Gemeinsam kochen

Essen um halb sieben

von Birke Ewig

Nur für eine Person zu kochen, lohnt sich nicht. Dieser Meinung waren auch die Bewohner der Schückingstrasse 8 in der hessischen Universitätsstadt Marburg und gründeten ein Koch-Projekt. Ein Besuch vor Ort macht schnell klar, dass frisch gebackenes Brot sehr wohl ein guter Grund sein kann, eine Wohnung zu beziehen.
Die Schückingstrasse Nummer 8 schwingt den Kochlöffel

Die Küche von Hanna ist winzig klein. Singleküche. Drei Herdplatten und ein Tisch mit zwei Klappstühlen. Ein voll beladenes Regal hängt schief an der Wand und droht jeden Moment herunter zu fallen. In der Ecke brummt ein alter Kühlschrank.

Mit flinken Fingern bindet die Germanistik-Studentin in Schinken gerollte Spargelstangen zu kleinen Päckchen zusammen. Großzügig verteilt sie Mayonaise darauf. Sie schielt nervös auf eine riesige Bahnhofsuhr über der Tür und kleckert dabei auf den Boden. „Das ist jetzt auch egal“, sagt sie und wischt sich die kurzen schwarzen Haare aus dem Gesicht. Mit schnellen Schritten verschwindet Hanna durch den Flur, zieht die Wohnungstür auf und bleibt in dem weitläufigen Treppenhaus stehen. Sie greift nach einer schweren Eisenglocke, die zu ihren Füßen vor dem schnörkeligen Holzgeländer steht. „So eine Glocke haben wir auf jeder Etage stehen“, sagt Hanna. „Das hört man durch das ganze Haus.“ Sie fängt an zu läuten. Drei Mal. Dann lauscht sie. Nichts ist zu hören. Sie läutet weitere drei Mal. Unten geht die erste Tür auf und ein blonder Schopf schiebt sich über das Geländer und guckt nach oben. Hanna lacht ihm zu. „Hallo Basti. Essen ist fertig.“ Der blonde Schopf nickt erfreut und stapft die Treppe hoch. In der Hand hält er eine blaue Plastikdose.

Im Sommer findet das Kochen auch mal hinter dem Haus im Garten statt

In den nächsten Minuten gehen in dem alten Mietshaus auf allen drei Etagen die Türen auf. Es wird laut im Treppenhaus. Kurze Zeit später quetschen sich zehn junge Leute in Hannas Küche. Munter plaudernd halten sie ihr Plastikbehälter, Teller und Schalen unter die Nase. Sie steht am Herd und verteilt dampfend heiße Kartoffeln und für jeden zwei Spargel-Schinken-Päckchen. "Kräuterquark ist noch im Kühlschrank, aber lasst mir einen Becher übrig", lässt Hanna alle wissen. Ihre Stimme hat einen mahnenden Unterton. Eine kleine Braunhaarige schiebt sich durch die Leiber zum Kühlschrank und angelt nach dem Quark. Als sie den Deckel der Verpackung aufreißt, fahren drei Löffel gleichzeitig in den Becher. Zehn Sekunden später ist der Becher leer und die Mädchen aus der 3er WG im ersten Stock verlassen mit voll beladenen Tellern Hannas Wohnung. Sofort werden zwei weitere Becher ans Tageslicht befördert auf die man sich gierig stürzt. Kurz danach sind alle versorgt. Das Gedränge verlagert sich zurück ins Treppenhaus, verteilt sich und löst sich schließlich auf. Im Erdgeschoss ist noch leises Geplapper zu hören, dann ist es wieder still.

Hanna beseitigt kurz die größte Unordnung und bedient sich dann ebenfalls am Essen. Gähnend schlürft sie in ihr Wohn-Schlaf-Arbeitszimmer und lässt sich aufs Sofa fallen. Jetzt hat sie wieder elf Tage frei. Morgen wird Lotta aus dem ersten Stock für alle im Haus kochen und nächste Woche ist der zweite Stock dran.

Vor knapp einem Jahr entstand in der Schückingstrasse 8 die Idee zu dem gemeinschaftlichen Kochprojekt. Hanna hatte gerade ihr Studium aufgenommen und zog in die kleine Wohnung unter dem Dach. „In den ersten Wochen bin ich zum essen in die Mensa gegangen, aber mir waren die Gerichte zu fettig und auf Dauer zu teuer“, erklärt sie und verzieht das Gesicht. „Dann habe ich versucht für mich selbst zu kochen. Aber das erschien mir für eine Person zu aufwendig. Aus Kostengründen habe ich immer vorgekocht und dann mehrere Tage lang das gleiche gegessen.“ Eine endgültige Lösung war das nicht.

Falls etwas schief geht: Der Prospekt für den Pizzaservice liegt griffbereit

Irgendwann ist sie mit ihrer Nachbarin Arzu ins Gespräch gekommen. Die Auszubildende wohnt auch alleine und kannte das Problem eine Ein-Personen-Mahlzeit vorzubereiten nur zu gut. Die Mädchen beschlossen zwei Mal wöchentlich jeweils für die andere mitzukochen. Das klappte so gut, dass daraus schon bald vier Mal in der Woche wurde. Ein Bekannter von Arzu wohnte ebenfalls in dem Mietshaus und hörte von dem ungewöhnlichen Kochprojekt. Der Auszubildende schloss sich an und machte im Treppenhaus einen Aushang. Vielleicht hatten die anderen Hausbewohner auch Interesse. Heute sind alle Wohnparteien der Schückingstrasse 8 an dem Kochprojekt beteiligt.

Acht Wohnungen gibt es in dem Mietshaus aus dem 19. Jahrhundert. Alle Wohnungen werden von Studenten und Auszubildenden im Alter zwischen 20 und 30 Jahren bewohnt. Im ersten Stock lebt eine 3er WG und im Erdgeschoss ein Pärchen, ansonsten wohnt jeder für sich. „Wir sind keine richtige Hausgemeinschaft“, sagt Basti aus dem zweiten Stock. „Sicher, wir essen auch mal zu zweit oder zu dritt oder quatschen im Treppenhaus, aber hier machen sonst alle ihr eigenes Ding.“ Das Kochprojekt sei eine prima Idee und erleichtere für alle den Alltag, meint der blonde VWL-Student und fügt grinsend hinzu: „das ist sehr ökonomisch.“

Jeden Tag bereitet einer der elf Bewohner das Abendessen für das ganze Haus zu. Das spart für alle Zeit und Geld. Dabei kann jeder selbst entscheiden, was er kochen möchte und wenn die Zeit knapp ist, gibt es auch schon mal belegte Brote oder externe Hilfe. „Letzten Sonntag musste ich mich auf eine wichtige Prüfung vorbereiten“, sagt Justus, der die Wohnung neben Basti bewohnt. „Da habe ich halt den Pizzaservice angerufen.“ Er lacht. „Darüber haben sich alle gefreut.“ Öfter kann der Informatiker sich das aber nicht leisten. Der Ruf durch das Treppenhaus „Pizza für alle auf meine Kosten“ wird daher wohl eine Ausnahme bleiben.

In Lottas Küche. „Ich koche meistens vor.“

Die zierliche Lotta aus dem ersten Stock bereitet bereits das Essen für morgen vor. Der köstliche Duft von frisch gebackenem Brot zieht durch ihre Wohnung und auf dem Herd brodelt ein kräftiger Eintopf. „Ich koche fast immer vor, da ich erst um sechs Uhr nach Hause komme und das Essen pünktlich um halb sieben fertig sein sollte.“ Die Physik-Studentin verbringt viel Zeit an der Universität und musste sich erst an die feste Essenszeit gewöhnen. „Anfangs kam es vor, dass ich erst um acht Uhr mit dem Kochen fertig war. Da haben alle gemeutert. Besonders den Jungs ist es sehr wichtig, dass um halb sieben die Glocke läutet“, sagt Lotta mit einem spöttischen aber liebevollen Lächeln. Die Münchnerin wohnt erst seit zwei Monaten in der Schückingstrasse. „Ich habe durch eine Freundin von dem Kochprojekt erfahren. Zufällig war gerade eine Wohnung frei“, sagt Lotta immer noch froh über ihr Glück. „Ich habe sofort zugesagt.“

In der Wohnung nebenan diskutiert man derweil über das Für und Wider von Vegetariern im Haus. Demnächst wird eines der Mädchen aus der 3er WG für ein Praktikum ins Ausland gehen und zur finanziellen Entlastung wird eine Zwischenmieterin gesucht. Die heißeste Anwärterin isst, wie sich herausgestellt hat, kein Fleisch. Das würde für die Hobbyköche eine neue Herausforderung darstellen. Nach einer Stunde einigt man sich auf eine Zusage. „Wir sind gespannt, ob das funktioniert“, sagen die Mädchen.

Den anderen Anwohnern ist das Treiben in der Schückingstrasse 8 nicht verborgen geblieben. Im hinteren Teil der Strasse beobachtet man die ungewöhnlichen Kochgewohnheiten noch etwas verhalten und auch den älteren Bewohnern zwei Häuser weiter ist das „zu modern“. Aber der Gedanke an Gemeinschaft ist angekommen und die Ideenküche brodelt. Gegenüber in Haus Nummer 13, munkelt man, gibt es Pläne für ein Carsharing-Projekt mit der Nummer 15. Die fünfköpfige Familie aus der Nebenstrasse soll ebenfalls interessiert.