Aale Achtung
Projekt zur Quantifizierung der Aalsterblichkeit in deutschen Binnengewässern
von Enno Prigge
Fischereibiologen in ganz Europa sind sich einig: Der Bestand des Europäischen Aals ist in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Mittlerweile denken einige große, landesweite Vertriebe und Händler darüber nach, Aalprodukte aus ihren Sortimenten zu nehmen. Gleichzeitig stellen sich zahlreiche europäische Forschungsteams voller Eifer der Herausforderung und versuchen die verbleibenden Fragen zur Biologie des Aals zu beantworten. Auch ein Team in Kiel hat den Kampf aufgenommen dem Aal seine letzten Geheimnisse zu entlocken. Können die Wissenslücken geschlossen werden, bevor der Aal aus unseren heimischen Gewässern endgültig verschwunden ist?

- Aal über sandigem Grund
[Der folgende Artikel entstand im Rahmen des Workshops
„Populärwissenschaftliches Schreiben für Doktoranden“ der Integrated School
of Ocean Sciences (ISOS).]
„Fünf Minuten vor Zwölf haben wir bereits hinter uns!“, sagt Diplom-Biologe Enno Prigge mit Blick auf das dramatische Absinken der Bestände des Europäischen Aals. Wissenschaftler aus ganz Europa dokumentieren seit Jahren den Rückgang dieser aus ökologischer und ökonomischer Sicht besonders wertvollen Art. Immerhin erzielen allein die kleineren Fischereibetrieben in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ca. 30 Prozent ihres Jahresumsatzes mit dem Aalfang. Obwohl es schwer ist, exakte Zahlen zu bestimmen, sind sich Experten weitgehend darüber einig, dass die Menge geschlechtsreifer Aale nur noch beängstigende 2 bis 12 Prozent des Wertes von 1980 beträgt.
Enno Prigge ist Mitglied in einem Team von Fischereibiologen am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) in Kiel. Unter der Leitung von Dr. Reinhold Hanel (Johann Heinrich von Thünen-Institut, Hamburg) untersucht der Doktorand seit Anfang September 2008, welche Faktoren in Binnengewässern die Sterblichkeit der Aale in welchem Ausmaß beeinflussen. So soll geklärt werden, inwiefern das Flussgebietssystem der Schwentine bei Kiel derzeit noch zur Entwicklung eines gesunden Laichfischbestandes des Aals beiträgt.
„Wir haben Glück, mit der Schwentine ein so interessantes Gewässer in unmittelbarer Nähe zum Institut zu haben“, meint Enno Prigge und erklärt die Besonderheiten dieses aus zahlreichen Seen und Fließabschnitten bestehenden Gewässers. „Auch wenn auf Hochtouren daran gearbeitet wird, die Schwentine wieder für wandernde Fischarten durchgängig zu machen, können wir bis zum heutigen Tag keinen natürlichen Aufstieg von Jungaalen beobachten“ erklärt der Biologe. Enno Prigge führt das Ausbleiben des „Aal-Aufstiegs“ zum einen auf die viele künstlichen Hindernissen zurück, für deren Durchgängigkeit erst in jüngster Vergangenheit gesorgt wurde. Zum anderen aber auch auf den Rückgang des Aalbestandes. Die Arbeitsgruppe am IFM-GEOMAR geht deshalb davon aus, dass der Aalbestand in der Schwentine komplett auf dem Besatz von in Aquakultur vorgestreckten Jungaalen, sog. Farmaalen, aufbaut. „Die in die Schwentine eingesetzten Farmaale stammen vermutlich aus ganz Europa und haben die Ostsee, in die die Schwentine mündet noch nie in ihrem Leben durchschwommen“, sagt der Biologe und meint weiter „ein Bestand, der komplett auf dem Besatz mit Farmaalen beruht ermöglicht es, immer wieder auftauchende Fragen bezüglich dieser gängigen Bestandserhaltungsmaßnahme in Angriff zu nehmen“.
Finanziert wird das Projekt „Quantifizierung der Sterblichkeit von Aalen in deutschen Binnengewässern“ vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).
Und das Risiko während ihrer Zeit in den europäischen Flussgebietssystemen zu sterben ist hoch für die Aale. Zeit ihres Lebens müssen die anfänglich etwa 10 g leichten Aale zahlreiche Gefahrensituationen meistern, um nach etwa 7 bis 15 Jahren die Schwentine in Richtung ihres Laichgebietes in der Sargassosee, südlich der Bermudas zu verlassen. Die Fischereibiologen in Kiel untersuchen deshalb bis zum Jahr 2011 die Auswirkungen der Freizeit- und Berufsfischerei, des Fraßdruckes durch Raubfische und fischfressende Vögel, aber auch den Einfluss von Krankheiten und Parasiten auf die Überlebenschancen der Aale in der Schwentine. Neben diesen „Alltagsgefahren“ für die Aale, interessiert das Kieler Wissenschaftlerteam vor allem die Gesundheit der abwandernden Aale. „Die Aale müssen nach dem Verlassen der Schwentine ihren Weg aus der Ostsee finden und eine Strecke von mehreren Tausend Kilometern quer über den Atlantik schwimmen“, sagt Enno Prigge und fügt hinzu: „Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese wandernden Aale dann keine Nahrung mehr zu sich nehmen“. Den Ernährungs- und Gesundheitszustand beim Verlassen der Schwentine hält Prigge für ausschlaggebend für den Erfolg und das Überleben der Wanderung.

- Befestigung der "Leine" an einem Aal
Einige der aus der Schwentine abwandernden Aale lässt der Biologe nicht ohne eine „Leine“ losziehen. Mit kleinen Datenrekordern ausgestattet schwimmen die Fische in Richtung Nordsee. Auch auf diesem Teil ihrer Wanderung sind sie noch Gefahren ausgesetzt. In diesem Fall jedoch hofft der Wissenschaftler, dass ein paar seiner Schützlinge von Fischern gefangen werden, da er nur so an die Daten auf dem Rekorder kommen kann. „Besonders spannend wäre es, wenn ein Fischer an der Nordspitze Dänemarks einen unserer Aale fangen würde“ schwärmt Enno Prigge, dann hätten die Wissenschaftler einen Beweis dafür, dass die einst besetzten Aale aus der Schwentine erfolgreich den Weg aus der Ostsee finden.
Enno Prigge ist davon überzeugt, dass in der Vergangenheit oft voreilig ein Alleinschuldiger für den Rückgang des Aals ausgemacht und verurteilt wurde. „Fischerei in Deutschland und Europa ist immer auch Politik“, sagt der Doktorand der Fischereibiologie. Er ist der Meinung, dass es deshalb extrem wichtig ist, die Sterblichkeitsursachen genauestens zu bestimmen und in Verhältnis zu einander zu setzen. „Ohne die gute und enge Zusammenarbeit mit ansässigen Fischern und lokalen Angelvereinen, wären wir dabei wohl aufgeschmissen“, stellt der Biologe klar.
„Neben einer Räucherdelikatesse ist der Aal vor allem eine sehr bemerkenswerte Fischart, über die wir immer noch sehr wenig wissen“, stellt Enno Prigge fest. Er ist sich sicher, dass das Projekt dazu beitragen kann, effektive Schutzmaßnahmen zum dauerhaften Erhalt dieses faszinierenden Fisches zu entwickeln.







