Regionale Produkte und Direktvermarktung
Der Geschmack von Heimat
von Franziska Müller
Regionale Produkte sind im Trend. Sie stehen für Frische, Geschmack und Qualität und vermitteln dem Verbraucher das Gefühl von Heimat. Direktvermarkter verkaufen ihre Produkte im eigenen Hofladen oder liefern sie aus. Die Kombination aus Landerlebnis und dem Wissen um die Herkunft der Produkte macht den besonderen Reiz dieses Einkaufs aus. Aber was ist dran am Image der klimafreundlichen regionalen Lebensmittel?

- Hofladen der Gärtnerei Wilde Kost
Freitagmorgen auf dem Gelände der Gärtnerei Wilde Kost. Trotz der wärmenden Sonnenstrahlen ist es kalt – aber die Stammkundschaft kommt wie immer vorbei, um den wöchentlichen Einkauf zu machen. Mit lautem Gebell kündigt die wachsame Hovawart Hündin die Ankunft der Kunden an, um sie dann freudig zu begrüßen. Im Hofladen direkt neben dem Wohnhaus werden von Hand geerntete Erzeugnisse frisch vom Feld angeboten. Aber anders als im Supermarkt sind Kartoffeln, Rüben und Möhren noch mit Erde bedeckt. „Aber nachdem die Kunden sich daran gewöhnt haben, dass das Gemüse nicht aussieht wie im Supermarkt, wollen sie dieses Geschmackserlebnis nicht mehr missen“, weiß die Inhaberin Anja Christiansen. Qualität und Frische sind hier wichtiger als perfekt geformtes Gemüse und Obst. Der Geschmack der Hoferzeugnisse überzeugt die Kunden.
Seit 2006 gibt es die Gärtnerei “Wilde Kost“ in Blunk in der Nähe von Bad Segeberg. Sie hat sich darauf spezialisiert traditionelle Gemüsesorten und essbare Wildpflanzen nach Bioland Richtlinien anzubauen. Anja Christiansen hat ihre Ausbildung im Gemüseanbau in Baden-Württemberg absolviert und fand in Schleswig-Holstein ein Stück Land, auf dem sie seither ihren Traum verwirklicht in Harmonie mit der Natur anzubauen. Das Sortiment variiert jahreszeitlich und die Kunden können sich über das aktuelle Angebot auf der Website von Wilde Kost informieren. Das Sortiment reicht von Wildkräutern, über Blatt- und Fruchtgemüse bis hin zu Erdbeeren. Die Auswahl hält nicht nur Gaumenfreuden bereit, sondern ist auch ein Erlebnis fürs Auge. Weiße und lila Möhren, Kartoffeln in allen Formen und Farben und essbare Blüten. Ein Sortiment, das man in keinem Supermarkt findet. Der Kunde wird hier angeregt Neues zu probieren.

- Gewächshaus der Gärtnerei Wilde Kost
Der Trend rund um regionale Produkte hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Nicht nur bei Direktvermarktern oder auf dem Wochenmarkt werden regionale Produkte angeboten, sondern auch Supermärkte haben den Trend erkannt.
Woher kommt unser Essen? Diese Frage wird für viele Verbraucher zunehmend wichtiger. Von regionalen Produkten verspricht sich der Verbraucher Frische und Qualität. „Die Kunden haben das Bedürfnis zu wissen, wo die Ware herkommt“, erklärt Anja Christiansen.
„Die Menschen sind verunsichert, seit sich die Lebensmittelskandale häufen. Die Person hinter den Produkten zu kennen schafft eine größere Vertrauensbasis“, fügt sie hinzu. Viele Menschen suchen das direkte Gespräch mit dem Erzeuger. Zur Arbeit des Direktvermarkters gehört es auch Auskünfte zu geben und aufzuklären. Fragen von Verbrauchern, wie „Gibt es schon Erdbeeren?“ im Februar oder „Sind das schon neue Kartoffeln?“ im März sind keine Seltenheit, weiß Giselore Eisenschmidt zu berichten.
Giselore Eisenschmidt arbeitet bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein im Fachgebiet Direktvermarktung. Die Herausforderungen und Probleme der Direktvermarktung sind ihr seit Jahren vertraut. „Zu den Schwierigkeiten beim Direktverkauf gehört auch, die Kunden bei Laune zu halten, wenn die Temperaturen steigen und sich der Frühling ankündigt“, weiß Anja Christiansen aus eigener Erfahrung. Nach den langen Wintermonaten hätten Kohl und Wurzelgemüse für den Kunden längst an Attraktivität verloren. Direktvermarkter, die sehr konsequent auf den Zukauf von Gemüse und Obst verzichten, könnten die gewünschten Produkte aber noch nicht bieten. Die Gärtnerei Wilde Kost bietet dann als frische Alternative Wildkräuter an. „Eine der momentan größten Herausforderungen ist es, die verschiedenen Verwendungen des Begriffs „Region“ zusammenzubringen“, erklärt Giselore Eisenschmidt. „Jedes Bundesland unterteilt und definiert Regionen unterschiedlich.“ Dementsprechend unterschiedlich seien auch die Herkunfts- und Qualitätskennzeichnungen.

- Auswahl aus dem Sortiment "Unser Norden"
Woran es fehlt sind Transparenz und eine einheitliche Definition des Begriffs „Region“. „Unsere Heimat“, „Unser Norden“, „Bergisch pur“, „Ein gutes Stück Heimat“ oder „Heimat schmeckt“ sind Beispiele für Marken, die regionale Lebensmittel bewerben. Die Supermarktketten „Sky“ und „Plaza“ der Genossenschaft Coop verkaufen regionale Produkte unter der Marke „Unser Norden“. Mit dem Begriff „Unser Norden“ soll der Verbundenheit mit den Erzeugern und Verbrauchern aus der Region Ausdruck verliehen werden. Seltsam mutet es dann an, dass sich in diesem Sortiment aber auch Produkte wie Reis, Kaffee, Schwarzer Tee und Cashewkerne befinden, die bekanntermaßen nicht in Norddeutschland wachsen. Kriterium für die Produkte ist, dass diese im Norden weiterverarbeitet und verpackt werden.
Auch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat erkannt, dass immer mehr Verbraucher gezielt Produkte aus der Region einkaufen und dass es an einer einheitlichen Handhabung des Begriffs Region fehlt. „Wo regional drauf steht, muss auch regional drin sein“, sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner anlässlich einer Veranstaltung des europäischen Gemeinschaftsprojekts "Alpen-Kulinarik" in Garmisch-Partenkirchen im Oktober 2011. Das Bundesverbraucherministerium plant ein freiwilliges, aber verlässliches Regionalsiegel auf den Weg zu bringen.
Nicht nur der Begriff „Region“ kann in die Irre führen, sondern auch die vielen verschiedenen Empfehlungen zum Einkauf von regionalen Produkten. Mal sind sie besonders umweltfreundlich und kurze Zeit später wird der importierte Apfel aus Neuseeland als klimafreundlichere Variante gegenüber dem einheimischen Apfel angepriesen. Es stellt sich die Frage, wann man eigentlich als Verbraucher auf der sicheren Seite ist.
Festzuhalten ist, dass regionale Produkte nicht grundsätzlich besser abschneiden als Produkte aus überregionaler oder internationaler Produktion, wenn es um den Vergleich von Klimaverträglichkeit geht. Eine Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg (IFEU) empfiehlt saisonales Obst und Gemüse aus der Region zu kaufen. Die Studie hat gezeigt, dass einheimische Obst- und Gemüsesorten klimafreundlicher sind als importierte Produkte, solange sie in der geeigneten Jahreszeit angebaut werden. Eine Aufzucht im beheizten Gewächshaus macht die positive Energiebilanz wieder zunichte. Auch Milch aus der Region ist laut der Studie umweltfreundlicher als überregional produzierte Milch. Dagegen verbraucht der Prozess der Brotherstellung soviel Energie, dass die Herstellung in großen Backfabriken energieeffizienter ist als in kleinen Betrieben. Eine pauschale Antwort auf die Frage, ob regionale Erzeugnisse generell umweltfreundlicher und ökologischer sind, gibt es also nicht. Aber eine wichtige Einflussgröße ist das Einkaufsverhalten der Verbraucher. Lange Anfahrtswege und spontane Einkaufstouren können die Umweltfreundlichkeit der regionalen Produkte wieder zunichte machen.
Aus diesem Grund empfiehlt das IFEU-Institut den Einkauf am besten mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu erledigen. Utopische Vorstellung? Ja, für die Mehrheit der Verbraucher wird dieser Vorschlag kaum auf Dauer realisierbar sein. Schließlich wohnt nicht jeder Tür an Tür mit einem Direktvermarkter und wer konsequent saisonal einkaufen möchte, muss besonders in der kalten Jahreszeit auf viele Produkte verzichten.

- Auswahl von Hoferzeugnissen
An dieser Stelle sieht Giselore Eisenschmidt ein weiteres Problem.
„Wem viele, vor allem alte Gemüsesorten fremd sind, der wird es schwer haben ein schmackhaftes Menü aus Wintergemüse zuzubereiten.“ Typisches Wintergemüse wie Kohlarten, Schwarzwurzel, Steckrüben oder Wurzelpetersilie haben durch den internationalen Handel an Bedeutung verloren und besonders der jungen Generation mangelt es in diesem Bereich an Wissen und Erfahrung. Abhilfe können die vielen Kochbücher für saisonale Produkte und Kochkurse schaffen. Speziell in Schleswig-Holstein ist die Logistik der regionalen Erzeugnisse zum Gastronomen, in den Laden oder zum Kunden noch ein großes Problem. Wer bringt die Produkte von A nach B? In Schleswig-Holstein ist der Verkauf der Produkte auf dem eigenen Hof noch relativ neu. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern ist die Direktvermarktung hier erst spät entstanden. „Auch beim Verbraucher war das Bewusstsein beim Direktvermarkter zu kaufen lange Zeit nicht ausgeprägt. Das war hier einfach keine Tradition“, so Eisenschmidt. Es gäbe bisher auch kein festes Logistikkonzept, sondern sehr viele individuelle Lösungen, zum Beispiel Fahrgemeinschaften, zu denen sich einige Landwirte zusammenschließen. Südlichere Bundesländer haben wiederum mit anderen Problemen zu kämpfen. In Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg sind die Höfe kleiner und die Konkurrenz ist größer, dafür sind die Wege der Kunden zum nächsten Direktverkauf aber auch kürzer.

- Die ersten Aussaten im Gewächshaus
Damit die gute Ökobilanz für die meisten regionalen Produkte bestehen bleibt, dürfen natürlich die Anfahrtswege mit dem Auto nicht zu lang sein. Einen Direktvermarkter in der Nähe zu haben oder einen Supermarkt, der mit regionalen Anbauern kooperiert wäre die optimale Situation. „Wenn man aber für den Einkaufskorb durch den halben Kreis Schleswig-Flensburg fahren muss, dann ist das ökologisch nicht mehr sinnvoll“, findet auch Frau Eisenschmidt.
Die Gärtnerei Wilde Kost hat sich eine treue Stammkundschaft aufgebaut, deren Einzugsgebiet ungefähr 20 Kilometer beträgt. Aber zu besonderen Veranstaltungen, wie dem Gärtnertag, kommen die Besucher auch von weiter her. Die schwierige Anfangszeit ist überwunden und die Gärtnerei Wilde Kost hat ihren Weg gefunden. Nachdem der Boden des lange stillgelegten Geländes bearbeitet und von Unkraut befreit war, kam das Geschäft langsam in Schwung. Aber ein neuer Kundenstamm muss erst wachsen. Ein Zufall ließ die Inhaberin auf den Verein FEINHEIMISCH aufmerksam werden, bei dem die Gärtnerei seit 2007 Mitglied ist. Das brachte neue Kunden, mediale Aufmerksamkeit und vor allem ein sicheres zweites Standbein.
„FEINHEIMISCH ist ein Verein, dem man als Gastwirt, Landwirt oder als förderndes Mitglied beitreten kann“, erklärt Eisenschmidt. Seit 2006 gibt es diesen Verein, der den Anbau von regionalen Produkten in Schleswig-Holstein stärkt. „Die FEINHEIMISCHEN haben sich dazu verpflichtet, dass 60 Prozent des Wareneinkaufs aus regionalen Produkten besteht“, so Eisenschmidt. Die Belieferung der Gastronomen vom Landgasthof in Blunk bis hin zum Sternerestaurant auf Sylt mit den frischen und qualitativ hochwertigen Produkten von Wilde Kost übernimmt der regionale Lieferservice bio@home.
Bio@home: www.bioathome.de
FEINHEIMISCH: www.feinheimisch.de
Gärtnerei Wilde Kost: www.wilde-kost.de







