Kreischende Möwen und Webcams locken
von Cornelia Helmcke
Die Arbeit als Fischer ist heute nicht mehr der begehrteste Job. Früh aufstehen, auf hoher See jedem Wetter trotzen und auf dem Markt gibt es dann nicht einmal den Preis für den Fang, der zum Überleben nötig wäre. Trotzdem halten sich einige letzte Kutter an der Ostsee über Wasser. Und das sogar sehr erfolgreich. Wie schaffen es diese Fischer in Zeiten von Fangquoten und Massenfischerei Gewinn einzuholen?
Am Schönberger Strand, zwischen kleinen Imbissbuden, sitzt Hans-Werner Kruse. Sein gebräuntes Gesicht wendet sich zur See. Als wenn er das genaue Bild von damals vor Augen hätte, zeigt der noch waschechte Fischer in die Wellen und zählt die Boote, die dort einst ihre Netze auswarfen. „Acht bis neun Kutter waren hier vor gut 20 Jahren noch in Betrieb.“ Heute ist kein einziger mehr zu sehen. Fischer Kruse hat gelernt, von seinem Beruf zu leben. Seine gleichnamige Fischbude steht am Stakendorfer Strand, lokale Restaurants sind seine Abnehmer und werben mit seinem frischen Fisch. Im weißblau gestreiften Hemd und Schürze sitzt Kruse in der Sonne und erzählt fleißig vom seinem Leben als Fischer. Immer wieder klopfen ihm Leute im Vorbeigehen auf die Schultern und bedanken sich noch einmal für den guten Fisch. Dann klingelt das Telefon. Das Restaurant „Baltic Bay“ bittet um Nachschub, doch Fischer Kruse muss den Wirt enttäuschen. Er hat nicht einmal für sich noch ausreichend Vorrat. Mit seinem Kutter raus fahren kann er erst wieder Anfang Mai, denn im April ist Schonzeit. Lediglich mit Booten unter acht Metern wird das nötigste für den eigenen Betrieb eingeholt.
Nach dem kurzen aber herzlichen Telefonat sagt der Fischer: „Genau das ist das wichtigste, der persönliche Kontakt. Immer wenn ich meinen Fisch liefere, bekomme ich einen Kaffee und es wird geklönt. Das Quatschen schätzen die Leute.“ Mund-zu-Mund-Propaganda halte zudem den Laden am laufen. Dass diese Eigenschaft für Fischer Kruse auch gleichzeitig eins der schönsten Dinge seines Berufes darstellt, ist unverkennbar.
Die Fangquote schränke ihn bei der Arbeit schon ein. Hans-Werner Kruse kommt aber mit den EU-Vorschriften zurecht. Er sieht vielmehr den Mangel an Nachwuchs als Ursache dafür, dass viele Familien-Fischereien schließen müssen. „Wer will denn heute noch Fischer werden? Das ist ein harter Job, sehr wetterabhängig“, erzählt Kruse. „Letzten Oktober mussten wir bis hin nach Mecklenburg, um unsere Netze zu füllen. Da ist man dann schon mal drei Tage unterwegs.“ Kann bei diesen Bedingungen allein die persönliche Empfehlung ausreichen? Eher nicht. Fischer Kruse hat noch eine weitere Vermarktungsstrategie: Eine Webcam. Auf dem Dach des Imbisses befestigt, mit Blick in Richtung Meer. Der Fischer installierte die erste Webcam am Schönberger Strand und erhält seitdem mehr Aufmerksamkeit. „Viele Urlauber, die hier schon mal zu Gast waren, schauen gerne Mal, was bei uns so los ist. Als die Kamera zu Ostern drei Tage ausfiel, bekamen wir Beschwerde-Mails aus aller Welt.“ Den begehrten Seeblick erhält man auf Kruses eigener Homepage. Diese macht gleich auf die eigene Fischereiwirtschaft aufmerksam und verweist zudem auf lokale Events.
Hinter dem Deich bei Kalifornien klopfen sich zwei Männer den Sand von den Schuhen und betreten ein Restaurant. In der Ecke der schummrigen Gaststube flimmert ein Flachbildschirm. Er zeigt Fische, zappelnde Fische, die aus einem Netzknäuel befreit werden. Derselbe Mann im Bild, dort eingehüllt in wetterfeste Seemannskleidung, tritt nun in weißem Hemd auf die beiden Männer zu: „Was kann ich für Sie tun?“ „Wir haben gehört, Sie haben eine Kegelbahn?“ Ja, auch damit kann Jan Meyer aus Kalifornien dienen. Er absolvierte zuerst eine Kochausbildung, wurde anschließend Fischermeister und übernahm 1984 den Familienbetrieb. Mit Hotel und Restaurant direkt am Strand. Die Attraktion des Ganzen, ist die Fischerei. „Wenn die Leute die Kutter im Wasser sehen und die Möwen schreien hören, wissen sie, dass da was los ist und wollen gucken. Viele, die unseren frisch gefangenen Fisch sehen, wollen ihn dann auch essen."

- Ein kleines Fischerboot liegt vorm Hotel Seestern im Wasser und macht Strand-Spaziergänger neugierig.
Das Hotel Seestern der Familie Meyer beköstigt seine Gäste seit 1919 mit selbstgefangenem Fisch und besteht bis heute ohne Konkurrenz. „Nach dem ersten Weltkrieg gab es viele Flüchtlingsfischer hier. Der Preis für Fisch war dadurch so gering, dass man allein durch den Verkauf nicht leben konnte“, berichtet Meyer. Seine Großmutter musste jedoch ihre Familie durchbringen und begann ihr Schlafzimmer zu vermieten. Es folgten weitere Zimmer und die Verpflegung der Gäste. „Ich verstehe gar nicht, warum nicht mehr Familien den Schritt gewagt haben, ihren Fisch auch selbst anzurichten“, erklärt der Gastronom. „Sie haben doch bei uns gesehen wie gut es funktioniert." Dass die Eigenvermarktung die einzige Möglichkeit war, sich mit der Fischerei über Wasser zu halten, war Jan Meyer und seiner Familie schon immer klar. Sein Sohn, selbst gelernter Koch und Fischermeister, hat das Potential der Branche erkannt und wird zu Vaters Glück das Gewerbe übernehmen. Als sein fünfjähriger Enkelsohn vorbeikommt, fragt er diesen schmunzelnd: „Und willst du mal Fischer werden?“ Der Kleine antwortet mit einem Nicken und einem Grinsen im Gesicht. Er muss aber schnell weiter, denn die Sonne scheint und er möchte mit seinem Vater zum Kutter hinaus.









