Aquakultur in Kiel

An der langen Leine

von Yvonne Rößner

Miesmuscheln wachsen fast überall, aber am liebsten dort, wo sie sich am besten festhalten können. Eine moderne Methode diese Schalentiere zu züchten, hat sich aus einer langen Tradition entwickelt. Sie wird bereits in vielen Teilen der Welt angewandt und soll nun auch in der Ostsee Einzug halten.
Miesmuscheln kommen auch zahlreich in der Ostsee vor.

[Der folgende Artikel entstand im Rahmen des Workshops
„Populärwissenschaftliches Schreiben für Doktoranden“ der Integrated School
of Ocean Sciences (ISOS).]

Yvonne Rößner steht an der Kaimauer und nimmt von ihrem Kollegen aus einem Arbeitsboot Eimer, Netze, Seile und Schaufeln entgegen. In einem der Eimer liegen zahlreiche Muscheln in allen Größen. Fast wie glänzende Bernsteine hält sie die Tiere in der Hand. „Die hier sollen gemessen werden“ erklärt sie, „ich will wissen, wie schnell sie wachsen“. Denn Yvonne Rößner will herausfinden, wie sich die Schalentiere am besten züchten lassen. Für ihr Alter sind die Exemplare schon erstaunlich groß – gerade mal fünf Monate alt und messen schon ganze drei Zentimeter. Yvonne Rößner hat am IFM-GEOMAR in Kiel Biologische Meereskunde studiert. Jetzt bringt sie ihr Wissen über die Miesmuscheln in deren Zucht bei der Firma CRM am Tiessenkai in Holtenau ein. Dort wird in den nächsten drei Jahren diese Form der Aquakultur im Rahmen eines Forschungsprojektes verwirklicht. Das Projekt wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zu 50% gefördert.

Muscheln erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie sind gekocht, frittiert, eingelegt und auch geräuchert eine echte Delikatesse. Steinzeitliche Funde belegen, dass Muscheln schon sehr lange auf dem Speiseplan der Menschen stehen. Wie in der Vergangenheit bei den Haustieren so hat sich auch nach und nach die Zucht von Muscheln entwickelt. „In Frankreich entstand beispielsweise die Bouchot-Muschelzucht, bei der Muscheln an Holzpfählen gezüchtet wurden“ berichtet Yvonne Rößner. In Deutschland, in der Kieler Förde, etablierte sich um 1700 eine ähnliche Zuchtmethode. Die berühmten Ellerbeker Fischer, bekannt vor allem für ihre Kieler Sprotten, trugen dazu den wesentlichen Teil bei. Sie rammten zuvor entrindete Bäume in den Meeresboden und überließen sie vorerst ihrem Schicksal. Die Miesmuscheln siedelten sich daraufhin an den Ästen der Bäume an. Nach 4 Jahren vermochten die Fischer in den Wintermonaten die Muscheln vom Eis aus ernten und verkaufen. So verdienten sie sich auch in der kalten Jahreszeit, in der die Fischerei oft eingestellt war, ihren Lebensunterhalt. Die kalten Temperaturen sorgten ihrerseits dafür, dass die Ware lange frisch blieb. „So ließ sich die Kieler Pfahlmuschel damals ohne geschlossene Kühlkette bis nach Ungarn verschicken“, weiß Rößner. Auch der bekannte Kieler Meeresforscher Karl Moebius schwärmte von der Qualität dieser Muschel.

Dekorativ und lecker: Zuchtobjekt Muschel

Die moderne Methode, Miesmuscheln zu züchten und sie gesichert einer breiten Masse an Genießern zur Verfügung stellen zu können, ist die Langleinenzucht. Die Leinen erfüllen heutzutage die Aufgaben der historischen Holzpfähle oder Baumstämme. Sie wird bereits erfolgreich in Kanada, Dänemark, Frankreich und Chile eingesetzt. Hierbei hängen die Muschelzüchter im Frühjahr Leinen ins Wasser, an welchen sich die mikroskopisch kleinen Muschellarven festsetzen. Nach drei bis vier Monaten sind die Jungmuscheln dann bereits bis zu drei Zentimeter groß. Diese Größe ist optimal, um die Muscheln in Netzstrümpfe, die sogenannten „Muschelsocken“, umzufüllen. Dazu werden die kleinen Muscheln von den Leinen abgestreift und in die Socken gefüllt. Das Umfüllen ist wichtig, damit alle Muscheln genügend Platz zum wachsen haben und bei der Ernte später alle gleich groß (mindestens fünf Zentimeter) sind. Geerntet werden kann im Gegensatz zu früher das ganze Jahr über, dank einer geschlossenen Kühlkette. Allerdings sind die Muscheln im Winter fetter und geschmackvoller, da sie sich den ganzen Sommer lang am Plankton „voll“ gefressen.

Das Wachstum nicht das einzige, was Rößner an der Muschelzucht interessiert. Sie will zeigen, dass diese Form der Aquakultur ein nachhaltiger Produktionsweg ist. Denn die Zucht von Muscheln benötigt keinerlei Zufütterung, da sich die Schalentiere allein vom Plankton im Wasser ernähren. Ganz nebenbei filtern sie das Wasser und machen es dadurch klarer und sauberer.

Also ein ökologischer und ökonomischer Gewinn für den geringen Einsatz von ein paar Leinen? „Nein“, lautet Yvonne Rößners Fazit. Dazu brauche es mehr. Was genau, das will die Meeresbiologin Rößner die nächsten drei Jahre herausfinden. Schließlich sei es an der Zeit, dass nicht mehr allein die Kieler Sprotten Kiel unter den Feinschmeckern der Welt bekannt machen.

 

www.isos.uni-kiel.de