen habe ich mir Projekte angeschaut, die die NGO begleitet. Wir haben mit den Leuten gesprochen, die für die Leitung und Organisation der Projekte verantwortlich waren und haben das Ganze dokumentiert.

GeoZeit: Worum ging es bei den Projekten der NGO WASSAN?

Jan: Grundsätzlich kümmert sich WASSAN um die Wasserversorgung im ländlichen Raum. Dazu gehören Schulungen der ländlichen Bevölkerung durch WASSAN-Mitarbeiter. In der Landwirtschaft kann die Bewässerung durch Absprachen unter den Bauern effizienter gestaltet werden. Der zweite Punkt ist die Verbesserung der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung. Zum Einen ist Wasser ein knappes Gut in Indien und zum Anderen ist es häufig chemisch belastet und dreckig. Die NGO betreut deshalb auch den Bau und die Nutzung von Wasseraufbereitungsanlagen.

Jan hat sich in Indien für eine Verbesserung der Wasserversorgung im ländlichen Raum eingesetzt.
Jan hat sich in Indien für eine Verbesserung der Wasserversorgung im ländlichen Raum eingesetzt.

GeoZeit: Was war deine Motivation für das Praktikum?

Jan:
Ich finde, dass Indien ein total spannendes Land mit einer interessanten Kultur ist. Ich wollte Indien nicht als Tourist besuchen. Ich wollte das Land und vor allem die Menschen kennen lernen, ihren Alltag erleben und sehen was sie ausmacht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten ist, wenn man direkt vor Ort mit den Einheimischen spricht und arbeitet. Abgesehen von zwei anderen europäischen Praktikanten war ich der einzige Europäer und musste mich anpassen. Wir haben keine Sonderbehandlung genossen. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, später beruflich in die Entwicklungshilfe zu gehen. Daher bot sich das Praktikum an, um Erfahrungen zu sammeln und in den Beruf des Entwicklungshelfers bei einer NGO hinein zu schnuppern. Dort zu arbeiten und Projekte zu begleiten hat mir einen ersten Eindruck vermittelt, was auf mich zukommen würde.

GeoZeit: Und kannst du dir jetzt vorstellen als Entwicklungshelfer zu arbeiten?

Jan: Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Im Moment ist es auf jeden Fall mein Ziel. Ich finde es aufregend, in anderen Ländern zu arbeiten und die dortigen Kulturen und Menschen hautnah zu erleben. Außerdem möchte ich gerne „benachteiligten“ Menschen helfen. Ich habe das Privileg in einer Umgebung zu leben, in der es mir an nichts mangelt. Ich finde es wichtig, dass wir Menschen helfen, die weniger haben als wir.

GeoZeit: Hast du das Praktikum gemacht, weil es für deine Karriere hilfreich ist?

Jan: Auch, aber nicht nur. Im Praktikum hatte ich das Gefühl, anderen Menschen etwas geben zu können, ihnen zu helfen. Und das mache ich gerne. Natürlich gibt es verschiedene Wege zu helfen. Man kann zum Beispiel Geld spenden, aber ich hatte Lust, vor Ort dabei zu sein und aktiv zu werden.

GeoZeit: Hattest du die Möglichkeit zu sehen, was sich für die Menschen vor Ort verändert hat?

Jan: Ich war nur zweieinhalb Monate dort. Das ist eine wahnsinnig kurze Zeit. Ich habe einen Einblick bekommen, aber die Wasserversorgung zu verbessern, ist ein langwieriger Prozess. Das sind riesige Steine, die du zur Seite rollen musst, um es metaphorisch auszudrücken. Das braucht viel Zeit. Natürlich wäre es toll gewesen, wenn ich einen direkten Erfolg hätte sehen können. Mir war aber von Beginn an klar, dass ich nur ein Puzzelteil in diesem Projekt bin.

Ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen die NGO bei Schulungen zur effektiveren Wassernutzung.
Ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen die NGO bei Schulungen zur effektiveren Wassernutzung.

GeoZeit: Ist es ein schönes Gefühl ein Puzzelteil zu sein?

Jan: Ja. Ich kann in zweieinhalb Monaten nicht die Welt verändern, aber ich kann meinen Teil dazu beitragen. Entwicklungshilfe ist ein langwieriger Prozess. Man kann nicht von heute auf morgen alles verändern. Ich kann für mich behaupten, dass ich zwar nur ein kleines Puzzelteil vom großen Ganzen war, man sich aber damit auch zufrieden geben muss und kann. Für mich ist klar, dass ich später gerne über einen deutlich längeren Zeitraum an einem Projekt arbeiten möchte, um dann auch direkt das Resultat zu sehen.

GeoZeit: Glaubst du, dass du Menschen dabei geholfen hast, ihr Leben bzw. ihren Lebensstandard zu verbessern?

Jan: Nicht direkt, da bin ich Realist. Ich kann nicht sagen, dass jetzt so und so viel Dörfer so viel mehr Trinkwasser haben. Ich habe mit den anderen Mitarbeitern Projekte und ihre Entwicklung kennen gelernt und analysiert. Die Berichte, die wir geschrieben haben, werden der Regierung vorgelegt und führen so hoffentlich zu einer Verbesserung des Lebensstandards in indischen Dörfern.

GeoZeit: Was hast du gelernt? Was hat dir das Praktikum gegeben?

Jan: Das stellt man sicher oft erst ein bisschen später fest, wenn alles gesackt ist. Ich habe gesehen, wie die Menschen mit ihrem Wenigen – im materiellen Sinn gesehen – zu Recht kommen und was sie für Probleme haben. Dass Wassermangel ein Problem sein kann, weiß man. Aber erst wenn du vor Ort bist, siehst du wie es wirklich ist. Das Praktikum hat mir gezeigt, wie gut es uns hier eigentlich geht, in was für einem Luxus wir leben. Was wir in Deutschland für selbstverständlich erachten, ist in Indien oft nicht so selbstverständlich. Ich habe in Indien viele junge Studenten kennen gelernt, die neben dem Studium of bis spät in die Nacht arbeiten. Ihr Verhalten hat mir gezeigt, dass man an seine Träume glauben und dafür kämpfen sollte.

Vor allem zu Kindern konnte Jan schon über ein Lächeln eine Verbindung aufbauen.
Vor allem zu Kindern konnte Jan schon über ein Lächeln eine Verbindung aufbauen.

GeoZeit: Wie hast du mit ihnen kommuniziert?

Jan: Die Meisten konnten kein Englisch. Aber ich fand es toll zu erleben, auch ohne gemeinsame Sprache, kommunizieren zu können - sei es mit Händen und Füßen. Nur durch Lachen kannst du schon eine Verbindung mit den Leuten, vor allem zu den Kindern aufbauen. Ich musste sehr offen dafür sein.

GeoZeit:
Inwiefern hat deine Erfahrung dort Auswirkungen auf dein ehrenamtliches Engagement in Deutschland?

Jan: Ich habe auch hier weiterhin Lust mich ehrenamtlich zu betätigen. Sei es bei AIESEC oder einer anderen Organisation. Vielleicht beteilige ich mich demnächst bei Projekten von Viva con Agua. Es gibt so vieles, das man machen kann. Ich glaube dadurch, dass ich in Indien war und lernen musste, ganz offen zu sein und auf neue Menschen zuzugehen, bin ich auch hier viel offener geworden. Ich bin bereit mich mehr zu engagieren, weil es unheimlich viel Spaß macht. Die Erfahrungen in Indien haben mich zum Beispiel darin bestätigt, weiterhin im Wohnheim, in dem ich wohne, ehrenamtlich tätig zu sein.

GeoZeit: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen:

www.wassan.org

www.aiesec.de

www.vivaconagua.org