Engagement im Studium

Wo bleibt da noch Zeit fürs Studium?

von Christina Nielsen und Niklas Hubert

Zwei Seminare und drei Vorlesungen am Tag, vier Hausarbeiten und sieben Klausuren bis zum Ende des Semesters. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Kaum denkbar noch Zeit für andere Aktivitäten zu finden. Trotzdem sind 36 Prozent der Deutschen über 14 Jahren ehrenamtlich tätig und viele engagieren sich auch in mehr als einem Amt.
Dr. Ansgar Klein ist Geschäftsführer beim Bundesnetzwerk für Bürgerschaftliches Engagement

Der Experte Dr. Ansgar Klein vom Bundesnetzwerk für Bürgerschaftliches Engagement versteht die Probleme der Studenten und sieht diese in der gesamten Gesellschaft. Er verrät, dass die Zahlen für ehrenamtliches Engagement in der neusten Studie „Freiwilligen Survey“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stagnieren. Und wenn sich nichts ändert, könnten diese in den nächsten Jahren sogar weiter zurück gehen. Noch ist die aktivste Gruppe die der 14 bis 24-jährigen. Das Stagnieren der Zahlen liegt nach Kleins Meinung nicht am Desinteresse der Bevölkerung. Die Bereitschaft sich zu engagieren sei da. Das Problem sei die fehlende Zeit. „Wir haben Sorge wegen der zeitpolitischen Rahmenbedingungen“, gesteht Klein. Damit meint er die Verkürzung der Ausbildungszeit in Schule und Studium, aber auch die immer intensiver werdenden Arbeitszeiten im Beruf. Der Experte fragt sich „Wo bleibt da noch Zeit fürs Engagement?“.

Auf dem Kieler Campus sind die Meinungen zu diesem Thema gespalten. Viele Studenten zeigen den Willen, sich zu engagieren, doch kennen sie auch die Zeitprobleme nur zu  gut. Einige, die sich vor dem Studium ehrenamtlich betätigt haben, mussten ihre Aktivitäten im Studium aufgeben.

Jana, 21 findet keine Zeit sich zu engagieren.

Die 21-jährige Jana studiert Biologie nach den neuen Studienregeln als 1- Fach- Bachelor und findet neben dem Studium nicht die Zeit sich ehrenamtlich zu engagieren: „Früher habe ich zu Weihnachten einige Male bei der Essens- und Kleiderausgabe für Obdachlose geholfen. Während des Studiums habe ich leider keine Zeit“, bedauert Jana. Und das, obwohl es auch im Studium Weihnachtsferien gibt. Diese Zeit muss allerdings für Hausarbeiten und Prüfungsvorbereitungen genutzt werden. „Die Basis für künftige Engagementkultur wird zerstört“, mahnt Klein. „Hier sind auch die Bundesländer und die Bundesregierung gefragt, etwas zur Entwicklung der zivilgesellschaftlichen Infrastruktur beizutragen“, fordert der Experte.

Ehrenamtliches Engagement solle in die Agenda der Hochschulen mit aufgenommen werden. So gebe es an der Fachhochschule in Erfurt einen Kurs, in dem sich die Studenten zu einem Thema freiwillig engagierten und Credit Points dafür bekämen. Auch der AStA Kiel will das Engagement wieder in die Universitäten bringen. 

So könne ein Student heute nach drei Semestern ehrenamtlicher Arbeit zum Beispiel im Vorstand,  als Referent oder auch als gewähltes Fachschaftsmitglied seinen BAföG-Bezug um nur ein Semester verlängern. Das ist nicht viel, da die Arbeit im AStA- Vorstand sehr viel Zeit in Anspruch nehme. Daher bedeute es von vorn herein eine Verlängerung der Studienzeit. "Da die Studenten für Ämter in der Universität immer nur für ein Jahr gewählt werden, nehmen leider immer noch zu  wenig Studenten dieses Angebot wahr", so Yvonne Dabrowski vom AStA. 

Yvonne Dabrowski, AStA, setzt sich für ehrenamtliches Engagement ein.

Ganz anders die 21- jährige Geographiestudentin Zoe, die sich trotz einer möglichen Verlängerung des Studiums in der Fachschaft engagiert.
In den derzeitigen Diskussionen vertritt der AStA den Standpunkt, eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Universität während des Studiums grundsätzlich auf die Bezugsdauer des Bafög anzurechnen ist. Wichtig ist dem AStA dabei, dass ein Semester Engagement auch ein Semester länger BAföG- Bezug bedeutet. Und zwei Semester Engagement  zwei Semester längeren BAföG-Bezug. Die Verhandlungen des AStA mit dem Studentenwerk Schleswig- Holstein haben im November 2009 begonnen.

Wenn Engagement soviel Zeit und Mühe kostet, was bringt es dem Einzelnen sich freiwillig zu engagieren?
„Gesellschaftliche Lernerfahrungen, Selbstwirksamkeitserfahrungen und ein enormer Kompetenzgewinn", fallen Klein als spontane Schlagwörter ein. „Die sich engagierenden Personen werden in der sozialen Realität wirksam. Das ist etwas anderes, als was man in der Ausbildung lernt“, betont er. Außerdem würden hier Netzwerke und Kontakte gebildet und geknüpft, die oft ein Leben lang hielten.
Sören, 22, kann diese Meinung des Experten nur unterstützen. „Ich helfe in einer Grundschule und einer Förderschule und unterstütze sozial benachteiligte Kinder. Das mache ich auch um mich auf meinen späteren Beruf besser vorbereiten zu können“, erzählt der angehende Geographie- und Chemielehrer.

Sören, 22, hilft in einer Grundschule sozial benachteiligten Kindern.

Nicht nur die einzelne Person, auch die Gesellschaft erfährt durch ehrenamtliches Engagement einen positiven Effekt. „Engagement bringt für die Gesellschaft soziale und politische Integration sowie die Beteiligung an der demokratischen Kultur. Und das ist ganz wichtig“, so Klein.
Leider sei auffällig, dass sich die bildungsfernen Bevölkerungsschichten grundsätzlich weniger engagieren würden, Arbeitslose oft weniger als Erwerbstätige. Wer sich vor seiner Erwerbslosigkeit engagiert habe, verfolge dieses jedoch auch weiterhin.

In welchem Bereich engagieren sich besonders viele Menschen? In einem Land, in dem der Sport eine sehr große Lobby besitzt, ist es nicht verwunderlich, dass der Bereich „Sport und Bewegung“ mit einem Anteil von 11% mit Abstand die größte Sparte ist, in der sich die Deutschen freiwillig engagieren. „Schule und Kindergarten“ ist mit sieben Prozent der am zweitstärksten vertretene Bereich. So der „Freiwilligen Survey“ des Bundesministeriums. Hier werden die Motive sich zu engagieren offenbar am stärksten befriedigt. Zu den Beweggründen zählen die Gemeinschaft mit anderen Menschen, sowie das Mitgestalten an der Gesellschaft.

Gesa, 22, engagiert sich seit ihrem 14. Lebensjahr in den verschiedensten Bereichen.

Wer nun Lust bekommen hat sich freiwillig zu engagieren, kann zum Beispiel Kontakt zu Freiwilligen-Agenturen aufnehmen. Die zu Kiel am nächsten gelegene  Agentur befindet sich in Lübeck. Dort können Kontakte zu vielen Organisationen der verschiedensten Themen hergestellt werden. Es bekommt jeder die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen, sowie „die Vorteile des Engagement mit zu nehmen und dabei zu bleiben“ so der Experte.
Es kann arbeits- und zeitaufwendig sein, doch welche Ausmaße freiwilliges Engagement annimmt, bleibt eine persönliche Entscheidung. „Wenn man Spaß dabei hat, dann passt es immer in den Zeitplan“, bringt es die 22-jährige Psychologiestudentin Gesa auf den Punkt.

Klein verrät, dass der Bereich Politik wider Erwarten das Gebiet sei, in dem sich am wenigsten Menschen freiwillig engagieren würden. Dieses sei durch den erheblichen Mangel an Nachwuchs und die fehlende Attraktivität der Politik zu erklären. Des Weiteren sieht er darin ein noch viel weiter reichendes Problem. „Wir werden in absehbarer Zeit eine Krise der Volksparteien haben. Ihre Mitgliederbasis wird durch den demographischen Wandel schwinden“, mahnt er. Strukturell sei die Gesellschaft überaltert und in zehn Jahren würden die Organisationen des politischen Engagements ein Drittel bis die Hälfte weniger Mitglieder haben als heute. Eine weitere Entwicklung in der Engagementstruktur ist das Sich-Entfernen von festen Mitgliedschaften hin zu projektbezogenen, punktuellen Aktivitäten. „Das ist für Organisationen ein Problem“, bestätigt Klein.