Müll macht satt
von Volker Wagner
Spätestens seit dem Film „We feed the World“ wissen wir, dass Lebensmittel in großem Umfang auf der ganzen Welt auf den Mülldeponien landen. Die Überproduktion hat abnorme Ausmaße angenommen. Uns geht es gut. Alles ist jederzeit verfügbar. Wer macht sich da schon Gedanken um schrumpelnde Paprika oder abgelaufene Milch.

- Danny am Container: frisches Obst ist wieder mal reichlich vorhanden
4,4 Millionen Äpfel, 2,8 Millionen Tomaten, 1,3 Millionen ungeöffnete Joghurts, 1,2 Millionen Würstchen, 700.000 Tafeln Schokolade und Süßigkeitentüten, sowie 300.000 Fertiggerichte landen jedes Jahr auf dem Müll. Und zwar alleine in Großbritannien. Das sind umgerechnet 70 Kilogramm pro Einwohner und Jahr, wie eine Studie im Auftrag der fünf größten Lebensmittelketten im Juli 2008 belegt. Für Deutschland existieren solche Statistiken nicht. Das Bundesumweltamt schätzt jedoch, dass hierzulande jährlich 95 Kilogramm pro Kopf in die Biotonne wandern. Die Hälfte davon sind essbare Lebensmittel. Diesen Umstand machen sich seit einiger Zeit Danny und Mathis zu Nutze. Regelmäßig streifen sie durch die Hinterhöfe der Supermärkte und durchstöbern den Müll nach brauchbaren Lebensmitteln. Sie „Containern“. Dabei könnten sie es sich leisten für Nahrungsmittel Geld auszugeben. „Das Meiste was wir finden ist noch voll in Ordnung. Vielleicht mal eine braune Stelle am Obst oder ein aufgeblähter Joghurt. Häufig sind die Produkte aber noch originalverpackt und nicht einmal abgelaufen“, erzählt Danny kopfschüttelnd.
Die beiden Studenten sind kein Einzelfall. Seit Mitte der neunziger Jahre existiert eine Bewegung, die sich dem Konsum verweigert, indem sie bereits entsorgte Lebensmittel wiederverwertet. Sie nennen sich „Freeganer“, was sich aus dem Englischen von „free“ = frei und „vegan“ = Ernährung ohne tierische Produkte ableitet. Dabei essen Freeganer alles was noch genießbar ist. Auch Milch und Fleisch. Hauptsache es durchbricht den Konsumkreislauf. Was bereits weggeworfen wurde trägt schließlich nicht zur Massentierhaltung und Steigerung der Überproduktion bei. Sich ohne Geld ernähren zu können ist für sie eine Frage der Lebensqualität. Wer nichts ausgibt, muss auch nichts verdienen und hat mehr Zeit zur freien Verfügung.

- Für Marktleiter Thorsten Lampe Ehrensache: Lebensmittel spenden statt sie wegzuwerfen
Um Zeit und Geld geht es auch bei den großen Lebensmittelketten. Einlagern ist teurer als entsorgen. Aussortieren kostet mehr Zeit als wegwerfen. Und so wandern Fehletikettierungen, Produkte mit Unter- oder Übergewicht und beschädigte Waren direkt in den Müllcontainer. Auch schwankende Marktpreise, Überproduktion und Lagerüberschüsse tragen entscheidend zur Entsorgungsmentalität der Discounter bei.
Beim Einzelhandel sind die Müllberge kleiner als bei den Großkonzernen. Die Regale nach Abgelaufenem zu durchforsten, verschimmeltes Obst und Gemüse auszusondern ist zeit- und personalaufwendig. Für Thorsten Lampe, Inhaber eines EDEKA –Marktes in Kiel, lohnt sich der Mehraufwand. „Dadurch, dass wir weniger wegwerfen müssen, müssen wir auch weniger einkaufen.“ Was dann doch aus der Auslage verschwindet, spendet er der Tafel. „Die Ware ist noch völlig in Ordnung. Ein bisschen runzelig oder nur noch drei Tage haltbar. Das kauft dann halt keiner mehr“, berichtet Lampe.
Die Kunden sind ein wichtiges Rädchen im Konsummotor. Der Konsument ist es einfach gewöhnt alles zu jeder Zeit zur Verfügung zu haben. Frisch, haltbar und auf Hochglanz poliert. Dabei muss der Kunde von heute seine Einkäufe nicht einmal mehr planen. Es wird nicht auf Vorrat gekauft, sondern nach Lust und Laune. Und wenn der eine Discounter nicht noch um 22 Uhr frische Erdbeeren hat, wird der Kunde in Zukunft bei einem anderen einkaufen.
Die Kieler Tafel bezieht Lebensmittelspenden von Supermärkten und verteilt sie an Bedürftige. Allein in Kiel versorgt sie damit jede Woche 2000 bis 3000 Menschen und über 30 souiale Einrichtungen mit dem Nötigsten. Die über 190 ehrenamtlichen Helfer verteilen an verschiedenen Ausgabestellen im ganzen Stadtgebiet pro Jahr 500 Tonnen Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidung. (www.kielertafel.de/) |
Von diesem skurrilen Angebot – Nachfrage – Verhältnis profitieren letztendlich die Mülltaucher. Die Produktpalette reicht von exotischen Früchten, über heimische Biomilch, bis hin zu feinstem französischen Käse. „Wenn Camembert über das MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) hinaus ist, wird er erst so richtig gut“, erzählt Danny mit leuchtenden Augen. Persönliche Höhepunkte waren für ihn zwei Kilogramm Hirschbraten, eingeschweißt und tiefgefroren und eine Palette Weißwein, falsch etikettiert, halbtrocken. Erwischen lassen sollte man sich jedoch nicht beim Containern. Denn Müll gehört in Deutschland solange dem Erzeuger, bis er einem Abfallentsorger übergeben wird. Und die Discounter wehren sich gegen den Müllklau. Aus Angst wegen verdorbenen Mägen von den Sammlern verklagt zu werden, verriegeln sie die Müllcontainer und zäunen sie ein. Wer solche Absperrungen überwindet, kann wegen Hausfriedensbruch angeklagt werden. Wie beispielsweise eine junge Kölnerin vor vier Jahren. 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit lautete das Urteil.
In den USA, dem Ursprungsland der Freeganer, ist „Dumpster Diving“, wie das Containern dort genannt wird, nicht strafbar. Sobald der Müll in Säcken verpackt das Haus verlässt, ist er frei zugänglich. In New York erhalten Neueinsteiger sogar Führungen entlang der verlockendsten Müllsäcke. In Großbritannien ist die Rechtslage ähnlich wie in den Staaten. Die Megacity London galt lange Zeit als Paradies für Mülltaucher. Ganz ungefährlich ist die Suche im Müll allerdings nicht mehr. Discounter versuchen seit einiger Zeit durch Zugabe von Glasscherben, Desinfektionsmitteln oder Farbe die Lebensmittel ungenießbar zu machen. Das Motiv ist klar, denn wer die Produkte kostenlos aus dem Müll fischt, wird sie im Laden nicht mehr kaufen und geht als Kunde verloren.

- Lebensmittel sind zu billig und landen schnell auf dem Müll: Mangel kennen wir nicht mehr
Vor gegensätzlichen Problemen stehen Restaurants, Catering – Agenturen und Mensen. Sie müssen viel wegwerfen um keine Kunden zu verlieren. Warmes Essen, kalte Platten — alles muss vorgehalten werden bis zum Schluss. Wer fünf Minuten vor Ende der Essensausgabe auf das Gericht seiner Wahl verzichten muss, wird sein nächstes Mahl woanders einnehmen. Nach Schätzungen des Bundesumweltamtes fallen in Deutschlands Großküchen jährlich zwei Millionen Tonnen Speisereste an.
Noch vor wenigen Jahren wären diese Speisereste an Schweine verfüttert worden. Dies ist seit dem 1. November 2006 in der EU wegen Seuchengefahr verboten. Seitdem wandern sie in Biogasanlagen und vergären zur Energieerzeugung. Die Rückstände werden mit viel Mühe aufbereitet und dürfen erst seit Anfang diesen Jahres wieder als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Der Kreislauf schließt sich zwar, die ökologische Bilanz ist jedoch miserabel. Die Speisereste direkt zu verfüttern und die Gülle auf die Felder auszubringen, wäre energetisch und ökologisch betrachtet weitaus sinnvoller. Der Weg durch den Schweinemagen wäre um einiges effizienter als die aufwendige Prozesskette, die zur Umwandlung von Dünger durchlaufen wird. Im Gegensatz zur Produktion von Biomasse zu energetischen Zwecken, steht die Verwertung von Speiserückständen immerhin nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion.
Die Biogasanlage Stellinger Moor in Hamburg vergärt jährlich etwa 20.000 Tonnen Speiseabfälle und überlagerte Lebensmittel. Diese bezieht sie ausschließlich aus Restaurants, Großküchen, Kantinen, dem Lebensmitteleinzel- und –großhandel und der Lebensmittelproduktion im Umkreis. 18.000 Tonnen könnten als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt werden, wenn die Gärreste das derzeit laufende Verifizierungsverfahren bestehen. In privaten Haushalten werden nach Schätzungen des Marktforschungsinstitutes GfK etwa zehn Prozent der gekauften Lebensmittel weggeworfen. Das wären alleine für Deutschland Lebensmittel im Wert von 15 Milliarden Euro.
Damit Danny und Mathis das nicht passiert, geben sie ihren Überschuss an Freunde und Verwandte weiter. „Meine Mutter freut sich, wenn wieder frisches Obst und Gemüse vor der Tür steht“, sagt Danny. Das Angebot ist groß genug. Alle zwei bis drei Tage können sie sich die Taschen füllen, mit dem frischen Müll der Konsumgesellschaft.







