Pommes machen schlapp

von Cornelia Helmcke

Das Institut für Humanernährung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat von 1996 bis 2001 Präventionsmaßnahmen von Übergewicht bei Schülern der ersten Klasse in Kiel durchgeführt. Zwei Folgeuntersuchungen konnten bereits abgeschlossen werden. Das prekäre Ergebnis: Soziale Unterschiede sind ausschlaggebend für die Erfolgswahrscheinlichkeit der Prävention.

„Fettwanst, pass auf, dass du nicht wegrollerst!“ Eine Gruppe Kinder steht auf dem Schulhof einer Grundschule in Kiel. Ein paar Jungs laufen einem anderen Kind hinterher und versuchen ihm das Pausenbrot weg zu nehmen. Die Mädchen kichern hinter vorgehaltener Hand. „Fress nicht soviel“, ruft nun ein neun Jähriger und schmeißt das Brot des übergewichtigen Kindes mit einer raschen Handbewegung in die Pfütze. Eine Lehrerin bahnt sich ihren Weg durch die lachenden Kinder und die Jungs ergreifen die Flucht.

Hänseleien solcher Art sind unter Kindern nicht selten. Neben der frühen Belastung des Organismus durch starkes Übergewicht, müssen die heranwachsenden Menschen oft psychischen Druck von Außen erdulden. Nicht nur in der Schule auch im alltäglichen Leben sind unterliegen sie Einschränkungen.

„Obst und Gemüse sind fitte Nahrungsmittel, Schokolade und Chips machen schlapp.“ Sandra Plachta-Danielzik, Ökotrophologin der CAU, steht vor der Klasse 1a und versucht den Schülern die wichtigsten Regeln für eine gesunde Ernährung beizubringen. Dieser Ernährungsunterricht umfasst sechs Stunden pro Schuljahr. Dann zieht sie mit ihrem Team zur nächsten Klasse. Sie ist Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Kieler Adipositas Präventionsstudie“ (Kiel Obesity Prevention Study – KOPS) des Instituts für Humanernährung der Christian-Albrechts-Universität. KOPS wird von Professor Manfred Müller geleitet und untersucht Ursachen und Vorbeugungsmöglichkeiten von Gewichtszunahme bei jungen Menschen.

Adipöse Kinder bleiben dies meist auch im Erwachsenenalter. Wobei die gesundheitlichen Beschwerden durch Adipositas (Fettsucht) im Alter rapide steigen. Der Trend in Deutschland ist eindeutig: Die Bevölkerung wird immer dicker. So gut wie jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig, bei den Kindern ist es jedes sechste. Dabei ist Übergewichtig nicht gleich Adipositas. Ermittelt wird die Stufe des Übergewichtes durch den Body-Maß-Index (BMI = kg/m²). Erreicht der BMI einen Wert von über 25, spricht man von Übergewicht, wird ein Wert von über 30 erreicht, handelt es sich um Adipositas.

Auf dem Pausenhof bringt Silke Schwarz den Schülern bewegungsintensive Spiele bei. (Foto: Sandra Plachta-Danielzik)
Auf dem Pausenhof bringt Silke Schwarz den Schülern bewegungsintensive Spiele bei. (Foto: Sandra Plachta-Danielzik)

Die Schüler der Klasse 1a haben mittlerweile große Pause. Die Diplomandin Silke Schwarz hat sich ihrer angenommen und animiert die Kinder, ganz nach dem Motto „Bewegte Pause“, zu lustigen Spielen, die Körpereinsatz erfordern. Die Kinder toben sich aus und kehren nach dem Klingeln mit neuer Konzentration an ihr Pult zurück. Als zu Anfang des Schuljahres das Projekt an dieser Schule startete, wurden die Erstklässler zunächst einer umfassenden Untersuchung unterzogen. Anonym wurden Daten zu Größe, Körpergewicht und Fettanteil erhoben, sowie Umfragen durchgeführt zum Ernährungsverhalten, zur sportlichen Tätigkeit und zum Fernsehkonsum. Weiter wurden Daten der Eltern erhoben und diese im Hinblick auf Geburtsgewicht und Stillzeit ihrer Kinder befragt.

Die in diesem Maße einzigartige Studie an der Kieler Universität lief bereits 1996 an und soll 2010 abgeschlossen werden. In mehren Phasen wurden 14 Grundschulen in Kiel durchlaufen. Pro Jahr wurden per Zufallsprinzip zwei bis vier Interventionsschulen ausgewählt, bei der die Lehrer spezifische Fortbildungen erhielten, die Eltern auf Elternabenden aufgeklärt wurden und die Kinder durch Ernährungsunterricht und bewegte Pausen eine gesündere Lebensweise nahegelegt bekamen. Unabhängig davon wurde Familien Adipositas gefährdeter Kinder angeboten, an einer  Familienintervention teilzunehmen. Um vergleichen zu können wurden gleichzeitig Daten von Klassen erhoben, die nicht an diesen Maßnahmen beteiligt wurden. Nach vier Jahren dann wurden die Klassen wieder besucht, die Daten erneut erhoben und miteinander verglichen.

Vom Klassenzimmer zurück ins Büro. Sandra Plachta-Danielzik wertet die Ergebnisse aus.
Vom Klassenzimmer zurück ins Büro. Sandra Plachta-Danielzik wertet die Ergebnisse aus.

Sandra Plachta-Danielzik, war fast von Anfang an beim Projekt dabei und hat die Arbeit an den Kieler Schulen unterstützt. Das Projekt neigt sich nun dem Ende zu und es lassen sich bereits erste Schlüsse ziehen. Dr. Plachta-Danielzik erklärt der GeoZeit im Interview, welche Erkenntnisse für die Adipositasforschung gewonnen werden konnten.


GeoZeit: Frau Plachta-Danielzik, was ist das Überraschendste an ihren Ergebnissen?

Sandra Plachta-Danielzik:
Überrascht haben mich die stark ausgeprägten selektiven Unterschiede im Erfolg der Präventionsmaßnahmen. Bei den Folgeuntersuchungen zeigte sich, dass zum größten Teil nur Kinder der hohen Sozialschicht erreicht werden konnten, und nur Kinder von normalgewichtigen Müttern.

GeoZeit: Wie können Sie sich dies erklären?

Sandra Plachta-Danielzik: Es ist anzunehmen, dass bei Familien niedriger sozialer Schichten andere Probleme im Vordergrund stehen, als sich um Ernährung zu kümmern. Andere Stressfaktoren spielen eine Rolle, die es gar nicht zulassen, sich nur mit der Gesundheit zu beschäftigen.

GeoZeit: Wie kann man diese Menschen besser erreichen?

Sandra Plachta-Danielzik: Das ist momentan ein großes Problem, mit dem sich die Forschung beschäftigt. Die Frage ist, kann man diese niedrigen Sozialschichten wirklich über die Bildungsschiene erreichen oder muss man nicht die Umgebung so verändern, dass sie automatisch mit in den gesunden Lebensstil rein rutschen, ohne sich damit auseinandersetzen zu müssen. Es ist heutzutage nicht leicht umsetzbar, dass die Menschen sich bewegen müssen und gesunde Lebensmittel kaufen.

GeoZeit: Welche Erkenntnis konnten Sie weiter für die Adipositasforschung gewinnen?

Sandra Plachta-Danielzik: Diese rein edukativen Ansätze sind eben nur selektiv wirksam und reichen daher für eine Adipositasprävention nicht aus. Außerdem müssen wir uns weiter fragen, was sind überhaupt die Determinanten von Übergewicht? Wir haben festgestellt, dass wir nur einen ganz kleinen Teil der Varianz von Übergewicht erklären können. Dazu gehören Lebensstilfaktoren und Genetik. Dies sind jedoch nur zehn bis 20 Prozent der Varianz, die wir erklären können. Das heißt, wir kennen viele Faktoren und Interaktionen noch nicht. 

GeoZeit: Was konnten Sie im Hinblick auf die Ernährungssituation der Kinder feststellen und ihre Bedeutung für die Gewichtszunahme?

Sandra Plachta-Danielzik: Insgesamt ist es so, dass sich Kinder heute eher schlecht ernähren und wichtige Nährstoffe nicht aufnehmen. Wir konnten feststellen, dass Übergewicht bei den untersuchten Kindern nicht von ihrem Ernährungsverhalten abhängig ist. Dies ist oft nicht schlechter als das ihrer normalgewichtigen Mitschüler. Eher scheinen das Ausmaß von Bewegung und die Genetik ausschlaggebend. 

GeoZeit: Sollten weitere Studien folgen oder würden sie dem Bildungsministerium empfehlen gleich überall vergleichbare Maßnahmen durchzuführen?

Sandra Plachta-Danielzik: Weitere Studien sind definitiv nötig. Gesunde Ernährung kann aber nicht schaden und eigentlich steht der Ernährungsunterricht auf dem Lehrplan der Grundschulen. Doch fehlt oft Zeit und die fachliche Kompetenz der Lehrkräfte, dieser Vorgabe auch nachzugehen. Ungenügendes oder sogar falsches Wissen ist genauso ein Problem.

GeoZeit: Wie wird Ihre Arbeit hier in Kiel weitergehen?

Sandra Plachta-Danielzik: Ich denke wir werden schon weiter Studien durchführen, diese werden sich jedoch viel mehr mit der Schulumgebung beschäftigen. Was muss da verändert werden?

GeoZeit: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.