Kartierung von Seegrasbeständen in der Kieler Bucht
Kieler Meeresforscher hören das Seegras wachsen
von Philipp Schubert
Es wächst an allen Küsten Europas und ist so etwas wie der Aquariumsfilter der Ostsee: das Große Seegras Zostera marina. Biologen vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel sind der häufig unterschätzten und manchmal gar ungeliebten Pflanze auf der Spur – und nutzen dazu auch schon einmal Forschungsgeräte, die eher an lockeres Freizeitvergnügen als an trockene Wissenschaft denken lassen.

- Penibel wird die Ausdehnung des Seegrases kartiert
[Der folgende Artikel entstand im Rahmen des Workshops
„Populärwissenschaftliches Schreiben für Doktoranden“ der Integrated School
of Ocean Sciences (ISOS).]
„Da sind doch der ganze Stress und das frühe Aufstehen vergessen, oder?“, fragt Philipp Schubert „seine Besatzung“ und wirft den Außenborder des Schlauchbootes an. Die Kieler Förde liegt an diesem Tag und um diese Zeit noch im Morgendunst, Möwen sitzen träge auf den Pollern. Was für andere der Beginn zu einem Freizeitausflug wäre, ist im Leben des Meeresbiologen der Start in einen ganz normalen Arbeitstag. Obwohl, begonnen hatte der Tag schon mit der Vorbereitung für die Kurzexpedition: mehr als 200 kg Tauchausrüstung für das aus drei Forschungstauchern bestehende Team musste gepackt und verstaut werden, die Sicherheitsausrüstung des Arbeitsbootes überprüft und der Tank aufgefüllt werden. „Schon eine vergessene GPS-Position oder ein gerissenes Maskenband können alle Planungen zunichtemachen“, erklärt Schubert. Umso mehr sieht man dem Doktoranden am Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) in Kiel seine Zufriedenheit an, dass es nach den Vorbereitungen nun endlich losgeht.
Die Forschungstaucher fahren heute zu den Seegraswiesen in der Eckernförder Bucht, Fahrtzeit vom IFM-GEOMAR etwa eine Stunde. Zeit genug für den Meeresbiologen Schubert, die Besonderheiten der weit verbreiteten Meerespflanzen zu erläutern. Da ist zunächst die biologische Bedeutung von Seegraswiesen, die als Schad- und Nährstoffsenke für die Ostsee wirken - quasi wie ein überdimensionaler Aquariumsfilter – und die obendrein die Kinderstube vieler wichtiger Fischarten sind. „Dadurch hat das Seegras auch Einfluss auf die obersten Stufen der Nahrungspyramide, denn die Topräuber wie Schweinswal und Seehund ernähren sich schließlich von Fischen“, spannt Schubert den Bogen über das gesamte Ökosystem.
Doch nicht nur für die Tiere der Ostsee ist das Seegras, welches übrigens nicht mit den Meeresalgen verwandt ist und sich im Laufe der Evolution aus Landpflanzen entwickelt hat, lebenswichtig. Auch der Mensch profitiert von den Unterwasser-Wiesen. Nicht mehr so direkt wie früher, als die Küstenbewohner mit den Blättern Matratzen stopften und ihre Felder düngten, sondern als Schutz vor Erosion. Denn als einzige Meerespflanze schafft es das Seegras mit Hilfe seiner Wurzeln im Sandboden ausgedehnte Bestände zu bilden und den Boden dadurch zu befestigen. Zusätzlich dämpfen die langen Blätter die Wellenenergie und verringern die Strömung. So verhindert Seegras, dass zu viel Sand von der Küste weg transportiert wird und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zum Küstenschutz an der Nord- und Ostsee. „Viele Küstengemeinden vergessen das und ärgern sich nur über den ungeliebten und stinkenden Strandanwurf nach starken Stürmen, der angeblich die Gäste vergrault“, schüttelt Schubert den Kopf. „Ich denke, mit etwas Aufklärung wäre schnell auch der letzte Tourist überzeugt, wie wichtig ein funktionierendes Ökosystem für seinen Urlaub ist.“ Höchste Zeit dafür wäre es, denn weltweit gehen die Bestände der etwa 20 Seegrasarten seit Jahrzehnten rapide zurück, auch in Nordeuropa und der Ostsee!

- Seegras schützt den Meeresboden vor Erosion
Als Verursacher haben Forscher wie so oft den Menschen ausgemacht: Überdüngung der Küstengewässer durch zu hohe Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft, Zerstörung ganzer Seegraswiesen durch Hafenbau, Ausbaggerungen und den Einsatz von Grundschleppnetzen. Rund um den Globus gehen jedes Jahr über 10.000 Hektar Seegraswiesen verloren, wie eine aktuelle Studie australischer Wissenschaftler belegt. Auch volkswirtschaftlich betrachtet ein ungeheurer finanzieller Verlust, wenn man berücksichtigt, dass der Wert der Seegraswiesen alleine für die Fischerei von den Forschern auf über 2.500 Euro pro Hektar geschätzt wird. „Wenn man es so sieht, sind wir Schleswig-Holsteiner also eigentlich ganz schön reich“, rechnet der in Kiel geborene Biologe vor. Denn schon vor der Ostseeküste des nördlichsten Bundeslandes finden sich etwa 50.000 Hektar Seegraswiesen (das entspricht 60.000 der so häufig zitierten Fußballfelder) und somit immerhin der finanzielle Gegenwert von knapp 125 Millionen Euro.
Grund genug für das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) die Forschung der Kieler Wissenschaftler an den Seegraswiesen zu finanzieren. Im Auftrag des Landesamtes soll Schubert die aktuellen Bestände der Seegraswiesen zwischen Flensburg und Fehmarn erkunden, abschätzen und kartieren. Zu dieser Pflicht, wie er sagt, komme noch „die Kür“ hinzu, seine Doktorarbeit. In dieser interessiert Schubert vor allem die mit dem Seegras assoziierte Fischgemeinschaft. Er fasst seine Fragestellungen so zusammen: „Halten sich Fische lieber in großen oder kleineren Wiesen auf, bevorzugen sie durch viele Lichtungen unterbrochene oder eher geschlossene Wiesen, spielt der Gesundheitszustand oder die genetische Vielfalt der Wiese für sie eine entscheidende Rolle?“. Fragen, die für die zukünftige Entwicklung der Bestände sowohl des Seegrases wie auch der Fische vor unserer Haustür entscheidend sein können. In den letzten 20 Jahren sind hierzulande keine weiteren Verluste zu beklagen gewesen, doch: „Der Rückgang der maximalen Verbreitungstiefe der Seegräser von über 14 Meter Tiefe in den 50er Jahren auf nur noch höchstens fünf Meter in den 80ern hatte die Seegrasfläche bereits erheblich verringert. Immerhin kommt Seegras heute wieder bis zu einer Tiefe von sieben Metern vor, ein erster Erfolg der verringerten Nährstofffracht!“, freut sich der Biologe.
Und so ist denn auch ein wichtiger Aspekt der Kartierung, herauszufinden, bis in welche Tiefen die maximal 1,5 Meter lange Samenpflanze vordringt. Katharina Brundiers, die erste Einsatztaucherin, bereitet schon während der Fahrt gewissenhaft ihre Ausrüstung vor, prüft den Flaschendruck und testet die Lungenautomaten. „Ich tauche auf eine Tiefe von acht Metern ab, schwimme mit Kompass Richtung Land und notiere dabei die Bedeckung mit Seegras“, erklärt sie die Forschung unter Wasser. Insbesondere den am tiefsten siedelnden Pflanzen gilt dabei ihre Aufmerksamkeit.
Katharina Brundiers ist inzwischen fertig und blickt fragend zu Philipp Schubert, der das Boot langsam zur zuvor im GPS markierten Position dirigiert. Auf ein Zeichen von ihm lässt sie sich rückwärts ins Wasser fallen, kontrolliert kurz ihre Ausrüstung und taucht hinab in das olivgrüne Wasser der Ostsee. An einer Boje zieht sie einen handygroßen GPS-Logger hinterher. „So kann später die zurückgelegte Strecke in einer Karte genau dargestellt werden und jede Beobachtung des Tauchers dadurch verortet werden“, erläutert Schubert. Als Ergebnis seiner Doktorarbeit könne er dann in drei Jahren eine Karte des gesamten Seegrasbestandes der schleswig-holsteinischen Küste präsentieren und so zu deren Schutz beitragen, erzählt der Meeresforscher, während er die Luftblasen der Taucherin beobachtet.
Manchmal erstarre er ehrfürchtig vor der gewaltigen Fläche mit Seegras, die vor der Ostseeküste auf ihn wartet – „Doch je mehr Seegras, desto besser!“ fügt er lächelnd hinzu und scheint sich auf die vor ihm liegende Arbeit zu freuen.







