Milch kommt mir nicht in die Tüte

von Martin Phillip Ullmann

„No milk today.“ Dies sang 1966 die britische Band Herman’s Hermit. Bilder leerer Flaschen, die auf den Milchmann warten, gehören inzwischen der Vergangenheit an. Während der heutige Verbraucher bei Obst und Gemüse auf regionale Produkte und den ökologischen Anbau achtet, greift er bei der Milch einfach ins Kühlregal. GeoZeit schaut hinter den Tetrapack.
Der BDM-Landesvorsitzende Achim Schoof fordert von der Politik eine umfassende Umstrukturierung des bestehenden Rohmilchmarktes.
Der BDM-Landesvorsitzende Achim Schoof fordert von der Politik eine umfassende Umstrukturierung des bestehenden Rohmilchmarktes.

Kennen Sie Faironika? Still steht sie auf vielen Bauernhöfen in Norddeutschland. Mit dieser 40 Zentimeter hohen schwarz-rot-goldenen Kuh versuchen der Bund der deutschen Milchviehhalter (BDM) und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) auf die problematische Lage ihrer Mitglieder aufmerksam zu machen. Der Zankapfel  ist dabei die Frage, wie viel der Liter Milch im Supermarkt kosten darf. Aldi beantwortet diese Frage mit 48 Cent pro Liter Frischmilch. Doch während der Niedrigpreis viele Verbraucher freut, treibt er dem BDM-Landesvorsitzenden Achim Schoof, selbst schleswig-holsteinischer Milchbauer, die Zornesröte ins Gesicht. „Wir bieten ein qualitativ hochwertiges Produkt an, das jeder braucht. Doch aus rein ökonomischer Sicht, sollte man bei diesem Preis nicht mehr Landwirt sein.“ Aber wie hoch müsste ein fairer Preis sein, der weder Erzeuger noch Verbraucher benachteiligt?

Wer diese Frage beantworten will, der muss auch den Produktionsaufwand der Landwirte berücksichtigen. Der Arbeitstag beginnt früh für die rund 5.000 Milchviehhalter in Schleswig-Holstein. Schon vor sechs Uhr stehen die meisten von ihnen am Melkstand und beginnen mit dem Melken, das etwa 60 Prozent der Arbeitszeit im Stall ausmacht. Hierbei strömt nach der Stimulation der Zitzen und dem Anschließen der Melkbecher die Milch durch Rohrleitungen in die Sammeltanks. „Als Rohmilcherzeuger beschränkt sich die weitere Verarbeitung auf die Kühlung der Milch“, erklärt Achim Schoof.

Neben dem Melken gehört auch die Versorgung der Tiere zu den Aufgaben eines Milchbauern, so dass sein Arbeitstag erst gegen sieben Uhr abends endet. „Da wir nahe am Tier arbeiten, müssen wir uns nach den Kühen richten“, so Achim Schoof weiter. „Wenn ein Tier erkrankt oder in den Wehen liegt, dann muss man auch nachts oder am Wochenende arbeiten.“ Vor dem neuen Tiefpreis wurde ein Landwirt mit 20 Cent pro Liter für seine Arbeit entlohnt.

Nur  12 Prozent der gesamten Rohmilcherzeugung kommt als Frischmilch in die Kühlregale der Supermärkte.
Nur 12 Prozent der gesamten Rohmilcherzeugung kommt als Frischmilch in die Kühlregale der Supermärkte.

Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass der Einkaufspreis für die Rohmilch nun weiter fallen wird. Schuld daran, da sind sich der BDM und die AdL einig, sind die politischen Regelungen. Der Vorsitzende der AbL Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringsdorf erklärt das Ziel der Interessenvertreter: „Es gibt auf dem Markt schlicht zu viel Milch. Deshalb fordern wir von der Politik die Umsetzung einer bedarfsorientierten Mengenanpassung.“ Doch wie soll eine solche Anpassung aussehen? Die einfachste Methode um dem Angebotsüberschuss abzubauen, wäre eine Verringerung der geltenden Milchquoten.

Da aber viele Landwirte 2007 im Zuge der hohen Rohmilchpreise ihre Betriebe vergrößerten, würden sie durch diese Maßnahme finanziell belastet werden. Ein Szenario, welches spätestens 2015 auf die Milchbauern zukommt. Denn in diesem Jahr wird auf Druck der Europäischen Union die Milchquotenregelungen in den Mitgliedsstaaten vollständig auslaufen. „Für mich würde der Wegfall der Beihilfen einen Verlust von 35.000 Euro bedeuten. Gleichzeitig fällt aber auch der Außenschutz weg und in einem Hochkostenland wie Deutschland kann ich nicht zu Weltmarktpreisen produzieren“, erläutert Achim Schoof seine zukünftige Lage.

Während die nationalen Milchbauernverbände durch den Zusammenschluss zum European Milk Board (EMB) versuchen ihren politischen Einfluss weiter zu stärken, haben einige Landwirte durch die Direktvermarktung damit begonnen, sich von den Milchpreisschwankungen unabhängig zu machen. Diese Lösung ist allerdings nicht von allen Betrieben umsetzbar. Neben der hohen Anfangsinvestition und dem deutlichen Mehraufwand stellt die ungleiche räumliche Verteilung des Angebots und der Nachfrage die größte Schwierigkeit bei der Umstellung auf Direktvermarktung dar. So übersteigt beispielsweise in Schleswig-Holstein die Produktion die regionale Nachfrage um fast das Doppelte.

Landwirt und Direktvermarkter Bert Riecken hat es geschafft. Er beliefert rund  1.700 Kunden im Kieler Umland. Sein nächstes Ziel ist der Vertrieb seiner Produkte über den Einzelhandel.
Direktvermarkter Bert Riecken beliefert rund 1.700 Kunden im Kieler Umland.

„Für uns stellt der Direktvertrieb eher eine Marktnische dar“, beschreibt Achim Schoof den Standpunkt des BDMs. Ähnlich sah das auch der Landwirt und heute Direktvertriebler Bert Riecken. Gemeinsam mit seiner Frau Kherstin vermarktet er seit 2006 Milch und Molkereiprodukte unter dem Label „rieckens landmilch“ beziehungsweise „jo!“ in Eigenregie. „Wir hatten gedacht, dass das nur eine Nische ist. Aber es ist mehr. Unsere Produkte erfreuen sich einer hohen Beliebtheit und sind zu einer festen Größe im Kieler Umland geworden“, berichtet Bert Riecken stolz. Rund 1.700 Kunden beliefern die Rieckens zweimal in der Woche mit ihrer Milch. „Wir haben uns für den Lieferservice entschieden, weil es mit der Marktbestückung und dem Hofverkauf eher negative Erfahrungen gegeben hat. Außerdem sind wir so in der Lage einen größeren Kundenkreis zu bedienen“, erklärt Kherstin Riecken. Und der Erfolg gibt ihnen recht. Schon nach drei Jahren arbeitet der Direktvertrieb kostendeckend. Allerdings ist ihr Liter mit 1,15 Euro inklusive der Anlieferung deutlich teurer als die Milch im Supermarkt. „Uns ist klar, dass nicht jeder zeitlich und finanziell in der Lage ist, unsere Produkte zu kaufen. Dementsprechend bedienen wir gegenwärtig nur einen bestimmten Kundenkreis“, verteidigt Kherstin Riecken ihre Preisstrategie. Die Entscheidung liegt bei jedem einzelnen Konsumenten, ob Milch aus dem Kühlregal oder dem Direktvertrieb im Kühlschrank steht.