Couch aus Gras statt Sommerblumen
Die Strandquecke auf dem Vormarsch
von Ulf Evert
Seit jeher hat der Mensch Natur eingegriffen. In der heutigen Zeit versucht er auch vielerorts, den ursprünglichen Zustand eines Systems wiederherzustellen. Allerdings geht die Natur oft andere Wege, als wir uns das vorstellen oder erhoffen. So kann es eine einzelne Art sein, die plötzlich eine Landschaft neu prägt. Dieses Phänomen lässt sich auch in den Salzwiesen der Nordseeküste beobachten.

- Zwei Salzwiesenforscher vor dem Westerhever Leuchtturm
[Der folgende Artikel entstand im Rahmen des Workshops
„Populärwissenschaftliches Schreiben für Doktoranden“ der Integrated School
of Ocean Sciences (ISOS).]
Ein strahlender Ostersonntag an der Nordseeküste in Schleswig-Holstein. Der Westerhever Leuchtturm bildet einen rot-weißen Kontrast zur umliegenden Landschaft, die nach dem langen Winter endlich wieder ihr grünes Kleid anlegt. Eine Idylle.
Und doch rümpfen einige in der Touristengruppe, die den Leuchtturm besuchen, die Nase. Der Grund für ihren Ärger: Mitten in der Landschaft liegen graubraune Matten. Müssen die denn den schönen Nationalpark verschandeln? An den Stränden wird das Zeug doch auch weggeräumt! Doch inmitten der grauen Matten steht einer, der weiß, weshalb „das Zeug“ besser liegen bleibt und worin sein Nutzen für die Natur besteht.
Sein Name ist Ulf Evert. Er ist Diplombiologe und Doktorand der Universität Kiel und beschäftigt sich wissenschaftlich mit den Grasmatten. “Das Material, aus dem die Matten bestehen, sind zum Hauptteil abgestorbene Pflanzen aus dem Vorjahr.” erklärt er. “Die Nordsee trägt durch Herbst- und Frühjahrsstürme das tote Pflanzenmaterial fort und lagert es andernorts wieder ab. Hier in der oberen Salzwiese bleibt es dann im Sommerhalbjahr als Anwurf liegen.” erklärt Evert.

- Grasmatten auf den Salzwiesen vor dem Leuchtturm
Durch die starke Ausbreitung, ja den Triumphzug einer speziellen Grasart im Nordseeraum stieg auch die Mächtigkeit dieses Anwurfes. Es handelt sich hierbei um die Strand-Quecke.
Das bleibt nicht ohne Folgen für die Tiere und Pflanzen im Ökosystem. “Hier haben wir drei Kandidaten, die von den Anwurfmatten profitieren können.” sagt Evert zeigt einen Tausendfüßer, einen Krebs sowie ein Insekt, welches seltsam herumspringt. Alle drei sind sehr klein, messen nur wenige Millimeter bis maximal zwei Zentimeter. Ersterer hört auf den komplizierten Namen Gemeiner Weitfurchiger Schnurfüßer, Kandidat Zwei ist der Strandfloh während der Dritte passend Springschwanz genannt wird.
“Sie nutzen die Matten als Lebensraum und Nahrungsquelle.” erläutert der Kieler. Sie sorgen mit dafür, dass das Material auch wieder abgebaut wird.
Ihre Anwesenheit wiederum lockt zudem Räuber wie die schwarzen Wolfsspinnen an. Gleichzeitig bieten die Matten ihnen auch Verstecke vor ihren gefräßigen Feinden. “Das Material in der Salzwiese bildet eine kleine Welt für sich“, weiß Evert zu berichten. Welche Vor- und Nachteile die Haufen toten organischen Materials für die verschiedenen Tiere bedeutet und was das für die Salzwiese ökologisch heißt.
Ein Nachteil der Matten aus abgestorbenen Strand-Quecken auf die Pflanzenwelt: Je mächtiger die Matten sind, umso mehr hemmen sie die Pflanzen im Wachstum. Einzige Ausnahme: Die Strand-Quecke. Sie wächst auch auf den Matten - ohne jeglichen Bodenkontakt. Fast alle anderen Pflanzenarten beziehen ihre Nährstoffe dagegen direkt aus dem Erdreich. Mit den Matten auf dem “Kopf” werden sie aber schlichtweg erdrückt und vom lebensspendenden Licht abgeschnitten. So verschafft sich die Strand-Quecke also gegenüber ihren potentiellen Konkurrenten einen klaren Vorteil. Zudem enthält der Anwurf von vornherein schon mehr Samen von ihr als von irgendwelchen anderen Gewächsen - also eine Art Selbstorganisation des Ausbreitungserfolges.
Durch diese „Tricks“ festigt die Quecke ihre Vorherrschaft in der Salzwiese. Schon jetzt bildet sie dichte Bestände. Die werden wegen der weichen Beschaffenheit dieser Grasart übrigens im englischen sea couch (Meerescouch) genannt. Ein Liegetest kann dies bestätigen, wie Ulf Evert erklärt.

- Blühende Salzwiese - ein inzwischen rarer Anblick
Eine Rückblende: 25 Jahre zuvor wird der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gegründet. Im Zuge dessen werden weite Teile der so genannten Salzwiesen von der Beweidung ausgenommen. Man versprach sich dadurch eine Rückkehr der ursprünglichen Pflanzenwelt.
Danach sah es am Anfang auch tatsächlich aus: Strandflieder, Strand-Aster und andere verwandelten die tristen Weideflächen wieder in ein Blütenmeer. Nicht nur für den Pflanzenfachmann ein ästhetischer Anblick.
Was niemand ahnte: die Strand-Quecke bereitete eine wahre Invasion vor. Das unscheinbare Gras stand damals sogar noch auf der Roten Liste für bedrohte Arten. Ab Mitte der 90er erlebte es seinen großen Aufschwung an der Nordsee. Nach und nach wurden immer mehr der anderen Salzwiesenpflanzen durch den Marsch der Quecke zurückgedrängt. Dem menschlichen Auge boten sich immer weniger Farbtupfer und zunehmendes Einheitsgrün.
Noch sind die langfristigen Auswirkungen der Invasion der “Grascouch” nicht völlig geklärt. Eventuell kann die Strand-Quecke durch ihr dichtes Wurzelwerk die Küste vor Flutschäden schützen. Gerade in Zeiten des Klimawandels und des Meeresspiegelanstiegs ein interessanter Aspekt.
Andererseits sind an manchen Küstenabschnitten die Mengen angespülter Matten des Grases bereits so enorm, dass sie dem Tourismus schaden könnten. Betroffene Gemeinden müssen finanzielle Mittel für die Entsorgung aufwenden, die pro Tonne weit über 100 Euro betragen kann.
Die Fachwelt ist sich uneins, ob im Rahmen des Klimawandels künftig noch mehr oder eher weniger Anwurfmatten anfallen werden. Dies wirft viele neue Fragen auf, welche Auswirkungen dies im Einzelnen auf Natur und Umwelt haben könnte: Wird die Strandquecke auch künftig das Bild an der Nordseeküste bestimmen? Wird sich dadurch die Kleintierwelt nachhaltig verändern? Können wir Menschen von der Strandquecke „Unterstützung“ im Kampf gegen flutbedingten Küstenabtrag erwarten? Oder kommt alles doch ganz anders und es wächst irgendwann wieder eine Wiese aus Sommerblumen?
Eines aber ist sicher: Für Ulf Evert und seine Biologen-Kollegen bietet sich hier auch künftig ein spannendes Forschungsfeld.







