Subrosa: 16 Chefs und leer gekratzte Teller

Vegetarisch-vegane Küche in Kiel-Gaarden

von Theresa Warnk

 „Sag mal Mädchen, was isst du eigentlich?!“ Diesen Satz höre ich von meinem Großvater fast jedes Mal. Vegetarier – das ist für ihn noch immer ein Fremdwort. Er gehört wohl zu der Sorte Menschen, denen man nie an einem Ort wie dem Subrosa begegnen würde. Es handelt sich um eine kleine Kneipe in Kiel-Gaarden, die vegetarische und vegane Gerichte serviert. GeoZeit hat das Subrosa besucht.
In großen Buchstaben schmückt ihr Name auch das Innere der Kneipe

Wir betreten einen großen Raum, die Sonne scheint durch die großen Fenster in den sonst dunkel wirkenden Ort. An einem der hinteren Tische nehmen wir Platz, vor hier aus kann ich die Einzelheiten des Subrosa auf mich wirken lassen. Ich lasse meinen Blick schweifen. Nicht nur der Fußboden, auch alle Tische und Stühle sind schwarz, dazu dunkelrote und cremefarbene Wände. Über unseren Köpfen steht der Name der Kneipe in großen Lettern an der Wand. Eine Säule in der Mitte des Raumes ist mit Plakaten übersät. In der hinteren Ecke stehen ein Flipper und ein Kicker. Mein Begleiter spricht von einer „Tucholsky“-Atmosphäre. Allerdings gibt es eine Sache, die nicht ganz ins Bild passt und mich sehr schmunzeln lässt: Auf jedem Tisch steht eine kleine, runde Glasflasche mit frischen Nelken. Eine Begebenheit, die mir in keiner Kneipe bis dato untergekommen ist und die eher an ein Restaurant erinnert.

Doch das Subrosa ist in erster Linie eine Kneipe. Eine Kneipe mit Küche und die kocht ausschließlich vegetarisch, auf Wunsch auch vegan. Die Gründungsmitglieder des Subrosa im Jahre 1995 waren allesamt Vegetarier und deshalb wollten sie auch kein Fleisch verkaufen. Jordan, einer der heutigen Mitarbeiter, vermutet dahinter vor allem den Tierschutzgedanken. Begonnen hat die Küche als kleines Beiwerk im Kneipenbetrieb – mit, typisch Kneipe, Pizza und Pommes. Seit dem hat sich viel verändert. „Die Leute in der Küche sind immer besser geworden und mittlerweile haben wir einen gelernten Koch“, berichtet Jordan. Dieser sei vegan geworden und wollte nicht mehr in einem konventionellen Restaurant arbeiten. Zum Kneipenbetrieb kam vor circa zweieinhalb Jahren das Cafe hinzu. Aus einem ganz einfachen Grund: Nachmittags waren bis dato die Räumlichkeiten ungenutzt. Das Angebot von Kaffee und Kuchen brachte mehr zahlende Kundschaft ins Subrosa.

Neben dem leiblichen Wohl kommt auch die Unterhaltung hier nicht zu kurz. Live-Musik gibt es bis zu viermal im Monat, aufgrund der Lautstärkebeschränkungen immer unplugged. Dann werden Flipper und Kicker beiseite geräumt und im hinteren Teil des Raums werden die Instrumente aufgebaut. Außerdem gibt es Politveranstaltungen zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Verein Rote Hilfe, einer Organisation, die sich für politisch Verfolgte aus der linken Szene einsetzt. Für die Veranstaltungen gibt es natürlich Flugblätter und Ankündigungen auf der Myspace-Seite des Subrosa, aber Werbung für die Kneipe selber sucht man fast vergeblich. Die Leute hätten schlicht nicht das Bedürfnis sich zu verkaufen, begründet Jordan die Minimalwerbung des Lokals. „Vielleicht finden die Menschen vom Westufer der Förde auch deshalb nur selten den Weg hierher."

Eine junge Frau bringt uns die Karte. Daraufhin fantasieren mein Begleiter, seines Zeichens „Allesfresser“, und ich, eine Vegetarierin, uns durch die Gerichte. Dabei wird man sowohl als Freund der internationalen als auch der traditionellen Küche fündig: Das Spektrum reicht von Feta-Hirse-Bratlingen bis hin zu Soja-Gulasch mit Kartoffeln und Rotkohl. In Sachen Getränke gibt es alles, was man in einer Kneipe zu finden wünscht. Natürlich gibt es auch ungewöhnliche Getränke wie zum Beispiel Rhababermate, Sojasaftmix oder den, ein Comeback erlebenden, Getreidekaffee. Der Allesfresser entscheidet sich schließlich für die vegane Tortellini-Gemüse-Pfanne und Melonenlimonade. Ich dagegen bestelle mir die Tofu-Gemüse-Pfanne mit Kokos-Curry-Sauce.

Doch die Gerichte sind nicht das Einzige, was das Subrosa besonders macht. Es handelt sich hier nicht um eine gewöhnliche Kneipe, vielmehr um ein Kollektiv, dass heißt alle 16 Mitarbeiter sind gleichberechtigt und es gibt keinen Chef. Oder eben nicht nur einen, sondern gleich 16. Jedes Vorhaben wird im Plenum mit allen Mitarbeitern diskutiert. Dabei sollte es zu einem Konsens kommen, zumindest darf es niemanden geben, der große Probleme mit einer Entscheidung hat, so Jordan. Die Tatsache, dass alle Mitarbeiter aus unterschiedlichen Richtungen kommen und jeder seine Eigenheiten mitbringt findet Jordan besonders spannend. Er betont jedoch auch, dass jemand, der nicht aus der linken Szene stammt teils große Schwierigkeiten mit den Arbeitsstruk- turen haben kann. Zur eigentlichen Arbeitszeit kommen die Plena natürlich noch hinzu. Deshalb beginnt jeder neue Mitarbeiter mit einer dreimonatigen „Ausprobierphase“, in der ausgelotet wird, ob derjenige mit dem Subrosa zufrieden ist und umgekehrt. Die Besonderheit des Subrosa, ein kapitalistisch wirtschaftender Betrieb zu sein, der gleichzeitig intern hirachiefrei agiere, sei für viele Grund und Motivation dort zu arbeiten, weiß Jordan. „Außerdem ist das Subrosa etwas das es hier gar nicht gibt“, scherzt er. Jemand, der das Anhängsel „-kollektiv“ überliest, wird diese Insel in unserem Wirtschaftssystem kaum als solche erkennen. Die rechtliche Vertretung nach außen können natürlich nicht alle 16 gemeinschaftlich übernehmen. Solche Angelegenheiten laufen über den Verein des Subrosa – den „Verein zur Förderung der Subkultur in Gaarden“. 

Unsere Kellnerin, ist zurück und bringt unseren Gaumenschmaus, beide Gerichte sind liebevoll arrangiert. Auf meinem Teller türmt sich ein Berg von herrlich buntem Gemüse, darauf thront eine Halbkugel aus Reis. Der Duft von Curry und Kokos steigt mir in die Nase. Ein Traum. Und so schmeckt es auch. Die Tortellini-Pfanne meines Begleiters sieht ebenfalls verführerisch aus. Er lässt mich probieren, der Schein trügt auf keinen Fall. Köstlich.

Das Ende der Tortellini-Pfanne naht...

Die Zutaten der Speisen werden aus ganz unterschiedlichen Quellen bezogen. Unter anderem werden die Soja-Produkte im „Wiederhaken“, einer Essenskooperative im Kieler Stadtviertel Südfriedhof, aus biologischer Land- wirtschaft eingekauft. In der Nach- barschaft befindet sich einer  der wichtigsten Lieferanten: der Gemüse- händler Ismael. „Zum Einen wird so die Idee hier im Viertel Sachen zu beziehen unterstützt und er sei sieben Tage die Woche erreichbar“, so Jordan. Doch auch so ein alternatives Etablissement wie das Subrosa kann auf einen Großmarkt, wie den CITTI-Markt, nicht verzichten und kauft dort zum Beispiel Tiefkühlprodukte.

Eine Weile herrscht gefräßiges Schweigen – jeder ist mit seinem Teller voll Genuss beschäftigt. Dann fangen wir an über vegetarische und vegane Küche nachzudenken. „Eigentlich ist doch fast jede Wok-Pfanne, die ich mache vegan!?“, stellt mein Begleiter verwundert fest, denn er verzichtet bei diesen Gerichten nicht bewusst auf alle tierischen Produkte, sondern befolgt lediglich das Rezept. Doch diesmal hat er sich ganz bewusst für ein veganes Gericht entschieden.

Auch den letzten Tropfen Sauce aufgesogen: Veganes Essen kann sehr gut schmecken

Erschöpft lasse ich mich auf meinem Stuhl zurückfallen: „Boah, bin ich satt.“ Leider muss ich vor meiner Tofu-Gemüse-Pfanne kapitulieren, doch zu meiner großen Freude kann ich die Reste mitnehmen. Mein allesfressender Begleiter ist derweil so begeistert von der veganen Köstlichkeit, dass er seinen Teller komplett leer kratzt. Auch die letzten Soßenreste werden vom Brot aufgesogen und verschlungen. Ich beobachte das Schauspiel und frage als er schließlich fertig ist: „Und? Hat’s geschmeckt?“. Er grinst nur und greift glücklich nach seiner Melonenlimonade. Zufrieden und satt bezahlen wir die Rechnung und verabschieden uns mit einem „Bis bald!“. Denn, dass wir wieder den Weg über die Förde hierher finden, ist sicher.


Mehr Informationen zum Thema "Vegane Lebensweise" findet ihr unter www.veganismus.de.